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Hintergrund: Verantwortung

  • Porträt des Philosophen Hans Jonas. Nach Hans Jonas müssen Kants Deontologie und der Utalitarismus eine Verbindung eingehen; Rechte: dpa

Verantwortungsethik von Hans Jonas

Zur Freiheit gehört Verantwortung wie ein Schuh zum anderen. Ohne Verantwortung ist Freiheit nur Despotie und Willkür. Gerade die Philosophen der Aufklärung wussten das und forderten einen mündigen Bürger, der seine Freiheiten verantwortungsbewusst zu nutzen weiß. Dazu bedarf es der Erziehung. Die Verantwortungsethik von Hans Jonas verbindet Kants ethische Theorie mit den Ideen des Utilitarismus zu einer zeitgenössischen Form. Jonas ist so etwas wie der philosophische Stammvater der grünen Bewegung in der Politik: Besinne dich darauf, mit der Erde verantwortungsbewusst umzugehen, so lautet der Slogan.

Hans Jonas war überzeugt, dass die beiden konkurrierenden Systeme, die Deontologie nach Kant und der Utilitarismus nach Jeremy Bentham und John Stuart Mill, eine Verbindung eingehen müssen: Kant meint, das einzig Gute sei der gute Wille, die reine Absicht. Und Bentham und Mill waren der Ansicht, das Gute sei das Ergebnis einer Nutzenkalkulation, also der Nützlichkeit einer Tat. Für Jonas benötigen wir die Idee einer moralischen Haltung, die sich auf die globalen Folgen der menschlichen Handlungen beziehen lässt. Ohne diese Verbindung von Folgenkalkulation – wie es der Utilitarismus zur Bestimmung des Guten einer Handlung vorschlägt – und der richtigen moralischen Gesinnung – wie dies Kant forderte – sei die Erde und damit die Grundlage menschlicher Existenz nicht zu retten.

  • Eisbären wandern über schmelzende Eisschollen. Die Folgen des Klimawandels sind schon sichtbar, dennoch handeln wir noch nicht entsprechend; Rechte: dpa

Verantwortung hat ein Motivationsproblem

Doch hier wendet Precht ein, dass jenseits der philosophischen Theorie ein Motivationsproblem auftritt, das typisch für die menschliche Spezies ist. Menschen erkennen bisweilen kognitiv ein Problem, vermögen es jedoch nicht zu lösen, weil ihnen auf dem Weg zur Lösung notorisch die Puste ausgeht. Es fehlt die durchschlagende Motivation für den Einzelnen, in globalem Maßstab verantwortlich zu handeln.

Genauer gesagt: Den Menschen fehlt die emotionale Vernunft, die erforderlich wäre, um die globalen Missstände zu verändern. Dem Individuum ermangelt es an einer Veranlagung, die man als einen vernünftigen Sinn für die ganze Menschheit bezeichnen könnte. Wir erkennen zwar das Ausmaß der Katastrophe, sei es mit Blick auf den Klimawandel oder Atomkraft, denn es gibt entsprechende wissenschaftliche Daten. Rein theoretisch verstehen wir auch, dass wir die Verantwortung dafür tragen, mit der Erde sorgsam umzugehen. Solange wir die misslichen Folgen aber nicht direkt spüren, fehlt uns der lange Atem.

  • Richard David Precht hockt in einem großen Käfig mit einem Gorilla. Nach Precht ist die Reichweite unseres Verantwortungsgefühls wie bei den Menschenaffen begrenzt; Rechte: WDR

Was das Gefühl nicht färbt, bleibt dem Verstand blass

Verantwortung, so Precht, ist nicht nur eine Frage der rationalen Erkenntnis, sondern in erster Linie eine Motivationsfrage. Motivationsfragen aber hängen andererseits auch von dem Erkenntnisweg ab. Menschen können theoretische und praktische Erkenntnisse haben. Wir erkennen theoretisch etwa Gesetze der Logik. Praktisch erkennen wir, was uns gut tut und wie wir handeln sollen. So gibt es Probleme wie etwa die Zerstörung der Umwelt, die Menschen nicht mit ihrer praktischen Vernunft, sondern lediglich mit ihrer theoretischen Vernunft erkennen (siehe Text zur Angst). Sie beurteilen die Klimakatastrophe so, als berechneten sie die Kollision ferner Galaxien. Wir wissen zwar, dass uns diese Katastrophe etwas angeht, aber unsere Emotionen motivieren uns nicht entsprechend, wie sie es täten, wenn wir etwa von einer Person direkt angegriffen würden und uns verteidigen müssten.

Wie kann man dieses Problem nun angehen, fragt sich Precht, und seine Antwort ist in einem weiten Sinne aristotelisch: Wir müssen privat damit beginnen, in unserem persönlichen Umfeld Verantwortung einzuüben, um ganz allmählich unsere Motivationsstrukturen auf globale Verhältnisse auszuweiten. Wir lernen das Gutsein, hier in Form der Verantwortung, indem wir im Kleinen damit beginnen. Denn, und auch dieser Satz von Precht ist wie ein Slogan der aristotelischen Ethik: Was das Gefühl nicht färbt, das bleibt dem Verstand blass. Menschen müssen die Verantwortung sehen und fühlen lernen und sie nicht nur abstrakt begreifen. Am Ende könnte die Erkenntnis stehen, dass eine zeitgemäße Ethik gewisse Aspekte von unterschiedlichen ethischen Modellen zusammenführt: Moralität sollte innerhalb einer Moralgemeinschaft so lange trainiert werden, bis sie tatsächlich gefühlt wird. Nur so können theoretische Erkenntnisse unsere Handlungen auch mit Blick auf abstraktere Folgen motivieren.