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Hintergrund: Fast ein echtes Baby

Minderjährig und Mutter – eine gute Idee?

  • "Pro familia"-Logo auf der Glastür eines Büros, dahinter sitzen zwei Frauen an einem Tisch; Rechte: dpa Pro Familia führt mit Jugendlichen Projekte für eine bewusste Lebensplanung durch; Rechte: dpa/Britta Pedersen

Ein Kind – ein kleiner Mensch, für den man da sein kann, der einen bedingungslos liebt, um den einen andere beneiden, Der immer bei einem bleibt: Den Wunsch nach einem Baby haben viele Frauen – auch die ganz jungen, die ihre Kindheit selbst erst seit ein paar Jahren hinter sich haben.

"Viele Mädchen wünschen sich endlich eine heile Familie – besonders, wenn sie selbst keine hatten", erzählt die Sexualpädagogin Ana Acosta. "Deswegen können sie sich vorstellen, früh Mutter zu werden." Für Pro Familia NRW führt Acosta Projekte mit Jugendlichen durch, in denen es um Lebensplanung und Zukunft geht. In diesem Rahmen erzählen junge Mädchen dann auch von ihrem Wunsch nach einem Kind.

Immer wieder wird in den Medien darüber diskutiert, wie man verhindern kann, dass minderjährige Mädchen schwanger werden. Dabei ist das Problem in Deutschland eigentlich vergleichsweise klein: Aktuell bringen etwa sieben bis acht von 1.000 Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren ein Kind zur Welt oder haben eine Abtreibung – also weniger als ein Prozent dieser Altersgruppe. Das zeigt die Studie "Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch bei minderjährigen Frauen" von Pro Familia und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2009.

Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit am unteren Ende der Skala, zusammen mit den skandinavischen Ländern, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden. Großbritannien beispielsweise liegt im Mittelfeld, die USA sind Spitzenreiter bei Teenagerschwangerschaften. Wo liegt also das Problem?

Baby auf Probe

  • Drei Mädchen halten eine Babypuppe; Rechte: dpa/Harald Tittel Sogenannte Elternpraktika sind fester Bestandteil des Pro Familia-Projekts; Rechte: dpa/Harald Tittel

Ein Problem ist, dass 91 Prozent dieser jungen Frauen ungeplant schwanger geworden sind, weil sie entweder nicht richtig oder überhaupt nicht verhütet haben. Etwa fünf Prozent aller Teenagerschwangerschaften sind geplant, so die Studie. Die restlichen vier Prozent haben es "drauf ankommen lassen", ohne eine bewusste Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft zu treffen.

Die "Rund um Zukunft"-Projekte von Pro Familia sollen junge Menschen in Nordrhein-Westfalen dazu bringen, Lebensentscheidungen bewusst zu treffen. "Viele Jugendliche haben eine idealisierte Vorstellung von ihrer Zukunft", sagt Projektkoordinatorin Ana Acosta. "Im Projekt sollen sie sich Gedanken darüber machen, was sie sich wirklich wünschen und was für sie möglich ist. Das hat auch etwas damit zu tun, seine eigenen Grenzen kennenzulernen." Um den Projektteilnehmerinnen – in der Mehrzahl Mädchen – das zu ermöglichen, geht Pro Familia ungewöhnliche Wege: Fester Bestandteil des Projekts ist das Elternpraktikum, eine Möglichkeit, das Leben mit einem Baby ein paar Tage und Nächte auszuprobieren.

Nur drei Stunden Schlaf – ein Knochenjob

  • Eine junge Frau sitzt in einem Einkaufszentrum neben einem Körbchen, in dem eine Babypuppe liegt; Rechte: WDR Ein echter Kraftakt: Die Babypuppe braucht ständig Aufmerksamkeit; Rechte: WDR

Allerdings handelt es sich bei dem "Baby" nur fast um ein echtes. Es schreit, muss gefüttert, gewickelt und gewiegt werden. Außerdem reagiert es empfindlich auf grobe Behandlung und hat ein empfindliches Genick, weshalb der Kopf gehalten werden muss. Ansonsten aber ist es aus Plastik, innen steckt ein empfindlicher Computer.

Mit diesem Computer steuert Ana Acosta, wann und wie oft das Baby schreit und versorgt werden muss. Die Aufgabe der Projektteilnehmerinnen: sich drei bis fünf Tage allein oder zu zweit um die Babypuppe kümmern – auch nachts. Es gibt verschiedene Schwierigkeitsstufen, die sich an den Tagesabläufen echter Säuglinge orientieren. Bei der mittleren Stufe etwa meldet sich das Baby in der ersten Nacht zwischen elf und Mitternacht, drei und vier sowie um sechs Uhr und möchte versorgt werden.

"Am Anfang ist es nur eine Puppe", erzählt Ana Acosta. "Aber wir machen eine richtige Übergabezeremonie mit Geburtsurkunde und Wiegeritual, die Mädchen denken sich einen Namen für ihr Baby aus. Und nach ein paar Tagen identifizieren sie sich mit ihrem Baby, sie kümmern sich intensiv und sind oft traurig, weil sie es wieder abgeben müssen."

Doch trotz dieser emotionalen Bindung, so hat Acosta beobachtet, gehen die meisten Teilnehmerinnen sehr differenziert mit ihren Erfahrungen um. "Einige sind nach der ersten Nacht total fertig. Andere sagen: Ach, es war eigentlich ganz ok. Aber auch diese Mädchen sagen meist: Ich habe das zwar gut hinbekommen, aber es ist doch anstrengender als ich erwartet hatte, und es macht nicht besonders viel Spaß, mitten in der Nacht aufzustehen."

Risikogruppe: Hauptschülerinnen

  • Eine junge Frau steht vor einer Informationstafel der Arbeitsagentur; Rechte: dpa/Martin Schutt Bei jungen Mädchen ohne Ausbildungsplatz sind Teenagerschwangerschaften am häufigsten; Rechte: dpa/Martin Schutt

Forschungsergebnisse darüber, ob das "Rund um Zukunft"-Projekt tatsächlich die Zahl der Teenagerschwangerschaften reduziert, gibt es nicht, aber Abschreckung ist auch nicht das Ziel des Projekts, das Pro Familia komplett durch Spenden finanziert. "Wenn Pädagogen sich an uns wenden, machen wir von Anfang an deutlich, dass das Projekt ergebnisoffen ist. Ein junges Mädchen mit einem starken Kinderwunsch werden wir nicht davon abbringen, schwanger werden zu wollen. Aber wir können diesem Mädchen praxisnah vermitteln, dass man diese Entscheidung sehr bewusst treffen muss, weil sie weitreichende Folgen für das eigene Leben haben kann", erklärt Ana Acosta. Dieser praxisnahe Ansatz sei besonders erfolgreich an Haupt- oder Berufsschulen. Hier begegnen sie zudem Mädchen, bei denen das Risiko einer sehr frühen Schwangerschaft besonders hoch ist. Die Pro Familia-Studie zu Teenagerschwangerschaften hat gezeigt, welchen Zusammenhang es zwischen Schulbildung und frühen Schwangerschaften gibt: Das Risiko einer frühen Schwangerschaft ist für Hauptschülerinnen fünfmal höher als für Gymnasiastinnen. Außerdem zeigte die Studie, dass viele der befragten minderjährigen Schwangeren nicht mehr zur Schule gingen, keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz hatten; bei vielen waren die Eltern und der Partner ebenfalls arbeitslos bzw. gering gebildet. Und: je größer die soziale Benachteiligung der jungen Frau, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht nur schwanger wird, sondern das Kind auch bekommt, sich also gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet.

Praktische Tipps für eine informierte Entscheidung

  • Eine Mutter liest ihrem Kind ein Bilderbuch vor; Rechte: ddp/Tim Lochmueller Pro Familia will Mädchen helfen, eine informierte Entscheidung für oder gegen ein Kind zu treffen; Rechte: ddp/Tim Lochmueller

Das "Rund um Zukunft"-Projekt will kein Mädchen dazu bringen abzutreiben. Stattdessen wollen Ana Acosta und die anderen Projektleiterinnen es den Mädchen ermöglichen, Informationen zu sammeln, um eine bewusste Entscheidung zu treffen. Deswegen gehört auch mehr zum Projekt als nur ein paar Nächte mit dem Babysimulator. "Wir drücken keinem die Puppe in die Hand und sagen: Viel Glück!", bestätigt Acosta. "Stattdessen beschäftigen sich die Teilnehmerinnen mit allen Fragen rund um Mutterschaft: An wen kann ich mich wenden, wenn ich Hilfe brauche? Wie war das eigentlich bei meiner Mutter? Was wünsche ich mir von meinem Partner? Wie laufen Schwangerschaft und Geburt ab? Und wie bade ich einen Säugling?"

Pro Familia NRW führt diese Projekte seit 2007 durch. Mehrere Schulen nehmen daran teil. Viele Pädagogen schätzen, dass die Teilnehmerinnen angeregt werden, sich selbst Fragen über ihr Leben zu stellen. Und auch Ana Acosta ist von den positiven Effekten überzeugt: "Wenn ich die Reaktionen der Mädchen sehe, dann weiß ich: Das war es wert."