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Hintergrund: Wie es weiterging…

Das Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg

  • Die blau-weiß-rote Flagge des Saarstaats (Quelle: Khardan / Public domain) Von 1947 bis 1956 gab es einen autonomen Saarstaat unter französischem Patronat – mit eigener Flagge (Quelle: Khardan / Public domain)

Am Ende des Zweiten Weltkriegs liegt auch das Saarland in Trümmern. Im März 1945 von den Amerikanern besetzt, wird es kurz darauf Teil der französischen Besatzungszone. Frankreich sieht von einer Annexion ab, entzieht es aber im Oktober 1946 der Zuständigkeit des Alliierten Kontrollrates und errichtet Ende 1946 eine Zollgrenze zum restlichen Deutschland. Nach den ersten Landtagswahlen tritt im November 1947 eine saarländische Verfassung in Kraft, die den wirtschaftlichen Anschluss an Frankreich festschreibt.

Es entsteht ein autonomer Saarstaat unter französischem Patronat. Obwohl in seiner Souveränität deutlich eingeschränkt, hat er eine eigene Staatsangehörigkeit (man ist „Sarrois“), eine eigene Flagge und Hymne, eine eigene Polizei und z. B. auch eine eigene Fußball-Nationalmannschaft. Sie unterliegt in der WM-Qualifikation 1954 dem späteren Weltmeister Deutschland. Bei der Olympiade in Helsinki 1952 tritt der Saarstaat mit einer eigenen Mannschaft an.

Wie nach dem Ersten Weltkrieg kommen die Saargruben unter französische Kontrolle. Nachdem im Juli 1947 zunächst die Währung „Saarmark“ eingeführt wird, um die Einführung des französischen Francs vorzubereiten, wird der Franc am 15. November 1947 offizielles Zahlungsmittel; am 23. März 1948 wird die Zollunion offiziell bestätigt.

Statthalter Frankreichs ist der Hohe Kommissar Gilbert Grandval, der zusammen mit Ministerpräsident Johannes Hoffmann von der Christlichen Volkspartei bis 1955 die Richtlinien der saarländischen Politik bestimmt. Die von Frankreich eingesetzte Regierung, die vorwiegend aus heimgekehrten Emigranten und Verfolgten des Nazi-Regimes besteht, sorgt dafür, dass im Saarland nachhaltiger entnazifiziert wird als im übrigen Westdeutschland. Sie sieht das Experiment eines dritten Weges zwischen Frankreich und Deutschland als Chance und wünscht sich für das Saarland eine Vorreiterrolle auf dem Weg zur europäischen Einheit.

In der Sozial-, aber auch in der Schulpolitik bemüht man sich um eine Synthese französischer und deutscher Traditionen. Zweisprachigkeit wird gefördert, an der neu gegründeten Universität sind Deutsch und Französisch gleichberechtigte Unterrichtssprachen. Wie die Zeit des Völkerbundes ist auch die Ära des Saarstaates von starken internationalen Einflüssen geprägt. Anders als in den 1920er Jahren stößt das in der Bevölkerung zunächst auf Zustimmung, zumal die Anlehnung an Frankreich den wirtschaftlichen Wiederaufbau beschleunigt. Bald zeigt sich jedoch, wie lebendig die kulturelle Bindung an Deutschland ist; die Mehrheit der Saarländer fühlt sich als Deutsche; das beginnende Wirtschaftswunder macht die junge BRD zusätzlich attraktiv. Die Saar-Regierung lässt den Gegnern der Eigenstaatlichkeit kaum Spielraum. Parteien, die sie - wie die Volksparteien der Bundesrepublik - nicht akzeptieren, werden nicht zugelassen. Dennoch bildet sich zu Beginn der 1950er Jahre eine vernehmbare Opposition, die die enge wirtschaftliche Bindung an Frankreich kritisiert.

Das erste europäische Referendum 1955 und der Beitritt zur Bundesrepublik

  • Adressiertes Kuvert zur Volksbefragung über das Europäische Statut für das Saarland am 23. Oktober 1955 (Quelle: imago images / Becker & Bredel) Nach der Volksbefragung 1955 wurde das Saarland in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert (Quelle: imago images / Becker & Bredel)

Frankreich will das Provisorium Saarstaat auf eine völkerrechtlich verbindliche Grundlage stellen, um seinen wirtschaftspolitischen Einfluss abzusichern. Die 1949 entstandene BRD, die – dank der politischen Großwetterlage (Block-Konfrontation) - schnell an politischem Gewicht gewinnt, will bei der Entscheidung über die Saar mitreden. Die Saarfrage stört die von Bundeskanzler Konrad Adenauer vorangetriebene westeuropäische und atlantische Integration, weil sie eine deutsch-französische Verständigung erheblich behindert. Frankreich drängt auf eine Lösung.

Das diplomatische Tauziehen mündet in das Saarstatut, das am 23.10.1954 als Teil der Pariser Verträge unterzeichnet wird. Das Saarland soll der Westeuropäischen Union (WEU) unterstellt werden und bis zu einem Friedensvertrag einen europäischen Status erhalten. Die saarländisch-französische Währungsunion soll erhalten bleiben, die Bevölkerung in einer Volksabstimmung Stellung nehmen. Das Saarstatut folgt der Vision von Ministerpräsident Hoffmann, der das Saarland zum ersten europäischen Musterland machen will. Rund um Saarbrücken hat schon die Planung ganzer Stadtteile begonnen, in denen die heute in Brüssel, Luxemburg und Straßburg beheimateten europäischen Institutionen angesiedelt werden sollten.

Die französische Nationalversammlung und der deutsche Bundestag ratifizieren das Statut. Da auch die Regierung Hoffmann dahinter steht, scheint das Referendum, bei dem am 23. Oktober 1955 die Bevölkerung des Saarlands abstimmt, nur eine Formsache zu sein. Das erweist sich jedoch als Irrtum, denn eine Mehrheit misstraut der Siegermacht Frankreich, der sie unterstellt, unter dem Deckmantel der Europäisierung eigene Interessen zu verfolgen. Der Widerstand gegen die Regierung Hoffmann, die jahrelang jede pro-deutsche Opposition unterdrückt hatte, wächst. Der dreimonatige Abstimmungskampf entwickelt sich zu einer erbitterten Auseinandersetzung um die Frage, ob die Saarländerinnen und Saarländer bereit sind, ihren Sonderstatus dauerhaft zu akzeptieren. Bei dem von der WEU-Kommission überwachten Referendum stimmen 67,7% gegen das Saarstatut. Unter dem Eindruck der Niederlage tritt die Regierung Hoffmann (CVP) zurück.

Im Frühjahr 1956 beginnen Verhandlungen, an deren Ende der Luxemburger Vertrag vom 27.10. 1956 steht. Darin stimmt Frankreich – gegen wirtschaftliche Zugeständnisse - der Rückkehr des Saarlandes zu Deutschland zum 01.01.1957 zu. Der saarländische Landtag erklärt am 14.12.1956 den vom Grundgesetz geforderten förmlichen Beitritt zu dessen Geltungsbereich. Am 1. Januar 1957 tritt das Saarland – als kleinstes Flächen-Bundesland - der Bundesrepublik Deutschland bei (so genannte kleine Wiedervereinigung), der wirtschaftliche Anschluss durch die Übernahme der D-Mark folgt am 6. Juli 1959. Die volle Integration des Saarlandes in das politische, wirtschaftliche, rechtliche und gesellschaftliche Gefüge der Bundesrepublik dauert noch weitere zwei Jahrzehnte.