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Hintergund: Jugendgewalt - Ein mit vielen Vorurteilen beladenes Reizthema

Jugendgewalt – eine Begriffsdefinition

  • Ein Jugendlicher schlägt einen auf dem Boden liegenden Jungen mit der Faust, während zwei andere dabei zuschauen; Rechte: imago Jugendgewalt wird vor allem als körperliche Gewalt wahrgenommen; Rechte: imago

Ob auf dem Schulhof, in der Familie oder im Jugendzentrum – Gewalt ist für Jugendliche Teil ihres Alltags. Vor allem Hauptschüler sind als Täter und Opfer überproportional häufig mit Gewalt konfrontiert. Am häufigsten allerdings erleben Jugendliche Gewalthandlungen im familiären Umfeld, erst an zweiter Stelle folgt die Schule. Aber was ist eigentlich Jugendgewalt?

Jugendgewalt ist ein unspezifischer Sammelbegriff für verschiedene jugendspezifische Deliktformen. In der Öffentlichkeit wird Jugendgewalt vor allem als körperliche Gewalt wahrgenommen. Viele Jugendliche erleben als Täter und Opfer aber auch verbale Attacken, Sachbeschädigungen, Erpressungen und Raufereien. Zur Jugendgewalt gehören außerdem ausländerfeindliche Übergriffe, die in der Regel von Cliquen und Gruppen oder in deren Kontext ausgeübt werden. Jugendgewalt hat also viele Gesichter und muss daher differenziert betrachtet werden.

  • Zwei Polizeibeamte führen einen Jugendlichen ab; Rechte: ddp Über 70 Prozent der Jugendlichen, die als Gewalttäter mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sind männlich; Rechte: ddp

Abzugrenzen ist Jugendgewalt von Jugendkriminalität. Kriminalität von Kindern und Jugendlichen, also das Übertreten von Gesetzen, ist in der überwiegenden Anzahl aller Fälle Kleinstkriminalität mit sehr geringen materiellen Schäden. Im Sinne der Jugendkriminalität kommen cirka sieben bis acht Prozent der Jugendlichen mit dem Gesetz in Konflikt. In den Kriminalstatistiken tauchen sie dann als Tatverdächtige auf. Jugendgewalt im Sinne von Gewaltkriminalität wird nur von einer sehr kleinen Gruppe Jugendlicher ausgeübt.

Ein paar Fakten zur Jugendgewalt

  • Jugendgewalt ist ein meist männliches Phänomen, denn über 70 Prozent der Gewalttäter sind Jungen. Auch sind es vor allem männliche Jugendliche, die Opfer von Jugendgewalt werden.
  • Jugendgewalt findet überwiegend im öffentlichen Raum statt, während die Gewalt Erwachsener zum Großteil im häuslichen Bereich stattfindet. Deshalb wird Jugendgewalt von der Gesellschaft stärker wahrgenommen.
  • Jugendgewalt ist ein Gruppenphänomen. Sie wird kaum von Einzeltätern, sondern primär aus Gruppen heraus begangen, wobei die eigene Gewalttätigkeit durchaus im Zusammenhang mit einem gewaltakzeptierenden Freundeskreis steht.
  • Jugendgewalt ist stark von Bildungsniveau und sozialen Problemlagen abhängig: Ein geringer Bildungsstand und soziale Problemlagen sind signifikante Risikofaktoren für die Ausübung von Gewalt.
  • Selbst erlebte Gewalt spielt für das Risiko, ebenfalls gewalttätig zu werden, eine ausschlaggebende Rolle: Cirka 25 bis 30 Prozent der jugendlichen Gewalttäter geben an, von ihren Eltern geschlagen worden zu sein.
  • Laut polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) sind 2013 rund 185.000 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren straffällig geworden. Damit geht die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen seit 2008 kontinuierlich zurück. Damals waren es noch über 260.000 Jugendliche gewesen.
  • In den Medien stark wahrgenommen und diskutiert wird insbesondere die kleine Gruppe jugendlicher Intensiv- und Mehrfachtäter. Auch jugendliche Täter mit Migrationshintergrund stehen oft im Fokus.

Jugendgewalt in Zahlen

  • Ein PC-Monitor zeigt ein Balkendiagramm; Rechte: mauritius images In den Medien ist Jugendgewalt ein beliebtes Thema; Rechte: mauritius images

In Zeitungen, Radio und Fernsehen wird regelmäßig über Jugendgewalt berichtet. Schenkt man diesen Berichten Glauben, so werden Heranwachsende immer brutaler und schlagen immer häufiger zu. Meist stützen sich solche Aussagen auf die Angaben der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS). Allerdings gibt es auch Forschungsergebnisse, die diesen Annahmen stark widersprechen.

Die Ergebnisse der kriminologischen Forschung zur Entwicklung der Jugendgewaltkriminalität (Dunkelfeldstudien) stellen fest, dass die tatsächliche Gewaltkriminalität im Jugendbereich in den letzten zehn Jahren weder qualitativ noch quantitativ zugenommen hat. Vielmehr bewegt sich die Zahl der Delikte auf einem relativ konstanten Niveau.

Erhöht hat sich laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) jedoch die Bereitschaft, Gewalthandlungen zur Anzeige zu bringen, und damit einhergehend der Anteil der Delikte, die der Polizei zur Kenntnis gelangen.

Für diese Entwicklung (Konstanz bzw. Abnehmen) von Jugendgewalt werden in der Forschung unter anderem mehrere Faktoren verantwortlich gemacht:

  • Gewalt wird als Erziehungsmittel zunehmend abgelehnt, wobei das "Recht auf Züchtigung" per Gesetz erst im Jahr 2000 abgeschafft wurde.
  • Die Akzeptanz von Gewalt als Mittel zur Konfliktaustragung unter Jugendlichen sinkt.
  • Gewaltvorfälle werden häufiger als früher zur Anzeige gebracht und dadurch auch sanktioniert.
  • Kritiker geben jedoch zu bedenken, dass die rückläufigen Zahlen mit dem demografischen Wandel zu begründen sind, die Zahl der Jugendlichen in Deutschland nimmt ab.

Dennoch gibt es Räume und soziale Gruppen, in denen sich die Gewaltentwicklung Besorgnis erregend darstellt. Hierzu gehören stadtteilbezogene Problembezirke sowie jugendliche Banden.

Gewaltbereitschaft ist keine Frage der ethnischen Herkunft

  • Eine Gruppe von Schülern mit Migrationshintergrund posiert auf einem Schulhof; Rechte: imago Jugendliche mit Migrationshintergrund sind nicht automatisch gewaltbereiter als deutsche Altersgenossen; Rechte: imago

Die öffentliche Debatte ist nicht selten auch von der Aussage geprägt, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund verstärkt durch Gewalthandlungen auffallen. Tatsächlich deckt sich diese Aussage mit der Polizeilichen Kriminalstatistik, wobei zu betonen ist, dass laut PKS aus dem Jahr 2013 auch die Gewaltbereitschaft ausländischer Jugendlicher rückläufig ist. Nichtsdestotrotz wird in Kommentaren, Schlagzeilen und Diskussionen immer wieder ein Zusammenhang zwischen Herkunft und Gewaltbereitschaft hergestellt oder zumindest vermutet. Dies trifft nach Untersuchungen des Bundesinnenministeriums und des KFN (Stand 2009) jedoch nur für sehr schlecht integrierte Jugendliche mit Migrationshintergrund zu. Nimmt man nicht die ethnische Zugehörigkeit, sondern die soziale Lage und das Bildungsniveau als Indikator, gleicht sich die Kriminalitätsbelastung in den meisten Fällen denen der deutschen Jugendlichen an. Jedoch sind überproportional viele Jugendliche mit Migrationshintergrund von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen – diese Indikatoren wiederum beeinflussen das Gewaltverhalten. Aus sogenannten Opferbefragungen kristallisiert sich zudem heraus, dass Verdächtige vermeintlich nicht deutscher Herkunft öfter angezeigt werden als vermeintlich deutsche Tatverdächtige.

Immer wieder wird in der Forschung betont, Kriminalität sei keine Frage der ethnischen Zugehörigkeit, sondern von Lebenslagen und damit von Bildungs- und Zukunftschancen. Eine abgeschlossene Schulausbildung und die Perspektive auf eine Ausbildung können somit Instrumente sein, um Gewalt nachhaltig und präventiv entgegenzuwirken. Die Kriminologin Britta Bannenberg verweist allerdings darauf, dass die Forschungslage zum Zusammenhang von ethnischer Zugehörigkeit und Gewaltbereitschaft bislang unzureichend sei. Man könne deshalb keine klaren Aussagen darüber treffen, ob die Statistik eine höhere Kriminalitätsbelastung der Migranten zeige, ob nur bestimmte Altersgruppen überrepräsentiert seien oder es überhaupt keine Höherbelastung gäbe.

Jugendliche sind öfter Opfer als Täter von Gewalt

  • Ein junges Mädchen kauert in einer Ecke, vor ihr steht ein Erwachsener mit erhobener Hand, Rechte: dpa Öfter Opfer als Täter: Jugendlichen wird nicht nur auf der Straße Gewalt angetan; Rechte: dpa

Dass Jugendliche viel häufiger Opfer als Täter von Gewalt sind, wird nur selten thematisiert. Untersuchungen zeigen jedoch, dass dies in doppelter Hinsicht gilt: im häuslichen Bereich durch die Eltern und im öffentlichen Bereich durch andere Jugendliche. "Während die Täterraten für Gewaltdelikte im Jahr 2000 bei 15,7 Prozent lagen, wurden mehr als 30 Prozent der Jugendlichen innerhalb des gleichen Referenzzeitraumes Opfer elterlicher Gewalt. Diese Art von Gewalt wird offiziell so gut wie gar nicht bekannt", erklären Katrin Brettfeld und Peter Wetzels vom Institut für Kriminalwissenschaften der Uni Hamburg. Gleichzeitig wurde etwa ein Viertel der Jugendlichen Opfer von Gewaltdelikten (unter anderem Raub, Erpressung, Körperverletzung), die zu über 80 Prozent durch Gruppen oder aus Gruppen heraus verübt wurden.