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Hintergrund: Molière

L'Illustre théâtre en province

Zu Beginn der Sendung begegnen wir Molières Truppe auf einem Dorfplatz in dem südfranzösischen Provinzstädtchen Pézenas kurz vor einer Aufführung. Bei der improvisierten Probe übt ein Schauspieler seine Rolle, ein anderer bereitet eine Bühne vor, während Madeleine die kleine Armande badet (die später Molières Frau werden wird). Molière sitzt auf den Boden und arbeitet, ist aber offenbar unzufrieden.

Wir befinden uns im Jahre 1658. Zu diesem Zeitpunkt hatte Molière bereits zwei mehrwöchige Gefängnisaufenthalte in Paris wegen Überschuldung seiner Truppe, eine heimliche Flucht aus der Hauptstadt und eine dreizehnjährige Tournee durch praktisch alle Gegenden Süd- und Südwestfrankreichs sowie nach Rouen hinter sich. Molières Ensemble stand dabei in der Regel unter der Protektion des jeweiligen Landesherrn, konnte meist ungestört spielen und wurde oft reichlich entlohnt. Die Einkünfte der Truppe schwankten, umgerechnet nach heutiger Kaufkraft, zwischen circa € 600 für eine Vorstellung bis hin zu € 40.000 für ein längeres Gastspiel. Von diesem Geld wurden allerdings sämtliche Kosten (Dekoration, Kostüme, Personal, etc.) bestritten. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Molière in dieser Zeit im Wesentlichen ohne finanzielle Sorgen war. Probleme hatte seine Truppe eher mit engstirnigen Beamten und theaterfeindlichen Klerikern.

Molières Truppe hatte damals ein Repertoire von etwa einem halben Dutzend Farcen meist im Stile der italienischen "Commedia dell 'arte", in die Molière aber im Laufe der Zeit zunehmend eigene Ideen einbaute. Nachdem Molière seine Unzufriedenheit über diese Art von Theater, aber auch über das ungebildete Provinzpublikum geäußert hat, folgt eine Szenenprobe aus der Farce "Le médecin volant".

  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Eingangsszene "L'Illustre Théâtre en province"

  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Zwischenspiel "L'Illustre Théâtre en province"

Le médecin volant

Diese noch ganz in der Tradition der Stegreifkomödie stehende Farce, eigentlich ein Plagiat, thematisiert noch nicht, wie in einigen späteren Stücken, den Umgang des Arztes mit seinem Patienten, sondern ist reines Theater, Spiel, Mimik, derbe obszöne Gestik, und noch ohne großen literarischen Anspruch. Das Stück war aber seinerzeit wohl recht beliebt und wurde später in Paris zwischen 1660 und 1664 noch 15 Mal aufgeführt.

Es geht Molière nicht darum, das Versagen der Ärzte oder ihre Pedanterie anzuprangern. "L'intérêt de la pièce est ailleurs. Cette farce est un curieux exercice de voltige par quoi un acteur peut apprendre à connaître les dimensions d'un plateau de théâtre, les entrées et les sorties rapides, les déguisements multiples et presque simultanés, les jeux de scène les plus extravagants. La pièce est entraînée à une cadence qui va s'accélérant et s'écarte de plus en plus du vrai … Dans le "Médecin volant" nous repérons la présence d'un meneur de jeu en ce Sganarelle derrière qui se devine le comédien Molière." (Zitiert nach: "Œuvres complètes de Molière", ed. R. Jouanny, Edition Garnier Frères, Paris 1962, tome 1, p.4.) Molière hat in späteren Aufführungen lieber die Rolle des seriöseren Gorgibus gespielt und nicht mehr die des Sganarelle, da er eine Abneigung gegen diese Art von Farcen und Rollen hatte.

In dem kurzen Szenenausschnitt kündigt Sabine ihrem Onkel Gorgibus die Ankunft des weltberühmten Arztes Sganarelle an, der dessen Tochter Lucile heilen soll. Die komische und deftige Körpersprache der Schauspieler macht das gesprochene Wort zweitrangig, und außer einer haarsträubenden Banalität gibt der "Arzt" nichts von sich, was ihm Respekt verschaffen könnte. Hier endet die gespielte Szene.

Im weiteren Verlauf des Stücks wird sich herausstellen, dass der "Arzt" Sganarelle zwar wegen "Arbeitsüberlastung" das Schreiben verlernt hat, jedoch vorzüglich Latein spricht. Der Zuschauer erfährt, dass der "Arzt" Sganarelle in Wirklichkeit der Diener eines gewissen Valère ist, der es auf Gorgibus' Tochter abgesehen hat. Sganarelles "Therapie" für die "kranke" Lucile wird denn auch in ausgedehnten Spaziergängen im Garten bestehen, damit diese ungestört vom Vater ihren Liebhaber Valère treffen kann. Zwar wird Sganarelle am Ende vom Diener des Gorgibus als Betrüger entlarvt, aber Gorgibus stimmt letztlich der Heirat seiner Tochter mit Valère zu. Sganarelle hat durch seine List Lucile einen Ehemann verschafft, "un partie sortable pour elle, tant pour la naissance que pour ses biens" (Szene 15), und Gorgibus kann einer Verbindung seiner Tochter mit diesem "brave gendre" (Szene 16) nichts mehr entgegenhalten. Die vorgeführte Szene löst also den Mechanismus aus, nach dem das ganze Stück "wie geschmiert" abläuft. Die Komik der Szene beruht natürlich für den Zuschauer auch darauf, dass er die Maskerade durchschaut und so über die "unwissenden" Figuren lachen kann. Dies ist ja ein Grundprinzip von komischen Theatersituationen überhaupt.

L'Illustre Théâtre en province - Fortsetzung

Es folgt eine weitere kurze Szene aus dem Leben Molières, in der er seine Zukunftspläne offen legt: "richtige" Theaterstücke schreiben und spielen, Tragödien gar (damals im Ansehen die der Komödie überlegene Gattung), gereimt und in Versen, und das Ganze in Paris. Madeleine unterstützt seine Idee, und die Truppe beschließt, noch im gleichen Sommer nach Paris zu ziehen, um in einem richtigen Theater zu spielen und möglichst vor dem König. Molière erscheint hier als der Leiter der im Prinzip sehr demokratisch organisierten Truppe. Er bestimmt die Richtlinien – auch in der Zukunft. Die Kühnheit seiner Pläne ist die Grundlage für seinen Erfolg.

Zwischenspiel : Les précieuses ridicules

Wir befinden uns im Jahr 1659, Molière ist jetzt 37 und seit einigen Monaten in Paris im Saal des Petit Bourbon etabliert. Neben der Bühne sitzt ein als Frau verkleideter Schauspieler und schminkt sich mit einem Handspiegel. In der Tat mussten damals Männer häufig Frauenrollen übernehmen, unter anderem auch deshalb, weil immer wieder weibliche Mitglieder von Theatergruppen wegen Schwangerschaft nicht spielen konnten.

Madeleine und Molière diskutieren über ein mögliches Verbot des neuesten Stückes, "Les précieuses ridicules". Während es für Molière nichts als eine liebenswerte Farce über das übertriebene Sprachverhalten und das anmaßende Besserwissertum der falschen Preziösen ist, befürchtet Madeleine die massive Anfeindung seitens des eleganten Paris und der Salons. Der Schauspieler mischt sich ein und gibt seiner Befürchtung Ausdruck, das gebildete Pariser Publikum mit einem solchen Stück nicht amüsieren zu können. Ferner ist ihm der Gedanke ungeheuerlich, eine Preziöse zu spielen. Aber auch in dieser Szene setzt sich Molière durch und besteht auf der Aufführung seines Stückes.

  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Zwischenspiel zu "Les Précieuses ridicules"

  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    "Les précieuses ridicules"

Exkurs: Die Preziosität

Die Preziosität war eine weitverbreitete barocke Erscheinungsform im Europa des frühen 17. Jahrhunderts. In England war sie unter der Bezeichnung Euphuismus, in Spanien als Gongorismus (nach seinem Erfinder, dem Dichter Louis de Gongora y Argote) und in Italien als Manierismus bekannt. Die Preziosität in Frankreich nahm ihren Ausgang im blauen Salon der Marquise de Rambouillet, wo sich regelmäßig oft exotisch und extravagant gekleidete, geistig interessierte Zeitgenossen (darunter viele Damen) von ganz unterschiedlicher Herkunft, Stand, Vermögen und Religion trafen. Man wollte das gesellschaftliche Leben reformieren, denn durch die Bürgerkriegswirren der Fronde war eine Verwilderung der gesellschaftlichen Sitten und Gepflogenheiten, die auch das Theater betraf, eingetreten.

Bildungshungrig und auf raffinierte Umgangsformen bedacht, wurde in den Salons gedichtet (oft an einem Abend 25 Madrigale zu ein und demselben Thema), gereimt, geistreich geplaudert, Literatur- und Theaterkritik betrieben und gescherzt. Allerdings barg diese Lebensform, in der Überhöhung, Stilisierung Schwulst Trumpf waren, stets die Gefahr in sich, in leerem Pomp und sinnlosen Phrasen zu erstarren. So führte das Bemühen der Preziösen oft zur Perversion eben der Sprache, die sie eigentlich kultivieren wollten. Die einfache, direkte Sprache der Bürger wurde zugunsten hochgeschraubter Wendungen (meist zusammengesetzter Wörter) zurückgedrängt: "le nez" wird so zum Beispiel zu "ècluses du cerveau", "le balai" zu einem "instrument de la propreté". Allerdings haben die Preziösen, zu denen auch literarische Größen der Zeit wie Malherbe, La Rochefoucault, Bossuet und sogar Corneille eine lockere Beziehung unterhielten, sich zum Teil durchaus Verdienste um die Verfeinerung der Sitten erworben und sich um die Durchformung der Dichtersprache verdient gemacht.

Molière verspottet in seiner Komödie unter anderem dieses übertriebene schwülstige Sprachverhalten, vor allem auch, weil die preziöse Sprache bald in einer Reihe bürgerlicher Salons imitiert wurde und dadurch noch lächerlicher wirkte. In den "Précieuses ridicules" zieht er seine dem Publikum wohlbekannten Personen in eine farcenhafte Atmosphäre und in eine Reihe unglaublicher Situationen, voll von überraschenden Theatercoups, Verkleidungen und Verwechslungen. Doch hinter der komischen Übertreibung steht eine genaue Bestandsaufnahme der Sitten seiner Zeit. Gleichzeitig mit dem Lachen versucht Molière, seinem Publikum die Augen zu öffnen und es zum Nachdenken anzuregen. Er kritisiert nicht die echt um eine Bereicherung und Verfeinerung von Sprache Bemühten, sondern deren Nachahmung durch Unbedarfte. Molières Sinn für maßvolles Handeln verbietet jeglichen Exzess. Die Premiere des Einakters am 18. November 1659 wird ein außergewöhnlicher Erfolg. Das Stück wird aber sofort abgesetzt (vielleicht ein Reklametrick?) und zwei Wochen später bei verdoppelten Eintrittspreisen weitergespielt (vgl. Friedrich Hartau, "Molière“, rororo, Reinbek b. Hamburg, 1976, Seite 43).

Les précieuses ridicules

Es folgen die Szenen 5 und 6 aus "Les précieuses ridicules". Ein Menuett erklingt. Links und rechts stehen Statuen. Ein Mann schläft in einem Reisekoffer. Es handelt sich um Gorgibus, den Vater von Magdelon bzw. den Onkel von Cathos. Beide Damen, bürgerlich, provinziell und mit preziösen Ambitionen, sollen nach dem Willen von Gorgibus mit zwei ihnen nicht genehmen Edelmännern verheiratet werden. In ihrer maßlosen Selbstüberschätzung hoffen sie gar auf die Enthüllung einer "naissance plus illustre" (Szene 5). Die von ihrer sehr bodenständigen Dienerin Marotte zu Beginn der Szene 6 angekündigte Aufwartung eines gewissen Marquis de Mascarille versetzt beide in äußerstes Entzücken: sie sind in höchsten Kreisen bekannt! Lächerlich schwülstige Sprechweise und affektierte Eitelkeit bestimmen die kurze Szene, ehe der Marquis auftritt, wobei die Dienerin Marotte vor allem von Magdelon ständig in Sprache und Benehmen korrigiert wird.

Was die beiden Preziösen nicht wissen: Der "Marquis" ist ein verkleideter Lakai der beiden abgewiesenen Edelmänner und soll deren Rache inszenieren. Am Ende der turbulenten Komödie wird Mascarille entlarvt und samt den inzwischen eingetroffenen Eheanwärtern, Freunden und Geigenspielern, die alle im Hause des Gorgibus einen improvisierten Ball veranstalten, vom entsetzten Hausherrn höchstpersönlich verjagt. Ein handfester Skandal! Die Schande verlangt, dass Magdelon und Cathos sich für immer verstecken. Ihre Hirngespinste und Affären haben Gorgibus und sein Haus vor aller Welt lächerlich gemacht.

Die literaturgeschichtliche Bedeutung des Stücks liegt darin, dass Molière archetypische Farcen-Elemente der Italiener an französische Elemente assimiliert und damit einen Spielraum für die Gesellschafts-Satiere, die "comédie de mœurs", eröffnet hat.

Zwischenspiel: L'école des femmes

Wir schreiben das Jahr 1662. Molière ist 40 und frisch mit der zwanzig Jahre jüngeren Armande verheiratet. In der Szene arbeitet er offenbar an der "École des femmes", einer gereimten und in Alexandrinern verfassten Sittenkomödie. Armande macht einem Schauspieler schöne Augen. Während dann Armande mit Molière Details des neuesten Stückes diskutiert, ergehen sich die beiden anwesenden Schauspieler in Mutmaßungen über Armandes (Un)treue und den Fortbestand von Molières Ehe. Molière besteht darauf, eine Szene – es ist die folgende – genauso zu spielen, wie er sie verfasst hat. Er kann in ihr, im Gegensatz zu gewissen Frömmlern, Prüden und Tugendheuchlern, keinerlei Skandale entdecken. Es folgt die betreffende, stark gekürzte Szene (Akt II, Szene 5), dargestellt als Theaterprobe.

L’école des femmes

Der schon leicht angegraute Arnolphe hat sein blutjunges Mündel Agnès in völliger Unwissenheit aufgezogen, damit sie, wenn er sie einmal geheiratet hat, nicht auf die Idee kommen soll, ihn zu betrügen. In unserer Szene erzählt Agnès in aller Unschuld von ihrer Begegnung mit dem jungen Horace, bei welcher sie die Liebe entdeckt hat.

Im weiteren Verlauf der Komödie wird Agnès' natürliche Liebe über Arnolphes unvernünftige und egoistische Bevormundung siegen, wobei Horace Arnolphe zu seinem väterlichen Vertrauten macht, ihm von seinen Fortschritten bei Agnès berichtet und ihm somit das Leben zur Hölle macht. Am Ende taucht wunderbarerweise Agnès' totgeglaubter Vater auf, und Arnolphe muss der Heirat seines Mündels mit Horace zustimmen.

Molière greift hier das Thema der weiblichen Erziehung auf, und während Arnolphe eine lebenswahre und differenzierte Charaktergestalt mit tragikomischen Zügen ist, verzichtet Molière weder auf komische Effekte noch auf ein furioses Finale. Es siegen Schläue, Klugheit, Natürlichkeit und gesunder Menschenverstand über den verbohrten Egoismus und die Weltferne des misstrauischen und moralpredigenden Arnolphe: Der sich für besonders listig und klug Haltende ist am Ende der Angeschmierte.

Für Molière ist die Frau nicht nur Mutter. Sie hat ein Recht auf Erziehung und Ausbildung. Sie soll ihr Leben an der Seite ihres Mannes als gleichberechtigte Partnerin gestalten können. Mit dieser Ansicht stellt sich Molière gegen die zeitgenössischen Moralvorstellungen der Kirche, nach denen die Frau, einmal verheiratet, sich von der Welt abzusondern hat und weder das Recht auf eine eigene Persönlichkeit noch auf eine eigene Meinung besitzt. An der Kritik an der "École des femmes" seitens der Kirche wird sich Molière später mit seinem "Tartuffe" rächen.

Die "École des femmes", uraufgeführt am 26. Dezember 1662, ist ein Skandalerfolg. Zum Glück erfreut sich der Verfasser der Gunst des Königs, der ihn vor Adel, Klerus und Rivalen in Schutz nimmt und ihm mit dem Palais Royal, dem damals größten Theatersaal Europas, eine eigene Bühne zugewiesen hat.

Zwischenspiel Dom Juan

1665 – Knapp drei Jahre später. Die Bühne ist leer, die Kronleuchter heruntergelassen. Molière hat inzwischen beträchtliche Erfolge erzielt und kann eine stattliche Pension vom König erwarten. Allerdings steht noch immer die königliche Genehmigung zur Wiederaufführung des "Tartuffe" aus, der bekanntlich wegen "kirchenfeindlicher Tendenzen" nach der ersten Vorstellung abgesetzt worden war. Hatte bereits die kritische Verspottung der frömmelnden Mädchenerziehung der "École de femmes" in bigotten und klerikalen Kreisen für Furore gesorgt, so brachte Molière im "Tartuffe" mit seiner Bloßstellung der religiösen Heuchelei und des ausbeuterischen Parasitentums pseudoklerikaler Hochstapler als ein Hauptübel der Gesellschaft Kirche und "Dévots" gegen sich auf.

Molière ist verbittert, denn er kann nicht begreifen, dass der König ein Stück verbietet, über das er so herzlich gelacht hat. Was aber Molière nicht weiß: vielleicht musste Louis XIV der Kirche dieses Zugeständnis machen, um nicht von ihr wegen seines unmoralischen Lebenswandels und seiner offenkundigen Leidenschaft für seine Maitressen mit dem Kirchenbann belegt zu werden (vgl. Friedrich Hartau, "Molière", rororo, Reinbek b. Hamburg, 1976, Seite 80).

Molière ist sich der Brisanz seiner Stücke voll bewusst, und auch der gerade entstehende "Dom Juan" ist sicher weitgehend ein Produkt von Molières Stimmungslage, in der er Gott und die Welt verfluchen könnte. Die Figur des Dom Juan dient Molière gewissermaßen als Ventil, um seine Wut und seine Frustration abzulassen. Einwände seitens der anwesenden Schaupieler oder der Kirche lässt er nicht gelten. Er hat beschlossen, die Kirche fortan zu ignorieren: "C'est une affaire entre le ciel et moi."

Dom Juan

Unter Donnergrollen gehen Dom Juan und sein Diener Sganarelle durch einen unheimlichen Wald und gelangen zu einer Art Kirche, in der – unter Orgelmusikbegleitung – ein weißgepudertes Standbild erscheint, das der Komtur hatte errichten lassen, ehe er von Dom Juan in einem Duell umgebracht wurde. In der hier gespielten Szene (Akt II, Szene 5) wird der Komtur zuerst von Sganarelle unter dem Zwang seines Herrn und dann von Dom Juan persönlich zum Essen eingeladen. Das Standbild nickt zustimmend, und am Ende des Stückes wird es Dom Juan seine steinerne Hand geben und ihn in einen flammenlodernden Abgrund führen.

Molières Dom Juan ist nicht mehr ein bloßer Frauenjäger wie in zahlreichen früheren Bearbeitungen des Stoffes, sondern seine Erotik ist Raffinesse und Lasterhaftigkeit, und seine Grundeinstellung ist zutiefst unmetaphysisch und antireligiös. Neben rhetorischer Gewandtheit, Mut und Kühnheit verleiht ihm Molière die Züge eines vollkommen verderbten Zynikers, der sich nach außen hin sittlichen und religiösen Vorschriften unterwirft, nur um insgeheim seinen verwerflichen Neigungen nachzugehen.

Zeigen die beiden ersten Akte Dom Juan in einem Stadium, in dem die Welt nicht groß genug ist, um seine Bedürfnisse, Launen und Instinkte zu befriedigen, so stehen die Akte III und IV ganz im Zeichen des "libertin", der mit Familie, Gesellschaft und Gott bricht, indem er einen umfassenden Skeptizismus zur Schau trägt, auf den er sein Recht gründet, das Leben zwanglos zu genießen. Der Korruptheit der Sinne folgt die Korruption des Geistes. Im Verlauf des letzten Aktes nimmt Dom Juan Zuflucht zur Heuchelei, um sich aus seinen vielfältigen Verstrickungen zu retten, was ihm allerdings nicht gelingt, da er durch das Auftauchen des Komturs seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Durch das Eingreifen des Überirdischen (Gespenst, Blitz und Donner) – eigentlich Elemente des Barocktheaters – wird Dom Juan gestoppt, sonst könnte er (wie auch Tartuffe) sein Spiel hinter der Maske ungestört weitertreiben. Nach 15 zensierten Aufführungen und einer wochenlangen heftigen Polemik wird das Stück abgesetzt und zu Lebzeiten Molières auch nie gedruckt.

Zwischenspiel : Carnaval et maladie

Das letzte Zwischenspiel zeigt einen kranken Molière. Wir schreiben den 17. Februar 1673. Seit einem Jahr ist Madeleine tot. Es ist die Zeit des Karnevals. Molière steht am Fenster seiner Wohnung in der Rue Richelieu. Es schneit. Man hört von der Straße Karnevalsmusik. Schemenhaft ziehen draußen Figuren vorbei. Molière hustet stark. Armande bringt ihm eine heiße Suppe. Zusammen mit einem anwesenden Schauspieler versucht Armande, Molière davon abzuraten, an diesem Abend zu spielen. Der König werde sowieso nicht kommen, denn er interessiere sich inzwischen für Racine und Lully. Obwohl Molière am Ende seiner Kräfte ist, muss er spielen, damit die Vorstellung nicht ausfällt und seine Truppe ihren Lohn erhält.

Molière wird wie bei den vorangegangenen drei Aufführungen des "Malade imaginaire" den eingebildeten Kranken spielen, und in einer Art tragischen Selbstironie schlüpft er in die Rolle Argans und zitiert eine der Passagen, die er gegen Ende des Stückes sagen wird, als er sich tot stellen muss, um die wahre Einstellung seiner Frau und seiner Tochter zu erfahren: "Je me demande parfois s'il n'y a pas quelque danger à contrefaire le mort." (Akt III, Szene 11). Doch dieses Mal wird die Wirklichkeit den Komödianten einholen: Molière stirbt noch am selben Abend, unmittelbar nach der Aufführung, in seiner Wohnung.

Die Kirche wird eine religiöse Bestattung in "geweihter Erde" zunächst untersagen. Nur durch die energische Intervention eines mit Molière befreundeten jansenistischen Pfarrers, der mit einer dringenden Bittschrift an den Erzbischof von Paris schließlich eine Art christliches Begräbnis erreicht, wird Molière vier Tage später, des nachts, ohne Glocken und Gebete, im schweigenden Beisein einiger Priester und in Anwesenheit seiner Kollegen, Verwandten und Freunde, in einem mit dem Emblem der Tapezierer-Zunft geschmückten Sarg auf dem Friedhof neben der Kirche St. Eustache begraben.

Le malade imaginaire

In der letzten Szene der Sendung erleben wir Argans findige Dienerin Toinette, die sich als Arzt verkleidet, um ihren Herrn zu "untersuchen". Toinette tritt hier als "médecin passager" auf, als einer jener fahrenden und skrupellosen Quacksalber und Wunderheiler, die in der damaligen Zeit von Ort zu Ort zogen, Diagnosen stellten und Therapien einleiteten oder vollzogen, um dann nach Abkassieren ihres meist reichlichen Salärs so schnell wie möglich zu verschwinden.

Formal gesehen kann die Szene als Parodie auf eine ärztliche Untersuchung gelten, inhaltlich ist sie Teil einer breitangelegten Strategie Toinettes, mit deren Hilfe sie – im Verbund mit Argans Bruder Béralde – Argans Wahn korrigieren, ihn von seinem geldgierigen Apotheker und seinen ausbeuterischen Ärzten samt dem Diafoirus-Clan befreien und so seine Tochter Angélique ihrem geliebten Cléante zukommen lassen will.

Wie im "Médecin volant" zu Beginn der Sendung handelt es sich auch hier um eine Maskerade, um ein Spiel im Spiel, um Theater im Theater. Doch während im erstgenannten Stück der Akzent eher auf possenhafter Unterhaltung des Publikums liegt, weist hier die Verkleidung über sich hinaus: Sie dient als Kritik sowohl an der arroganten Skrupellosigkeit der Ärzte wie auch an der Leichtgläubigkeit der Patienten, die durch entsprechende Kleidung und Sprachfertigkeit geblendet bzw. eingeschüchtert werden.

Am Ende des "Malade imaginaire" werden die von Molière propagierten Eigenschaften des "aufgeklärten" Zeitgenossen siegen: natürliches und maßvolles Handeln in freier Selbstbestimmung, Gebrauch der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes, Mut und Ausdauer statt Resignation und Selbstmitleid. Selbst wenn die Hauptperson Argan diese Lektion wahrscheinlich nicht begriffen hat, so wird doch im gesamten Stück die Botschaft Molières deutlich.

Die letzte Einstellung zeigt einen kranken und apathischen Argan alias Molière auf seinem Sessel, der das Zentrum seiner Welt gewesen war. Die Kamera fährt in die Totale und unterstreicht so noch einmal sinnfällig Molières Vereinsamung.

Literaturhinweis

Friedrich Hartau: "Molière"
rororo, Reinbek b. Hamburg, 1976 Eine gut lesbare und sehr informative Biographie über Moliere
Klaus Frank: "Molière, Le Malade Imaginaire im Kontext des 17. Jahrhunderts"
Stuttgart 1985 (LEU Heft F 19) Eine französischsprachige Fundgrube vor allem für Molières Leben, das politische, gesellschaftliche und kulturelle Umfeld sowie das klassische Theater Frankreichs