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Hintergrund: Exkurs evolutionäre Medizin

Der Mensch ist ein lebendes Archiv seiner eigenen Vergangenheit. Seit der Steinzeit jedoch haben sich die Biologie und der Grundbauplan unseres Körpers nicht wesentlich verändert. Wir sind für ein Leben als aktive Jäger und Sammler ausgerüstet und an die Umweltbedingungen aus längst vergangenen Zeiten, mit knappem Nahrungsangebot, angepasst. Viele der altbewährten Eigenschaften passen aber nicht mehr so richtig in unser komfortables Dasein des 21. Jahrhunderts. Der Mensch hat seine Umwelt und Lebensweise so rasant verändert, dass der Umbau des Körpers nicht mithalten konnte. Sowohl Krankheit als auch Gesundheit des Menschen als Ergebnis unserer Urgeschichte zu sehen, hat sich die „Evolutionäre Medizin“ zur Aufgabe gemacht. Das Wissen um evolutionär bedingte Schwachstellen unseres Körpers, so hoffen Vertreter dieses noch relativ jungen Forschungsgebietes, ist eine wichtige Voraussetzung zur Prävention und ein erster Schritt auf dem Weg zur Heilung vieler Erkrankungen.

(Quelle: Peter Andreas Schmidt)

Mediziner finden immer wieder Verbindungen zwischen bestimmten Krankheiten und unserer Stammesgeschichte

Blinddarm - ein Relikt der Evolution

Dreieinhalb Milliarden Jahre Evolution haben den Menschen nicht nur hervorgebracht, sondern auch geprägt. Noch ist unsere Entwicklung nicht zu Ende, an der Geschichte des Lebens wird vielleicht noch lange weiter geschrieben werden. Evolution bedeutet allerdings nicht Perfektion: So besteht unser Körper aus vielen Kompromissen, die auf der einen Seite zwar nützlich sind, auf der anderen Seite aber auch Probleme mit sich bringen können. So verhalf etwa der aufrechte Gang dem Menschen zu vielerlei Möglichkeiten beim Nahrungserwerb, zugleich belastet er die Wirbelsäule und verursacht Rückenschmerzen. Außerdem gibt es Organe, die heute scheinbar funktionslos sind, sie sind im Laufe unserer Entwicklung verzichtbar geworden. Der Blinddarm etwa ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten als unsere Vorfahren zähes Pflanzenmaterial verdauen mussten. Noch heute besitzen Pflanzenfresser wie Pferde oder Kaninchen einen großen Blinddarm, wo Bakterien die Fasern aufspalten. Für die menschliche Verdauung ist der Blinddarm nicht mehr wichtig, er ist sehr klein, etwa neun Zentimeter lang, und endet im so genannten Wurmfortsatz, der sich allerdings entzünden, dafür aber problemlos und ohne Auswirkungen operativ entfernt werden kann.

Forscher haben jedoch festgestellt, dass der Wurmfortsatz für Menschen in Entwicklungsländern durchaus noch eine wichtige Rolle spielen kann: So dient er bei Durchfallerkrankungen als Refugium für wertvolle Mikroben. Werden bei einer Infektion die Mikroorganismen der Darmflora zerstört und ausgeschieden, kann der Darm von den im Wurmfortsatz zurückgebliebenen nützlichen Bakterien wieder neu besiedelt werden.

Bluthochdruck - Urgeschichte einer Zivilisationskrankheit

Zu den heute häufigsten Todesursachen zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ausgelöst vor allem durch zu hohen Blutdruck und zu viel Fett im Blut. Forscher vermuten, dass sich einst bei unseren Vorfahren der Blutdruck erhöhte, um den aufrechten Gang zu gewährleisten, bei dem das Blut gegen die Schwerkraft nach oben gepumpt werden muss, damit das Gehirn ausreichend Sauerstoff erhält. Die ersten Jäger und Sammler der Gattung Homo waren in Afrika zu Hause, wo sie Hitze und Trockenheit standhalten mussten: sie verloren viel Schweiß und damit zugleich lebenswichtige Salze. Ihr Organismus war darauf eingestellt, dass der Blutdruck nicht fallen darf, ihre Nieren waren an eine sehr geringe Menge Salz gewöhnt. Evolutionär ist unser Körper darauf geeicht, einen möglichen Mangel an Wasser und Salz nachhaltig zu regulieren. Tatsächlich jedoch essen wir heute vergleichsweise viel Salz und schwitzen (mangels Bewegung) verhältnismäßig wenig. Die heutige salzreiche Ernährung kann jedoch dazu führen, dass zu hohe Salzkonzentrationen im menschlichen Körper nicht mehr ausgeglichen werden können. Die Folge: Der Blutdruck steigt, es drohen Schlaganfall, Herzinfarkt und Nierenversagen.

Auch süßes und fettes Essen sind für einen erhöhten Blutdruck verantwortlich. Einst hatten „gute Esser“ bessere Überlebenschancen, sie mussten in Zeiten mit ergiebigem Nahrungsangebot für schlechtere Zeiten vorsorgen und sich ein Fettdepot zulegen. In den modernen Industriestaaten jedoch ist der Tisch immer reichhaltig gedeckt. Gehaltvolle Mahlzeiten und zu wenig Bewegung sind wiederum die Ursache für Übergewicht und Diabetes.

Krebs - eine Krankheit als evolutionäre Erblast

Schon die Dinosaurier hatten nachweislich mit ihnen zu kämpfen: an ihren versteinerten Knochen entdeckten Wissenschaftler Tumore. Zwar sind die Urzeitriesen nicht direkt mit uns Menschen verwandt, aber dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Denn Krebs, also die ungehemmte Wucherung von Zellen, kann alle Wirbeltiere befallen. Es klingt grotesk: Das uralte Prinzip, das dieser Krankheit zugrunde liegt, beruht auf jenen Genen, denen wir die Entwicklung unseres Körpers überhaupt erst verdanken. „Erfunden“ wurde die unkontrollierte und schnelle Zellteilung bereits von den frühesten Bakterien, den ersten Einzellern auf der Erde. Auch der Mensch beginnt als Einzeller: der menschliche Embryo, entstanden aus zwei einzelnen, miteinander verschmolzenen Zellen, wächst durch geregelte Zellteilung und stetes Zellwachstum zu einem Lebewesen mit bis zu hundert Billionen Zellen heran. Doch dabei können genetische Programmierfehler in den Erbanlagen einer einzigen Zelle auftreten. Sie „erinnert“ sich zurück an ihre frühesten Aufgaben und entwickelt wieder das urzeitliche schnelle Zellwachstum. Daher wollen Wissenschaftler den Krebs bekämpfen, indem sie am Erbgut der einzelnen Zelle ansetzen. Mit dem Verständnis um unsere Urgeschichte können möglicherweise neue Medikamente entwickelt werden, die in diese Gen-Regulation spezifischer eingreifen können.