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Hintergrund: Strafrechtliche und pädagogische Strategien gegen Jugendgewalt

Welche Maßnahmen helfen?

  • Ein Angeklagter sitzt im Gerichtssaal und verdeckt sein Gesicht mit den Händen; Rechte: dpa/Marc Müller Prozess oder Prävention? Fachleute diskutieren immer wieder über geeignete Maßnahmen gegen Jugendgewalt. Rechte: dpa/Marc Müller

Jugendliche Gewalttäter richten großen Schaden an: Sie verletzen Mitmenschen und hinterlassen körperliche und seelische Wunden. Gewalterfahrungen in Familien setzen sich oft über Generationen hinweg fort. Gewalt auf dem Schulhof und in Klassenzimmern zerstört jede Bemühung um ein positives Lernklima. Der Staat hat daher ein begründetes Interesse daran, (Jugend-)Gewalt so weit wie möglich zu unterbinden, denn letztlich stellt ein gewaltfreies Zusammenleben auch die Grundlage einer Demokratie dar.

Pädagogen, Kriminologen und Strafrechtler diskutieren immer wieder, welche Maßnahmen geeignet sind, um Jugendgewalt nachhaltig zu bekämpfen. Einig sind sich die Expertinnen und Experten, dass es eine Unterscheidung geben muss zwischen den Reaktionen auf "normale" andauernde jugendliche Grenzüberschreitungen und Reaktionen auf die Gewaltkriminalität jugendlicher Mehrfach- und Intensivtäter.

Im Umgang mit Jugendgewalt werden nach Ansicht von Christian Lüders und Bernd Holthusen vom Deutschen Jugendinstitut zwei prinzipielle Zugangsweisen angewandt: ein eher ordnungspolitisch orientierter, polizeilicher und rechtsstaatlicher Blick, der Rechtssicherheit schafft und den Rahmen absteckt, innerhalb dessen pädagogische Strategien wirken können, und ein erzieherischer Blick, der auftretende oder drohende Gewalt im Kindes- und Jugendalter als Lernchance begreift.

Die strafrechtliche Theorie

  • Drei Richter stehen hinter der Richterbank; Rechte: ddp Deutsche Gerichte haben bei heranwachsenden Angeklagten jungen Erwachsenen bis 21 Jahren die Möglichkeit abzuwägen, ob sie Jugend- oder Erwachsenenrecht anwenden. Rechte: ddp

Grundsätzlich können Strafen unterschiedlich begründet werden: Für absolute Straftheorien liegt der Grund des Strafens allein in der Straftat. Strafe wird hierbei als Schuldausgleich, Vergeltung und Sühne verstanden und verfolgt dabei keinen weitergehenden Zweck. Für relative Straftheorien hingegen liegt der Zweck der Strafe darin, eine Wiederholung der Straftat zu verhindern. Das deutsche Strafrecht versucht, beide Theorien zu verbinden. Dies findet insbesondere im Jugendstrafrecht Berücksichtigung, wo der Präventionsgedanke der relativen Straftheorie stark zum Tragen kommt. Im Prozess hat der Richter im Einzelfall die Möglichkeit abzuwägen, ob Jugend- oder Erwachsenenrecht Anwendung findet. Im Allgemeinen gilt:

  • Kinder bis zum 14. Lebensjahr sind strafunmündig (§19 StGB).
  • Jugendliche von 14 bis 17 Jahren sind bedingt strafrechtlich verantwortlich. Sie fallen unter das Jugendgerichtsgesetz.
  • Heranwachsende (18 bis 21 Jahre) sind generell strafrechtlich verantwortlich. Der Richter kann abwägen, ob Jugendrecht oder Erwachsenenrecht angewendet wird. Kriterium ist der Grad der Reife zur Tatzeit.
  • Erwachsene (ab 21 Jahre) sind generell strafrechtlich verantwortlich. Sie fallen unter das Strafgesetzbuch, also das Erwachsenenstrafrecht. Maßgeblich ist dabei immer das Alter zur Tatzeit.

Drei Ansätze: Jugendstrafen, harte Strafen und "Opfer-Täter-Ausgleich"

  • beschreibender Text:	Ein Jugendlicher mäht einen Rasen; Rechte: imago Rasenmähen statt randalieren: Gemeinnützige Arbeit soll straffällige Jugendliche zum Nachdenken bringen. Rechte: imago

Jugendliche Straftaten werden grundsätzlich nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) geahndet. Danach sind Strafen vorrangig am Erziehungsgedanken auszurichten (§2 JGG), somit sollen sie erneuten Straftaten eines Jugendlichen oder Heranwachsenden entgegenwirken. Deshalb werden im Jugendstrafrecht statt Gefängnisstrafen öfter Arbeitseinsätze und soziale Dienste als Auflagen verhängt oder Haftstrafen zur Bewährung (mit Unterstützung eines Bewährungshelfers) ausgesetzt.

Der Berichterstattung über jugendliche Gewalttaten folgt regelmäßig der Ruf nach härteren Strafen. Harte Strafen, so eine weit verbreitete Annahme, würden die Probleme lösen. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen führen sie jedoch dazu, dass mehr Täter rückfällig werden. So lag laut einem Bericht des Bundesjustizministeriums die Rückfallquote für Jugendliche, die eine Jugendstrafe ohne Bewährung auferlegt bekamen, im Jahr 2006 bei 77,8 Prozent. Die Rückfallquote für Jugendliche, die nicht inhaftiert und zu einer Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt wurden, lag bei 59,6 Prozent. Die Praxis zeigt also, dass harte Strafen nicht abschreckend wirken; weder die Höhe noch die Art der Strafe ist hier entscheidend.

  • Ein vergittertes Fenster einer Haftanstalt, davor hängt Stacheldraht; Rechte: WDR Letzte Station Knast: Haftstrafen wirken oft nicht abschreckend. Rechte: WDR

Im Jugendstrafrecht besteht seit 1990 die Möglichkeit, nach einem "Täter-Opfer-Ausgleich" von der weiteren Strafverfolgung abzusehen. Die dabei angestrebte "Wiedergutmachung" sieht vor, dass der Täter sich beim Opfer entschuldigt, Schadenersatz leistet, Schmerzensgeld zahlt oder eine Arbeitsleistung für den Geschädigten erbringt – alles unter Aufsicht eines neutralen Vermittlers. Der Täter muss sich ernsthaft bemühen, einen Ausgleich mit dem Geschädigten herzustellen. Das Gericht hat so die Möglichkeit, die Strafe zu mildern.

Prävention statt Strafe: Pädagogische Handlungsansätze

  • Jugendliche sitzen gemeinsam mit einer Therapeutin in einem Raum; Rechte: mauritius images Die Sozialpädagogik fordert, persönliche Kompetenzen und Bildung der Jugendlichen zu stärken, um Gewalt zu verhindern. Rechte: mauritius images

Im sozialpädagogischen Bereich, aber auch in der Jugendgerichtshilfe gibt es die Überzeugung, dass Gewaltphänomene im Kindes- und Jugendalter vorrangig durch Erziehung, Lernen und Kompetenzerwerb bewältigt werden können. Dabei gilt es, die Intervention in akuten Gewaltsituationen von der Prävention von Gewalttaten zu trennen.

In der Fachdebatte zum Thema Gewaltprävention wird der Fokus mittlerweile auf die Stärkung von Kompetenzen und Ressourcen der Jugendlichen gelegt sowie auf die Ausbildung von Schutzfaktoren. Ziel ist es, Jugendlichen Lernchancen und Alternativen zu Gewalt anzubieten. Auf der individuellen Ebene werden mehrere Möglichkeiten gesehen:

  • Wenn Gewalt als Mittel verwendet wird, um Ziele zu erreichen (instrumentelle Aggression), müssen Möglichkeiten erarbeitet werden, Ziele mit sozial akzeptierten Mitteln zu verwirklichen.
  • Wenn Jugendliche auf Provokationen schnell zu impulsiv reagieren, ihre Emotionen (Wut) also nur unzureichend kontrollieren können, müssen sie lernen, mit ihrer Angst, Wut und Aggression anders umzugehen.
  • Wenn Jugendliche vor dem Hintergrund eines wenig entwickelten Selbstwertgefühls und mangelnder Zukunftsperspektiven zu Gewalt greifen, müssen mit ihnen realistisch erreichbare persönliche Ziele erarbeitet werden.
  • Wenn gravierende Bildungsdefizite eine grundlegende Ursache für Gewalt darstellen, müssen Jugendlichen Möglichkeiten angeboten werden, Bildungsabschlüsse zu erreichen oder nachzuholen.
  • Wenn machohafte Vorstellungen und Bilder von Männlichkeit dominieren, müssen realitätsgerechte Auseinandersetzungen mit dem Mannsein und Frausein stattfinden.
  • Wenn die Gewaltakzeptanz der jeweiligen Peer-Group einen wichtigen Einflussfaktor darstellt, müssen gruppenbezogene Konzepte erarbeitet werden.
  • Wenn selbst erlebte Gewalt im Elternhaus ursächlich für eigene Gewalthandlungen ist, müssen die Lebensbedingungen und Erziehungskompetenzen in den Familien gestützt und gestärkt werden.
  • Wenn Täter selbst Opfer von Gewalt waren und sind, müssen Möglichkeiten der Verarbeitung dieser Erfahrungen angeboten werden.

Pädagogische Mittel alleine reichen nicht

  • Der Anti-Aggressionstrainer Ulrich Krämer zeigt auf einen Box-Sack, vor ihm steht Dennis; Rechte: WDR Spezielle Anti-Aggressionstrainings können Jugendlichen helfen, ihre Wut zu kontrollieren. Rechte: WDR

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Jugendgewalt von vielen Faktoren abhängt und deshalb einzelne Ansätze nur im Zusammenspiel Wirkung entfalten können. Um Gewalt vorzubeugen und nachhaltig zu bekämpfen, reichen pädagogische Mittel alleine nicht aus. Hier sind sozial- und familienpolitische Ansätze ebenso gefragt wie Angebote zur Alltagsbegleitung gewaltbereiter Jugendlicher sowie Modelle zur Integration von Schülern mit Migrationshintergrund und Schülern aus sozial schwachen Familien. Die Vernetzung von Schulen mit anderen Bildungs- und Familieneinrichtungen sowie der Polizei kann ein Instrument sein, um gewaltbereite Jugendliche möglichst früh zu identifizieren und mit gezielten Maßnahmen auf ihr Verhalten einzuwirken.

Jugendgewalt betrifft Jungen und Mädchen auf verschiedene Weise und in unterschiedlicher Intensität. Deshalb ist es sinnvoll, geschlechterspezifische Angebote zu entwickeln und anzubieten. Für Jugendliche ist es wichtig, in einem geschützten Umfeld Erfahrungen des Selbstausdrucks, der Akzeptanz und der Selbstwirksamkeit zu machen. Letztlich müssen alle Jugendlichen lernen, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen.