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Hintergrund: Der Deutsche Dualismus - Konflikte zwischen Österreich und Preußen im 18. und 19. Jahrhundert

Überfall auf Schlesien: Preußen auf dem Weg zur Großmacht

  • Europakarte um 1740 mit den Großmächten Frankreich und Österreich; Rechte: WDR Bis sich Friedrich einmischte, dominierten Frankreich und Österreich Europa.
  • Historisches Porträt von Maria Theresia; Rechte: WDR Als Frau auf dem Thron unterschätzt: Maria Theresia.

Für Friedrich II. war es der Aufbruch zum "Rendezvous mit dem Ruhm". Für Maria Theresia, frischgebackene Kaiserin von Österreich, war es ein Affront und die erste Feuerprobe. Für Europa war es der Auftakt zu einem Konflikt, der über 100 Jahre lang schwelen und mit seinen gelegentlichen Ausbrüchen die Geschichte des Kontinents und die Geschichte Deutschlands – das es zu Beginn der Auseinandersetzung so noch gar nicht gab – nachhaltig prägen sollte: Am 16. Dezember 1740 marschierte Friedrich II., erst seit sechs Monaten König in Preußen, ins benachbarte Schlesien ein.

Das militärisch hervorragend entwickelte, aber vergleichsweise kleine Preußen legt sich mit der Großmacht Österreich an: Die "wichtigste politische Einzelaktion in Friedrichs Leben" nennt der Historiker Christopher Clark das. "Die Eroberung Schlesiens bewirkte eine dauerhafte Verschiebung des politischen Gleichgewichts innerhalb des Heiligen Römischen Reiches und katapultierte Preußen in eine gefährliche neue Welt der Großmachtpolitik." Die nächsten 130 Jahre wird Preußen damit verbringen, seine Stellung in dieser Welt gegen Österreich zu verteidigen.

Für den überfallartigen Angriff auf Schlesien gab es dabei gleich mehrere Gründe. Neben wirtschaftlichen spielten auch strategische Erwägungen eine Rolle: Friedrich wollte seinen persönlichen Machtbereich vergrößern und gleichzeitig Preußens Grenzen absichern. Die Gelegenheit war günstig, denn mit Maria Theresia hatte eine junge unerfahrene Regentin den österreichischen Thron bestiegen, deren Rechte als weibliche Erbin zudem bezweifelt wurden.

Die preußischen Hohenzollern und die österreichischen Habsburger waren sich schon länger nicht grün. Die Hohenzollern hatten bereits im 17. Jahrhundert Anspruch auf Schlesien erhoben. Und Friedrichs Vater Friedrich Wilhelm I. hatte seinem Sohn noch kurz vor seinem Tod eingeschärft: Dem österreichischen Adelsgeschlecht sei unter keinen Umständen zu trauen. Den alten König hatte sehr verbittert, dass Kaiser Karl VI. ihn 1738 nicht – wie versprochen – in seinem Anspruch auf das Herzogtum Berg unterstützt hatte.

Deutsche gegen Deutsche, Protestanten gegen Katholiken

  • Historisches Gemälde von der preußischen Armee in der Schlacht; Rechte: WDR Auf dem Weg zur Großmacht: Preußens Armee.
  • Historische Darstellung der Krönung des Kaisers vom Heiligen Römischen Reich; Rechte: WDR Die Habsburger stellten den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches.

Friedrichs Kriege gegen Österreich – die beiden Schlesischen Kriege zwischen 1740 und 1745 und der Siebenjährige Krieg (1756–1763) – drehten sich daher nur vordergründig um den Besitz Schlesiens. "Hier kämpfte Preußen nicht nur gegen seinen Nachbarn – sondern gegen seinen deutschen Nachbarn", sagt der Historiker Andreas Rose von der Universität Bonn, Experte für die Geschichte des 19. Jahrhunderts. "Friedrich ging es um die Gewichtsverteilung in Deutschland und Europa - zu Gunsten von Preußen als erste 'deutsche' Macht zu Lasten Habsburgs."

Deutschland existierte damals noch nicht als Nationalstaat, wie wir ihn heute kennen, sondern als ein Bund von vielen hundert Einzelstaaten, unter denen Preußen und Österreich die größten waren. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation einte im Grunde nur die deutsche Sprache und Kultur – ansonsten waren die Einzelstaaten sehr darauf bedacht, ihre Souveränität und ihre eigenen Interessen zu wahren. Den Kaiser dieses Reiches stellten traditionell die Habsburger. Ihre Vormachtstellung im Alten Reich wollte Friedrich brechen.

Durch seine Kriege behielt Preußen letztendlich Schlesien und wurde damit dauerhaft zur fünften Großmacht in Europa. Aber der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches blieb bis auf weiteres ein Habsburger.

Die Spannungen zwischen Preußen und Österreich waren weiterhin ein Thema im Reich. Als Maria Theresias Sohn Kaiser Joseph II. 1777/8 und 1785 versuchte, Bayern zu übernehmen, mischte sich Friedrich der Große ebenfalls ein. Er, der wenige Jahrzehnte zuvor noch selbst den Reichsfrieden gebrochen hatte, trat nun als "Verteidiger des Reiches gegen die Gelüste des Kaisers" (Christopher Clark) auf.

Neuordnung Europas durch Napoleon

  • Historisches Gemälde vom Ballhausschwur; Rechte: Interfoto Mit dem Ballhausschwur begann die Französische Revolution.
  • Undatierter Stich von Napoleon Bonaparte; Rechte: WDR Kleiner Mann, große Wirkung: Napoleon wirbelte Europa durcheinander.

Neue Zeiten brachen mit der Französischen Revolution an. Durch die Ideen von "liberté, égalité, fraternité" verschwand das Fundament des Feudalsystems und damit auch die Grundlage des Heiligen Römischen Reichs. Der Kampf gegen Napoleon sollte schließlich zum Ende des Alten Reichs führen und Österreichs Position in Europa schwächen.

Bereits 1803 änderten sich die Machtstrukturen nachhaltig: Durch den Reichsdeputationshauptbeschluss wurden viele Fürsten für Verluste an Napoleon links vom Rhein mit anderen Ländereien entschädigt. Besonders kleine geistliche Fürstentümer wurden von mächtigeren Monarchen geschluckt - es kam zu einer Machtkonzentration. Von deutsch-deutscher Solidarität war im Kampf gegen Napoleon zunächst nicht viel zu spüren Preußen hatte bereits 1795 einen Separatfrieden geschlossen. Bayern, Württemberg und Baden verbündeten sich gar mit Frankreich. Als Österreich 1805 die Schlacht bei Austerlitz gegen Napoleon verlor, musste es ihnen viele westliche Besitzungen abtreten. 1806 verkündeten die mit Frankreich im Rheinbund verbündeten Staaten dann ihren Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich. Der Habsburger Franz II. hatte sich bereits 1804 in weiser Voraussicht zum Kaiser von Österreich deklariert – so verlor er wenigstens nicht die Kaiserwürde, als es den Kaiser des Heiligen Römischen Reichs nicht mehr gab.

"Preußen stellte sich mit den preußischen Reformen 1807 bis 1814 zum ersten Mal an die Spitze Deutschlands", erklärt der Bonner Historiker Rose. "Österreich dagegen war gegen viele der Reformen, die konstitutionelle Ansätze förderten." Erst 1813 kämpften Österreich und Preußen wieder Seite an Seite in der Völkerschlacht bei Leipzig und besiegten Napoleon. Der französische Kaiser hatte die Verhältnisse in Europa tüchtig durcheinandergewirbelt. Auf dem Wiener Kongress 1814/5 sollte die europäische Staatenordnung wiederhergestellt werden.

Großdeutsche oder kleindeutsche Lösung?

  • Karte vom Deutschen Bund 1815; Rechte: Interfoto Preußen dominierte das Territorium des späteren Deutschlands ab 1815.
  • Das Frankfurter Paulskirchenparlament; Rechte: akg Images Frankfurter Paulskirche: Hier wies Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone zurück.

Im Wesentlichen wurde unter Führung des österreichischen Außenministers von Metternich jedoch der Status Quo zementiert. Österreich bekam die verlorenen westlichen Territorien nicht wieder. Preußen zog sich aus Polen zurück, gewann jedoch mit der Hilfe Englands große Besitzungen in Norddeutschland hinzu. Im Resultat hieß das: Im neugegründeten Deutschen Bund hatte Preußen mehr, Österreich jedoch weniger Territorien als zuvor im Heiligen Römischen Reich. Andreas Rose: "Man könnte sagen: Preußen wurde deutscher und Österreich südosteuropäischer." Eine zentralistische Führung durch Preußen und Österreich gemeinsam lehnen die Habsburger trotzdem ab. Sie wollten sich als Vormacht halten. "Der Begriff 'Deutscher Dualismus' wird in jener Zeit geprägt", sagt der Historiker Andreas Rose. "Österreich möchte den Flickenteppich: In einem Bund aus 38 Einzelstaaten und drei freien Städten konnten die Habsburger ihren Einfluss deutlich besser geltend machen. Das verschiebt die deutsche Einigung nach hinten."

Auch alle Demokratiebestrebungen im Deutschen Bund unterdrückte von Metternich mit harter Hand. Die Ideale der Französischen Revolution hatten im Vormärz keine Chance. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung durch die zunehmende Verarmung radikalisiert. 1846 lebte die Hälfte der preußischen Bevölkerung am Existenzminimum. So kam es im März 1848 zur Revolution, die auch deutschnationalistische Strömungen mit sich brachte. Die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, bei der die Habsburger nur noch eine nominelle Rolle spielten, äußerte ihren politischen Willen: Es sollte einen einheitlichen deutschen Staat geben! Doch der österreichische Kaiser Franz Joseph I. lehnte die "großdeutsche Lösung", ein Deutschland mit Österreich, ab: Deutsche und tschechische Teile des Vielvölkerstaats Österreich sollten zu Deutschland gehören und alle anderen Teile ein eigenes Reich bilden, das nur durch eine Personalunion mit Deutschland verbunden wäre. Diese Teilung Österreichs war für ihn undenkbar.

Die "kleindeutsche Lösung" ohne Österreich scheiterte am Widerstand von Friedrich Wilhelm IV., der die deutsche Kaiserkrone höchstens von Gott, ganz bestimmt jedoch nicht von Volksvertretern überreicht bekommen wollte. So scheitert die Nationalversammlung und der Deutsche Bund unter Führung Österreichs wird erneut gestärkt.

Otto von Bismarck gegen den Vielvölkerstaat

  • Otto von Bismarck; Rechte: WDR Blut und Eisen – die politischen Grundsätze von Otto von Bismarck.

Preußen und Österreich entfernten sich weiter zusehends voneinander. "Im 19. Jahrhundert spielen auch wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle", erklärt Andreas Rose. "Preußen profitierte stark von der Industrialisierung. Österreich dagegen blieb ein Agrarstaat mit völlig anderen wirtschaftlichen Interessen." Dieses politisch-wirtschaftliche Entwicklungsgefälle schlug sich auch in der Gründung des Zollvereins 1834 nieder, in dem die Mehrzahl der deutschen Staaten außerhalb Österreichs organisiert waren. So konnte Preußen trotz seiner nicht zusammenhängenden Gebiete mit seinen Industriegütern günstig Handel treiben. Es erhob hohe Einfuhrzölle auf Agrargüter und überschüttete zugleich Österreich mit seinen Produkten.

Um nicht außen vor zu bleiben, fuhr Franz Joseph I. 1863 nach Bad Gastein, wo sich Preußens Wilhelm I. zur Kur aufhielt. Er schlug ihm vor, dem Deutschen Bund eine neue autoritäre Führung zu geben. Doch inzwischen war in Preußen ein neuer starker Mann auf den Plan getreten, dessen erklärtes Ziel es war, die deutsche Einheit zur Not auch mit "Blut und Eisen" – sprich: durch gewaltsame Konfrontation mit Österreich – zu erreichen: Otto von Bismarck. Bismarck hielt seinen Monarchen auf Linie. Als die deutschen Fürsten in Frankfurt über den österreichischen Plan entscheiden wollten, fehlte Wilhelm und die Tagung scheiterte.

Bismarck wollte die Einheit ohne Österreich. "Der Vielvölkerstaat Österreich war ihm suspekt", so Rose. "Er hat ihn einmal als 'wurmzerfressen' bezeichnet und nie daran geglaubt, dass ein Staat, in dem zum Beispiel das ungarische, das tschechische und das polnische Volk vertreten waren, wirklich einig sein könnte."

Der Deutsche Dualismus – prägend bis heute

  • Kaiserproklamation im Versailler Spiegelsaal 1871; Rechte: akg Images Mit der Proklamation des Deutschen Kaiserreichs hatte Otto von Bismarck (Mitte) sein Ziel erreicht.

Noch einmal arbeiteten Preußen und Österreich zusammen: Im Dänischen Krieg holten sie Schleswig und Holstein von den Dänen zurück. Aber die Kooperation war nicht mehr als ein Zweckbündnis. Bismarck betrieb die diplomatische Isolierung Österreichs: Er verbündete sich mit Russland und Italien und versicherte sich der Neutralität Frankreichs. Andreas Rose: "Das ist eine Grundkonstante der Bismarck'schen Politik: mit Österreich so lange wie möglich kooperieren, es im Zweifel aber opfern."

1866 kam es schließlich zum Deutschen Krieg, in dem Italien an der Seite Preußens gegen die Staaten des Deutschen Bunds unter Führung Österreichs um Venetien und Holstein kämpfte. Am 3. Juli besiegte Preußen Österreich und seine Verbündeten bei Königgrätz. Es ist das Ende des Deutschen Bundes, der Anfang des Norddeutschen Bundes – der alle Gebiete nördlich des Mains vereinigt – und der endgültige Rausschmiss Österreichs aus Deutschland. Als schließlich 1871 in Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen wurde, reagierte Österreich mit Wehmut und Enttäuschung über das endgültige Ende des deutschen Staatenbundes, der Europas Geschicke unter Führung der Habsburger jahrhundertelang geprägt hatte.

Ein Zurück gibt es nicht mehr. Der Deutsche Dualismus und seine Auswüchse prägen Europa jedoch über seine Existenz hinaus. Der deutsche Staatenbund gilt vielen bis heute als mögliches Vorbild für Europa. "Dieser Vielvölkerstaat hat erstaunlich lange funktioniert", sagt der Historiker Rose. "Und das, obwohl es ständig Konflikte zwischen Preußen und Österreich gab."

Zumindest eine Konsequenz aus dem Deutschen Dualismus bestimmt unser politisches Leben jedenfalls noch heute: Deutschland ist ein Föderalstaat. "Während des langen Ringens zwischen Preußen und Österreich haben alle anderen 'deutschen' Staaten stets versucht, den Dualismus der beiden Großen für sich auszunutzen und auf diese Weise ihre Eigenständigkeit bewahrt." Eine Eigenständigkeit, die die heutigen deutschen Bundesländer sich bis heute erhalten haben.