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Hintergrund: Kongo der Kontraste – Massenarmut trotz Ressourcenreichtum

Der Kampf ums Überleben

  • Ein kongolesischer Junge hält Gewehrkugeln in der Hand; Rechte: WDR Gewalt und Tod bedroht viele Kongolesen täglich; Rechte: WDR

Gold, Diamanten, Kupfer und das speziell für die Handy-Produktion wichtige Erz Coltan: Diese Bodenschätze finden sich in großen Mengen in Zentralafrika. Ein Ressourcenreichtum, der im scharfen Kontrast zur Armut der Bevölkerung steht. Die Menschen kämpfen täglich ums Überleben. Sie verhungern oder sterben an einfachen Krankheiten, weil die medizinische Grundversorgung fehlt. In der Demokratischen Republik Kongo sind Unterernährung und Hunger im globalen Vergleich weit verbreitet. Doch warum konnte der Kongo seinen Rohstoffreichtum nicht nutzen, um sich zu entwickeln? Die Ursachen liegen in der kolonialen Vergangenheit des Landes.

Sklaverei und Diktatur

  • Der belgische König marschiert zusammen mit einem Militär zwei Reihen von Soldaten ab; Rechte: Interfoto Der belgische König besuchte 1925 die belgische Kolonie Kongo; ; Rechte: Interfoto

Der Alptraum begann 1885 mit der Schreckensherrschaft des belgischen Königs Leopold II., der das Gebiet der heutigen Demokratischen Republik samt Bevölkerung zu seinem Privateigentum erklärte. Der belgische König versklavte seine kongolesischen Untertanen und beutete die Bodenschätze des Landes gewissenlos aus. Rund 25 Millionen Kongolesen kamen in den 23 Jahren seiner Herrschaft ums Leben. Als die internationale Kritik wuchs, beugte sich der König 1908 dem Druck und übergab seinen Besitz dem belgischen Staat. Für die Menschen im Kongo änderte sich kaum etwas. Die Ressourcen wurden weiter ausgebeutet.

Erst 52 Jahre später erlangte die Kolonie ihre Unabhängigkeit. Doch die Freude über die Freiheit währte nur kurz. Da der Kongo nach jahrzehntelanger Kolonialherrschaft über kein funktionierendes politisches System verfügte, versank das Land in Gewalt und Chaos. Aus Angst um ihren Zugang zu den Ressourcenreichtümern mischten sich auch die Weltmächte ein. Mit US-amerikanischer Hilfe putschte sich Mobutu Sese Seko an die Macht und stürzte 1960 die Regierung von Patrice Lumumbas, der erste demokratisch gewählte Ministerpräsident der Republik. Das bedeutete das Ende der Demokratie und den Auftakt einer 30 Jahre andauernden Diktatur im Kongo.

Der erste Kongokrieg

  • Mobutu Sese Seko im Porträt mit Leopardenfellmütze; Rechte: dpa Die Leopardenmütze war ein Markenzeichen von Diktator Mobutu; Rechte: dpa

Mobutu stand den Kolonialherren bei der Ausbeutung der Bodenschätze und der Unterdrückung der Bevölkerung in nichts nach. Er bereicherte sich bis zum Exzess selbst. Währenddessen starben mehr Kinder an Hunger als zur Kolonialzeit. Am Ende wurden ihm die willkürlichen Grenzziehungen, die die Kolonialherren in Afrika hinterlassen hatten, zum Verhängnis. Als die Kolonialmächte die Gebiete unter sich verteilten, taten sie das ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten. Sie zogen beliebige Grenzen, die Völker und Stämme auseinanderrissen und bis heute Landkonflikte und Kriege provozieren.

Der Osten des Kongo, das Gebiet um die Großen Seen an den Grenzen zu Uganda und Ruanda, entwickelte sich so zur Hauptproblemregion Zentralafrikas. Besonders zwischen den Völkern der Tutsi und Hutu entwickelte sich ein Konflikt, der die ganze Region destabilisieren sollte. Im Jahr 1994 kam es in Ruanda zum Völkermord der Hutu an den Tutsi: Schätzungsweise 800.000 Menschen verloren ihr Leben und Hunderttausende flohen in die Nachbarstaaten. Als die Tutsi in Ruanda die Macht zurückeroberten, flohen mehr als eine Million Hutu aus Angst vor Rache ins Nachbarland Kongo - darunter auch einige Zehntausend "Genocidaires", die am Völkermord an den Tutsis beteiligt waren. Viele schlossen sich dortigen Rebellenverbänden an. 1996 initiierte der Rebellenführer Laurent-Désiré Kabila den ersten Kongo-Krieg, unterstützt von Ruanda und Uganda. Ein Jahr später wurde der Diktator Mobutu zu Fall gebracht und Kabila zum neuen Staatspräsidenten vereidigt.

Kurzer Friede und zweiter Kongokrieg

  • Minengelände im Kongo; Rechte: WDR Krieg um Rohstoffe: Um solche Minen wird immer wieder gekämpft; Rechte: WDR

Es blieb bei einem reinen Machtwechsel an der Staatsspitze. Das System blieb undemokratisch und die prekären Lebensbedingungen der kongolesischen Bevölkerung verbesserten sich nicht. "Der Kongo ist ein klassischer Selbstbereicherungsstaat, in dem eine kleine Elite und ihre Unterstützer sich an den Ressourcen bereichern", erklärt der auf Afrika spezialisierte Demokratisierungs- und Konfliktforscher Helge Roxin vom Arnold-Bergstraesser-Institut für kulturwissenschaftliche Forschung in Freiburg. Kabila habe das fortgeführt, was andere vor ihm begonnen hätten.

Zu einem Machtkonflikt kam es, als Kabila seinen früheren Verbündeten Uganda und Ruanda zunehmend den Zugang zu den Rohstoffvorkommen verwehrte. Die Nachbarstaaten unterstützten verschiedene Rebellengruppen, die versuchten, die Regierung in der Hauptstadt Kinshasa zu stürzen. So begann 1998 der zweite Kongokrieg, der wegen der Beteiligung vieler zentralafrikanischer Staaten auch als "erster Afrikanischer Weltkrieg" bezeichnet wird. Ruanda, Uganda und Burundi kämpften gegen Zimbabwe, Angola, Namibia und den Sudan, die auf der Seite des Kongo standen, weil Kabila ihnen als Gegenleistung Zugang zu den Ressourcen versprach.

2001 wurde Kongos Präsident ermordet und sein Sohn Joseph Kabila übernahm das Amt. Ein Jahr später kam es zum Friedensschluss.

Der steinige Weg zur Demokratie

  • Zwei Blauhelmsoldaten stehen Wache vor einem Auto mit geöffneter Motorhaube; Rechte: AFP Beobachter eines Krieges: UN-Friedenstruppen im Kongo; Rechte: AFP

Doch Frieden kehrte für die Menschen im Kongo noch lange nicht ein. Der erbitterte Kampf zwischen Rebellen und Regierung um die Macht über die Rohstoffe ist eine unendliche Geschichte. Erst 2005 griff die internationale Gemeinschaft ein und entsendete die UN-Friedenstruppe MONUC (Mission de l’Organisation des Nations Unies en République Démocratique du Congo). Mit rund 17.000 Blauhelmen entwickelte sie sich zur größten UN-Mission weltweit. Die internationale Truppe überwachte 2006 die Durchführung der ersten freien Wahlen seit 50 Jahren, die Präsident Joseph Kabila im Amt bestätigten. Obwohl die Wahlen friedlich verliefen, folgte keine weitere Demokratisierung. Noch im selben Jahr schlitterte das Land in einen dritten verheerenden Bürgerkrieg, deren Auswirkungen bis heute andauern.

Ein zerfallener Staat

  • Präsident Joseph Kabila im Porträt; Rechte: dpa Der Wahlsieg von Kabila 2011 wurde angezweifelt ; Rechte: dpa

Nach drei Jahren war das Morden beendet. Insgesamt über fünf Millionen Todesopfer forderten die bewaffneten Konflikte seit der Unabhängigkeit von 1960. Offiziell wütet heute kein Krieg mehr: "Die beiden zentralen Konfliktherde sind zurzeit recht ruhig, was allerdings nicht mit dem europäischen Verständnis von Frieden gleichzusetzen ist. Die Konflikte können jederzeit wieder aufflammen", erklärt der Politologe Helge Roxin.

Den Menschenrechtsverletzungen konnte der Friedensschluss kein Ende setzen. Laut Amnesty International gibt es weiterhin Vergewaltigung, Folter, Mord und die Rekrutierung von Kindersoldaten.

Bis heute existieren in der Demokratischen Republik (DR) Kongo praktisch keine funktionsfähigen staatlichen Strukturen und kein ausreichendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Arbeit gibt es kaum, die meisten Menschen arbeiten im informellen Sektor. Trotz freier Wahlen sei der Kongo weit von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entfernt, sagt Roxin. Im November 2011 fanden die zweiten freien Wahlen statt, die erneut Kabila gewann. Das Wahlergebnis wurde jedoch von nationalen und internationalen Beobachtern angezweifelt. Roxin: "Kabila und seine eigene kleine Clique bereichern sich. Dieses Klientelsystem zur Ausbeutung der reichen Bodenschätze des Landes begünstigt die regional auftretenden Konflikte. Es gibt kaum Reformen und jegliche Form von Opposition wird systematisch behindert."

Der Fluch der Bodenschätze

  • Ein Junge im Erzminengebiet im Kongo; Rechte: WDR Kinderarbeiter im Kongo: Harte Abeit in engen Minen; Rechte: WDR

Frieden ist im Kongo fast unmöglich, weil der wahre Grund für die Konflikte und Kriege weiter existiert: Es geht um das, was unter der Erde liegt. Das bestätigt auch ein UN-Bericht zur illegalen Ausbeutung von Rohstoffen in der DR Kongo. Wirtschaftliche Interessen sind die Triebkräfte für die Verteilungsschlacht um Gold, Diamanten und Coltan. Ohne das Erz und seine metallischen Elemente Niob und Tantal gäbe es keine moderne Technik wie Handys und Computer. Im Osten des Kongo werden 80 Prozent der weltweiten Coltan-Vorkommen vermutet. Deswegen ist die Region so stark von kongolesischem Militär, Milizen und Truppen aus Ruanda und Uganda umkämpft.

Viele Minen, in denen das Erz gewonnen wird, stehen unter der Kontrolle von brutalen bewaffneten Gruppen, die besonders Kinder und Jugendliche unter menschenunwürdigen Bedingungen für sich arbeiten lassen. Das macht den Abbau konkurrenzlos billig. Teilweise werden die Minen auch von Einheiten der kongolesischen Nationalarmee kontrolliert, die sich dem Einfluss der Regierung entzogen haben. Ausländische Unternehmen scheint das nur wenig zu stören: Sie verwenden für ihre "Bluthandys" weiterhin Kondensatoren aus dem billigen kongolesischen Coltan und machen damit Milliarden-Gewinne. So ist der Teufelskreis zwischen Ausbeutung von Rohstoffen und bewaffneter Gewalt noch lange nicht durchbrochen.

Den Fluch in einen Segen umwandeln

  • Ein Holzfäller sägt einen Stamm im kongolesischen Dschungel; Rechte: WDR Vorbild Forstwirtschaft: Zertifizierte Unternehmen achten u.a. auf den Umweltschutz ; Rechte: WDR

Deutschland und andere Industrienationen müssen mehr Verantwortung übernehmen, fordert Helge Roxin. "Der große Teil der Schuld liegt bei uns. Durch unsere Unterstützung ist dieses System überhaupt erst so entstanden." Um die Lebensbedingungen der notleidenden Bevölkerung wirklich zu verbessern, müsse der Rohstoffhandel stärker kontrolliert werden. Eine Möglichkeit sei die Zertifizierung für mineralische Rohstoffe. Für Holz gibt es das bereits: Das FSC-Siegel wird Tropenholzunternehmen verliehen, die Umwelt- und Sozialstandards einhalten und eine nachhaltige Forstwirtschaft betreiben. Eine solche Zertifizierung könnte auch für den Abbau mineralischer Rohstoffe wie Gold und Coltan eingeführt werden. Roxin: "Allerdings dürfte das dann nicht so laufen wie beim Handel mit Diamanten. Dort gibt es zwar Richtlinien, die den illegalen Diamantenhandel verbieten, sie bestehen aber nur auf dem Papier." 2003 wurde das sogenannte Kimberley-Abkommen verabschiedet, das staatliche Herkunftszertifikate für den Handel mit den Edelsteinen vorsieht. Da es aber nur auf Selbstverpflichtung basiert, gelang es kaum, das Geschäft mit den sogenannten Blutdiamanten zu stoppen. Mit diesen Rohdiamanten finanzierten Rebellenbewegungen unter anderem die Kriege im Kongo. Auch die Regierung Kabilas erteilte Simbabwe und Namibia Schürfrechte für Diamanten als Vergütung für massive militärische Hilfen.

Nur wenn die Einhaltung der Regeln zu Rohstoffgewinnung und Handel auch wirklich kontrolliert wird, sind Regeln nach Meinung von Roxin ein sinnvoller Schritt in die richtige Richtung. Für die Menschen im Kongo allerdings werde sich so bald nichts ändern: "Eine Misere, die über Jahrzehnte entstanden ist, lässt sich nicht in ein paar Jahren lösen."