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Hintergrund: Glück

  • Ein Schmetterling sitzt an einer Blüte. Für Aristoteles ist das Glücksstreben ein Naturgesetz wie das Streben der Insekten zu den Blumen; Rechte: WDR

Glück zu suchen, gehört zum Bauplan des Menschen

Alle Menschen streben von Natur aus nach Glück. Das Glück sei das letzte Ziel und dadurch auch das perfekte Gute, so schrieb einst Aristoteles und meinte damit: So wie die Biene zur Blüte strebt, so wie das Wasser ins Meer strömt und Gegenstände aufgrund der Gravitation nach unten fallen – ebenso strebt die menschliche Spezies nach Glück. Was Aristoteles damit sagen wollte, war genial und revolutionär zugleich. Aristoteles war zutiefst Biologe: Er untersuchte die Natur als empirischer Forscher und die menschliche Seele zählte für ihn selbstverständlich zur Natur. In der Seele und ihren Entwicklungsstufen sah er dieselbe Natur am Werk wie in den Bahnen der Planeten oder dem Brutverhalten der Tiere. Es gehört für ihn also zum Bauplan des Menschen, Glück zu suchen. Dies ist die dritte aristotelische Bestimmung des Menschen und damit schließt er die Wesensdefinition des Humanen ab: Der Mensch entwickelt normative Gemeinschaften; er besitzt die Fähigkeit zu vernünftiger Rede und Handlung; und er strebt nach "Glückseligkeit".

Unter "Glückseligkeit" versteht Aristoteles nicht das, was heute und in der Antike die Masse darunter versteht: Macht, Genuss, Ehre. Aristoteles meint etwas anderes: Glückseligkeit ist eine tätige Haltung gemäß der Vernunft. Eine innere Einstellung – nicht ein Zustand, ein Ereignis oder ein Gegenstand. Und diese Haltung besitzt zwei Merkmale: Sie ist vernünftig und sie ist auf Tätigsein ausgerichtet. Am besten, so sagt Aristoteles, wäre ein geistiges Tätigsein. Da hierfür aber die meisten nicht geschaffen seien, sei das Tätigsein in Abhängigkeit einer tugendhaften Haltung das beste Glück.

  • Ein Jugendlicher schlägt auf einen am Boden liegenden Jugendlichen ein. Missratene Kinder können das Leben schwer machen, sagt Aristoteles; Rechte: mauritius images

Innere Haltung ist keine Garantie für Glück

Nun war Aristoteles alles andere als ein weltfremder Philosoph. Für ihn war diese innere Haltung der Glückseligkeit keinerlei Garantie dafür, dass alles im Leben klappt. Wenn man etwa missratene Kinder habe, könne man eine noch so entspannte Haltung haben – es werde wohl schwierig. Wirklich glücklich könne man mit manch' einem Schicksal vielleicht nicht werden. Aristoteles vertritt daher eine "pragmatische" Ethik. Das bedeutet hier eine Theorie des Guten im Sinne eines durch Tätigkeit zu erreichenden Ziels. Nur durch das produktive und rationale Tätigsein nähern sich die Menschen der Glückseligkeit an.

Aristoteles verbindet psychologische und soziale Faktoren. "Es" sollte sich gut anfühlen, ja, aber dadurch redet er nicht den "Hedonisten" das Wort, die der Ansicht waren, allein Genuss und Lust seien das Gute. Was Aristoteles meint, ist: Man wird glücklich dadurch, dass man tatsächlich Gutes tut, es also nicht nur will, sondern auch tatsächlich bewerkstelligt. Glücklich sein bedeutet also immer beides: Die richtige Einstellung besitzen und die Fähigkeit haben, unabhängig von der Umwelt Gutes zu tun. Diese "Autarkia" beziehungsweise "Selbsttätigkeit" ist ein zentrales Erfordernis, bedeutet aber keineswegs Isolation. Nach Aristoteles kann man nur innerhalb moralischer Gemeinschaften wie Staaten und Familien glücklich werden – indem man sich nicht auf die Anderen verlässt, sondern selbst Gutes tut.

  • Eine US-amerikanische Flagge weht vor blauem Himmel. Das Recht auf das Streben nach individuellem Glück ist in der amerikanischen Verfassung verankert; Rechte: WDR

Streben nach Glück in der US-amerikanischen Verfassung

In der US-amerikanischen Verfassung ist dieses Recht des Strebens nach dem individuellen Glück an prominenter Stelle verbürgt. Es entspricht in seiner Bedeutung dem Würdebegriff des deutschen Grundgesetzes. Es weist in eine vergleichbare Richtung: Gib dir selbst ein Gesetz, das deinen Lebenssinn darstellt, unabhängig von anderen, aber wisse, dass dieses Glück, diese freie Selbstverwirklichung, nur in der Gemeinschaft mit anderen Menschen gelingen kann.

Der ehemalige amerikanische Präsident John F. Kennedy sagte einmal: "Frage dich nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst." Mit diesem Satz war Kennedy ganz und gar Aristoteliker, denn ebendies ist für den antiken Philosophen das Geheimnis des Glücks: Eine Haltung zu entwickeln, die ganz und gar förderlich für die Gemeinschaft und zugleich für sich selbst gut ist. Das Glück ist für Aristoteles also eine individuelle Güte und Fertigkeit, die er "Tugend" nennt und die gleichzeitig dem eigenen Selbstbild schmeichelt und der Gemeinschaft nützt.