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Hintergrund: Die Geschichte der Homosexuellen-Bewegung

Kämpfer für die Rechte Homosexueller: Magnus Hirschfeld

  • Portrait von Magnus Hirschfeld; Rechte: akg-images Vorreiter der Gleichbehandlung von Schwulen: Magnus Hirschfeld; Rechte: akg-images

Der Kampf der Homosexuellen in Deutschland um Anerkennung und Rechte ist eng verbunden mit dem Paragrafen 175 des Strafgesetzbuchs. Diese aus dem Jahre 1872 stammende Rechtsvorschrift verbot jede homosexuelle Handlung zwischen Männern unter Androhung einer Gefängnisstrafe oder Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte, worunter zum Beispiel das Wahlrecht fiel. Daher gründete der Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld 1897 die weltweit erste Organisation, die sich für die Rechte Homosexueller einsetzte: das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK). Das Ziel beschrieb Hirschfeld so: "Es ist unsere Aufgabe, aufgrund sichergestellter Forschungsergebnisse und der Selbsterfahrung vieler Tausender endlich Klarheit darüber zu schaffen, dass es sich bei der Liebe zu Personen gleichen Geschlechts, der sogenannten Homosexualität, um kein Laster oder Verbrechen, sondern um eine von Natur aus tief in einer Anzahl von Menschen wurzelnde Gefühlshaltung handelt." Die Mitglieder des WhK sammelten Unterschriften und brachten mehrfach eine Petition zur Abschaffung des Paragrafen 175 in Reichs- und Bundestag ein.

Haft und Tod für schwule Männer im Dritten Reich

  • Denkmal "Rosa Winkel"; Rechte: WDR/Helmut Metzmacher Der rosa Winkel als Denkmal der Schwulenverfolgung unter den Nationalsozialisten steht in Köln; Rechte: WDR/Helmut Metzmacher

Doch der Machtantritt der Nationalsozialisten setzte allen Emanzipationsbestrebungen der Homosexuellen in Deutschland ein Ende. Im Jahr 1935 verschärften die Nazis den Paragrafen 175 sogar noch. Adolf Hitler selbst ordnete eine "rücksichtslose Aufräumung dieser Pestbeule" an. Von da an brauchte es nicht einmal mehr zu einer Berührung zwischen zwei Männern zu kommen; ein einziger begehrlicher Blick konnte Grund genug sein, um bis zu fünf Jahre lang im Gefängnis eingesperrt zu werden. Schätzungsweise 50.000 bis 100.000 Homosexuelle wurden während der NS-Zeit verhaftet, 10.000 Schwule wurden in Konzentrationslager gebracht und mussten einen "rosa Winkel" an ihrer Kleidung tragen. Tausende von ihnen kamen um.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte die DDR zunächst zur Formulierung aus der Vor-Nazi-Zeit zurück und strich 1968 den Paragrafen ganz aus dem Strafrecht. Im Westen hingegen galt weiterhin die verschärfte Fassung aus der NS-Zeit. Homosexuelle Handlungen zwischen Männern waren in der jungen Republik damit vollständig verboten und wurden auch strafrechtlich verfolgt. Homosexuelle Frauen hingegen wurden im Gesetz nicht erwähnt. Allein zwischen 1950 und 1965 wurden rund 45.000 Personen nach Paragraf 175 verurteilt. Im Zuge der 68er-Bewegung, die auch eine sexuelle Revolution war, forderten Homosexuelle erneut ihre Rechte ein und verlangten, dass der Paragraf aus dem deutschen Recht gestrichen wird.

Wandel in den 1960er Jahren: Homosexuell und stolz drauf

  • Stonewall Inn; Rechte: ddp images/AP Historischer Ort für die Schwulenbewegung: Stonewall Inn in New York; Rechte: ddp images/AP
  • Rosa von Praunheim; Rechte: imago/APress Schwulenikone: Filmemacher Rosa von Praunheim; Rechte: imago/APress

Der gesamtgesellschaftliche Wandel führte 1969 schließlich zu einer Reform des Sexualstrafrechts. Homosexuelle Handlungen von Männern über 21 Jahre waren von da an straffrei. Aus den USA kam im selben Jahr ein weiterer Anstoß: In New York sollte eine der üblichen Polizeirazzien in einer Schwulenbar stattfinden. Doch am 28. Juni 1969 wehrten sich die Gäste des "Stonewall Inn" in der Christopher Street erstmals gegen diese willkürlichen Übergriffe. Dieser Tag symbolisiert den Beginn der Schwulen- und Lesbenbewegung und ihren Kampf um Anerkennung. Vom Sichverstecken hatten die Homosexuellen genug – von nun an wollten sie in der Gesellschaft sichtbar werden und Flagge zeigen. Das war auch die Botschaft des Films von Rosa von Praunheims "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" bei der Berlinale 1971. Der Tenor des Films: Werdet stolz auf eure Homosexualität! Der Film wurde zur Initialzündung der Homosexuellen-Bewegung. Ein Jahr später fand in Münster die erste Schwulen-Demo in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland statt, 1973 wurde das Alter für straffreien homosexuellen Verkehr auf 18 Jahre herabgesetzt, 1979 fanden in Berlin und Bremen die ersten Christopher Street Days (CSDs) statt und 1987 gaben sich in der ARD-Vorabendserie "Lindenstraße" erstmals zwei schwule Männer im Fernsehen einen Kuss.

Erfolgreicher Kampf für Gesetzesänderungen

  • Das erste gleichgeschlechtliche Ehepaar küsst sich in München im Standesamt; Rechte: Rechte: dpa/Schellneg Das erste gleichgeschlechtliche Paar Deutschlands ließ sich in München trauen; Rechte: dpa/Schellneg

Das Sichzeigen verfehlte nicht seine Wirkung. Schwule und Lesben haben bis heute nicht nur für sich ein offeneres gesellschaftliches Klima geschaffen, sondern auch für andere alternative Lebensformen. Und sie haben erfolgreich für ihre Rechte gekämpft: 1994 verschwand der Paragraf 175 endgültig aus dem deutschen Strafrecht, im Jahr 2001 konnten die ersten homosexuellen Paare eine Lebenspartnerschaft eingehen, die sie mittlerweile rechtlich in vielen Bereichen mit heterosexuellen Ehepartnern gleichstellt. Und seit 2006 schützt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Menschen auch vor Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Identität etwa am Arbeitsplatz.

Noch bleibt einiges zu tun

  • Drag Queen; Rechte: WDR/Herby Sachs Für eine Welt ohne Diskriminierung kämpfen Schwule wie hier auf dem Christopher Street Day in Köln; Rechte: WDR/Herby Sachs

Trotz aller Erfolge gibt es für die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen noch einiges zu tun. Schwul-lesbische Organisationen kämpfen heute zum Beispiel dafür, dass homosexuelle Paare gemeinsam Kinder adoptieren dürfen. Außerdem wollen sie im Grundgesetz neben den bisherigen Diskriminierungsverboten wie Sprache, Rasse oder Herkunft auch das Merkmal der sexuellen Identität festschreiben. In den vergangenen Jahren wurden zudem verstärkt die Bedürfnisse von Transgendern und Transsexuellen berücksichtigt. Darüber hinaus setzen sich Schwule und Lesben auch in Deutschland dafür ein, dass die Rechte von Homosexuellen weltweit geachtet werden. Denn nach Angaben der Nichtregierungsorganisation International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans und Intersex Association (ILGA) steht Homosexualität noch in ungefähr 80 Staaten unter Strafe – und in sieben Staaten der Erde (Iran, Jemen, Mauretanien, Nigeria, Saudi-Arabien, Somalia und Sudan) können homosexuelle Handlungen sogar mit dem Tode bestraft werden.

Aber auch wenn die Emanzipationsbewegung noch lange nicht an ihrem Ziel angekommen ist, ihr Erfolg kann anderen gesellschaftlich benachteiligten Gruppierungen Mut machen.