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Hintergrund: Jüdisches Leben in Deutschland nach 1945

1945: Das Ende ein Anfang

  • Ein mit Soldaten besetzter amerikanischer Panzer rollt kurz vor Kriegsende durch eine Straße, in der Einwohner weiße Tücher aus den Fenstern gehängt haben. Einnahme einer deutschen Stadt durch US-Truppen 1945; Rechte: AKG
  • Drei Militärangehörige in Uniform ziehen die israelische Flagge an einem Fahnenmast hoch, im Hintergrund stehen viele weitere Soldaten. Aufziehen der israelischen Flagge zur Staatsgründung Israels 1948; Rechte: AKG

Dass es heute in Deutschland überhaupt jüdische Mitbürger gibt, grenzt an ein Wunder. Wohnten 1933, vor Hitlers Machtergreifung, im Gebiet des Deutschen Reiches weit über 500.000 Juden, waren es nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch wenige Tausend. Viele hatten das Land verlassen, die meisten waren dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer gefallen.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass sich in den Pässen des 1948 gegründeten Staates Israel der Vermerk fand "Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands". Für viele Überlebende des Holocausts war der Gedanke, das Land der Täter auch nur zu betreten, unvorstellbar. Juden, die sich nach Kriegsende in Deutschland aufhielten, wurden gedrängt, baldmöglichst auszureisen. Sowohl die Jewish Agency (die offizielle Einwanderungsorganisation des Staates Israel) als auch der Jüdische Weltkongress (die internationale Interessenvertretung für alle Juden außerhalb Israels) setzten den in Deutschland verbliebenen Juden im Jahr 1950 sogar ein Ultimatum, das Land innerhalb von sechs Wochen zu verlassen. Deutschland sollte im Bewusstsein des Judentums ein weißer Fleck werden.

Doch viele, die die Nazidiktatur im Untergrund oder in Vernichtungslagern überlebt hatten, blieben. Etwa 20.000 jüdische Bürger lebten in der jungen Bundesrepublik Deutschland. Bis Ende der 1950er Jahre kamen noch einmal einige Tausend Rückkehrer hinzu, überwiegend aus Palästina und Israel.

  • Eine Gruppe ausgemergelter Menschen steht im Januar 1945 in Decken und Gefangenenkleidung gehüllt hinter einem Stacheldrahtzaun, im Hintergrund ein Wachturm.

    Häftlinge am Zaun des Lagers in Auschwitz; Rechte: AKG

  • Soldaten in Uniform räumen Schutt von der Strasse, vor einer zerstörten Häuserfront.

    Aufräumen in der zerstörten Innenstadt von Aachen; Rechte: National Archive

  • Untersuchungszimmer voll mit Menschen. Auf einem Tisch sitzt ein völlig abgemagerter Mann und wird von einem Militärarzt untersucht.

    Nur wenige haben das Konzentrationslager überlebt; Rechte AKG

Jüdische Mitbürger und jüdische Gemeinden in Deutschland

  • Ein Synagogengebäude mit einem Rosettenfenster an einer Verkehrsstraße. So sieht die Kölner Synagoge in der Roonstraße heute aus; Rechte: dpa
  • Ein würfelförmiges Gebäude mit einer hohen, schmalen Flügeltür, auf der hebräische Schriftzeichen angebracht sind. Die 2006 eingeweihte Münchner Synagoge; Rechte: picture-alliance / dpa

Bereits 1945 wurden in Deutschland über 50 Gemeinden (wieder) gegründet. Oft dauerte es von der Befreiung durch die alliierten Truppen bis zur Gründung einer jüdischen Gemeinde nur wenige Tage. Das Beispiel Kölns ist keineswegs ungewöhnlich: Am 6. März 1945 nahmen amerikanische Soldaten die Stadt ein, am 11. April erhielten die Juden der Stadt von den Amerikanern die Erlaubnis, Gottesdienste zu feiern. Und schon am 29. April fand in der Roonstraße, im Luftschutzbunker unter der zerstörten Synagoge, die Gründungsversammlung der jüdischen Gemeinde mit Wahl des Gemeindevorstands statt.

2013 lebten in Deutschland etwa 101.000 jüdische Gemeindemitglieder. Die größten jüdischen Gemeinden sind Berlin, München, Frankfurt am Main und Düsseldorf mit jeweils mehreren tausend Mitgliedern. Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer und kleinster Gemeinden im ganzen Land. Allerdings sind nicht alle Juden Mitglied in einer jüdischen Gemeinde.

Die meisten jüdischen Gemeinden sind orthodox. Daneben gibt es rund 20 sogenannte Reformgemeinden (auch liberale oder progressive Gemeinden genannt), etwa in Hamburg, Köln, München, Hannover und Mainz.

Jüdische Organisationen

  • Ein älterer Herr mit Brille, Hut und schwarzem Mantel steht vor einem Gedenkstein, auf dem ein Davidstern und ein längerer Text zu sehen sind. Heinz Galinski war erster Präsident des Zentralrats der Juden; Rechte:dpa
  • Zwei Frauen, die in der ersten Stuhlreihe einer Veranstaltung sitzen und sich im Gespräch zueinander beugen. Von 2006 bis 2010 war Charlotte Knobloch (re.) Vorsitzende; Rechte: dpa

Dachorganisation der jüdischen Gemeinden ist der Zentralrat der Juden in Deutschland mit Sitz in Berlin. Der Zentralrat wurde am 19. Juli 1950 gegründet. Er ist die Nachfolgeorganisation des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". In der Umbenennung – nicht deutsche Juden, sondern Juden in Deutschland – wird der tiefe Bruch deutlich, den die Nazidiktatur und der Holocaust zwischen Juden und Deutschen hinterlassen hat.

Wie die beiden christlichen Großkirchen ist auch der Zentralrat eine Körperschaft öffentlichen Rechts. Im Jahr 2015 gehörtem ihm 23 Landesverbände mit insgesamt 108 jüdischen Gemeinden an.

Vorsitzender des Zentralrats ist seit 2014 Josef Schuster. Der Zentralrat vertritt die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auch politisch: Im Jahr 2003 schlossen Bundesregierung und Zentralrat einen Vertrag, der die kontinuierliche und verlässliche Zusammenarbeit beider Institutionen in sozialen, kulturellen und integrationspolitischen Belangen festschreibt.

Die zweitgrößte Vereinigung jüdischer Gemeinden in Deutschland ist nach dem Zentralrat die Union progressiver Juden. Die in der Union organisierten Gemeinden haben etwa 5.000 Mitglieder.

Zuzug osteuropäischer Juden seit 1989

  • Die Alte Synagoge in Essen: Ein größeres Gebäude mit Kuppeldach und großem Eingangsportal an einer Straßenkreuzung. Heute eine Gedenkstätte, die alte Essener Synagoge; Rechte: P. Eckenroth

Die jüdische Gemeinschaft Deutschlands ist eine der am schnellsten wachsenden weltweit. Seit der deutschen Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion nutzten Zehntausende Juden aus Osteuropa die Möglichkeit, nach Deutschland zu ziehen. Für die jüdischen Gemeinden war dies einerseits ein Segen. Denn ihre Mitgliederzahlen hatten bis Ende der 1980er Jahre kontinuierlich abgenommen und eine langfristige Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland war unwahrscheinlich.

Doch die Integration der Zuwanderer stellte und stellt die jüdischen Gemeinden auch vor große Herausforderungen. Zum einen galt es, Sprachbarrieren zu überwinden, denn viele der Zugewanderten sprachen kein Deutsch. Zum anderen war es für Juden in der Sowjetunion meist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, ihren Glauben zu praktizieren, sodass viele Zuwanderer mit der jüdischen Religion nicht sehr vertraut sind. Die jüdischen Gemeinden begegnen solchen Problemen mit vielfältigen Angeboten, etwa mit Sprachkursen, mit Beratungsstunden und sozialer Unterstützung.

Jüdische Kultur und jüdisches Leben heute

  • Eine Frau mit zwei Kindern im Kindersitz radelt an einem Lebensmittelgeschäft vorbei. Im Schaufenster liegen verschiedene Lebensmittel und Getränkeflaschen aus. Geschäft für koschere Lebensmittel in Berlin; Rechte: dpa
  • Ein lang gestreckter Raum mit Rundbogenfenster auf der linken Seite, in dem mehrere Tische mit weißen Tischdecken stehen. Das koschere Restaurant der jüdischen Gemeinde Köln; Rechte: version

In Deutschland gibt es ein vielfältiges jüdisches Kultur- und Bildungsangebot. So gibt es in Berlin, Frankfurt, München und Düsseldorf jüdische Schulen. Jüdische Museen finden sich in Frankfurt am Main, Berlin, Köln, Fürth, München und weiteren Städten. Es gibt eine Reihe jüdischer Zeitungen, etwa die überregional erscheinende "Jüdische Allgemeine", die vom Zentralrat herausgegeben wird. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland in Frankfurt ist der jüdische Beitrag zur freien Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Vor allem in den Großstädten gibt es eine Reihe explizit jüdischer Restaurants, jüdische Theaterbühnen und Kulturveranstaltungen wie etwa die jüdischen Kulturtage in Berlin. In den Städten mit großen jüdischen Gemeinden bieten zudem Geschäfte koschere Lebensmittel an.

Rabbiner-Ausbildung in Deutschland

Seit dem Jahr 2001 gibt es an der Universität Potsdam ein Rabbiner-Seminar, das Abraham Geiger Kolleg, benannt nach einem wichtigen Vertreter des liberalen Judentums in Deutschland. Das Kolleg ist die erste Ausbildungsstätte für Rabbiner, die in Zentraleuropa nach dem Holocaust gegründet wurde. 2006 wurden die ersten dort ausgebildeten Rabbiner ordiniert.

Dass ausgerechnet im "Land der Täter" wieder Rabbiner ausgebildet werden, war und ist im internationalen Judentum nicht unumstritten. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gab es zunächst Widerstand, studieren am Abraham Geiger Kolleg doch auch Frauen – was jüdisch-orthodoxen Vorstellungen zuwiderläuft. Doch inzwischen hat sich die Einrichtung etabliert.

  • Ein in der Sonne glänzender, vergoldeter Davidstern, der als Abschluss auf einem Kuppeldach sitzt.

    Davidstern auf der Kuppel der Neuen Synagoge in Berlin; Rechte: Zentralbild

  • Auf einem Holztisch stehen eine Flasche Wein, ein silberner Weinbecher, zwei brennende Kerzen, eine Art Salztöpfchen mit Löffel und ein mit einem Tuch abgedeckter Brotlaib. Am Tisch sitzt eine Frau und erhebt die Hände zu einer Segensgeste.

    Feierlich gedeckter Sabbattisch; Rechte: picture-alliance / dpa

  • Vor einem großen Gebäude mit goldverziertem Kuppeldach steht ein gepanzertes Polizeifahrzeug, aus dem ein Polizist in Uniform klettert.

    Ein Polizeifahrzeug vor der Neuen Synagoge in Berlin; Rechte: dpa

Jüdischer Alltag in Deutschland – die "besondere Normalität"

Mehr als 100 jüdische Gemeinden gibt es in Deutschland, Synagogen in nahezu allen größeren Städten, jüdische Schulen, Theater und Kulturzentren. Gut 70 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft scheint das jüdische Leben nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite sieht so aus: Jüdische Einrichtungen stehen in Deutschland unter ständigem Polizeischutz. Regelmäßig kommt es zu antisemitischen Übergriffen, Bedrohungen und Beschimpfungen. Viele Juden vermeiden es, ihre Religion in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zum Thema zu machen. Zu groß ist die Sorge, damit jemanden provozieren zu können.

In Deutschland als Jude zu leben, ist noch immer nicht selbstverständlich. Es gibt, trotz aller Annäherung, Berührungsängste bei Juden wie Nichtjuden, das Potenzial für Missverständnisse ist hoch. Jüdische und nichtjüdische Deutsche seien sich fremd geblieben, lautete das Resümee des ehemaligen Zentralratsvorsitzenden Ignaz Bubis am Ende seiner Amtszeit 1999.

Die Gründe für dieses Fremdsein mögen vielfältig sein, doch dass die Jahre 1933 bis 1945 dabei eine wichtige Rolle spielen, liegt auf der Hand. Der Holocaust hat zwar nicht das Ende der deutsch-jüdischen Geschichte markiert, doch wird er für die Beziehung zwischen Juden und Nichtjuden wohl immer prägend bleiben.

  • Ein Friedhof in Leipzig mit mehreren schwarzen Grabsteinen, von denen drei mit weißem Hakenkreuz oder Davidstern besprüht sind.Antisemitische Schmierer- eien auf einem jüdischen Friedhof; Rechte: dpa
  • Ein älterer Herr im Anzug, der im Gespräch einen Zeigefinger hebt.Ignaz Bubis, ehemaliger Zentralratspräsident; Rechte: picture-alliance/dpa