zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Wege aus dem Rechtsextremismus

  • Ein BVB-Fanshirt mit der Aufschrift "Abpfiff für Rechts". Öffentliche Aktionen wie diese des BVB propagieren die Ächtung von Rassismus; Rechte: WDR

Ausstiege aus der Szene und Gegenstrategien

"Ausstieg gilt als Verrat. Aussteiger sind für viele Kameraden schlimmer als der politische Feind", schreiben Michael Kraske und Christian Werner in ihrem Buch "… und morgen das ganze Land. Neue Nazis, 'befreite Zonen' und die tägliche Angst – ein Insiderbericht". Wie also aus der Szene aussteigen? Wie soll das Leben ohne die "alten Kameraden" und Feindbilder aussehen? Wie eine Existenz ohne Rückhalt aufbauen? Der (freiwillige) Weg aus der rechtsextremen Szene ist nicht einfach und bedarf der Unterstützung. Auf Bundes- und Länderebene haben sich Beratungs- und Interventionsgruppen etabliert. Kriminalbeamte und Sozialpädagogen bemühen sich, Aussteigern eine dauerhafte Distanz zur früheren Szene zu verschaffen. Im Rahmen der Programme bieten Justizbehörden, Jugend-, Arbeits- und Sozialämter Ausstiegswilligen auf ihre individuellen Lebensumstände abgestimmte Hilfeleistungen an.

Grundsätzlich wird bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus eine Unterscheidung in drei Ebenen vorgenommen:

  1. Symbolische Politik und geistig-politische Auseinandersetzung
    Demonstrationen, öffentliche Aktionen, Publizistik, Öffentlichkeitsarbeit oder politische Bildung sollen bei der Bevölkerung einerseits zu Betroffenheit und moralischer Empörung führen, andererseits für Aufklärung und Information sorgen. Gleichzeitig propagieren diese Aktivitäten die Ächtung des Rassismus, aber auch die Durchsetzung zivilgesellschaftlicher Werte.
  2. Repression
    Institutionen wie Polizei, Justiz, Verfassungsschutz sowie politisch Verantwortliche für innere Sicherheit und Gesetzgebung kümmern sich um Gefahrenabwehr, Strafverfolgung, polizeiliche Prävention und Politikberatung über Rechtsextremismus. Sie bauen staatliche Drohpotenziale auf.
  3. Politik der sozialen Integration
    Über Bildung, Sozialarbeit, Jugend-, Sozial-, Migrations- und Arbeitsmarktpolitik und politische Bildung sollen Werte und Fertigkeiten vermittelt werden. Das soll zu einer möglichst großen sozialen Integration unterschiedlicher Menschen und Gruppierungen in die Gesellschaft führen.

Aus dem Spektrum möglicher Gegenmaßnahmen sind im schulischen und außerschulischen Rahmen also durchaus unterschiedliche präventive Möglichkeiten denkbar.

  • Ein Jugendlicher mit rasiertem Kopf und Baseball-Cape trägt einen Knüppel über der Schulter. Rechtsextreme Vorurteile sind häufig fest verankert; Rechte: WDR

Aufklärung und Prävention

Schule und Bildung geraten allzu häufig in die Rolle von Ausfallbürgen: Sie sollen gesellschaftlich induzierte Probleme mit pädagogischen Mitteln lösen. Politische Bildung ist laut Klaus Ahlheims Buch "Pädagogik mit beschränkter Haftung. Politische Bildung gegen Rechtsextremismus", jedoch "keine gesellschaftspolitische Feuerwehr, keine Umerziehungsmaßnahme mit Sofortgarantie" und kann nicht nach Belieben gerufen werden, um akute Probleme in Politik und Gesellschaft zu lösen. Rechtsextremismus ist kein reines Erziehungsproblem und – daran sei erinnert – auch kein ausschließliches Jugendproblem.

Ernüchternd mag auch die Feststellung klingen, dass politische Bildung nur schwer gegen rechtsextreme Denk- und Handlungsmuster, gegen fest verankerte Vorurteile, gegen Fremdenhass und Antisemitismus ankommt, denn Vorurteile sind häufig aufklärungsresistent, erweisen sich gar als Lernbarrieren. Gegen die Macht des Vorurteils argumentiert die schulische Bildung oft vergebens. Die begrenzte Reichweite schulischer und außerschulischer Bildung wird einsichtig, wenn man eine Einschätzung der Erreichbarkeit und Ansprechbarkeit möglicher Zielgruppen vornimmt. Pädagogische Konzepte gegen Rechtsextremismus zielen auf verschiedene Adressatengruppen ab. Nach dem Erziehungswissenschaftler Wilfried Schubarth können mindestens vier Zielgruppen unterschieden werden. Diese Zielgruppen erfordern jeweils spezifische Zugänge.

  • Mehrere Skinheads stehen zusammen und rufen etwas. Neben und hinter ihnen stehen Polizisten. Die Arbeit mit rechtsextremen Cliquen und Kameradschaften ist oft schwierig; Rechte: newspixx vario images

Zielgruppen pädagogischer Konzepte nach Wilfried Schubarth

  1. Pädagogische Arbeit mit sogenannten "Normaljugendlichen":
    Durch die Förderung von Toleranz und Demokratiefähigkeit wird rechtsextremem Denken und Verhalten vorgebeugt. Diese Arbeitsformen, die der primären Prävention entsprechen, bilden eindeutig den Schwerpunkt schulischer und außerschulischer Arbeit gegen Rechtsextremismus und dürfen keinesfalls (…) gering geschätzt werden.
  2. Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen ohne feste Cliquenbindung:
    Durch aktive Einbeziehung in verschiedene Formen der schulischen wie außerschulischen Jugendarbeit, insbesondere durch die Ermöglichung prosozialer Erfahrungen, aber auch durch gezielte Aufklärungsarbeit kann der Verfestigung rechtsextremer Haltungen entgegengewirkt (…) werden. Neben der primären Prävention, also der allgemeinen Kompetenzförderung, ist hier auch sekundäre Prävention angezeigt, d.h. kontext- und individuumsbezogene Maßnahmen (zum Beispiel sport-, abenteuer- oder erlebnispädagogische Ansätze, gezielte Jugendarbeit).
  3. Pädagogische Arbeit mit rechtsextremen Cliquen:
    Die Arbeit mit diesen Gruppen ist ein heikles und sensibles Feld, da diese Gruppen in eine offene Arbeit mit anderen Jugendlichen nur schwer zu integrieren sind. Hier helfen meist nur spezielle sozialpädagogische Konzepte weiter (…). Gefragt sind (…) Formen der tertiären Prävention, also von korrektiv-personalen Interventionen, die durch spezielle Trainingsprogramme oder Verfahren wie beispielsweise einem Täter-Opfer-Ausgleich Veränderungen im Verhalten bewirken können.
  4. Arbeit mit Jugendlichen in rechtsextremen Kameradschaften oder Organisationen
    Hier stößt die pädagogische Arbeit schnell an Grenzen. Die Möglichkeiten des sozialpädagogischen Handelns bleiben hier auf die Beratung und Begleitung von Aussteigern beschränkt.

  • Drei Jugendliche gehen eine Straße entlang. Einer von ihnen dreht sich um und schreit etwas. Wie reagiere ich in Konfliktsituationen angemessen und gewaltfrei? Rechte: dapd

Möglichkeiten von Schule und Jugendarbeit

Trotz der genannten Einschränkungen sind Schule und Jugendarbeit wichtige Handlungsfelder der Rechtsextremismusprävention. Die Hauptaufgabe der Schule ist zunächst die Aufklärung durch Unterricht und die präventive Arbeit auf mehreren Ebenen. Einzelmaßnahmen zeigen wenig Nachhaltigkeit. Prävention gegen Rechtsextremismus ergibt nur dann einen Sinn, wenn sie vernetzt konzipiert und durchgeführt wird. Jugendarbeit ermöglicht in einem informellen Bildungsrahmen präventive Lernerfahrungen. Ein wesentlicher Ansatzpunkt der Prävention ist die Vermittlung und Förderung sozialer Handlungsmuster. Nahezu alle Untersuchungen, die sich mit gewalttätigen und rechtsextremen Einstellungen beschäftigen, kommen zu dem Schluss, dass es "personale Gefährdungspunkte" gibt.

Kinder und Jugendliche, die für rechtsextreme Einstellungen anfällig sind, weisen zumeist elementare Sozialisationsdefizite auf: Sie zeichnen sich aus durch ein niedriges Selbstwertgefühl oder mangelnde Ich-Stärke, durch eine kaum ausgeprägte Empathiefähigkeit sowie durch die unzureichende Bereitschaft, soziale Verantwortung zu übernehmen. Vielversprechend erscheint daher die Vermittlung immunisierender Erfahrungen und Einsichten, welche auf die nachfolgend genannten sozialen Grundqualifikationen abheben: Empathiefähigkeit (Einfühlungsvermögen und Mitgefühl), also die Fähigkeit, sich in die Erwartungen und Perspektiven anderer Menschen hineinzuversetzen; die Fähigkeit, bei Konflikten angemessen, flexibel und vor allem gewaltfrei zu reagieren. Hierzu sind Rollendistanz (die kritische Überprüfung zugemuteter Anforderungen) und Ambiguitätstoleranz (die Fähigkeit zum Ausbalancieren nicht eindeutiger Situationen) nötig. In diesen Fähigkeiten spiegelt sich das Gegenteil der oben genannten "personalen Gefährdungspunkte" wider.