zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Dimensionen des Rechtsextremismus

  • Eine Menschenmenge zieht an einem Haus vorbei, ein Demonstrant trägt eine NPD-Flagge. Aufmärsche und Demonstrationen gehören in den Bereich des Protestverhaltens; Rechte: dpa

Rechtsextreme Verhaltensweisen

Um den Begriff Rechtsextremismus vollständig und angemessen abbilden zu können, unterscheidet man zwischen den beiden Dimensionen Einstellungs- und Verhaltensebene. Die Verhaltensebene umfasst politisch zielgerichtetes Verhalten und Protestverhalten, das provozieren und Aggressionen ausleben will. Politisch zielgerichtetes Verhalten meint das Wahlverhalten zugunsten rechtsextremer Parteien, deren aktive Unterstützung sowie die Mitgliedschaft im organisierten Rechtsextremismus und in neonazistischen Gruppierungen.

Die Grenzen zwischen politischem Verhalten und Protestverhalten sind jedoch fließend. Protest und Provokation äußern sich daher auch in zielgerichteten Formen der Agitation, zum Beispiel Aufmärschen oder Demonstrationen. Zum zielgerichteten politischen Verhalten gehört weiterhin der "geistige Transport" rechtsextremistischer Ideologie in einschlägigen Büchern und Zeitschriften. Die Kategorie "Gewalt/Terror" schließlich kennzeichnet Straf- und Gewalttaten bis hin zur Bildung terroristischer Strukturen.

  • Die Worte "Fuck Nigger" sind als Grafitti auf einer Hauswand zu lesen. Die Herabwürdigung anderer Ethnien ist ein Merkmal des aggressiven Nationalismus; Rechte: Imago

Rechtsextreme Einstellungen

Rechtsextremismus als komplexes Einstellungsmuster umfasst mehrere Bestandteile. Ein rechtsextremes Weltbild zeichnet sich in der Regel durch einen aggressiven Nationalismus aus. Die Herabwürdigung anderer Nationen und Ausgrenzung fremder Ethnien erwächst aus einer übersteigerten Idee des Nationalstaates und dem Wahn eines völkischen Nationalismus. Nationalismus schließt eine auf Ethnozentrismus basierende Perspektive mit ein, das heißt, die Merkmale der Eigengruppe werden absolut gesetzt und gegenüber Merkmalen der Fremdgruppe als höherwertig und überlegen definiert. Eine neuere Variante dieses Einstellungsmusters ist der sogenannte Ethnopluralismus, der vermeintlich harmlos klingt. So spiegelt die Forderung der NPD "Deutschland den Deutschen – Die Türkei den Türken" die Konstruktion eines ethnisch gedachten Staatsvolkes beziehungsweise einer "völkischen" Gemeinschaft wider und wirkt vordergründig nicht derart fremdenfeindlich wie etwa die Parole "Ausländer raus!". Dennoch unterstellt auch der sogenannte Ethnopluralismus eine genetische und kulturelle Ungleichheit.

Die "Ideologie der Ungleichheit" umfasst Rassismus, einen ausgeprägten Sozialdarwinismus und den sogenannten Wohlstandschauvinismus. Rassismus bewertet die Eigenschaften der eigenen Volksgruppe besonders hoch und tendiert dazu, fremde Ethnien zu benachteiligen, auszugrenzen und abzuwerten. Sozialdarwinismus übersteigert nicht nur die Attribute der eigenen Volksgruppe, sondern spricht fremden Gruppen aufgrund einer unterstellten rassischen oder ethnischen Ungleichheit universell gültige Menschen-, Freiheits- und Gleichheitsrechte ab. Eine weitere Spielart von Fremdenfeindlichkeit ist der Wohlstandschauvinismus, der Fremden im eigenen Land gesellschaftliche Rechte und ökonomische Teilhabechancen verwehren will. Ausschlaggebendes Motiv ist die Furcht, Wohlstand mit Fremden teilen zu müssen und somit an Lebensqualität zu verlieren. Die "Ideologie der Ungleichheit" bezieht sich auch auf die Diskriminierung qua Geschlecht. Rassismus und Sexismus gehen bei Rechtsextremen nicht selten eine Verbindung ein.

Antisemitismus, also die Feindschaft gegenüber Juden, die als minderwertige Rasse diffamiert werden, ist eine im rechtsextremistischen Weltbild gängige Ausprägung menschenverachtenden Denkens. Antisemitismus und Rassismus beruhen auf biologistischen oder kulturalistischen Theorien, deren Fundament ein vulgärer Sozialdarwinismus ist. Diese Theorie unterstellt Einzelnen die unabänderliche Zugehörigkeit zu einer "Volksgruppe". Darüber hinaus wird die scheinbar naturgegebene Überlegenheit der eigenen "Rasse" behauptet und daraus das Recht der Ausgrenzung und Verfolgung anderer ("minderwertiger") Gruppen abgeleitet – bis hin zur Rechtfertigung von Gewalt gegenüber Fremden.

Pro-Nazismus schließlich meint die verharmlosende, rechtfertigende oder gar verherrlichende Darstellung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Damit einher geht die Leugnung des Holocaust und der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg – der sogenannte Geschichtsrevisionismus. Dieses Denkmuster, das ein auf das "Führerprinzip" reduziertes Staats- und Politikverständnis und somit Demokratiefeindschaft und Antiparlamentarismus beinhaltet, befürwortet letztlich eine Rechtsdiktatur.

  • Man sieht den rasierten Hinterkopf einer Person, auf deren Jackenkragen "Weiße Macht" steht. Nicht jeder, der so angezogen ist, muss ein überzeugter Rechtsextremer sein; Rechte: Imago

Die Anziehungskraft eines einfachen Weltbildes

Die Faszination eines rechtsextremen Weltbildes erklärt sich nicht zuletzt dadurch, dass Politik und Gesellschaft "naturalisiert" werden: Führer- und Gefolgschaftsverhältnis, "Kampf als Daseinsprinzip", die scharfe Abgrenzung gegen andere Nationalitäten und die Identifikation mit dem eigenen Volk sind Grundmuster einer Ideologie, die ihre Begründung aus dem Glauben an die Natürlichkeit solcher Prinzipien bezieht. Die Attraktivität besteht in der Quasi-Natürlichkeit des Weltbildes, in den einfachen, klaren und überschaubaren Glaubenssätzen, die eine Deutung der Wirklichkeit ohne Wenn und Aber ermöglichen. Damit liefert dieses Einstellungsmuster einen scheinbar einfachen Ausweg aus der Komplexität moderner Gesellschaften.

Die analytische Trennung in eine Einstellungs- und Verhaltensebene macht deutlich, dass Menschen, die über ein rechtsextremes Weltbild verfügen, nicht zwingend politisch aktiv oder gewalttätig sein müssen. Vielmehr wird durch diese Unterscheidung einsichtig, dass die Anzahl derjenigen, die über rechtsextremistische Einstellungsmuster verfügen, höher ist als die Zahl derer, die durch ein entsprechendes Verhalten öffentlich in Erscheinung treten. Umgekehrt gilt natürlich, dass ein solches Weltbild die notwendige Voraussetzung für rechtsextremes Verhalten darstellt. Aber nicht alle Menschen, die mit rechten Parolen provozieren oder rechtsextrem wählen, müssen überzeugte Rechtsextreme sein.

  • Die Worte "Nazi is super" auf eine Wand geschrieben. Rechtsextreme Einstellungen sind in Deutschland in der Minderheit; Rechte: Imago

Ergebnisse der Einstellungsforschung

Die Unterscheidung in "Einstellungen" und "Verhalten" erklärt auch, warum die Einstellungsforschung in Teilen der Bevölkerung eine erhebliche Verbreitung rechtsextremistischer und demokratiefeindlicher Einstellungen ermitteln konnte, die sich nicht unbedingt im Verhalten (zum Beispiel Mitgliedschaft in rechtsextremen Organisationen) niederschlagen müssen. So zeigte die bekannte, wenn auch methodisch umstrittene SINUS-Studie bereits 1981, dass rechtsextremistische Einstellungen in der bundesdeutschen Bevölkerung seit Jahrzehnten relativ breit und stabil verankert sind. Als Ergebnis hielt diese Studie fest, dass 13 Prozent aller Wählerinnen und Wähler in der Bundesrepublik über ein abgeschlossenes rechtsextremes Weltbild verfügen. Neuere Untersuchungen scheinen diesen Befund im Wesentlichen zu bestätigen. Eine Untersuchung von Richard Stöss kommt zu dem Befund, dass das rechtsextremistische Einstellungspotenzial bundesweit 9 Prozent beträgt, in Westdeutschland 7,3 Prozent, in Ostdeutschland 15,8 Prozent.

  • Eine Flagge mit einem Hakenkreuz. Verschiedene Ansätze versuchen die Entstehung rechtsextremer Einstellungen zu erklären; Rechte: WDR

Wie lässt sich Rechtsextremismus erklären?

Auf die Frage, warum Menschen rechtsextreme Einstellungen entwickeln, gibt es eine Vielzahl von Erklärungsangeboten, die nur lose untereinander verbunden sind. Sie lassen sich unterscheiden in persönlichkeitsbezogene Ansätze, die sich auf die Individualebene konzentrieren (Theorie der autoritären Persönlichkeit), und solche, die den Blick auf die gesellschaftliche Ebene richten. Letztere befassen sich mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Modernisierung (Begriff der relativen Deprivation, d.h. eine objektiv messbare materielle Benachteiligung im Vergleich zum gesellschaftlich vorherrschenden Standard), den Folgen des sozialen Wandels (Individualisierungs- und Desintegrationstheorien) sowie der Bedeutung der politischen Kultur für die Entstehung rechtsextremer Einstellungen.

Die Erklärungsansätze, die unverbunden nebeneinander stehen, weisen auf ein Grundproblem der systematischen Rechtsextremismusforschung hin: Bis heute gibt es nur wenige Versuche, Theorieansätze aufeinander zu beziehen und in umfassendere Erklärungsansätze zu integrieren.

Theorie der autoritären Persönlichkeit

Die Autoritarismusforschung stellt spezifische Eigenschaften der Persönlichkeit in den Mittelpunkt der Analyse. Wegweisend war das unter anderem von Theodor W. Adorno geprägte Konstrukt der "autoritären Persönlichkeit". Träger dieser Persönlichkeitsstruktur unterwerfen sich Autoritäten, bezeugen ihnen Gehorsam und Respekt, besitzen rigide und konventionelle Wertvorstellungen und gebärden sich Schwächeren und vermeintlich Unterlegenen gegenüber dominant und aggressiv. Verantwortlich für diese Persönlichkeitsstruktur ist unter anderem eine autoritäre familiäre Sozialisation.

  • Ein Mann mit schwarzem Kapuzenpullover läuft eine Straße entlang. Individuelle Frustration und Unzufriedenheit können in den Rechtsextremismus führen; Rechte: WDR

Relative Deprivation

Relative Deprivation bezeichnet einen Zustand individuell wahrgenommener Frustration, Desillusionierung und Unzufriedenheit, der aufgrund einer Kluft zwischen dem Ist und dem Gewünschten entsteht. Je nach dem Bereich, in dem diese Kluft empfunden wird, kann von ökonomischer, sozialer und politischer Deprivation gesprochen werden. Dieses Konstrukt lebt unter anderem vom Vergleich der Eigengruppe mit einer Fremdgruppe (zum Beispiel dem Vergleich zwischen Deutschen und den in der Bundesrepublik lebenden Menschen mit Migrationshintergrund). Die ökonomische Statusgefährdung hat sich in dem Wort "Modernisierungsverlierer" verdichtet.

Anomie als Folge des sozialen Wandels

Dieser Ansatz, der in der Geschichte der Sozialwissenschaften immer wieder verfolgt wurde, legt zugrunde, dass ein rascher und nachhaltiger gesellschaftlicher Wandel zu steigender Verunsicherung, zu Ohnmachtsgefühlen, Statusängsten und Handlungsunsicherheit führt. Anomie bezeichnet einen Zustand der Regel- und Normlosigkeit in einem Gemeinwesen. In Phasen ausgeprägter Modernisierung verlieren einstmals verbindliche Normen und Werte ihre Bindungskraft. Anomie äußert sich auch in einem Abbau sozialer Kontrolle bei gleichzeitiger Zunahme eines Verhaltens, das immer weniger der erwartbaren Norm entspricht.

  • Man sieht eine rot umrandete Pistole und darüber den Schriftzug "Nationalsozialistischer Untergrund". Szene aus dem Video, das der NSU gedreht hat; Rechte: AFP

Desintegrationstheorie

Einer der wohl prominentesten Erklärungsansätze der letzten Jahre ist die Desintegrationstheorie von Wilhelm Heitmeyer aus dem Jahr 1993: Kennzeichen moderner Gesellschaften sei die Auflösung überschaubarer Lebenswelten beziehungsweise sozialer Milieus. Die damit einhergehende Individualisierung biete zwar ein Mehr an Freiheit, provoziere aber auch Identitätsprobleme sowie Erosions- und Auflösungsprozesse. Bei Jugendlichen können – so die Folgerung – Orientierungslosigkeit und Statusängste zur Suche nach Gewissheiten führen, die rechtsextreme Gruppierungen anbieten. Rechtsextreme Postulate, die für sich das "Recht des Stärkeren" reklamieren, bieten somit die Umformung von Gefühlen individueller Ohnmacht in Gewaltakzeptanz an.

Einflüsse der politischen Kultur

Die politische Kultur einer jeweiligen Gesellschaft beeinflusst im Sozialisationsprozess das Erlernen politischer Einstellungen und begünstigt, wenn Ideologiefragmente des Rechtsextremismus als legitim erachtet werden, die Herausbildung rechtsextremer Einstellungen. Schenkt man lerntheoretischen Ansätzen Glauben, greifen Kinder und Jugendliche auf Sinnangebote, auf Werte, Normen und Einstellungen zurück, die von ihrem sozialen Umfeld bereitgestellt werden. So ist die Übernahme und Akzeptanz rechtsextremer Denkhaltungen umso wahrscheinlicher, wenn Kinder und Jugendliche Bezugsgruppen angehören, in denen solche Einstellungsmuster ausgeprägt sind und toleriert werden.