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Jugendliche und Salafismus

  • Junge Salafisten jubeln bei einer Kundgebung. Vor allem unter jungen Männern finden radikale Prediger neue Anhänger; Rechte: dpa/Boris Roessler

Als Muslim diskriminiert – unter Gleichgesinnten aufgehoben?

Der Salafismus gilt als die am stärksten wachsende islamistische Strömung in Deutschland. Aber was fasziniert vor allem junge Menschen an dieser rückwärtsgewandten Ideologie? Auffallend ist, dass salafistische Prediger immer wieder auf existierende Diskriminierungen von Muslimen in unserer Gesellschaft hinweisen und diese zuspitzen. So behauptete der Salafist Pierre Vogel auf einem "Islam-Seminar", dass immer mehr Deutsche das Ziel hätten, an den Muslimen einen "Holocaust" zu verüben – und dass nur ein Zusammenhalten der Muslime gegen diese feindlich gesonnene Umwelt dies verhindern könne. Nach dem Motto "Die Mehrheitsgesellschaft ist gegen dich, aber gemeinsam sind wir stark", geben Salafisten wie Pierre Vogel muslimischen Jugendlichen das Gefühl, ihnen Schutz bieten zu können.

Nach diesem Schutz sehnen sich auch viele junge Muslime, denn tatsächlich hat sich nach dem Attentat vom 11. September 2001 auch in Deutschland ein zunehmend islamfeindliches Klima entwickelt. So stellt Wilhelm Heitmeyer in seiner Studie "Deutsche Zustände" aus dem Jahr 2010 fest: "Islamfeindlichkeit ist konsensfähig, auch bei jenen, bei denen es bisher nicht zu erwarten war." Einige Jugendliche reagieren auf die zunehmende gesellschaftliche Ablehnung ihrer Religion mit einer Idealisierung der eigenen Glaubensgrundsätze. Und auch wenn gerade bei Jugendlichen die Religionsfestigkeit häufig noch nicht so ausgeprägt ist wie etwa im Erwachsenenalter und sich dadurch Zustimmung und Ablehnung bestimmter Grundsätze und Glaubensrichtungen mitunter ändern können, muss festgehalten werden, dass gerade verunsicherte Jugendliche froh darüber sein mögen, in salafistischen Vereinen scheinbar Gleichgesinnte zu treffen. Vermeintlich eröffnet diese Strömung Jugendlichen Möglichkeiten und gibt ihnen das Gefühl, gegen die eigene Diskriminierung aufbegehren zu können.

  • Verschleierte Musliminnen verfolgen eine Demonstration. Diese Muslimin bezeugt auf ihrem Stirnband den Glauben an den "einzig wahren Gott Allah"; Rechte: dapd/Timur Emek

Einfache Regeln und Werte

Jugendlichen fällt es oft schwer, salafistische Angebote von Angeboten anderer islamischer Strömungen zu unterscheiden – zumal Salafisten stets behaupten, den "einzig wahren Islam" zu repräsentieren. Und so nutzen salafistische Aktivisten das Informationsdefizit muslimischer und nicht-muslimischer Jugendlicher, um sie als neue Anhänger zu gewinnen. Kleiderordnungen, Essensregeln, eine Einteilung der Welt in Freund und Feind – gerade für verunsicherte Jugendliche ist die salafistische Ideologie attraktiv, weil sie einen Lebensentwurf mit einfachen Regeln und Werten vermittelt. Der Salafismus bietet Jugendlichen eine Chance, sich von der Mehrheitsgesellschaft – aber auch von anderen Muslimen in Deutschland – abzugrenzen und dies auch zum Ausdruck zu bringen. Hierzu dient nicht zuletzt das äußere Erscheinungsbild: Die Frauen verhüllen ihr Gesicht mit einem "Niqab", einem Gesichtsschleier. Die Männer sind an ihrem Bart und knöchellangen Gewändern zu erkennen. "Für manch einen Jugendlichen mag der Salafismus sein, was für andere einmal der Punk gewesen ist – eine Attitüde maximaler Abgrenzung", schreibt der Islamwissenschaftler Jochen Müller in einem Aufsatz. "Die Jugendlichen erhalten hier genau das, wonach sie am meisten suchen: Aufmerksamkeit."

  • Salafisten werben um Mitglieder im Internet. Das Internet ist das zentrale Medium für Salafisten, um Jugendliche zu erreichen; Rechte: WDR

Salafistische Websites in deutscher Sprache

Missionsarbeit ist ein Kernelement des Salafismus. In den letzten Jahren haben sich in der salafistischen Szene unterschiedliche virtuelle und reale Aktionsformen etabliert, um neue Mitglieder zu werben. Zu diesen Aktionsformen gehören zahlreiche Internetauftritte, aber auch die Durchführung von "Islam-Seminaren", von "Islam-Infoständen" und von Großveranstaltungen auf zentralen Plätzen deutscher Städte. Die meisten Jugendlichen kommen über das Internet mit salafistischem Gedankengut in Berührung. Dabei ist das Angebot deutsch- und mehrsprachiger Websites in den letzten Jahren rapide gestiegen. Auffallend ist, dass die Auftritte im Netz nicht mehr ausschließlich von salafistischen Vereinen und Moscheegemeinden gestaltet werden, sondern zunehmend von Einzelpersonen. Mit aufwendigen grafischen Elementen und unter Einbeziehungen von Videobotschaften bringen sie ihren Missionswillen zum Ausdruck. In der Regel sind die einschlägigen Seiten miteinander verlinkt, sodass nach außen der Eindruck einer vitalen, über die deutschen Grenzen hinaus vernetzten Gemeinschaft entsteht. Die Websites sprechen nicht nur junge Musliminnen und Muslime an, sondern richten sich in deutscher Sprache insbesondere auch an interessierte Nicht-Muslime.

  • Der islamistische Prediger Pierre Vogel hält eine Rede. Pierre Vogel ist einer der bekanntesten salafistischen Prediger in Deutschland; Rechte: Reuters/Kai Pfaffenberg

Radikale Positionen

Häufig sind es Menschen auf Sinnsuche, die sich für die radikalen Thesen des Salafismus begeistern. Bei ihren Recherchen im Internet stoßen sie auf salafistische Propaganda. In Internetbotschaften erzählen „Star-Prediger“ ihre persönlichen Heilsgeschichten: wie sie einer "lasterhaften, westlichen Gesellschaft" den Rücken kehrten, um im "wahren Islam" Halt zu finden. Zu den bekanntesten Vertretern zählen Ibrahim Abou-Nagie und Pierre Vogel, doch auch missionarische Prediger wie Abdul Adhim aus Berlin oder Abu Jibriel aus Wuppertal sind unter Jugendlichen bekannt. Abu Dujana aus Bonn wiederum vertritt im Internet offener als andere sehr radikale Positionen. Salafisten wie Mohammed Mahmoud (genannt Abu Usama Al-Gharib) oder Abou Maleeq betrachten die Anwendung von Gewalt als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele. Abou Maleeq wurde 1975 als Denis Mamadou G. Cuspert geboren. Einst nannte er sich "Deso Dogg" und war Teil der Berliner Hip-Hop-Szene. Nach seiner Verwandlung zum Salafisten diffamierte er in seinen Liedtexten und Internetstatements Nicht-Muslime und -Musliminnen als "Ungläubige", sprach Frauen ihr Recht auf Gleichberechtigung ab und propagierte die Abschaffung der Demokratie zugunsten einer religiös-legitimierten Herrschaft. "

  • An einem Infostand werben Salafisten neue Anhänger und verteilen kostenlos Kopien des Korans. Bei einer Aktion verteilen Salafisten kostenlose Kopien des Koran; Rechte: dpa/Henning Kaiser

Seminare und Infostände

"In der deutschen Salafismusbewegung lassen sich nur wenige formale Strukturen finden. Umso bedeutsamer sind für den Austausch unter den einzelnen Mitgliedern sogenannte Islam-Seminare. Hierbei handelt es sich um meist mehrtätige Veranstaltungen, auf denen prominente Prediger über zentrale Punkte der Ideologie referieren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminare kommen aus ganz Deutschland und nutzen die Treffen, um sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Die Auftritte der Prediger werden oftmals mit Videokameras gefilmt und auf Websites wie Youtube gestellt, um so breitenwirksam auf die "Islam-Seminare" aufmerksam zu machen.

Während im Internet und bei den "Islam-Seminaren" vor allem Jugendliche angesprochen werden, versucht man mithilfe öffentlicher Großkundgebungen und "Islam-Infoständen" auch ältere Interessierte zu erreichen. Besonders öffentlichkeitswirksam war hierbei eine Aktion im Frühjahr 2012: Nach Ankündigung salafistischer Aktivisten sollten an Infoständen in Deutschland, Österreich und der Schweiz 25 Millionen Exemplare des Koran verteilt werden, um auf die Bewegung aufmerksam zu machen. Der Islamexperte Marwan Abou-Taam sieht in der Aktion "eine radikale Interpretation der islamischen Vorstellung von Da’wa, dem Missionieren zum Islam".

  • Porträtaufnahme von Ex-Salafist Barino Barsoum. Seit seinem Ausstieg wird Barino Barsoum von salafistischen Bekannten gemieden; Rechte: WDR

Ausgrenzung und Feindbilder

Jugendlichen, die in der salafistischen Szene aktiv sind, wird der Ausstieg aus der Gemeinschaft äußerst schwer gemacht. Der Aussteiger Barino Barsoum berichtet: "Der Ausstieg ist sehr, sehr schwer für mich gewesen. Der Imam in der Moschee hat meinen Freunden verboten, weiter Kontakt zu mir zu halten. Alle Freundschaften sind mir gekündigt worden. Sie haben mir gesagt: Eigentlich steht auf den Abfall vom Glauben die Todesstrafe. Aber wir leben hier in Deutschland, da können wir das nicht ausleben. Deshalb lassen wir dich einen sozialen Tod sterben!"

Die Erzählungen von Barino Barsoum stehen beispielhaft für ein typisches salafistisches Selbstverständnis, das sich verkürzt auf die Formel "Freundschaft und Meidung" ("Al-walaa’ wa-l-bara’a") bringen lässt und das die Salafisten ihren Anhängern als eine einfache Verhaltensweise predigen: Beziehungen mit anderen Glaubensbrüdern und -schwestern sind ausdrücklich zu pflegen. Kontakte zu Nicht-Salafisten sind weitestgehend abzubrechen. Der Umgang mit Andersgläubigen ist nur dann gestattet, wenn es klare Absichten zur Missionierung gibt. Gleichzeitig verkünden salafistische Prediger, dass es die Pflicht eines "wahren Muslim" sei, Andersgläubige zu hassen. Durch dieses Freund-Feind-Schema wird der innere Zusammenhalt salafistischer Gruppen gestärkt und es entwickelt sich bei den Anhängern ein Überlegenheitsgefühl gegenüber allen anderen Glaubensrichtungen. Ein friedlicher und gleichberechtigter Gedankenaustausch zwischen den Anhängern des Salafismus und anderen Religionsgruppen ist daher kaum möglich. Der Salafismus erklärt sowohl alle andere Religionen (beispielsweise Christen- und Judentum) als auch alle anderen Richtungen des Islam zum Feindbild. So ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff der "Ungläubigen" (arabisch "kuffar") einen zentralen Stellenwert in der salafistischen Propaganda einnimmt. Folgt man dem salafistischen Weltbild, ist die Einteilung der Welt in "gut" und "böse", "gläubig" und "ungläubig", "Freund" und "Feind" eindeutig und ohne Interpretationsspielraum vorzunehmen.