zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Krieg

  • Das Foto zeigt einen Panzer, aus dem ein Soldat schaut. Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte von Kriegen; Rechte: WDR

Ist der Mensch dem Mensch ein Wolf?

Wir kennen das alle: In manchen Situationen verlieren Menschen ihre Selbstkontrolle. Der Anlass kann ganz unterschiedlich sein – plötzlich entladen sich Ärger, Zorn und Wut. Das Ergebnis ist eine aggressive Haltung oder Handlung. Dies scheint irgendwie zur menschlichen Natur zu gehören. Ob wir es gut oder schlecht finden, wir müssen diese Tatsachen akzeptieren. Doch bedeutet dies auch, dass der Krieg zur menschlichen Natur gehört? Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, so scheint sich diese Frage zu erübrigen.

Es lässt sich nicht abstreiten, dass die Menschheitsgeschichte eine Geschichte fortwährender Auseinandersetzungen und Aggressionen ist. So betrachtet ist klar, dass der Mensch kein friedliches Wesen ist. Dies dachte auch der Philosoph Thomas Hobbes, der einst schrieb: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf." Hobbes folgerte daraus, dass die einzige Aufgabe der staatlichen Gewalt darin bestehe, den Frieden unter den Menschen zu sichern. Mit allen Mitteln müsse die aggressive Wolfsnatur des Menschen in ihre Schranken verwiesen werden. Die Konsequenz daraus war für Hobbes ein totalitäres Staatengebilde, das für Ruhe und Ordnung unter den gewalttätigen Menschen sorge.

  • Porträt von Immanuel Kant. Immanuel Kants Friedensschrift war für seine Zeit mehr als fortschrittlich; Rechte: WDR

Schon Kant forderte überstaatliche Institutionen

Immanuel Kant kannte die menschliche Natur und natürlich auch Hobbes' Diagnose. Auch er machte sich keine Illusionen, vertrat aber anders als Hobbes die Ansicht, dass der Mensch durch Institutionen und durch Erziehung seine Freiheit leben und Frieden sichern könnte. In seiner "Friedensschrift" setzt er alle Hoffnung auf die Macht überstaatlicher Institutionen. Dafür stellte er Forderungen, die für seine Zeit mehr als fortschrittlich waren. So spricht er von einer Weltrepublik, fordert totale Abrüstung und republikanische Verfassungen.

Doch unsere Frage nach dem Krieg ist nicht nur eine politische, sondern auch eine psychologische. Darauf weist Precht hin. Welchen Wert hat der Frieden? Und hat auch der Krieg einen wichtigen "Wert" im menschlichen Dasein? Ist der Mensch vielleicht ein ebenso kriegerisches wie friedliebendes Wesen? Manche sagen, der Mensch sei eine aggressive Spezies, das gefährlichste Tier. Viele Biologen meinen: Der Krieg diene zur Eroberung neuer Ressourcen, die aggressivsten Männchen setzten sich aufgrund ihrer aggressiven Gene durch. Und wenn es nach dem Philosophen Friedrich Nietzsche geht, so ist der Krieg der "Winterschlaf der Kultur", ein "Kampfpreis der Aggressionsunterdrückung".

  • In einem Bunker sind Schutzanzüge, Feuerlöscher und medizinische Geräte aufgereiht. Bunker zeugen davon, dass Kriege geplant sind; Rechte: WDR

Die meisten Kriege sind geplant

Tatsächlich aber, so Precht, stören Aggressionen bei der rationalen Kriegsplanung und die meisten Soldaten hassen ihre Feinde zunächst gar nicht – man muss sie mühsam dazu aufwiegeln und anstacheln. Insoweit scheint es, als hinke der Vergleich: Krieg ist nicht die Ausweitung der spontanen Aggression mit anderen Mitteln, sondern entsteht aus Furcht und Misstrauen. Kriege sind nicht vergleichbar mit dem plötzlichen Aufflackern unkontrollierter Emotionen.

Precht behauptet, der Krieg sei kein hinzunehmendes Naturphänomen, sondern ein missratenes Kulturprodukt. Daher sollten Menschen ihre Ängste kennen lernen, um Kriege zu vermeiden. Sie müssen lernen, ihre Defizite und Mängel anzunehmen, um ein friedlicheres Zusammenleben zu erwirken. Anders als bei Hobbes läge die Aufgabe darin, die Arbeit am Selbstbild zu verändern, statt dem Menschen durch staatliche Kontrolle und rigide Institutionen gewaltsam seine Grenzen aufzuzeigen. Denn auch dies lernen wir aus der Geschichte: Ebenso unsinnig wie Krieg ist die gewaltsame Unterdrückung des menschlichen Freiheitswillens – und sei es auch nur zu einem sogenannten "guten Zweck". Vielleicht sollte eine zeitgemäße, aufgeklärte Politik also durchaus eine starke Rolle einnehmen – jedoch nicht in Form von Kontrolle und Repression, sondern durch Psychologie und durch Anreize, damit die Bürger lernen, dass es wertvoller ist, ein selbstbestimmtes Leben solidarisch und kooperativ statt konfrontativ und egoistisch zu führen.