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Hintergrund: Oberrheingraben: Eine Schaufel voll Sand – die Entdeckung des Homo heidelbergensis

Ein alter Verwandter

Als der Sandgräber Daniel Hartmann (1854-1952) am 21. Oktober 1907 seine Arbeit in der Bausandgrube von Grafenrain bei Mauer antritt, ahnt er nicht, welch einen außergewöhnlichen Fund er an diesem Tag machen wird. In 24,63 Meter Tiefe sticht er seine Schaufel in den groben Sand und wirft den Aushub hinter sich. Dabei fällt ihm ein seltsam geformter Gegenstand auf, der ihn innehalten lässt. Sind das Zähne? Womöglich die eines Menschen? Ein Augenblick der Unaufmerksamkeit und das bislang älteste menschliche Fossil Deutschlands wäre für immer in einer Baugrube verschwunden.

(Quelle. picture-alliance, dpa)

Der Urmensch Homo heidelbergensis (Quelle. picture-alliance, dpa)

Die Weitsicht des Forschers Otto Schoetensack (1850-1912)

Nach dem Studium der Geologie, Mineralogie, Anthropologie und Paläontologie in Freiburg im Breisgau zieht Otto Schoetensack 1888 nach Heidelberg, wo er sich mit dem Pächter der Sandgrube Grafenrain anfreundet. Dort wurde ein Jahr zuvor der Schädel eines Waldelefanten entdeckt, der Schoetensacks Aufmerksamkeit weckt. Seitdem schult er die Arbeiter wie Daniel Hartmann regelmäßig im Erkennen fossiler Funde. Als er 19 Jahre später am 22. Oktober 1907 schließlich den Unterkiefer eines Urmenschen in den Händen hält, weiß er, dass es die Mühe wert war.

Die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsam

  • (Quelle. picture-alliance, dpa) Der Unterkiefer des etwa 600.000 Jahre alten Homo heidelbergensis (Quelle. picture-alliance, dpa)

Ein Jahr später veröffentlicht er seine Untersuchungsergebnisse unter dem Titel "Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg". Er beschreibt den Heidelberg-Menschen als präneandertaloid – die Sandschichten des Neckarbogens bei Mauer datiert er in die Zeit vor 780.000 Jahren, also älter als den Neandertaler, womit er zumindest eine grobe Einordnung schafft. Der Name Homo heidelbergensis etabliert sich aber erst 75 Jahre später, als der britische Paläoanthropologe Chris Stringer (*1947) zwei Schädel aus Griechenland und Sambia untersucht und die Zugehörigkeit zum Homo heidelbergensis feststellt. Seitdem wurde der Stammbaum von unseren frühesten Vorfahren bis zum modernen Homo sapiens mehrmals überarbeitet.

Wer war der Homo heidelbergensis?

  • (Quelle. picture-alliance, dpa) Skelett eines Homo heidelbergensis (Quelle. picture-alliance, dpa)

Vor über 600.000 Jahren entwickelt sich in Ostafrika aus dem Homo ergaster – dem großgewachsenen Arbeiter-Mensch – der Homo heidelbergensis. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger besitzt er ein deutlich größeres Gehirn. Sein Hirnvolumen liegt mit ca. 1250 Kubikzentimeter nur knapp unter unserem. Er ist etwa 1,65 Meter groß und ein guter Läufer, was ihn zu einem innovativen und anpassungsfähigen Jäger werden lässt. Männer und Frauen dieser Menschenart stellen aus Stein Faustkeile und Werkzeuge her und schnitzen damit hölzerne Wurfspeere. Sie leben in Zelten und erkunden neue Territorien. So gelangt ein Teil der Population nach Europa, während der andere sich in Afrika ausbreitet. Der Fund von Mauer muss von einer frühen Auswander-Gruppe stammen. Neue Datierungsmethoden ergeben nämlich ein Alter von 609.000 ± 40.000 Jahren. Der Fund zahlreicher Skelette in einer spanischen Höhle legt nahe, dass Homo heidelbergensis seine Toten bestattete. Wer einen Bestattungsbrauch entwickelt, muss abstrakt denken und sprechen können.

Entwicklungszeit: 400.000 Jahre auf zwei Kontinenten

Der Homo heidelbergensis ist nach derzeitigem Wissensstand der Vorläufer von drei Menschenarten. In Europa wird das Klima kälter, der Körperbau passt sich an und wird robuster, die Haut heller und damit lichtdurchlässiger. Vor etwa 400.000 Jahren spaltet sich eine Verwandtschaftslinie ab und wandert gen Osten. Von ihr stammt der bisher kaum erforschte Denisova-Mensch ab. In Europa wird aus dem Homo heidelbergensis der Neandertaler. In Afrika entwickelt sich aus ihm der moderne Mensch Homo sapiens. Denisova und Neandertaler sterben zwar vor etwa 40.000 Jahren aus, doch tragen wir alle bis zu vier Prozent ihres Erbgutes in uns. Der Homo heidelbergensis war der letzte gemeinsame Vorfahre – eine Schlüsselfigur in der Entwicklung des Menschen.