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Hintergrund: Freiheit

  • Ein Junge sitzt vor einem Bildschirm und spielt ein Computerspiel. Positive Freiheit: Wie gestalte ich gewonnenen Freiraum, was unternehme ich etwa am Wochenende? Rechte: WDR

Positive und negative Freiheit

Von Freiheit kann man auf unterschiedliche Weise sprechen. Man kann persönliche oder politische oder geistige Freiheiten meinen. In der Philosophie gibt es quer zu den Anwendungsbereichen dieses Begriffs eine systematische Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit.

Unter "negativer Freiheit" wird der Akt der Befreiung hin zur Unabhängigkeit verstanden. Man befreit sich von einem als unfrei erfahrenen Zustand. Ein Volk befreit sich von einem Unrechtsregime, man entflieht einer Situation, die einen in seinen Entscheidungen behindert, man kündigt etwa den Arbeitsplatz oder wechselt die Schule. Zu diesen negativen Freiheiten sagte der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur, André Gide, einst: "Sich zu befreien ist nichts, frei sein ist schwer." Denn was kommt nach der Befreiung? Was folgt nach der Revolution?

An dieser Stelle kommt die sogenannte positive Freiheit ins Spiel. Man könnte sagen, sie ist die Freiheit der Arbeit, der Gestaltung, der Ideen und der Kreativität. Wenn ich mich in einem ungestalteten Freiraum aufhalte, verfällt dieser Möglichkeitsraum bald und wird zu einer Form der Unfreiheit. Wir Menschen müssen unsere Freiräume aktiv gestalten. Die positive Freiheit ist ein Aktivitätszentrum, das wir wie ein Blumenbeet zu bestellen haben. Wenn ich meinen Acker nicht bestelle, wächst Unkraut darauf und ich muss hungern. Deshalb muss ich die Freiheit der Entscheidung zum Pflanzen nutzen. Wir sind dazu aufgerufen, etwas Sinnvolles aus unseren Freiräumen zu machen und die für unsere Identität entscheidende Frage lautet daher: Wie gestalte ich den gewonnenen Freiraum? Was unternehme ich etwa in den Ferien, am Wochenende et cetera?

  • Porträt von Immanuel Kant. Kant sagt, man solle ein Gesetz haben, nach dem man seine Freiheit gestaltet; Rechte: akg

Kants Begriff der Selbstgesetzgebung

Immanuel Kant hat dafür einen schönen Begriff. Er nennt diese Freiheit die "Selbstgesetzgebung" beziehungsweise "Autonomie". Genau dies ist es, was sich auch heute noch hinter dem Begriff "Würde" verbirgt, der im ersten Satz des Grundgesetzes steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Dies ist eine Erbschaft vor allem der Aufklärung, die uns damit sagen will: Du hast die Freiheit und damit immer auch die Verantwortung für deine Taten. Du hast die negative Freiheit, du kannst dich entziehen, aber zur Würde gehört ebenso die positive Freiheit, die dir die Aufgabe gibt, dein Leben mit Sinn zu füllen, dich zu engagieren und für deine Taten gerade zu stehen.

Kant sagt dazu, man solle ein Gesetz haben, nachdem man seine eigene Freiheit gestaltet, so dass sie nicht zur willkürlichen Freiheit wird. Freiheit besteht darin, sich selbst ein Gesetz zu geben, dem gegenüber man verantwortlich ist. Kant ist der Überzeugung, dass es ein Leben ohne Gesetze und Regeln nicht geben kann. Deshalb bestehe die positive Freiheit darin, dass sich Individuen selbst in freier Verantwortung ihre Gesetze verleihen, an die sie sich aus eigener Verantwortung, also ohne fremde Kontrolle, halten. Aufklärung bedeutet demnach, dass wir selbst und nicht mehr die Herrscher vorgeben, was für uns gut und schlecht ist.

  • Ein EInkaufskorb voller Tütensuppen. Wie viele Tütensuppen braucht der Mensch, um frei und glücklich zu sein? Rechte: WDR

Freiheit in der Konsumgesellschaft

Precht wendet diese Gedanken der Aufklärung auf die Situation in der heutigen Konsumgesellschaft und Warenwelt an. Was früher die Tyrannen und Monarchen waren, das ist heute die Industrie, die uns vorgibt, wie ein gutes oder schlechtes Leben aussehen soll. Damit wird uns aber eine wichtige Freiheit genommen: Die Freiheit unserer eigenen Fantasie, die darüber entscheidet, was für uns ganz persönlich ein schönes und gutes Leben ist. Deshalb sollten wir uns immer fragen: Befreien uns die "Freiheiten" wirklich, die wir uns in der Konsumwelt erlauben, oder sind dies nur Scheinfreiheiten? Bescheren sie uns die Möglichkeit, frei und selbstbestimmt unser eigenes Ding zu machen oder versklaven sie uns klammheimlich und durch die Hintertür? Das zu prüfen ist ein Akt der Freiheit.

Nur wenn wir wirklich autonom im Sinne Kants sind, können wir wissen, mit welchen Waren und Gegenständen wir leben wollen. Dafür müssen wir uns selbst erkennen und Ideen entwickeln, wie wir mit den erworbenen Produkten umgehen wollen. Wir müssen eine Vorstellung davon kreieren, welche Bedeutung dieses oder jenes Produkt in unserem Leben spielen könnte. Kaufe ich mir einen Basketball, um selbst zu spielen, oder einen Fernseher, um Basketball-Spiele im Fernsehen zu sehen? Kaufe ich Fertigprodukte oder koche ich selbst nach Rezept? Aktivieren mich die Produkte, entwickeln sie dadurch meine eigene Identität und helfen mir, besser ich selbst zu sein? Oder verhindern sie, dass ich einen individuellen Selbstwert erlange? Bin ich freier und glücklicher, wenn ich dieses oder jenes Produkt besitze oder verstärkt es nur meine Unfreiheiten und meine Entfremdung von mir selbst?