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Hintergrund: Das Coming-out – Balanceakt zwischen Akzeptanz und Ablehnung

Ein täglicher Spießrutenlauf: Lesben und Schwule in der Schule

  • Schild: "Ich bin schwul, und das ist auch gut so"; Rechte: Imago Das Coming-out ist oft hart, kann aber auch als Befreiungsschlag empfunden werden; Rechte: Imago

Auf deutschen Schulhöfen zählt das Wort "schwul" – gleichbedeutend mit "scheiße" ("Voll die schwule/scheiß' Musik!") – zu den am häufigsten verwendeten Schimpfwörtern. Wo schwul in der Alltagssprache derart negativ belegt ist, wird auch Schwulsein als "nicht normal" empfunden. Zwar finden laut der "Dr.-Sommer-Studie 2009" der Jugendzeitschrift Bravo fast 40 Prozent der 11- bis 17-Jährigen Schwule und Lesben "okay". Doch fast die Hälfte der Jungen und Mädchen können gleichgeschlechtliche Liebe nicht nachvollziehen. Ganze 37 Prozent der Jungen und immerhin noch 23 Prozent der Mädchen empfinden Homosexualität sogar als befremdlich. Immerhin: Für 36 Prozent der Mädchen ist Homosexualität etwas ganz Normales, unter den Jungen sehen das aber nur 16 Prozent so. Insgesamt sind Mädchen gegenüber Schwulen und Lesben deutlich aufgeschlossener eingestellt als ihre männlichen Altersgenossen.

In so einem Umfeld braucht es also in der Tat sehr viel Mut, um sich als schwul oder lesbisch zu outen. Eine Befragung des Jugendnetzwerks Lambda NRW im Jahr 2005 ergab, dass sich 70 Prozent der Homosexuellen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren outen, wobei Lesben ihr Coming-out im Schnitt deutlich früher erleben als Schwule. Aus Angst, die beste Freundin oder den besten Freund zu verlieren, die eigenen Eltern zu enttäuschen oder in der Schule gemobbt zu werden, schieben viele homosexuelle Jugendliche ihr Coming-out vor sich her. Auch wenn schwule Jungen sich im Durchschnitt zwischen 13 und 14 Jahren zum ersten Mal die Frage "Bin ich schwul?" stellen und sich dessen etwa drei Jahre später sicher sind, wagen sie es erst rund eineinhalb Jahre später, d. h. meist im Alter von 18 Jahren, sich gegenüber einer Vertrauensperson zu outen – so eine Studie des niedersächsischen Sozialministeriums von 2001.

Das Coming-out macht vielen Angst

  • Ricky Martin mit seiner gerade erschienenen Autobiografie; Rechte: Thais Llorca/dpa Auch Popstar Ricky Martin hat sich mit seinem Coming-out lange Zeit gelassen; Rechte: Thais Llorca/dpa

Wenn Schüler sich an ihrer Schule als schwul oder lesbisch outen, müssen sie mit Ablehnung und Anfeindungen rechnen. Laut der Befragung des Jugendnetzwerks Lambda NRW verlieren fast 40 Prozent der Schwulen und Lesben nach ihrem Coming-out Freunde. Mehr als ein Drittel hat in Elternhaus, Schule, Beruf oder Freundeskreis Diskriminierung erlebt. Immerhin 3,5 Prozent mussten der Befragung zufolge sogar die Schule oder den Arbeitsplatz wechseln. Die Studie des Sozialministeriums Niedersachen hat herausgefunden, dass es für die Hälfte aller homosexuellen Jugendlichen dazu gehört, dass Gleichaltrige sich über sie lustig machen oder schlecht über sie reden. Für viele schwule und lesbische Jugendliche ist die Zeit des Coming-outs eine Zeit voller Sorgen und Ängste. Die hohen psychischen Belastungen, unter denen die jungen Menschen stehen, haben Folgen: Junge Lesben und Schwule haben nach Angaben des Kölner Vereins Coming Out Day e.V. nicht nur ein vier- bis siebenmal höheres Selbstmordrisiko als gleichaltrige heterosexuelle Jugendliche, sie leiden auch überproportional häufig an Essstörungen, Depressionen, psychischen Erkrankungen und Suchtmittelmissbrauch.

Homophobie bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund weit verbreitet

  • Zwei junge Männer küssen sich; Rechte: Imago Zwei sich küssende Männder: für manche Jugendliche ein abstoßendes Bild; Rechte: Imago

Eine im Jahr 2006 an Berliner Schulen durchgeführte Studie verglich die Einstellungen zum Thema Homosexualität von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Wenn zwei schwule Männer sich auf der Straße küssen, finden das 48 Prozent der deutschen Schüler und nur zehn Prozent der deutschen Schülerinnen abstoßend. Deutlich homophober sind Einwandererkinder: 76 Prozent der Schüler aus der ehemaligen UdSSR und sogar 79 Prozent der Schüler mit türkischen Wurzeln empfinden sich küssende Männer als abstoßend – bei den Schülerinnen mit Migrationshintergrund sind es etwa 60 Prozent. Zwei sich küssende Lesben werden hingegen nur von einer Minderheit der Jugendlichen als abstoßend empfunden. Insgesamt liegen deutsche Jugendliche auf einer Homophobie-Skala von null (schwache Homophobie) bis vier (starke Homophobie) bei 0,96. Jugendliche aus der ehemaligen UdSSR liegen bei 1,82 und Jungen und Mädchen mit türkischen Wurzeln bei 2,08.

Die Studie hat auch nach Erklärungen für die Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit unter Jugendlichen gesucht. Ein starker Zusammenhang besteht demnach zwischen Homophobie und dem Gefühl, selbst diskriminiert zu werden und schlecht in die Gesellschaft integriert zu sein. Anscheinend müssen vermeintlich Schwächere wie Lesben und Schwule als Sündenböcke herhalten, wenn sich Jugendliche selbst schwach fühlen und sich ihres Platzes und ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft nicht sicher sind.

Das beste Mittel gegen Homophobie: homosexuelle Freunde

  • Ein frisch verheiratetes lesbisches Paar feiert vor dem Standesamt in San Francisco, Rechte: Imago Ein frisch verheiratetes lesbisches Paar feiert vor dem Standesamt in San Francisco; Rechte: Imago

Aber auch die Akzeptanz traditioneller Männlichkeitsnormen begünstigt homophobe Ansichten. Experten vermuten, dass junge Männer, die ihre Geschlechterrolle erst noch finden müssen, eine Abwehrhaltung zu Homosexualität entwickeln, um die eigene Unsicherheit zu verringern. Starke Religiosität geht vor allem bei muslimischen Jugendlichen mit homophoben Ansichten einher. Nicht nur die Religiosität an sich, sondern auch der Inhalt der Religion ist damit für die Entstehung von Homophobie verantwortlich. Die Religiosität der muslimischen Jugendlichen "scheint in der Tat ein besonders homosexuellenfeindliches Element zu enthalten", schreiben die Macher der Studie. Muslimischen Einwandererkindern eine größere Akzeptanz von hier geltenden gesellschaftlichen Grundwerten wie dem Diskriminierungsverbot zu vermitteln, könnte demnach ein Weg sein, um homosexuellenfeindliche Einstellungen abzubauen. Dazu gehört auch, den Kontakt zwischen dieser Gruppe junger Menschen und Homosexuellen zu ermöglichen und zu fördern. Eine Kernaussage der Studie lautet: Kennen Jugendliche persönlich schwule und lesbische Menschen, sind sie deutlich weniger homophob als Jugendliche ohne diese Kontakte.

Trotz aller Vorbehalte junger Menschen gegen Schwule und Lesben scheinen sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn zu besitzen. Dass Schwule und Lesben dieselben Rechte wie heterosexuelle Männer und Frauen haben sollten, fordern mehrheitlich nicht nur die Schülerinnen (91 Prozent) und Schüler (74 Prozent) ohne Migrationshintergrund, sondern auch die meisten Schülerinnen mit Migrationshintergrund (56 bis 58 Prozent). Dieser Aussage stimmen (je nach Herkunftsland) zwischen ein Drittel und knapp der Hälfte aller Befragten männlichen Schüler mit Migrationshintergrund zu. Zurückzuführen ist dieses insgesamt erfreuliche Ergebnis wohl auf die erfolgreiche Emanzipationsbewegung homo- und bisexueller Menschen in Deutschland.