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Hintergrund: Anabolika. Medikament, Dopingmittel, Jungbrunnen

Der Traum vom perfekten Körper. Die Entwicklung anaboler Steroide

  • Auf dem Foto sieht man zwei Meerschweinchen. Verblüffend: Was Meerschweinchen mit Anabolikaforschung zu tun haben; Rechte: WDR
  • Das Foto zeigt drei unterschiedliche Medikamentengläser mit Anabolika. Anabolika: eine Erfindung des 20. Jahrhunderts; Rechte: dpa

Hodensekret als Wundermittel

Schon Ende des 19. Jahrhunderts beginnt die Entwicklung anaboler Steroide: Zu diesem Zeitpunkt glauben Wissenschaftler erstmals, die Ursache männlicher Stärke und Kraft gefunden zu haben – in Form von Hodensekret. Auch der französische Arzt Charles-Edouard Brown-Séquard (1817-1894) heftet seine Hoffnung an die wundersame Wirkung dieser Substanz. Und er praktiziert an sich selbst ein mutiges Experiment: Mehrere Jahre lang spritzt er sich eine Injektion aus Sperma und Hodensekreten von Hunden und Meerschweinchen. Glaubt man seinen eigenen Aussagen, ist ihm damit gelungen, sein körperliches und seelisches Wohlbefinden massiv zu steigern.

Vom Testosteron zu Anabolika

Nachfolgende Studien haben zwar ergeben, dass Brown-Séquards Mixtur kaum einen positiven Effekt gehabt haben dürfte. Innerhalb der Medizingeschichte hat das Experiment trotzdem seine Bedeutung: Immer mehr Wissenschaftler machen sich auf die Suche nach der körpereigenen Quelle für Kraft und Schönheit.

In den 1930er Jahren gelingt deutschen Forschern ein Durchbruch. Sie entdecken das primär männliche Hormon Testosteron. Bald darauf beginnen sie, synthetische Ersatzprodukte des Testosterons zu entwickeln. Diese künstlich hergestellten Hormone sind bekannt als anabol-androgene Steroide oder kurz als Anabolika.

Die Schattenseiten der Muskelpille

  • Auf dem Foto sieht man den Oberkörper eines Bodybuilders. Mehr Muskeln, ein Teil der anabolen Wirkung; Rechte: WDR
  • Das Bild zeigt eine junge Frau bei der Rasur. Der Frauenbart, eine Folge der androgenen Wirkung; Rechte: mauritius

Anabole und androgene Wirkungsweise

Mehr Muskeln, mehr Kraft, mehr Männlichkeit. Durch die Erfindung von anabol-androgenen Steroiden scheint dieser Traum in greifbare Nähe zu rücken. Denn die künstlichen Hormone fördern die Eiweißherstellung in den Muskelzellen und sorgen so für den Aufbau von mehr Muskelmasse. Von diesem positiven Effekt haben Wissenschaftler geträumt, sie nennen ihn anabole Wirkungsweise.

Doch leider führen Anabolika nicht nur zu einem Zuwachs an Kraft und Stärke, sie haben auch negative Begleiterscheinungen: Wer die Medikamente regelmäßig schluckt oder spritzt, muss mit einer Ausreifung der männlichen Geschlechtsmerkmale rechnen. So kommt es zu einer dauerhaften Vertiefung der Stimmlage, zu stärkerer Körperbehaarung und einer Überproduktion der Talgdrüsen. Diese Phänomene bezeichnen Mediziner als androgene Wirkungsweise.

Medizinische Anwendungsgebiete

Wissenschaftler und Ärzte haben sich in den letzten Jahrzehnten eifrig darum bemüht, Anabolika zu entwickeln, die ausschließlich anabol, also positiv, wirken. Gelungen ist ihnen dies allerdings nie. Und so müssen Anabolikakonsumenten stets mit beidem rechnen: Mit der Zunahme von Muskeln und Kraft und den unerwünschten Nebenwirkungen.

Heute sind sich Ärzte einig: Für die Verschreibung von Anabolika gibt es in der modernen Medizin nur wenige Gründe. Hierzu gehören die Behandlungen von Hormonstörungen und von schwerem Asthma. Bei jungen Patienten mit hohen Wachstumsprognosen kann der Einsatz anaboler Wirkstoffe außerdem hilfreich sein, um einen künstlichen Wachstumsstopp herbeizuführen.

Beliebt als Dopingmittel

  • Auf dem Bild sieht man die Unterkörper von zwei Sportlern in Sporthose und Turnschuhen. Seit den 1950ern: gedopte Leistungssportler; Rechte: mauritius
  • Das Foto zeigt viele verschiedene bunte Medikamente. "Muskelpillen" zur sportlichen Leistungssteigerung; Rechte: ddp
  • Auf dem Foto sieht man eine Vielzahl von Dopingmitteln. Anabolika, nur ein Dopingmittel unter vielen; Rechte: WDR

Erste Dopingversuche im Spitzensport

In den 1950er Jahren kursieren in Fachkreisen Gerüchte, dass russische Sportler zur Kraft- und Leistungssteigerung mit anabolen Wirkstoffen experimentieren. Nachweisen kann ihnen dies allerdings niemand. Als gesicherte Erkenntnis gilt jedoch, dass der amerikanische Olympiasieger im Hammerwerfen, Harold Connolly, 1956 zu den gefährlichen Substanzen greift. Und er ist nicht allein, auch seine spätere Lebensgefährtin, die damalige Olympiasiegerin im Diskuswerfen, Olga Fikotova, verschafft sich durch Anabolika ein Vorteil.

Ein Siegeszug der "Muskelpillen"

Bei den Olympischen Spielen in Rom 1960 erleben Anabolika unter Spitzensportlern einen Siegeszug. Für viele Sportler gehören die “Muskelpillen“ fortan fest zum Sportleralltag. Die Pillen und Spritzen mausern sich zu einem Routinepräparat, das als Zusatzmaßnahme für den Kraftaufbau als unverzichtbar gilt.

Die Leistungsexplosion der Athleten scheint den Einsatz anaboler Wirkstoffe zu rechtfertigen. So klettert die Weltrekordmarke der männlichen Kugelstoßer zwischen 1950 und 1960 von 17,82 Meter auf 20,06 Meter. Das ist eine beachtliche Leistungssteigerung, zumal sich der Weltrekord in den folgenden dreißig Jahren nur noch um rund drei Meter, auf 23,12 Meter, verbessern lässt. Der deutliche Leistungsanstieg der ersten zehn Jahre kann auf den Beginn der Anabolika-Ära zurückgeführt werden.

Anabolika auf der Verbotsliste

Die Einnahme von Anabolika im Spitzensport wird 1976 als Doping verboten. Erst in diesem Jahr ist es Wissenschaftlern gelungen, einen Weg zu finden, um die Substanzen in Dopingkontrollen nachzuweisen. Bis heute sind Anabolika auf der offiziellen Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) aufgeführt. Spitzensportler, die die Substanzen nehmen, müssen mit schweren Strafen rechnen. Verschwunden sind die geächteten Pillen und Spritzen aus den Medikamentenschränken der Leistungssportler dennoch nicht. Denn nach wie vor lässt kaum ein anderes Dopingmittel so schnell Muskeln wachsen und Kraft entstehen.

Anabolikakonsum unter Jugendlichen. Ausmaß und Gründe

  • Auf dem Foto sieht man Schüler vor einer Schule. Verbotene Anabolika sind auch unter Schülern verbreitet; Rechte: Mauritius
  • Das Foto zeigt Arnold Schwarzenegger 1985, wie er vor einem Poster von sich posiert. Arnold Schwarzenegger, Vorbild für Bodybuilder-Generationen; Rechte: dpa

Anabolikakonsum in den USA

Eine US-Untersuchung zeigt, dass bis zu elf Prozent der jungen Männer in den Abschlussjahrgängen der High-School (elfte und zwölfte Klasse) zu Anabolika greifen. Unter männlichen jugendlichen College-Athleten ist die Gruppe der Anabolikakonsumenten noch einmal deutlich höher: Hier geben bis zu zwanzig Prozent der Umfrageteilnehmer zu, sich die Pillen oder Spritzen regelmäßig zu beschaffen.

Auf Deutschland lassen sich solche Zahlen kaum übertragen. In den USA kommt dem Schul- und Universitätssport eine große Rolle zu. Denn wer schon in frühen Jahren Spitzenleistungen bringt, kann mit einem der beliebten Sportstipendien rechnen – und so sehr viel billiger studieren.

Anabolikakonsum in Deutschland

Doch auch in Deutschland nehmen nach Schätzungen der Ärztezeitung rund 200.000 Breitensportler regelmäßig die gefährlichen Substanzen zu sich. In einer Studie der Sporthochschule Köln gaben sieben Prozent der Befragten zwischen 15 und 22 Jahren zu, in den letzten zwölf Monaten Anabolika konsumiert zu haben.

Sehnsucht nach Stärke und Schönheit

Es sind vor allem männliche Jugendliche, die zur Steigerung ihrer Muskelkraft auf Anabolika setzen. Geblendet von männlichen Idolen aus Fernsehen und Werbung, folgen sie einem männlichen Schönheitsideal, in dem Attraktivität und Erfolg mit geballter Muskelkraft gleichgesetzt werden. Wer aussehen will wie Arnold Schwarzenegger oder Bruce Willis, scheint vor allem am eigenen Körper arbeiten zu müssen. Allerdings haben immer mehr junge Männer das Gefühl, dass hartes Training und gesunde Ernährung nicht ausreichen. Einzig und allein mit Hilfe von Anabolika scheint man dem Traumkörper Stück für Stück näher zu kommen.

Gesundheitliche Schäden durch Anabolika

  • Auf dem Foto sieht man die Stirn eines Mädchens. Wer Anabolika konsumiert, bekommt Akne; Rechte: Mauritius
  • Auf dem Foto sieht man den Oberkörper einer weiblichen Bodybuilderin. Bei Frauen wirken Anabolika besonders stark; Rechte: Mauritius

Allgemeine Nebenwirkungen

Wer Anabolika konsumiert, muss mit schweren gesundheitlichen Schäden rechnen. Neben Akne, Hautrissen, Haarausfall und vermehrten Wassereinlagerungen (Ödemen) im Gewebe, führen Anabolika zu einer Schädigung der Leber und erhöhen das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arterienverkalkung und Herzinfarkt. Anabolika begünstigen ferner die Entstehung von Tumoren in Leber, Gebärmutter, am Hoden und der Prostata.

Nebenwirkungen bei Kinder- und Jugendlichen

Wer schon als Jugendlicher zu Anabolika greift, muss mit einem vorzeitigen Wachstumsstopp rechnen. Denn die Hormonbehandlung führt dazu, dass sich die Wachstumsfugen in den Knochen schließen.

Nebenwirkungen bei Männern

Bei jungen Männern kann es zusätzlich zu einem Schrumpfen des Hodenvolumens sowie zur Abnahme der Spermienzahl kommen. Außerdem können sie von einer so genannten Gynäkomastie, dem Wachstum einer weiblichen Brust, betroffen sein. Die Freundinnen von Anabolikakonsumenten berichten in Umfragen von einer erhöhten Gewaltbereitschaft der zu Anabolika greifenden jungen Männer.

Nebenwirkungen bei Frauen

Bei Konsumentinnen kann der illegale Medikamentenmissbrauch zu Störungen des Menstruationszyklus, einer dauerhaften Vertiefung der Stimme, zu Bartwuchs und zu einer Vergrößerung der Klitoris führen.

Anabolikahandel. Ein kriminelles Problem

  • Auf dem Foto sieht man eine Umkleidekabine mit mehreren Spinten. Oft werden in Umkleidekabinen Anabolika gehandelt; Rechte: Mauritius
  • Auf dem Foto sieht man Reihen von Anabolika in Medikamentendosen. Original oder Fälschung? Schwarzmarktprodukte sind besonders gefährlich; Rechte: dpa

Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten

Anabolikamissbrauch ist nicht nur ein medizinisches oder sportliches, sondern auch ein kriminelles Problem. Denn wer sich die bunten Pillen oder Spritzen verschafft, unterstützt den illegalen Handel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Die Beschaffung der Medikamente ist ein Kinderspiel. Im Internet sind die Präparate nur einen Mausklick entfernt. Aber auch auf Schulhöfen und in Umkleidekabinen werden die Pillen oder Spritzen gehandelt. Umfragen haben ergeben, dass mehr als die Hälfte der Anabolikakonsumenten die Medikamente von Bekannten und Mitsportlern erhält. Der Besitz von geringen Anabolikamengen ist in Deutschland nicht strafbar.

Ein florierender Schwarzmarkt

Der Handel mit Anabolika hat sich in den letzten zwanzig Jahren zu einem florierenden Geschäft entwickelt. Experten schätzen, dass durch den illegalen Verkauf der Substanzen mittlerweile mehr Geld eingenommen wird als durch den Verkauf von Drogen. Der Schwarzmarktwert der in Deutschland gehandelten Anabolika wird auf rund 51 Millionen Euro pro Jahr geschätzt.

Bei der ständig wachsenden Nachfrage nach Anabolika stellt der illegale Handel weltweit ein Problem dar. Neben den Originalpräparaten finden auch immer mehr Fälschungen ihren Weg zu den Konsumenten – und das ohne als solche erkannt zu werden. Denn mittlerweile sind Verpackung und Aufmachung der Duplikate kaum von den Originalen zu unterschieden. Doch die Ähnlichkeit täuscht. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Angaben auf den Packungsbeilagen und die tatsächlichen Inhaltsstoffe von Schwarzmarktpräparaten oft nicht übereinstimmen. Dies birgt erhebliche Gefahren für den Konsumenten – denn für ihn ist es in der Regel unmöglich nachzuvollziehen, welche chemischen Substanzen er tatsächlich in welcher Dosierung zu sich nimmt.

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