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Hintergrund: Erziehungsstile

Drei Aspekte von Erziehung

  • Familie beim Abendessen; Rechte: mauritius images Liebevolle Zuwendung ist für Kinder wichtig.
  • Ein trauriger Junge sitzt in einer dunklen Unterführung; Rechte: Imago Vernachlässigung wirkt sich auf die Entwicklung negativ aus.

Lob und Unterstützung, Strafen und Verbote, liebevolle Zuwendung oder Vernachlässigung - wie Eltern ihre Kinder erziehen, ist höchst unterschiedlich. In Buchhandlungen finden sich Regale voll mit Ratgeber-Literatur. Titel wie "Die Rebellen bändigen", "Elterncoaching" oder auch "Die Gummibärchenmethode" versprechen Tipps für einen gelungenen Familienalltag. Die Vorschläge, die sich darin finden, sind meist alltagstauglich gehalten und spiegeln gesellschaftliche Trends wider.

Die tägliche Erziehungspraxis - also beispielsweise Lob, Strafen oder Zuwendung - ist jedoch nur ein Faktor, der den elterlichen Erziehungsstil bestimmt. Außerdem spielt die Erziehungseinstellung der Eltern eine Rolle: Halten sie es beispielsweise für entscheidend, die Kinder in ihren Wünschen erst einmal gewähren zu lassen, spricht man von Permissivität. Wem dagegen wichtig ist, dass die Kinder Anweisungen befolgen, der vertritt eine eher autoritäre Haltung. Ebenso bedeutsam wie die innere Einstellung sind die Erziehungsziele: Wollen Eltern beispielsweise religiöse Normen vermitteln, ist ihnen leistungsorientiertes Denken wichtig, oder wollen sie ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen?

Lewin und die Führungsstile

  • Kind in chaotischem Kinderzimmer; Rechte: dpa Laisser-faire: Die Kinder erhalten wenig Regeln und Vorgaben.

Die Erziehungsstil-Forschung geht typologisch vor, das heißt, sie gliedert das Verhalten von Eltern und Erziehern nach bestimmten besonders typischen Merkmalen. Einer der ersten Forscher in diesem Bereich war Kurt Lewin, ein amerikanischer Psychologe deutscher Herkunft. Da er selbst während der Nazi-Zeit aus Deutschland geflohen war, interessierte ihn vor allem, wie unterschiedliche Führungsstile auf Kinder wirken. Entsprechend legte er Ende der 1930er Jahre seine Experimente an.

Lewin bildete mehrere Gruppen von Kindern im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren. Die erwachsenen Leiter dieser Gruppen hatten einen jeweils unterschiedlichen Führungsstil. Wie sie sich verhalten sollten, war von Lewin und seinen Forscherkollegen vorher genau festgelegt worden. Die Kinder trafen sich mehrere Monate lang regelmäßig mit ihren Leitern zu Bastel- und Werkarbeiten. Gespräche, Tätigkeiten sowie Verhalten von Leitern und Kindern wurden von Beobachtern dabei genau protokolliert. Lewin unterschied danach drei verschiedene Führungsstile:

  • Autoritärer Führungsstil: Dabei bestimmt der Leiter die Aktivitäten der Kinder, gibt Befehle und Kommandos, lobt und tadelt einzelne und arbeitet mit Drohungen, Strafen oder Einschüchterungen. In den autoritär geführten Gruppen entstanden in dem Experiment zwar gute Arbeitsergebnisse. Aber die Kinder waren wenig kreativ und spontan in ihrem Verhalten, dafür eher aggressiv und egoistisch.
  • Demokratischer Führungsstil: Hier gibt der Leiter der Gruppe einen Überblick über die Gesamtaufgabe und das Ziel, das erreicht werden soll. Alle wichtigen Entscheidungen werden in der Gruppe diskutiert, der Leiter spricht mit den Kindern über persönliche Probleme und gibt bei Schwierigkeiten mehrere Lösungsmöglichkeiten vor, aus denen die Kinder wählen können. Im Experiment waren die demokratisch geführten Gruppen besonders kreativ und spontan, die Atmosphäre war entspannter als in den anderen Gruppen, die Kinder zufriedener. Die Arbeitsergebnisse entsprachen in etwa denen der autoritär geführten Gruppen.
  • Laissez-faire-Führungsstil: Der Gruppenleiter verhält sich weitgehend passiv, bietet nur unterschiedliche Materialien an. Die Arbeitsergebnisse bewertet er nicht. Er ist freundlich, aber neutral in seinem Verhalten zur Gruppe. Die so geführten Gruppen waren unproduktiver als die anderen. Ein planloses, wenig zielstrebiges Verhalten herrschte vor. Dadurch waren die Kinder oft enttäuscht oder gereizt.

Die Typologie von Lewin ist bis heute sehr stark verbreitet und gilt als wichtige Grundlage für die Erziehungsstil-Forschung. Trotzdem wird das Konzept auch kritisiert: So erschien anderen Forschern die Einteilung in nur drei Führungsstile als zu undifferenziert und willkürlich. Die Persönlichkeit der Kinder und situative Faktoren wurden in den Experimenten nicht berücksichtigt, außerdem können nur kurzfristige Auswirkungen nachgewiesen werden und kein nachhaltiger Einfluss auf die Persönlichkeit der Kinder. Weil die Begriffe "autoritär" und "demokratisch" aus der Politikwissenschaft stammen, sind sie außerdem gebunden an bestimmte Weltanschauungen

Tausch: Dimensionen von Erziehung

  • Schulklasse mit Lehrer; Rechte: dpa Das Ehepaar Tausch untersuchte vorwiegend Lehrer- und Erzieherverhalten.
  • Lehrerin beugt sich in zugewandter Haltung über Hefte von Kindern; Rechte: Imago Die Ergebnisse dieser Studien wurden dann auf Elternverhalten übertragen.

Das deutsche Forscherpaar Anne-Marie und Reinhard Tausch begann in den 1960er Jahren damit, Lehrer- und Erzieherverhalten zu untersuchen. Sie stellten fest, dass verschiedene Verhaltensweisen nicht voneinander unabhängig auftreten, sondern miteinander zusammenhängen. So wird beispielsweise ein Lehrer, der viele Verbote aufstellt, die Schüler auch oft kontrollieren und gegebenenfalls bestrafen. Zunächst ging das Ehepaar Tausch von zwei Dimensionen aus, die sie als grundlegend für das Verhalten von Lehrern und Erziehern ansahen. Dies war zum einen die emotionale Dimension, die eine Bandbreite zwischen emotionaler Wärme auf der einen Seite und emotionaler Kälte auf der anderen umfasste. Die andere Dimension bezog sich auf das Lenkungsverhalten: Hier stand auf der einen Seite die maximale, auf der anderen die minimale Kontrolle der Schülerinnen und Schüler.

In dieses zweidimensionale System ließ sich auch das Konzept von Lewin integrieren: Den Laissez-faire-Stil sahen Tausch und Tausch als minimal kontrollierend an, auf der emotionalen Seite ist das Verhalten des Erziehers neutral. Den autoritären Führungsstil (Tausch und Tausch bezeichneten ihn als autokratisch) schätzten sie als maximal kontrollierend und emotional eher kalt ein. Den demokratischen Führungsstil, den das Ehepaar Tausch in sozialintegrativ umbenannte, sahen sie als eher emotional warm an, dabei nur mittelmäßig kontrollierend.

Später entfernte sich das Forscherpaar wieder von diesem zweidimensionalen Konzept. Sie entwickelten bis Ende der 1990er Jahre vier neue Dimensionen von erzieherischem Verhalten. In dieses Konzept lässt sich die Typologie von Lewin nicht mehr ohne Weiteres integrieren:

  • 1. Dimension: Hier stehen Missachtung, Kälte und Härte auf der einen Seite, auf der anderen Achtung, Wärme und Rücksichtnahme.
  • 2. Dimension: Dabei geht es darum, wie gut sich der Erzieher in ein Kind oder Jugendlichen hineinversetzen kann; kein Verstehen steht bei dieser Dimension vollständigem Verstehen gegenüber.
  • 3. Dimension: Diese Dimension erfasst die Authentizität im Verhalten des Erziehenden; Fassadenhaftigkeit steht Echtheit gegenüber.
  • 4. Dimension: Hier liegt das Augenmerk auf den Entfaltungsmöglichkeiten, die eine Lehrkraft oder ein Erzieher den Schülerinnen und Schülern bietet. Einmal werden keine fördernden, nicht dirigierenden Tätigkeiten angeboten, auf der anderen Seite stehen viele fördernde, nicht dirigierende Tätigkeiten.

Emotionale Wärme und Kontrolle

Andere Wissenschaftler hielten an der ursprünglichen Idee der unterschiedlichen Erziehungsstile fest, zum Beispiel das Forscherduo Eleanor Maccoby und John Martin oder ihre Kollegin Diana Baumrind. Sie unterscheiden vier beziehungsweise fünf verschiedene elterliche Erziehungsstile und beziehen dabei die beiden ursprünglichen von dem Ehepaar Tausch entwickelten Dimensionen Kontrolle und emotionale Wärme in ihr Konzept mit ein:

  • Autoritärer Erziehungsstil: Die Eltern üben ein hohes Maß an direktiver Kontrolle aus, das heißt, sie verlangen Gehorsam, ohne dabei dem Kind ober Jugendlichen gegenüber verhandlungsbereit zu sein. Dabei zeigen sie in ihrem Verhalten wenig emotionale Wärme.
  • Autoritativer Erziehungsstil: Auch diese Eltern kontrollieren ihre Kinder sehr stark, allerdings nicht in restriktiver Form. Statt dessen gibt es feste, klare Regeln und eine sogenannte unterstützende Kontrolle, die sich durch einfühlende Hilfe und rationale Erklärungen auszeichnet, die das Verhalten des Kindes beeinflussen sollen. Emotional sind die Eltern ihren Kindern gegenüber stark zugewandt.
  • Demokratischer Erziehungsstil: Er wird nur von Diana Baumrind, nicht aber von Maccoby und Martin angeführt und ist eine Art Abstufung des autoritativen Erziehungsstils. Die Eltern sind ihren Kindern gegenüber ebenso zugewandt, kontrollieren aber weniger stark.
  • Permissiv-verwöhnender Erziehungsstil: Hier gibt es nur wenig Regeln und Kontrolle für die Kinder, dafür viel Unterstützung und liebevolle Zuwendung. Im Kleinkindalter wird dieser Erziehungsstil oft auch als "bindungsförderliches Elternverhalten" bezeichnet.
  • Zurückweisend-vernachlässigender Erziehungsstil: Wenig emotionale Wärme und wenig Kontrolle - diesen Eltern scheint die Entwicklung ihrer Kindern weitgehend egal zu sein.
  • Mutter in liebevoller Umarmung mit ihrem Kind; Rechte: dpa Im Kleinkindalter entsteht die Bindung an die Eltern.
  • Eine Mutter ist kurz davor, ihr Kind zu schlagen; Rechte: Imago Autoritär erzogene Kinder entwickeln nur schwer ein positives Selbstbild.

Der Erziehungsstil der Eltern ist nur ein Faktor, der die Persönlichkeit eines Kindes in seiner Entwicklung beeinflusst. Selbst wenn ein Erziehungsstil mehr Risiken aufweisen mag, ein anderer weniger - damit ist im Einzelfall weder eine positive noch eine negative Entwicklung des Kindes garantiert. Dennoch können verschiedene Studien wichtige Tendenzen aufzeigen: Für die Kinder am meisten bedenklich ist der zurückweisende und vernachlässigende Erziehungsstil. Diese Kinder entwickeln keine sichere Bindung zu ihren Eltern, haben häufiger Probleme mit sich oder ihrer Umwelt als andere, weniger Erfolg in Schule und Beruf und sind eher gefährdet für Suchterkrankungen.

Nicht ganz so eindeutig sind die Forschungsergebnisse bei dem permissiv-verwöhnenden Erziehungsstil. Im Kleinkindalter gilt er als optimal, da die Kinder so die beste Bindung zu ihren Eltern aufbauen können, ein hohes Selbstvertrauen haben und so ihre Fähigkeiten optimal entwickeln können. Im späteren Alter können jedoch eher Schwierigkeiten in der Schule oder Anfälligkeiten für Suchterkrankungen auftreten, wenn dieser Erziehungsstil beibehalten wird.

Der autoritative und der demokratische Erziehungsstil werden von vielen Wissenschaftlern als optimal nach dem Kleinkindalter eingeschätzt. Die hohe Emotionalität der Eltern und die Anteilnahme an dem Leben des Kindes führt in Kombination mit einer unterstützenden Kontrolle zu einem positiven Sozialverhalten und einem positiven Selbstbild. In Schule und Beruf können diese Kinder und Jugendlichen ihre Fähigkeiten zeigen und sind gleichzeitig wenig anfällig für Depressivität.

Der autoritäre Erziehungsstil wird dagegen als höchst problematisch angesehen. Die Kinder entwickeln nur schwer ein positives Selbstbild, sind eher ängstlich und leiden oft später unter Neurosen oder anderen psychischen Erkrankungen. Weil autoritär erzogene Kinder oft selbst körperlichen Strafen ausgesetzt sind, ist ihre Gewaltbereitschaft höher als die anderer Kinder.