zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Eigentum

  • Porträt von John Locke. Für John Locke besteht die vornehmste Aufgabe des Staates darin, das Privateigentum zu schützen; Rechte: akg

Eigentum ist zentrale Frage der Staatsphilosophie

Für die politischen Philosophen John Locke, Jean-Jaques Rousseau und Karl Marx stand die Frage nach dem individuellen Eigentum im Mittelpunkt der Staatsphilosophie. Locke dachte, die vornehmste Aufgabe des Staates bestehe darin, das private Eigentum – das geistige wie das materielle – zu schützen. Rousseau diagnostizierte das Eigentum als Quelle allen zivilisatorischen Übels. Und Marx folgte Rousseau darin: Er vertrat die Ansicht, dass künftige Staaten Eigentum vergesellschaften müssten, damit Frieden, Freiheit und Humanität herrsche.

Die zugrunde liegende anthropologische Frage ist: Welche Bedeutung hat privates Eigentum für Menschen? Ist es tatsächlich so einfach, wie Marx es sieht: ohne Eigentum kein Krieg und keine Unfreiheit? Oder ist andererseits das Bedürfnis nach Besitz ein richtiges und wesensmäßiges Grundstreben des Menschen, vergleichbar mit dem Interesse an Geborgenheit und Schutz? Ist das Besitzstreben also ein menschliches Grundbedürfnis, das nicht wegdiskutiert werden kann?

  • Auf einem Schrottplatz sind aufeinander gestapelte alte Autos zu sehen. Ein Schrottplatz, nach Precht leergelaufene Hüllen unseres Egos; Rechte: WDR

Überschätzen wir den Wert unseres materiellen Besitzes?

Für viele Kritiker der kommunistischen Idee etwa war dies der zentraler Ansatzpunkt: Die sozialistischen Systeme seien zum Scheitern verurteilt gewesen, weil sie die menschliche Natur – namentlich den Wunsch nach Eigentum – falsch eingeschätzt hätten. Die Verteidiger dieser Idee kontern folgendermaßen: Die Liberalisten überschätzen die Macht des Marktes, der ihrer Vorstellung nach wie eine "unsichtbare Hand" die Verhältnisse unter den Menschen reguliere. Während also die Gegner der kommunistischen Idee der Ansicht sind, der Mensch sei von Natur aus ein Handel treibendes und nach Besitz strebendes Lebewesen in Konkurrenzkämpfen, bestreiten eben dies die Kommunisten.

Können Menschen ohne Eigentum glücklich sein? Oder ist das Eigentum ein Teil des expandierenden Ich? Sind Menschen Wesen, die gewissermaßen ihr Selbst über Erworbenes definieren? Precht meint, wir überschätzten den Wert unseres materiellen Besitzes. Dies sei ein psychologisches Phänomen: Wir verlängern unser Ich in die Dinge hinein und färben sie mit unserem Ego. Dies bereite Lust, weshalb gelte: Je kleiner das Ego, desto größer die Besitzlust. Und Prechts Vorschlag lautet: Wir sollten unser Ich erweitern, indem wir Sympathien statt Dinge erwerben.

  • Ein Blick in die New Yorker Börse, wo Broker auf ihre Computerbildschirme schauen. Die Börse gilt vielen als ein Symbol ungezügelter Gier nach Profit; Rechte: WDR

Muss ein guter Staat maßlose Besitzgier zügeln?

Aber ist damit das Problem gelöst? Ist der Mensch einfach ein gefräßiges Tier, das seine Grenzen nicht kennt und muss daher – wie die Kommunisten meinen – durch Erziehung gebändigt werden? Oder liegt genau hierin der Fehler? Halten wir Menschen für abnormal, die keinen Wunsch nach Eigentum hegen? Gibt es auch etwas Gutes an unserem Streben nach Besitz? Ist es vielleicht die Arbeit und der Erwerb, der uns glücklich macht und nicht das Eigentum selbst?

Man beobachtet dieses altbekannte Phänomen am besten an sich selbst: Sobald wir etwas Erwünschtes als Besitz in Händen halten, verliert es oft an Bedeutung und Wert. Das, was wir besitzen, scheinen wir zu unterschätzen. Was wir indessen nicht besitzen, das überschätzen wir oft. Beutet die Marktwirtschaft diesen simplen psychischen Mechanismus schamlos aus? Müsste schon deshalb ein guter Staat die maßlose und entfesselte Besitzgier der Menschen zügeln statt sich auf den scheinbar liberalen Standpunkt zurückzuziehen, jeder könne eben selbst entscheiden, wie er zu leben hat?