zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Konsum als Lebensgefühl

  • Mädchen beim Einkaufen von Kleidung. Viele Jugendliche gehen gerne shoppen; Rechte: imago/blickwinkel

Konsum als Lebensgefühl

Konsumieren ist ein fester Bestandteil jugendlicher Alltagskultur. Denn die heutige Gesellschaft ruft auch bei Jugendlichen immer mehr Bedürfnisse hervor, die durch den Kauf von Waren befriedigt werden können. So hat in den letzten 60 Jahren die Bedeutung des Konsums als Ausdrucksmittel stark zugenommen. Dabei ist "Shoppen gehen" gleichzeitig Erlebnis und Lust, führt aber nicht selten auch zu Frust und Stress. Immerhin geben 10 Prozent der 12- bis 19-jährigen Mädchen und 5 Prozent der Jungen den "Einkaufsbummel" als Freizeitbeschäftigung an (vgl.: JIM, 2012). Menschen gehen einkaufen, gönnen sich etwas (sie konsumieren), um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Die Bedürfnisse betreffen dabei nicht nur grundlegende Dinge wie Essen und Trinken oder das Mieten einer Wohnung. Immer mehr sind sie Ausdruck des persönlichen Lebensstils. Der Konsum hat nicht nur einen Gebrauchswert ("Ich werde satt"), sondern auch einen Symbolwert ("Ich bin"), der sowohl Grundbedürfnisse als auch Kulturbedürfnisse befriedigt.

So ist es den meisten Jugendlichen nicht egal, welche Jeans sie tragen, obwohl doch eigentlich Hose gleich Hose ist. Jede Jeans würde das Grundbedürfnis, im Herbst eine Hose zu tragen, die gegen Kälte und Regen schützt, stillen. Aber eine Hose erfüllt gleichzeitig Kulturbedürfnisse: Sie soll "stylisch" sein, damit Jugendliche gut ankommen oder sich in einer Gruppe positionieren können. Sie hat somit einen wichtigen Symbolwert.

  • Gruppe von Jugendlichen sitzt zusammen und lacht, dabei gucken sie auf ein Handy. Das Handy ist Kommunikationsmittel Nummer eins unter Jugendlichen; Rechte: mauritius images

Gruppenabgrenzung durch Konsum

Jugendliche geben ihr Geld gern für Kleidung, Schmuck und Kosmetika, aber auch für Freizeitgestaltung und Kommunikation aus. Was konsumiert wird, entscheiden dabei immer mehr die Freundinnen und Freunde aus der Clique, die in der Forschung Peer-Group genannt werden. Dabei geht es um Anerkennung unter den Freunden und Teilhabe am Freundeskreis. Bestimmte Marken, Verhaltensweisen und Konsumstile prägen die Gruppen und grenzen sie voneinander ab. Eine Studie von Elmar Lange aus dem Jahr 2004 belegt dies mit Zahlen:

  • 8 Prozent der Jugendlichen kaufen Dinge, um bei Freundinnen und Freunden Eindruck zu machen.
  • 19 Prozent achten darauf, dass die Konsumgüter auch von den Freundinnen und Freunden positiv bewertet werden.
  • 27 Prozent möchten sich über die Auswahl der Produkte selbst darstellen.
  • 38 Prozent halten sich über Produkte und Marken ständig auf dem Laufenden.
  • 43 Prozent kaufen gern Markenprodukte.

(Elmar Lange (2004): Jugendkonsum im 21. Jahrhundert. Wiesbaden, siehe Literaturliste) Aber nicht nur der Konsumwunsch und die Konsumerfahrung prägen die Lebenswelt Jugendlicher, ihr Alltag ist kommerzialisiert. Das zeigt sich darin, dass alltägliche Handlungen zunehmend kostenpflichtig werden und die kostenlosen Alternativen selten sind: Wer sich heute kein Handy leisten kann oder auch bewusst darauf verzichtet, wird damit zwangsläufig von vielen kurzfristigen Verabredungen ausgeschlossen. Denn inzwischen organisieren circa 90 Prozent der Jugendlichen ihre Verabredungen mithilfe ihres Mobiltelefons. Damit ist ein wichtiges Handlungsfeld Jugendlicher, nämlich sich zu verabreden und sich auszutauschen, mit Kosten verbunden (vgl.: Krug, Tully, Fischer, 2010, siehe Literaturliste).

  • Vor einer Umkleidekabine in einem Modegeschäft stehen Jugendliche Schlange. Jugendliche verfügen heute über mehr Geld, das sie zum Shoppen ausgeben können; Rechte: Imago

Frühe finanzielle Selbstbestimmung

Möglich geworden ist die Kommerzialisierung der Jugend, weil Taschengeld und Geldgeschenke aber auch der Lohn aus Aushilfsjobs die finanziellen Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich verbessert haben. So verfügen junge Menschen zwischen 15 und 20 Jahren in Deutschland heute über die stolze Summe von 17,7 Milliarden Euro jährlich. Marketing und Werbung wissen darum und versuchen daher, diese Konsumentengruppe gezielt mit neuen Strategien und Produkten anzusprechen. Durch Nebenjobs bessert heute ein Drittel aller Jugendlichen von der 9. Jahrgangsstufe an sein Budget auf. So sind die Jugendlichen unabhängiger in ihrem Einkaufsverhalten. Gleichzeitig ermöglichen die größeren finanziellen Mittel Konsummuster, die denen der Erwachsenen ähneln. Das wiederum bringt den jungen Menschen die "Anerkennung in der Erwachsenenwelt" (vgl.: Tully, 2004, siehe Literaturliste) ein. Jugendliche sind nicht länger abhängig vom familiären Konsum, sondern nutzen die neuen Möglichkeiten auch für zunehmende Selbstbestimmung. Und wenn das Geld einmal nicht ausreicht, kann man sich immer noch welches leihen.

  • Kind beim Brötchenkauf. Kinder unter acht Jahren dürfen nur mit Einverständnis der Eltern Geld ausgeben; Rechte: Joker Fotojournalismus, Bonn

Schutz für Minderjährige

Jugendliche stehen unter besonderem Schutz: Es gibt gesetzliche Bestimmungen, die sie vor übereilten Vertragsabschlüssen schützen sollen. Kinder unter acht Jahren sind nicht geschäftsfähig. Das heißt, sie können keine wirksamen Verträge schließen (Paragraf 104, Absatz 1, Bürgerliches Gesetzbuch, BGB). Das bedeutet aber nicht, dass ein Sechsjähriger keine Brötchen kaufen gehen kann. Hat er das Geld abgezählt dabei und eventuell noch einen Zettel der Mutter, auf dem steht, er solle zehn Brötchen holen, ist er der Bote der Mutter. Er überbringt beim Bäcker nur den Wunsch der Mutter, zehn Brötchen zu kaufen.

Beim Kauf von Alkohol und Tabak genauso wie bei entsprechend gekennzeichneten Videos und Computerspielen funktioniert das allerdings nicht, da ihr Verkauf an bestimmte Altersgrenzen gebunden ist. Jugendliche sollen nach und nach an die Regeln des privaten Konsums herangeführt werden. Deshalb gelten sie vor dem Gesetz als beschränkt geschäftsfähig (Paragraf 106 BGB), wobei "beschränkt" hier meint, dass Jugendliche nur eingeschränkt – also nur in gewissem Umfang – Geschäfte tätigen dürfen: Sie können zwar Verträge schließen und bis zur Geschäftsfähigkeit mit 18 Jahren alles lernen, was man für den privaten Konsum wissen muss. Die Verträge, die die 8- bis 18-Jährigen schließen, sind jedoch solange schwebend unwirksam, bis die Eltern diesen Verträgen zugestimmt haben (Paragraf 108 BGB). Die Eltern sollen so die Möglichkeit haben, zum Schutz ihrer Kinder einzugreifen, wenn sie von Erwachsenen übers Ohr gehauen werden, zu teuer einkaufen oder etwas kaufen, was die Eltern überhaupt nicht wollen. Bei Kaufverträgen ist das "Go" der Eltern deshalb immer erforderlich.