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Hintergrund: Das Gute

  • Porträt von Immanuel Kant in einem zeitgenössischen Stich. Für Immanuel Kant besitzt das Gute die Gültigkeit eines Naturgesetzes; Rechte: dpa

Ist das Gute eine Vorschrift wie ein Naturgesetz?

Es ist das Kardinalthema der Philosophie. Vielleicht die zentrale Menschheitsfrage: Was ist das Gute? Solange es Menschen gibt, wird es hierzu heiße Diskussionen und unversöhnliche Standpunkte geben. Was das Gute ist, erweist sich gerade durch diese prinzipielle Unlösbarkeit als harte philosophische Nuss.

In einer Hinsicht könnte man die philosophische Frontstellung so formulieren: Ist das Gute eine Vorschrift, die unabhängig von dem besteht, wie sie Menschen erleben und empfinden? Oder ist es im Gegenteil eine von der menschlichen Empfindung und dem jeweiligen Nutzen abhängige Größe? Immanuel Kant vertrat die Ansicht, das Gute sei eine Größe, die vergleichbar ist mit Naturgesetzen. Über die aber könne es keine Diskussion geben, der rationale Mensch erkenne das Gute schlichtweg als das Wahre. Und ob es uns nun passt oder nicht: Das Gute besitzt für Kant die Gültigkeit und Verbindlichkeit eines Gesetzes der Natur wie der Energieerhaltungssatz oder das Gesetz des Magnetismus.

  • Stich einer antiken Statur des Aristoteles in Denkerposition. Aristoteles sieht das Gute als Ergebnis eines Erziehungsprozesses; Rechte: Interfoto

Kant versus Aristoteles

Andere Philosophen sehen das Gute weniger absolut. Für diese Philosophen wie Hume oder Aristoteles war das Gute ganz und gar von dieser Welt, ja, man könnte sogar sagen: Für sie war es ein Produkt unserer Erde.

Während Kant das Gute als abstrakte Größe und als formales Gesetz bestimmte, das zu allen Zeiten und in allen Gegenden und für alle Menschen verbindlich gültig ist, sah Aristoteles das Gute als das Ergebnis eines Erziehungsprozesses, das jeweils nur in einer bestimmten Kultur gültig ist. Das Gute ist hier also kontextbezogen und nicht absolut. Ferner ist es abhängig von moralischen Gefühlen, die man sich im Laufe der Erziehung aneignet – eine Idee, die für Kant ein Unding darstellte. Für Aristoteles ist das Gute eine praktische Angelegenheit, die man lernen und einüben muss, während es für Kant eine Frage der wahren Erkenntnis darstellte. Für Kant war das Gute ein Gesetz, für Aristoteles eine "Tugend", die man wie die Fähigkeit des Radfahrens erlernt. Aristoteles meint, wenn wir uns "gut" verhalten, dann habe dies einen genialen dreifachen Effekt: Es hilft tatsächlich den Mitmenschen; zweitens stabilisiert es dadurch die sozialen Bindungen und damit das gesamte Gemeinwesen, dem man angehört; und drittens fühlt es sich einfach gut an und poliert das Selbstbild.

Tugenden sind für Aristoteles moralische Haltungen, die uns dabei helfen, das Richtige zu wählen. Sie bedürfen ständiger Übung und Wiederholung. Durch Tugenden werden wir zu besseren Menschen, jeden Tag ein Stück mehr. Indessen sind sie aber ganz und gar nicht zu verwechseln mit den sogenannten "Sekundärtugenden" wie Pünktlichkeit oder Höflichkeit. Sie sind zutiefst moralische Einstellungen, die praktisch umgesetzt werden. Die erwähnten Sekundärtugenden sind vielmehr die Stiefkinder des aristotelischen Begriffs: In ihnen lebt lediglich die Idee der praktischen Fertigkeit fort; ihnen fehlt jedoch die entscheidende Komponente der inneren Überzeugung und der vernünftigen Begründung. Tugenden sind also nicht nur soziale Techniken.

  • Luftnahme des Rhein-Herne-Kanals und der Emscher bei Oberhausen. Moralität ist eher ein lebendiger Fluss als eine gerade Wasserstraße; Rechte: WDR

Precht und die Gehirnforschung

Wenn wir Gutes tun, belohnt uns das Gehirn. Moralische Emotionen sind daher durchaus rational, denn sie zeigen an, ob etwas gemäß den Gepflogenheiten und Sitten einer Gemeinschaft richtig ist. Wenn also unser Selbstbild, wie Precht sagt, ein diffuses, widersprüchliches, nicht strikt rationales und provisorisches Bild ist – warum sollte es sich dann mit unserer Moral nicht ebenso verhalten? Viele moralische Empfindungen sind unbewusst, sie harmonieren oftmals nicht miteinander. Denn Moralität ist kein erratisches System von Gesetzen, sondern ein lebendiger Strom, dessen Flussbett an keiner Stelle einem geraden Kanal ähnlich ist. Es scheint eine fast unlösbare Aufgabe zu sein, diese mannigfachen und widersprüchlichen Empfindungen in ein stimmiges, solides, bleibendes und für alle Menschen gleichermaßen gültiges System zu zwängen, wie Kant dies forderte.