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Unterricht: Voltaire et "Candide"

Unterricht

Die Sendung gliedert sich in zwei Teile: im ersten werden wichtige Stationen aus dem Leben Voltaires gezeigt: sein schneller Aufstieg zum gefeierten Poeten am Hof und in der Pariser Gesellschaft, sein Exil in Holland und England, sein Wirken am Hof Friedrichs II. in Sanssouci und sein Leben als Patriarch von Ferney.
Der zweite Teil bringt Kernszenen aus der dramatisierten Fassung des "Candide", die aus Auszügen des Originaltextes zusammengestellt wurde:

  • Kapitel 1 der Erzählung: Candide wird, weil er die schöne Baroness Cunégonde geküsst hat, aus dem Scheinparadies, dem westfälischen Schloss Thunder-ten-tronckh, vertrieben.
  • Kapitel 3: Candide erlebt den grausamen Krieg zwischen Bulgaren und Abaren.
  • Kapitel 5 und 6: Nachdem sie dem Erdbeben von Lissabon mit knapper Not entronnen sind, werden Candide und Pangloss Opfer der Inquisition.
  • Kapitel 21: Der pessimistische Philosoph Martin, Gegenfigur zum Optimisten Pangloss, belehrt Candide über die grundsätzliche Schlechtigkeit und Bösartigkeit des Menschen.
  • Kapitel 29 und 30: Candide heiratet Cunégonde und findet mit ihr und wenigen Getreuen auf einem kleinen Landgut am Ufer des Marmarameers ein bescheidenes Glück und den ersehnten Frieden ("Il faut cultiver son jardin").
Die Sendung kann ab Klasse 11 eingesetzt werden.

Einarbeitung in Epoche und Biographie

Die Unterrichtseinheit über Voltaire und Candide könnte mit der Einführung in die Epoche und die Biographie des Autors beginnen. Dazu eignet sich der Dokumentarteil der Sendung (0:00 – 10:07). Er setzt mit einem Stich von Moreau le Jeune ein, der zeigt, wie Candide in Panik vor den Schrecken des Krieges flieht. Der Stich illustriert die in der Aufführung gezeigte Szene 2 (Krieg der Bulgaren gegen die Abaren). Um auf die Aktualität Voltaires und die seiner dominierenden Themen hinzuweisen, wird der Stich in der Sendung von modernen Kriegsbildern überblendet.

Nach dem fiktiven Kurzinterview mit Voltaire sollte bei Minute 00:43 angehalten werden, um den Schülern wichtige Begriffe, die dann in "Candide" auftauchen, ins Bewusstsein zu rufen. Mögliche Fragen wären:
"Pourquoi la gravure historique est-elle suivie par des images actuelles?"
"Quels sont les mots-clés de l'interview et à quoi les images font-elles allusion?"

Die Begriffe guerre – violence – tolérance – fuite – ensanglanter – cultiver - notre - terre sollten kontrastiert werden.
Das "cultiver notre terre" taucht am Schluss in etwas abgewandelter Form im Voltaire-Zitat "J'aime à planter" wieder auf und verweist auf die praktische Lebensweisheit am Ende des "Candide".

Anschließend wird Voltaire durch Text, Musik und den Scherenschnitt in den historischen Kontext eingebettet. Perücke, Kleidung und typischer Sessel, der später nach ihm "le voltaire" genannt wird, kennzeichnen ihn als Figur des 18. Jahrhunderts. Hier sollte man kurz innehalten, um die Epoche grob zu charakterisieren ("le siècle des lumières", politische Lage: Siebenjähriger Krieg, Bündnissituation Preußen-Frankreich) und Voltaire als eine ihrer herausragendsten Gestalten zu würdigen, der dem Jahrhundert seinen Namen gab ("le siècle Voltaire").

Mit dem Hinweis auf Voltaire als "le défenseur des droits de l'homme et de la libre pensée" könnte nochmals auf die aktuelle Bedeutung des Autors aufmerksam gemacht und so die Neugier der Schüler stimuliert werden. Eventuell Robert Minders Hinweis, dass Voltaire stets in Zeiten des Krieges und sozialer Erschütterungen gelesen werde.

Bevor der Dokumentarteil dann als Ganzes gezeigt wird, sollten die Schüler Arbeitsblatt 1 (Biographie) in die Hand bekommen, um während des Sehens oder im Anschluss die fehlenden Schlüsselwörter zu ergänzen. Zu diesem Zweck kann die Vorführung des Films auch mehrmals kurz unterbrochen werden.

Leitmotivartig sind Alleen, Waldwege, Wellen und Fluss zu sehen, die auf Voltaires ständige Flucht vor der Staatsgewalt hinweisen. Die Schlösser (Cirey, Sanssouci, Les Délices und Ferney) sind dagegen die Ruhepole. Wichtig auch die Portraits der Frauen, die in seinem Leben eine Rolle spielten: Pimpette (an sie soll das hübsche junge Mädchen erinnern, das in das Den-Haag-Bild eingeblendet ist) Emilie du Châtelet und Mme Denis.

Der Sendungstext weist in leicht ironischer Form immer wieder darauf hin, dass Voltaire eine "pension" gewährt wurde. Der Dichter war ein schwerreicher Mann – Geld war ihm Mittel zur Unabhängigkeit. Die bereits genannten Schwerpunkte könnten mit Hilfe von inhaltsbezogenen Fragen, die auch überprüfen, inwieweit das Gehörte verstanden wurde, herausgearbeitet und an der Tafel festgehalten werden. Hilfreich wäre es auch, den Schülern nach Anschauen des Dokumentarteils die dort zitierten Voltaire-Sätze (Citations) in die Hand zu geben.

Zu den Theaterszenen:

Zunächst müsste den Schülern erklärt werden, dass die beiden Schauspieler jeweils mehrere Personen der Erzählung verkörpern. Schauspieler B übernimmt zwar durchgehend den Part von Candide, schlüpft aber auch in die Rolle des Inquisitionsmitglieds und hat wie A Erzählerfunktion. A spielt die Philosophen Pangloss und Martin sowie Nebenfiguren (z. B. le bon vieillard turc).

In einem ersten Durchgang sollten die fünf Szenen hintereinander gezeigt werden. So können die Schüler den Fortlauf der Handlung verfolgen, die prägnante, zwischen Ironie, Sarkasmus und Pathetik wechselnde Sprache Voltaires auf sich wirken lassen und die exzellente Kunst der Schauspieler genießen. Eventuell könnte man vor Abspielen der Szenen die Leitfrage stellen: "Quels sont les événements et les idées essentielles de la vie de Voltaire qui se reflètent dans les scènes de Candide?" . Oder man händigt dazu das Arbeitsblatt 3, Voltaire et Candide, aus und lässt es von einer Gruppe von Schülern nach und nach ausfüllen.

Die folgenden Aufgaben können teilweise auch mit Hilfe von Arbeitsblatt 2 in Einzel- oder Gruppenarbeit erledigt werden.

Szene 1 und 5

In einem zweiten Durchgang sollten Szenen 1 und 5 nacheinander angeschaut, verglichen und folgende Interpretationsschwerpunkte herausgearbeitet werden:

Zu Szene 1:

  1. Le portrait de Candide (sa candeur, sa naïveté, son zèle etc)
  2. Le château de Thunder-ten tronckh = un paradis illusoire
  3. La signification symbolique de la première scène = une parodie de la chute originelle
  4. La fonction de la première scène dans la structure du conte:

    a) Sur le plan romanesque: Elle ouvre le pèriple (
    Rundreise) du héros picaresque dont les buts sont 1.) la quête de la bien-aimée et 2.) la quête de paix et de bonheur

    b) Sur le plan philosophique: la réfutation (
    Zurückweisung) de l'optimisme


Bei Szene 5 sollten folgende Gesichtspunkte erarbeitet werden:

  1. Candide – ein Entwicklungsroman (un roman d'apprentissage)

    "Quel changement s'est opéré dans l'attitude de Candide si on se reporte à la première scène?"

    – il a développé son esprit critique
    – il a trouvé son identité car il a pris la décision finale lui-même
    – il dirige la petite communauté

  2. La métairie de Propontide:

    "Quelle est la signification des deux rencontres avec le derviche et le bon vieillard?"

    "Sur quelles valeurs se fonde l'existence de la petite communauté dans le jardin?"

  3. Die Bedeutung der métairie als

    – "utopie réelle"

    – Absage an eine idealistische und finalistische Philosophie, statt dessen Propagierung
    der bürgerlichen Werte des individuellen Verdienstes durch Arbeit (Hinweis: "au cours
    du 18·siècle, la notion du travail change.
    Le travail n'est plus un joug, mais libère les
    hommes et les rend heureux.")

    – Rückzug in den privaten Bereich, wo sich alle Getreuen außer Pangloss positiv
    entfalten.

    – Parallele ziehen zu Voltaires Leben in Ferney.

Hier oder auch am Schluss der Unterrichtseinheit böte sich auch eine Diskussion über die von Voltaire vorgeschlagene Lebenskonzeption an. Z.B.:

– Gilt sie noch heute, wo Arbeit nicht mehr ein selbstverständliches Grundrecht ist?
– Macht Arbeit den Menschen glücklich und frei?
– Welche anderen Werte können heute an die Stelle der Arbeit treten?

Wichtig ist Voltaires Schlusssatz "Il faut cultiver notre jardin", da er damit die philosophische Basis für einen ökonomischen Liberalismus schafft.

Szene 2 und 3

Dann werden die Szenen 2 und 3 vorgeführt. Sie haben das Ziel, Leibniz' Optimismus-Lehre ad absurdum zu führen. Das geschieht in Szene 2, indem Voltaire Sinnlosigkeit und Grauen des Krieges (= "boucherie héroϊque") darstellt und seine Auswirkungen auf Soldaten und Zivilbevölkerung zeigt. Hier kann man einmal wieder auf die Aktualität von Voltaires Anprangerung der Kriegsgräuel hinweisen, andererseits Bezug auf die Biographie nehmen.

Gut eignet sich Szene 2 auch für eine Stiluntersuchung, wobei auch das Bild mit einbezogen wird:
"Observez la minique, les gestes et l'intonation des acteurs et relevez les contrastes entre le début (<Rien n'était si beau ...>) et la suite de la scéne." (<C'était un village abare …>)"
Der Gegensatz zwischen dem "ton badin, léger et ironique" des Anfangs und der anschließenden "description réaliste et pathétique" wäre herauszuarbeiten. Während Szene 2 mit der Darstellung des Krieges ein Beispiel für "le mal en morale" gibt (Voltaire übernimmt diese Unterscheidung von Leibniz), bringt Szene 3 ein Beispiel für "le mal en physique", die Naturkatastrophen. Deren schrecklichste war für ihn das Erdbeben von Lissabon, das er in dieser Szene des Candide darstellt und das ihn zum "Poème sur le désastre de Lisbonne" inspirierte. Der zweite Teil der Szene bringt mit der Darstellung von Inquisition und "autodafé" wieder ein Beispiel für "le mal en morale". Um eines seiner wichtigsten Ziele, das "Ecrasez l'infâme!" zu verwirklichen, zieht Voltaire hier alle Stilregister. Man sollte die Schüler Beispiele für "ironie, humour noir, euphémismes, burlesque" zitieren lassen.

Szene 4 und Inszenierung

Mit der Aufforderung, das Verhalten von Pangloss in dieser Szene zu beschreiben ("sans pitié, il ne fait que parler au lieu d'agir"), könnte man zu Szene 4 überleiten und den pessimistischen Manichäer Martin, den "Anti-Pangloss", mit dem Vertreter der Optimismus-Lehre, den Voltaire als Karikatur gestaltet, vergleichen. Hinzuweisen ist auch auf den Einfluss von Martin auf die geistige Entwicklung von Candide, der in dieser Szene erstmalig die Existenz des Bösen eingesteht. Am Schluss könnte man mit den Schülern über die Art der Inszenierung (Musik, Bühnenbild, Requisiten, Bedeutung der Papierschiffchen etc.) und über die Frage, ob sie dem Charakter des Romans gerecht wird, diskutieren. Die Szenen regen natürlich auch zum Nachspielen an.