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Hintergrund: Angst

  • Eine Zeichnung, wie Philosoph Sören Kirkegaard an einem Schreibtisch sitzt. Der dänische Philosoph Sören Kirkegaard schrieb ein ganzes Buch über die Angst; Rechte: akg

Angst und Furcht

Der dänische Philosoph Sören Kirkegaard hat ein ganzes Buch über die Angst verfasst. Und der deutsche Philosoph Martin Heidegger hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kirkegaards Ideen aufgenommen und die Bedeutung der Angst für den Menschen untersucht. Für viele Philosophen zeigt sich in der Angst eine besondere Form der Erkenntnis. Sie meinen, die Angst sei nicht nur ein höchst ungutes Gefühl, sondern mehr noch, ein Gefühl mit wichtigem Erkenntnisgehalt.

Zunächst lässt sich die Angst von der Furcht unterscheiden: Während Furcht einen konkreten Gegenstand – die Philosophen sagen: ein "Objekt" – besitzt, etwa eine Schlange, eine Spinne oder die nächste Mathematikarbeit, hat demgegenüber die Angst einen "existentiellen" Charakter. Heidegger sagt, dass sich in der Angst dem Menschen seine Endlichkeit und der Sinn seines Lebens eröffne. Der Mensch ängstige sich nicht vor einem bestimmten Gegenstand, sondern ihm werde in dieser Grundstimmung klar, was es bedeutet, ein Mensch zu sein – dies aber eben nicht wie bei einem logischen Gedanken.

Der Mensch erfährt also in seiner Angst etwas Wesentliches über seine Existenz: Zum einen, dass er ohnmächtig und machtlos ist gegenüber den Gesetzen des Lebens. Er erkennt sich als "Geworfenen", wie Heidegger es ausdrückt. Zum anderen – und das ist jetzt die gute Nachricht – erkennt er in der Angst, dass ihm gerade im Angesicht dieses Nichts des Todes und der Sinnlosigkeit des Lebens nur eines bleibt: Er muss sich selbst zu etwas machen, indem er sich einen individuellen Wert und Sinn verleiht. Dies nennt Heidegger "Entwurf". Daher behauptet der Existenzialist Heidegger: Der Mensch lerne sich kennen in der Angst als "geworfenen Entwurf". Diese Erkenntnis aber werde den Menschen künftig nie mehr loslassen, sie präge ihn unbewusst und deshalb sei diese Stimmung der Angst eine, die dem Menschen so typisch ist.

  • Marmorkopie nach griechischem Original von Aristoteles Kopf. Aristoteles bezeichnete den Mensch als "animal rationale"; Rechte: akg

Haben Gefühle eine eigene Rationalität?

Die zeitgenössischen Philosophen beziehen sich zwar auf diese spektakulären Angstanalysen, nehmen jedoch ein viel weiteres Spektrum von Gefühlen ins Visier als Heidegger. Für viele von ihnen ist unbestreitbar, dass Gefühle einen sehr wichtigen Stellenwert im Zusammenhang mit der Frage haben, was für uns im Leben eine Bedeutung hat. Denn das, was wir mit dem Verstand erkennen, erhält gerade dadurch eine spezielle Bedeutung, dass es von Gefühlen begleitet wird. Sie dienen als Indikatoren von Bedeutsamkeiten und es ist eine heftig diskutierte Frage, ob den Gefühlen dadurch nicht auch eine eigene "Rationalität" zukomme. Fest steht jedenfalls, dass einige Emotionen sind in unseren konkreten Erfahrungen mit der Welt tief verwurzelt sind und daher eine echte "Vernünftigkeit" für sich beanspruchen können. Wie genau diese aussieht und welchen Stellenwert sie hat – dies ist in der gegenwärtigen Philosophie eine offene Frage.

Aber weshalb ist diese Frage überhaupt interessant? Von alters her wird der Mensch im Gegensatz zum Tier als vernunftbegabtes Wesen bestimmt. Aristoteles, der die griechische Variante der berühmten römischen Bestimmung des Menschen als "animal rationale" formulierte, beobachtete den Menschen mit den Augen eines Biologen. Was seine übergeordnete Art betrifft, so handele es sich beim Menschen um ein "animal", ein Tier. Aber der Mensch sei ein Tier, das nicht nur normative Gemeinschaften bildet, sondern vor allem zur vernünftigen Rede ("Logos") fähig sei. Die Römer machten daraus die etwas radikalere Formulierung: Menschen sind vernünftige Tiere.

Die Vernunftfähigkeit zeichnet den Menschen spezifisch aus und diese Vernunft wurde jahrhundertelang von Wünschen und Gefühlen kategorisch unterschieden. Wünsche und Gefühle, so wurde behauptet, haben auch (andere) Tiere. Aber Vernunft besitze allein der Mensch. Vernunft nun steht hierbei für zweierlei Fähigkeiten, die in ihrer Qualität die aristotelische Unterscheidung von theoretischer und praktischer Philosophie spiegeln: Die "theoretische" Vernunft ordnet die gegenständliche Welt und bildet sie wahrheitsgemäß ab. Die "praktische" Vernunft weiß die Wünsche und Gefühle zu kontrollieren und vernünftigen Zwecken unterzuordnen. Die Vernunft im klassischen Sinne ist also die Herrscherin über unsere Gefühle und Wünsche.

  • Richard David Precht steht im dunklen Wald. Unsere Angst im dunklen Wald hat einen rationalen Ursprung; Rechte: WDR

Vernunft als Sklavin der Wünsche und Triebe

David Hume (1711-1776) war anderer Ansicht und mit ihm erhalten die Gefühle einen ganz neuen Stellenwert. Für ihn war die Vernunft die Sklavin der Wünsche und Triebe. Hume stellte also die herkömmliche Auffassung auf den Kopf. Heute streiten sich die Philosophen vor allem über die Frage, ob es nicht besser wäre, von unterschiedlichen Formen der Rationalität (Vernünftigkeit) zu sprechen, damit auch vernünftige Gefühle ihr Existenzrecht erhalten. Denn Gefühle sind bei weitem nicht so irrational, wie sie scheinen.

Nehmen wir als Beispiel unsere Angst im dunklen Wald. Sie lässt sich zurückverfolgen auf eine menschliche Umwelt lange vor unserer Zeit, in der ein Aufenthalt im dunklen Wald tatsächlich eine gefährliche Angelegenheit war. Dass dies heute anders ist und insofern das Angstgefühl weniger "rational" erscheint, liegt schlichtweg an der veränderten Umwelt. Eines Tages in ferner Zukunft könnte in uns die Fahrt in autoähnlichen Fahrzeugen eine vergleichbare Angst auslösen. Dann nämlich, wenn unser biologisches Gedächtnis die Erfahrungen der Gefahren im Straßenverkehr "abgespeichert" hat. Inwiefern Gefühle als vernünftig gelten können, ist offenbar abhängig von den Umweltbedingungen. Auch hier zeigt sich, dass Gefühle ebenso wie unser Verstand die Ergebnisse evolutionärer Prozesse darstellen, die an sich betrachtet weder gut noch schlecht, weder richtig noch falsch, weder vernünftig noch unvernünftig sind.