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Hintergrund: Schwäbische Alb: Auf der wilden Alb – Zeitreise im Steinbruch Gerhausen

Urtümliche Pflanzenfresser

Ein kalter Frühlingsmorgen in der Nähe von Gerhausen bei Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb: von einem Aussichtspunkt lassen sich im Morgengrauen die Umrisse von steilen Felswänden ausmachen und zwischen den vereinzelten Baumgruppen steigt der Nebel auf. Doch plötzlich durchdringen dumpfe Hufschläge die Stille und mit einem tiefen, grollenden Schnauben nähert sich etwas Großes. Auf dem ehemaligen Steinbruchgelände würde man am ehesten einen Bagger oder einen 90-Tonnen-Schwerlastwagen erwarten. Doch was hier hinter der alten Abbruchkante erscheint, ist ein ganz anderes Kaliber: ein urtümliches Taurusrind – die sogenannte Abbild-Züchtung des vor etwa 400 Jahren ausgestorbenen Auerochsen.

  • (Quelle: SWR) Taurusrinder auf der Urzeitweide bei Gerhausen (Quelle: SWR)

Zu den 27 Taurusrindern – taurus ist übrigens das lateinische Wort für Stier – gesellen sich im 75 Hektar großen Steinbruch von Gerhausen noch 13 Konikpferde. Es handelt sich dabei um eine Ponyrasse, die aus besonders robusten Landschlägen der südost-polnischen Bilgoraj-Region hervorgeht. Noch im 19. Jahrhundert werden die weitgehend freilebenden Koniks – was auf Polnisch Pferdchen bedeutet – gejagt. Ihr menschenfreundliches Gemüt macht selbst im Freiland aufgewachsene Tiere zu genügsamen und folgsamen Arbeitspferden. Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich nicht um Nachfahren osteuropäischer Wildpferde. Die mtDNA, also das mütterliche Erbgut, stammt wie beim Taurusrind von gezähmten Zuchtrassen, die im Freiland rückverwildert worden sind.

Willkommen in der Steinzeit

  • (Quelle: SWR) Enzian profitiert von der Beweidung. (Quelle: SWR)

Um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, warum Abbild-Züchtungen von Auerochse und Wildpferd im Steinbruch weitestgehend wild leben, lohnt ein Besuch des Urgeschichtlichen Museums in Blaubeuren. Hier werden bis zu 40.000 Jahre alte Fundstücke aus den Höhlen der Schwäbischen Alb präsentiert. Jagdwaffen, Alltagsgegenstände und Kunstwerke der ersten modernen Menschen auf der Alb haben sich in den Höhlen erhalten. Tierknochen und Pollen verraten den Wissenschaftlern unter der Leitung von Prof. Dr. Nicholas Conard vom Institut für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen, in welcher Welt die Menschen damals lebten: die karge, eiszeitliche Landschaft auf der Alb ist das bevorzugte Winterquartier von Rentieren, Wildpferden, Mammuts und Auerochsen.

Auf den windigen Kuppen der Alb bleibt nur wenig Schnee liegen, sodass die Tiere hier durchgehend Nahrung finden. In den kurzen Sommern blüht das Leben in den geschützten Albtälern. Die großen Pflanzenfresser halten die Vegetation niedrig. So entsteht ein vielfältiger Lebensraum für einheimische Pflanzen wie Orchideen und Silberdisteln sowie zahlreiche Insekten und Vogelarten, die nur in solchen Offenlandbiotopen leben können. Die Samen der Pflanzen werden durch die Huftiere weiträumig verteilt und viele durch die Verdauung erst keimfähig gemacht. Eine natürliche Symbiose, die heutzutage nur durch menschliches Zutun möglich gemacht wird.

Zurück in die Zukunft…

  • (Quelle: SWR) Jetzt Urzeitweide: Der ehemalige Steinbruch bei Gerhausen (Quelle: SWR)
  • (Quelle: SWR) Konikpferde halten die Vegetation kurz. (Quelle: SWR)

Heute weichen solche Refugien immer weiter zurück, denn neben den brachliegenden Flächen fehlt es besonders an freilebenden Weidetieren wie Ochse und Pferd. Diesen Umstand erkannte auch das Steine-Erden-Unternehmen HeidelbergCement, das weltweit mehr als 800 Steinbrüche betreibt. Was anfangs von einigen Verbänden als werbewirksames Greenwashing – also als eine Art ökologischen Ablasshandel zur Legitimation gravierender Natureingriffe an anderen Standorten – abgetan wird, hat sich mittlerweile zu einem Vorreiter-Projekt im umweltbewussten Rohstoff-Abbau entwickelt. Der Global-Player betreibt europaweit mittlerweile 110 vergleichbare Naturschutz- und Aufklärungsprojekte– ein deutliches ökologisches Ausrufezeichen.

Wer sich ein Bild machen möchte, kann die Artenvielfalt im Steinbruch Gerhausen von drei Aussichtspunkten begutachten. Mit den Koniks und Taurusrindern auf Tuchfühlung zu gehen, ist aber nicht nur aus Artenschutzgründen untersagt. Denn obwohl es sich um Rückzüchtungen aus zahmen Nutztierrassen handelt, besitzen die verwilderten Taurusrinder das unberechenbare Temperament ihrer urzeitlichen Ahnen und könnten Menschen durchaus gefährlich werden.