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Hintergrund: Leistung

  • Die Krankenschwester gibt dem Arzt ein Röntgenbild. Ist es gerecht, wenn der Arzt mehr verdient als die Krankenpflegerin? Rechte: WDR

Gerechte Entlohnung in der Gesellschaft

Das Werk "Eine Theorie der Gerechtigkeit" des amerikanischen Philosophen John Rawls stellt die Frage: Wie können Menschen in einer Gesellschaft gerecht belohnt werden? Man kann dies auch so formulieren: Wie können die individuellen Leistungen in gerechter Weise verglichen und vergütet werden? Natürlich ist es eine knifflige Frage, ob die Arbeit des Krankenpflegers geringer belohnt werden sollte als die einer Ärztin. Wer kann darüber entscheiden, ob ein Realschullehrer weniger oder mehr verdienen sollte als ein Gymnasiallehrer?

In der praktischen Philosophie gilt seit Platon die Suche nach der Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit als zentral. John Rawls schlägt vor, individuelle Leistung und gemeinschaftliche Solidarität insgesamt so aufeinander abzustimmen, dass am Ende ein System entsteht, das vergleichbar mit unserer sozialen Marktwirtschaft ist. Dazu stellt er Prinzipien der Gerechtigkeit auf, die es ermöglichen sollen, einen Ausgleich zwischen Leistungsanreizen und Grundsicherungen vorzunehmen. Gerechtigkeit wäre also nicht gleichzusetzen mit mathematischer Gleichheit. Warum sollte der Faktor "Leistung", so fragt Rawls, denn keine Rolle spielen? Wäre es nicht im wahrsten Sinne ungerecht, wenn man allen Menschen jenseits ihrer tatsächlichen Leistungen dasselbe zuteilen würde? Für Rawls wäre ein solches Vorgehen nicht zu billigen. Seine Kritiker werfen ihm vor, die tatsächlichen Verhältnisse zu verkennen, denn unterschiedliche Leistungen werden in jeder marktorientierten Gesellschaft ungerecht behandelt. So wird ein Maler oder Musiker in Abhängigkeit des Systems aller Wahrscheinlichkeit weniger verdienen als ein Unternehmer oder Börsenspekulant.

  • Eine Frau sitzt in einem Großraumbüro mit einem Headset vor einem Computer. Macht ihr diese Arbeit wohl Spaß? Rechte: WDR

Bedingungsloses Grundeinkommen

Wie können unterschiedliche Arbeitsformen innerhalb einer marktorientierten Gesellschaftsform miteinander verglichen werden? Mit der Frage sind wir wieder am Anfang: Wer entscheidet darüber, ob die Arbeit eines Polizisten geringer zu entlohnen ist als die Arbeit eines Professors?

Betrachtet man die zum Teil entwürdigenden Verhältnisse in Job-Centern und unterstellt man, dass sich eine beachtliche Zahl der Arbeitslosen nicht aus eigenem Verschulden dort aufhält, dann mag einleuchten, worauf Precht abzielt, wenn er fordert, dass niemand nach seinen tatsächlichen Leistungen bewertet werden sollte. Er geht noch einen Schritt weiter, wenn er vorschlägt, dass jedem eine Grundsicherung zustehe, die ihn davor bewahre, durch aufgezwungene "Jobs" ein entfremdetes Arbeitsleben zu führen.

Die Idee eines "bedingungslosen Grundeinkommens" wird auch in der Politik diskutiert. Wenn jeder Mensch unabhängig von seiner Herkunft und Leistung eine Grundsicherung erhält, bekommt die Arbeit einen anderen Stellenwert. Tatsächlich könnten es sich die westlichen Gesellschaften vielleicht leisten, Gerechtigkeit in diesem fortschrittlichen Sinne zu definieren und darunter die Freiheit jedes Einzelnen verstehen, der Arbeit nachzugehen, die ihn individuell beglückt. Denn es ist sicherlich dem wirtschaftlichen Existenzdruck zu verdanken, dass viele Menschen in diesen reichen Gesellschaften Lohnarbeiten nachgehen, die ihnen an sich nichts bedeuten. Damit aber wird die kulturelle Bandbreite einer Gesellschaft beeinträchtigt, da viele Leistungen, die sich nicht in barer Münze auszahlen lassen, geringer geschätzt werden und dadurch kein materiell sorgenfreies Leben gestatten.

  • Porträt von Karl Marx. Nach Karl Marx findet der Mensch seine Identität in der Arbeit; Rechte: WDR/dpa

Identität in der Arbeit finden

Karl Marx schreibt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der Mensch sei ein Gattungswesen, dessen besonderes Kennzeichen die Arbeit darstelle. Menschen finden ihre Identität also in der Arbeit. Was aber wird aus Menschen, die ihr ganzes Leben lang in diesem Sinne entfremdet sind? Ihnen wird schon als junger Mensch vermittelt, dass sie nicht das tun können, was sie begeistert und fasziniert, sondern nur das, was ihnen zum materiellen Überleben dienlich ist.

Eine Gesellschaft, die den Gerechtigkeitsbegriff in diesem Sinne zeitgemäß verwirklichen würde, wäre demnach so zu gestalten, dass jeder Mensch der Arbeit seiner Wahl nachgehen könnte. Um dies zu erreichen, müsste der Staat aber für eine materielle Grundsicherung sorgen. Bei der Erörterung staatlicher Gerechtigkeit sollte man der politischen Fantasie keine Grenze setzen.