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Hintergrund: Straftaten und Gewalt – Ein Teil des Erwachsenwerdens?

Straftaten als ein Aspekt pubertärer Normalität

  • Drei vermummte Jugendliche zeigen ihre Waffen;Rechte: WDR/Matthias von Braun Gewalt als abweichendes Verhalten: Jugendliche versuchen gerade in der Pubertät, sich von Autoritäten wie etwa den Eltern zu lösen. Rechte: WDR/Matthias von Braun

Werner Maschke, Professor an der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg und Mitarbeiter am Institut für Kriminologie der Uni Tübingen, sieht Jugendkriminalität und Jugendgewalt vor allem als Ergebnis entwicklungstypischer Verhaltensweisen und als ein Begleitphänomen im Prozess der Entwicklung einer sozialen und individuellen Identität. Zirka 90 Prozent der jungen Männer verstoßen im Kindes- und Jugendalter irgendwann gegen strafrechtliche Vorschriften. Die meisten dieser jugendtypischen Straftaten sind episodenhafter Natur. Die Alterskurve der Kriminalitätsbelastung zeigt, dass es sich bei den Straftaten junger Menschen überwiegend um ein vorübergehendes Phänomen handelt.

Jugendliche verhalten sich temporärdelinquent, also straffällig, weil es sich für sie in subjektiven Kosten-Nutzen-Bilanzen auszahlt: Gewalt scheint für sie zunächst ein positiver Weg zu sein, um mit Konflikten umzugehen. Ein abweichendes Verhalten hat zudem eine positive Funktion, weil es dazu beiträgt, sich von den Eltern und anderen Autoritäten zu lösen, den Selbstwert zu bestätigen und jugendtypische Ziele zu erreichen.

  • Sylvester Stallone als John Rambo im Film "Rambo: First Blood"; Rechte: imago Ballern und Metzeln wie Rambo: Gewalt wirkt auf Jugendliche faszinierend, weil sie scheinbar klare Verhältnisse schafft. Rechte: imago

Jugend ist heute eine lang gestreckte Lebensphase, die durchschnittlich etwa 15 Jahre dauert. Sie beginnt so früh wie noch nie und besitzt kein klar markiertes Ende. Diese Phase ist mit vielen Entwicklungsaufgaben verbunden: Akzeptanz körperlicher Veränderungen, Ausbildung einer eigenen Identität, Lösung vom Elternhaus, Übergang ins Berufsleben, Erwerb sexueller Kompetenzen usw. Jugendliche müssen oft ohne Vorbilder und ohne wirkliche Zukunftschancen in einer zunehmend undurchschaubarer werdenden Welt ihren Platz finden, ohne selbst über die notwendigen Steuerungs- und Orientierungsmöglichkeiten zu verfügen. Jugendliche nutzen Gewalthandlungen daher auch, um in einer scheinbar "ungeordneten" Welt klare Verhältnisse zu schaffen.

Warum Jugendliche überhaupt Gewalt anwenden

Jugendliche wenden gewalttätiges Verhalten in den wenigsten Fällen sinnlos an. Stattdessen erfüllt Gewalt für sie immer auch verschiedene psychische und soziale Funktionen, macht auf Probleme aufmerksam und hilft bei der Selbstinszenierung. Dabei geht es laut Joachim Kersten, Professor an der Deutschen Hochschule der Polizei, immer wieder auch um kollektive Verhaltens- und Deutungsmuster:

  • Jugendgewalt als Männlichkeitsbeweis: Um der eigenen Bezugsgruppe die jugendliche Männlichkeit zu beweisen und damit als "vollwertig" akzeptiert zu werden, müssen Kampfbereitschaft und Mut durch spektakuläre Handlungen demonstriert werden.
  • Jugendgewalt als Kommunikationsmittel: Gewaltakte Jugendlicher können auch als Aufschrei oder als Versuch interpretiert werden, auf die eigene Situation aufmerksam zu machen. Sie sind Ausdruck einer sprachlos gewordenen, destruktiven Art der Kommunikation. Gewalttätige Jugendliche glauben, sich mit anderen Mitteln kein Gehör verschaffen zu können.
  • Jugendgewalt als Mittel gegen Langeweile und Frust: Jugendliche wollen (zumindest zeitweise) ihrem Alltag, der häufig als langweilig erlebt wird, entfliehen. Sie suchen den Nervenkitzel, wollen, dass "etwas los ist" und "etwas passiert". Daher inszenieren sie diesen Nervenkitzel selbst. Eigene Gewalthandlungen werden von den Jugendlichen dabei oft als faszinierend oder sogar als rauschartig beschrieben.
  • Jugendgewalt als Gegengewalt: Jugendliche, die zu Gewalt greifen, haben oft selbst Gewalt in unterschiedlichen Formen erlebt. Sie fühlen sich als Geschlagene, die nun zurückschlagen. Für sie stellt die Gewaltanwendung die wirksamste und radikalste Gegenwehr und gleichzeitig eine subjektiv sinnvolle Konfliktlösungsstrategie dar.
  • Jugendgewalt als politisch instrumentalisierte Gewalt: Eine Reihe von jugendlichen Gewalttaten hat einen eindeutig politischen Hintergrund. Insbesondere rechts- und linksextreme Gruppierungen inszenieren bewusst Gewaltakte gegen Fremde, gegen gesellschaftliche Minderheiten oder "Symbole der Staatsgewalt".
  • Faszination Gewalt: Gewalt wirkt auf Jugendliche oft faszinierend, weil sie in unklaren und unübersichtlichen Situationen (scheinbar) Eindeutigkeit schafft. Durch Gewalthandlungen wird (scheinbar) klar, wer der Stärkere ist, es wird (scheinbar) klar, mit welchen Mitteln Probleme zu lösen sind, und wie man (scheinbar) das erreicht, was man sich wünscht. Gewalt wird so als Erfolg versprechendes Mittel eingesetzt, um die eigenen Interessen durchzusetzen – auch wenn sie die Überwindung der eigenen Ohnmacht nur für kurze Augenblicke ermöglicht und somit nur vortäuscht.