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Hintergrund: Schwäbische Alb: Karge Äcker und spanische Schafe

Ein schwäbisches Wirtschaftswunder

  • (Quelle: SWR) Schäfer Ernst Fauser mit Lena Ganschow auf einer Wacholderheide (Quelle: SWR)

Ernst Fauser arbeitet oberhalb der Wimsener Höhle bei Hayingen auf der Schwäbischen Alb in steinigem Terrain. Klare Kommandos sind für seine 910 Mitarbeiter von entscheidender Bedeutung. Denn die Landschaftspflege von 140 Hektar Wacholderheide ist nur etwas für Spezialisten: doch auf Fausers Schafe ist stets Verlass. Seine Herde besteht aus Merinolandschafen – einer Kreuzung aus dem heimischen Landschaf und dem spanischen Merinoschaf, das 1786 in einem Trek aus 104 Tieren in die Umgebung von Münsingen eingeführt wurde. Doch weshalb wurden die kostbaren Wollschafe im Wert von 12.000 Gulden vor 230 Jahren zu Fuß importiert? Ein Blick in den steinigen Untergrund gibt Aufschluss und führt zum Ursprung eines heimischen Industriezweiges.

Die kargen Böden der Schwäbischen Alb sind für eine ertragreiche Landwirtschaft seit jeher nur sehr mühsam zu bestellen. Im verkarsteten Untergrund versickern Wasser und gelöste Mineralien zügig, zurück bleibt ein steiniger, nährstoffarmer Acker. Auf der Südwestalb, wo sich oberhalb von 900 Metern die höchstgelegenen Getreideäcker nördlich der Alpen befinden, sorgen der späte Vegetationsbeginn und die kurze Wachstumsperiode zusätzlich für kleine Ernten. In den vergangenen Jahrhunderten lassen sich nur sehr widerstandsfähige Getreidesorten und Hülsenfrüchte wie die wiederentdeckten Alb-Linsen anbauen. Die Ernten mussten nicht selten mit dem Schlitten eingefahren werden. Doch die steilen Kalkmagerrasen an den Albhängen bieten ideale Weidegründe für Schafe. Mit ihren Hufen meistern sie nahezu jedes Gelände und halten die Vegetation kurz. Nur stachelige Gewächse – Silberdisteln, Hagebutten und insbesondere Wacholder – werden von den Schafen verschmäht, sodass sie sich im 18. und 19. Jahrhundert weit ausbreiten und eine neue Kulturlandschaft entsteht: die Wacholderheiden.

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Geo-Tour Schwäbische Alb: Vom Blech zur Nadel (00:56 min)

Der Stoff, aus dem die Träume sind…

  • (Quelle: SWR) Maschinen zur Stoffherstellung bei der Firma Mey in Albstadt. (Quelle: SWR)

Mit den Schafen kommt auch die Textilherstellung auf die Alb. Bereits ab dem 17. Jahrhundert steigt die Zahl der Strumpfwirker und Zeugmacher an. Als aber Johannes Mauthe im Jahr 1834 eine Dampfmaschine und 1836 eine Rundwirkmaschine von Belgien nach Ebingen transportiert, leitet er damit die Industrialisierung in der Region ein, die sich nach dem Bahnanschluss in den 1870er Jahren prächtig entwickelt. Um die Jahrhundertwende gibt es bereits 1.800 Strickmaschinen auf 9.000 Einwohner, Fabrikhallen im Bauhausstil entstehen und das Flüsschen Schmiecha ist von den Abwässern der Färbereien abwechselnd rot, blau oder gelb getüncht. Das Albstädter "Trikot" – also Wäsche, Hemden, Blusen und Stoffe – wird weltweit gehandelt. Neben den textilverarbeitenden Fabriken wie der Firma Mey etablieren sich auch Maschinenbaubetriebe. Es entstehen Unternehmen wie Mayer & Cie, Weltmarktführer für Rundstrickmaschinen, und Beckert, der heute unter dem Namen Groz-Beckert der führende Hersteller von industriellen Maschinennadeln ist.

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Geo-Tour Schwäbische Alb: Vom Stahl zur Strickmaschine (00:58 min)

Von Zugsitzen, Kochtöpfen und einer ökonomischen Trendwende

  • (Quelle: SWR) Schafe: Einst wichtige Rohstofflieferanten für die Textilbetriebe auf der Alb (Quelle: SWR)

Die Wolle der schwäbischen Merinolandschafe reicht zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr aus, Baumwolle und Kunstfasern erobern zudem den Markt. In den 1950er und 1960er Jahren boomt die Textilbranche in Albstadt. Doch mit der Verschärfung der Konkurrenz aus Billig-Lohn-Ländern setzt der Niedergang ein. Seit den 1980er Jahren haben mehr als 300 Betriebe Insolvenz angemeldet oder ihre Standorte ins Ausland verlegt. Die wenigen verbliebenen Firmen wie Trigema sind fest etabliert, andere spezialisieren sich derweil auf technische Gewebe und Maschinenbau. Die Textilfabrik Mattes & Amann aus Tieringen bei Meßstetten beispielsweise produziert den Hightech-Velourstoff für ICE-Sitzbezüge.

Die Schäfereien verdienen ihr Geld seither zum einen mit dem einstigen Nebenprodukt – dem Fleisch. Denn mit dem Zuzug der Gastarbeiter seit den 1960er Jahren wird Lammfleisch immer gefragter und damit der Fleischverkauf rentabler. Zum anderen betreiben die Schäfer Landschaftspflege in staatlich geförderten Biosphärenschutzgebieten und schaffen so Lebensraum für zahlreiche seltene Pflanzen- und Kleintierarten. Der durchschnittliche Stundenlohn eines Wanderschäfers liegt 2011 bei existenzbedrohenden 4,74 Euro. Doch Ernst Fauser liegt mit seiner Herde deutlich oberhalb der Rentabilitätsgrenze von 500 Mutterschafen. Als Mitbegründer und Hauptlieferant des „Württemberger Lamms“ scheint sein Auskommen mittelfristig gesichert.

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Geo-Tour Schwäbische Alb: Vom Garn zur Unterhose (01:35 min)