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Was ist Salafismus?

  • Zwei verschleierte Frauen schieben zwei Kinderwagen durch die Fußgängerzone. Auch in vielen deutschen Städten sind heute verschleierte Frauen zu sehen; Rechte: dpa/Hannibal Hanschke

"Altvordere" als Vorbild

Der Begriff Salafismus leitet sich vom arabischen Wort "salaf" für "Altvordere" ab. Unter "Altvordere" verstehen die Anhänger des Salafismus – ebenso wie die Anhänger der vier sunnitischen Rechtsschulen – die Gefährten des Propheten Mohammeds sowie die ersten drei muslimischen Generationen. Salafisten sind jedoch in Abgrenzung zu anderen muslimischen Strömungen der Auffassung, dass nur diese "Altvorderen" den "ursprünglichen" und "reinen" Islam gelebt haben. Alle Änderungen, die seit dieser Zeit in der Religionsausübung gemacht wurden, seien "unerlaubte Neuerungen" (arabisch "bid’a") und verfälschten die Religion. Der Logik des Salafismus zufolge gibt es nur einen Weg, zur "Reinheit" dieses "Ur-Islam" zurückzukehren: Die Gläubigen müssten sich konsequent an der Lebensführung der "Altvorderen" orientieren. Dabei werden die religiösen Quellen wie Koran und Sunna (Lebensweise des Propheten Mohammeds) sehr rigide und streng ausgelegt. Innerhalb der islamischen Wissenschaften gibt es traditionelle Interpretationsmethoden, die beispielsweise die damaligen Lebensumstände oder historische Begebenheiten miteinbeziehen. Diese Methoden lehnen Salafisten oftmals als Neuerungen ab, eben damit sie ihre rigide Vorstellung einer Art Gesetzesreligion aufrechterhalten können. Die Mehrheit der Muslime, die diesem Islamverständnis nicht folgen, gehörten nach Meinung der Salafisten zu den "Ungläubigen", die vom wahren Islam abgefallen seien. Die Anhänger des Salafismus reklamieren für sich also die absolute Deutungshoheit über die islamische Religion und lassen – auch von muslimischer Seite – kein anderes Religionsverständnis zu.

  • Cover des Bürgerlichen Gesetzbuchs Von Menschen gemachte Gesetze akzeptieren Salafisten nicht; Rechte: WDR/imago

Radikale Strömung des Islamismus

Beim Salafismus handelt es sich um eine besonders radikale Strömung des Islamismus. Der Islamismus interpretiert die religiösen Regeln und Normen des Islam als konkrete politische Handlungsanweisungen. Islamisten verfolgen mittelfristig das Ziel, den Staat, die Rechtsordnung und die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Letztlich soll ein islamischer "Gottesstaat" errichtet werden, in dem zentrale Grundsätze der freiheitlich-demokratischen Grundordnung außer Kraft gesetzt werden, wie beispielsweise die Souveränität des Volkes oder die Achtung der Menschenrechte.

Nach den Vorstellungen des Salafismus sind sämtliche vom Menschen gemachten Gesetze und Verfassungen ungültig und haben keine Bedeutung. Dies hängt mit dem Prinzip des "Tauhid" zusammen, das die Salafisten auf ihre Weise interpretieren. Beim "Tauhid" handelt es sich um einen allgemeinen theologischen Begriff des Islam, der die Einheit und Einzigartigkeit Gottes beschreibt. Im Salafismus wird der Begriff so ausgelegt, dass neben Gott keine weitere Autorität existieren könne – und somit auch keine staatliche Institution berechtigt sei, Gesetze zu erlassen.

  • Koran mit darauf liegender Hand Eine Neuinterpretation des Korans lehnen Salafisten ab; Rechte: WDR

Wörtliche Auslegung des Koran

Wie allen anderen Muslimen gilt den Salafisten der Koran als Heilige Schrift. Für sie ist der Koran allerdings nicht nur eine Offenbarung Gottes, vielmehr sehen sie in ihm eine Art Verfassung. Sie glauben daran, dass die Heilige Schrift wortwörtlich ausgelegt werden müsse und Antworten auf sämtliche Fragen des menschlichen Zusammenlebens gebe, sei es im privaten oder im öffentlichen Raum. Der Korantext bedarf ihrer Auffassung nach ausdrücklich keiner weiteren Interpretation. Damit unterscheiden sich die Anhänger des Salafismus von den großen Richtungen des Islam wie beispielsweise den Sunniten oder Schiiten, bei denen eine Auslegung des Heiligen Buches unter Hinzuziehung anderer Methoden der islamischen Rechtsprechung durchaus erlaubt ist. Und so nutzen salafistische Prediger Textpassagen des Korans, um sie eins zu eins auf heutige Lebenssituationen anzuwenden.

  • Anhänger der Salafisten halten ein Gebet ab unter Beobachtung der Polizei. Immer wieder stehen Salafisten unter polizeilicher Beobachtung; Rechte: dpa/Roland Weihrauch

Scharia, die göttliche Pflichtenlehre

Grundsätzlich ist für die islamische Rechtsprechung neben dem Koran auch die Scharia von Bedeutung. Scharia wird gemeinhin als islamisches Recht definiert. Es handelt sich um ein komplexes System islamischer Religions- und Rechtsnormen und – anders als in den Medien oft dargestellt – um keine feste, schriftlich fixierte Gesetzessammlung. Für die meisten Muslime bezeichnet Scharia zunächst eine ethisch-moralische Pflichtenlehre. Das salafistische Ziel, den "Ur-Islam" wiederherzustellen, geht mit der Forderung einher, dass alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durch Gesetze, die auf Grundlage religiöser Quellen erlassen wurden, geregelt werden. Tatsächlich beinhaltet die Scharia viele Inhalte, die mit dem deutschen Verfassungs- und Rechtssystem vereinbar sind – etwa die Vorschriften zur islamischen Religionspraxis, die nach Artikel 4 des Grundgesetzes im Rahmen der Religionsfreiheit ausdrücklich geschützt sind. Allerdings beinhaltet die Scharia – so wie sie von radikalen Gruppierungen definiert wird – auch Inhalte, die sich mit der deutschen Rechts- und Verfassungsordnung nicht vereinbaren lassen. Dies sind unter anderem die Forderung nach Körperstrafen oder Abschaffung der Volkssouveränität und Einschränkung der Menschenrechte. Auch die in Deutschland lebenden Salafisten praktizieren diese Rechtsnormen in der Regel nicht. Die Anhänger wissen, dass sie andernfalls gegen deutsches Recht verstoßen würden. In ihrer Propaganda betonen sie jedoch den "überlegenen" Charakter der vermeintlich göttlichen Rechtsvorschriften und halten als Ziel an der allumfassenden Umsetzung der Scharia fest.

  • Ein Mann hält bei der salafistischen Demonstration eine schwarze Flagge mit arabischer Schrift hoch. Salafisten streben nach einer Veränderung des politischen Systems; Rechte: dapd/Sascha Schuermann

Religiöses Phänomen oder politische Ideologie?

"In der salafistischen Propaganda wird die westliche Gesellschaft zum Feindbild stilisiert, die das Projekt einer islamischen Neuorientierung nach dem Vorbild der 'Altvorderen' verhindert. Der Salafismus versteht den Koran nicht nur als Offenbarung, sondern als Verfassung. Ziel des Salafismus ist die Veränderung unserer politischen Ordnung. Anhänger des Salafismus weisen die Vorstellung der Volkssouveränität zurück und streben stattdessen einen islamistischen Gottesstaat an. Der Salafismus ist also kein rein religiöses Phänomen, sondern verfolgt auch eine politische Ideologie. "