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Hintergrund: Märchen - Definition, Abgrenzung zur Sage, Legende, Fabel

Definition Märchen

  • Einhorn hat Horn in ein Baumstamm eingeklemmt, das tapfere Schneiderlein steht daneben (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Typischer Märchenheld: das tapfere Schneiderlein (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)
  • Königliche Hochzeit (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Typisches Ende: Der Held bekommt die Prinzessin (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Das Märchen (mhd. maere = Kunde, Bericht, Erzählung) ist eine kürzere Prosaerzählung, welche wunderbare Begebenheiten zum Gegenstand hat. In der Literatur wird zwischen Volks- und Kunstmärchen unterschieden. Während Kunstmärchen von einem namentlich bekannten Autor ausgedacht wurden, lässt sich bei Volksmärchen kein bestimmter Urheber feststellen. Volksmärchen wurden zunächst über große Zeiträume hinweg mündlich überliefert. Die Brüder Grimm "sammelten" diese und hielten sie in ihren "Kinder- und Hausmärchen" (1812/15) schriftlich fest.

Nach Max Lüthi sind die Wesens- und Stilzüge des Märchens
- die Flächenhaftigkeit (typisierte Figuren ohne seelische Tiefe),
- die Isolation (u. a. die Helden) und Allverbundenheit ("jenseitige" Helfer der Helden),
- die Eindimensionalität (Diesseitiges und Jenseitiges verkehren selbstverständlich miteinander),
- der abstrakte Stil (präzise Handlungsführung),
- die Sublimation (erotische Motive u. ä. werden entwirklicht) und Welthaltigkeit.

Die Sammlung "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm umfasst neben Märchen aber auch anderes mündliches Erzählgut, wie zum Beispiel Sagen, Legenden oder Fabeln. Laut André Jolles handelt es sich bei den Grundtypen sprachlichen Gestaltens (Märchen, Mythos, Sage, Legende, Witz, Rätsel, und so weiter) um sogenannte "Einfache Formen". Charakteristisch für diese sind unter anderem einfache Erzählhaltungen und Grundmotive sowie ein schlichter Sprachduktus. Genauere Abgrenzungen und Unterschiede des Märchens zu anderen "Einfachen Formen" (Sage, Legende und Fabel) werden im Folgenden beschrieben.

Abgrenzung zur Sage

Sagen schöpfen aus dem demselben Stoffbereich (mystische Wesen wie zum Beispiel Zwerge) und Motivschatz (zum Beispiel Erlösungsmotiv) wie das Märchen, sind ebenso anonym und mündlich überliefert. Während im Märchen Diesseitiges und Jenseitiges selbstverständlich miteinander verkehren, wird in der Sage die dies- und die jenseitige Welt getrennt, denn im Gegensatz zum Märchen haben Sagen einen höheren Realitätsanspruch, welcher unter anderem durch genaue Lokalisierung und Datierung erreicht werden soll. Im klassischen Märchen fehlen solche geographischen und historischen Bezüge.

Sagen enthalten in der Regel einen "wahren Kern", sie gehen also auf wahre Begebenheiten zurück und versuchen deren Ursache und Ablauf zu erklären. So geben Sagen beispielsweise auf (zu damaligen Zeiten) unerklärbare Naturphänomene Antworten und Erklärungsversuche, auch wenn diese oft frei erfunden sind. Sagen spiegeln also auch den jeweiligen Stand volkstümlicher Glaubensvorstellungen wider und besitzen daher auch einen Aussagewert in religions- und sozialgeschichtlicher Hinsicht.

Abgrenzung zur Legende

Wie die Sage beinhaltet auch die Legende einen wahren Kern. In ihr werden meist vorbildhafte Lebensgeschichten oder Geschehnisse von Heiligen dargestellt. Diese religiöse Dimension macht eine Legende aus und grenzt diese somit zum Märchen ab. Wie die Sagen sind Legenden in der Regel mit einem bestimmten Ort verknüpft. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Sagen und Legenden liegt in der engen Beziehung der Legende zur literarischen Tradition und der Tatsache, dass es in den Erzählungen hauptsächlich um überragende, religiös-sittliche Persönlichkeiten und Heilige geht. Legenden werden auch als kirchlich-religiöses Gegenstück zur Sage bezeichnet. Die Unterschiede zum Märchen sind demnach unter anderem der historische Bezug, die realen Schauplätze sowie die namentlich benannten Personen.

Abgrenzung zur Fabel

  • Illustration der Fabel  "Die Grille und die Ameise" (Quelle: Milo Winter 1919,  Projekt Gutenberg – Public Domain) Die Akteure der Fabeln sind Tiere – hier: Die Grille und die Ameise (Quelle: Milo Winter 1919, Projekt Gutenberg – Public Domain)

Fabeln sind knappe, lehrhafte Erzählungen, in denen vorwiegend Tiere oder Pflanzen in einer bestimmten Situation so handeln, dass sofort eine Parallele zu menschlichen Verhaltensweisen deutlich wird. Der dargestellte Einzelfall dient als Beispiel, aus welchem eine allgemeingültige Regel, Moral oder Lebensweisheit abzuleiten ist. Häufig werden Tiermärchen mit Fabeln verwechselt, wobei die Formen sich in zwei Merkmalen deutlich unterscheiden:

1. Fabeln verfügen in der Regel über einen namentlich bekannten Verfasser (z.B. Aesop, Lessing), bei Volksmärchen sind sowohl Verfasser, Entstehungszeit und -ort unbekannt.

2. Fabeln enthalten eine, meist sogar explizit im Text formulierte, Moral und gehören somit zur didaktisch-reflexiven Zweckdichtung – es wird ein Übergang zwischen der alltäglichen Lebenswelt und den unterrichtlichen Lernprozessen geschaffen. Fehlt diese Zweckausrichtung, nähert sich die Fabel dem Märchen an.

Tabellarische Übersicht über die Unterschiede

Märchen Sage Legende Fabel
Frei erfunden,
Volksmärchen = mündlich überliefert
Kunstmärchen = von einem Autor verfasst
Historische Bezüge, mündlich überliefert Historische Bezüge, „Geschichte zum Vorlesen“ (enge Beziehung zur literarischen Tradition) Frei erfunden, von einem Autor verfasst
Raum- und Zeitlosigkeit Genaue Orts- und Zeitangaben (Hoher Realitätsanspruch) Genaue Orts- und Zeitangaben Keine Orts- und Zeitangaben, da irrelevant für die Moral
Aufhebung der Natur- und Kausalgesetze (Verwandlungen, sprechende Tiere, Auftreten von Fabelwesen, usw.) Teilweise Aufhebung von Natur- und Kausalgesetzen (Auftreten von Fabelwesen), aber deutliche Trennung von dies- und jenseitiger Welt Keine Aufhebung der Natur- und Kausalgesetze (sprechende) Tiere agieren anstelle von Menschen
Handlungsstereotypen (Auszug des Helden –Bewährung – Lösung des Problems) Handlung / Inhalt wird bestimmt von historischem Ereignis, auf welchem die Sage beruht/beruhen soll Handlung / Inhalt wird bestimmt von der Biographie der historischer Person, auf welcher die Legende beruht Lehre oder Moral als Quintessenz
Stereotype Schauplätze (Schloss, Wald, usw.) und Requisiten (Zauberspiegel, -ring, usw.) Reale Schauplätze Reale Schauplätze Stereotype Eigenschaften der Figuren (Fuchs = schlau, Esel = dumm, usw.)
Typisierte, namenlose Personen (der König), Allerweltsnamen (Hans, Gretel), sprechende Namen (Schneewittchen) Personen werden oft namentlich genannt, manchmal haben sie auch nur Bezeichnungen (eine Jungfrau, der Rattenfänger, usw.) Personen werden namentlich genannt Tierbezeichnungen statt Namen (ein Fuchs, der Rabe usw.)

Literaturtipps

Jolles, Andé (1999): Einfache Formen. Legende, Sage, Mythe, Rätsel, Spruch, Kasus, Memorabile, Märchen, Witz.
7., unveränderte Auflage. Tübingen: Niemeyer
Lüthi, Max (2005): Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen.
11., unveränderte Auflage. Tübingen und Basel: A. Francke.

Literatur für den Unterricht

Hoffmann, Ute (2009): Die kreative Märchen-Werkstatt.
1. Auflage. Buxtehude: Persen Verlag. Hinweis: Unterrichtsideen für die Grundschule (3./4. Klasse), mit Kopiervorlagen und Arbeitsblättern, 122 Seiten, unterteilt in zwei Arbeitsbereiche: 1. Teil: Märchen lesen und kennenlernen, 2. Teil: Märchen schreiben und (um-)gestalten
Wilkening, Nina (2007): Märchen, Fabeln, Sagen. Kreative Textarbeit mit alten Stoffen.
Mülheim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr. Hinweis: Werkstatt für den Unterricht mit Kopiervorlagen und Arbeitsblättern, 55 Seiten, unterteilt in drei Kapitel (Märchen, Fabeln, Sagen).