zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Hauptnavigation

Inhalt

Hintergrund: Von der französischen Besetzung des Ruhrgebiets zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund

Friedensverhandlungen 1919

  • David Lloyd George, Vittorio Emanuele Orlando, Georges Clemenceau und Thomas Woodrow Wilson im Gespräch (Quelle: imago images / Costa / Leemage) Die Vertreter Großbritanniens, Italiens, Frankreichs und der USA nach der Unterschrift des Versailler Vertrags (Quelle: imago images / Costa / Leemage)

Bei den Friedensverhandlungen, die im Januar 1919 in Versailles ohne deutsche Vertreter beginnen, strebt der französische Ministerpräsident Clemenceau für sein Land eine Rheingrenze an. Alle linksrheinischen Gebiete sollen aus dem Deutschen Reich herausgelöst werden und einen oder mehrere souveräne Staaten bilden, die sich an Frankreich als ihrem Verbündeten anschließen sollten. Das allein böte Sicherheit vor Deutschland, das binnen 100 Jahren vier Mal - 1814, 1815, 1870 und 1914 - in das Territorium seines westlichen Nachbarn einmarschiert ist.

Die anderen Siegermächte – allen voran die USA und Großbritannien - lehnen diese Idee ab. Der britische Premier Lloyd George warnt – mit Blick auf die neue Bedrohung durch das bolschewistische Russland - davor, Deutschland allzu sehr zu schwächen: zudem sei ein territorial deutlich verkleinertes Deutschland nicht in der Lage, die auferlegten Reparationen zu bezahlen. Als Kompromiss einigen sich die Westmächte auf eine befristete Besetzung der linksrheinischen Gebiete, die fünfzehn Jahre nach Inkrafttreten des Vertrags vom 10. Januar 1920 enden soll. Die Amerikaner und Briten garantieren Frankreich, ihm im Falle eines deutschen Angriffs militärisch beizustehen. Die britische Besatzungszone um Köln soll nach fünf Jahren geräumt werden, die amerikanische Zone um Koblenz nach zehn Jahren und die französische Zone um Mainz nach fünfzehn Jahren. Voraussetzung für die Räumungen ist, dass das Deutsche Reich den Friedensvertrag erfüllt und seinen Zahlungsverpflichtungen pünktlich nachkommt.

Streit um Reparationen – Ruhrbesetzung 1923 – 1925

  • Arbeiter schaufeln Kohlen unter der Aufsicht von Soldaten (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) 1923 besetzen französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um die Zahlung der Reparationen durchzusetzen (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Der Versailler Vertrag verpflichtet die Weimarer Republik aufgrund des Kriegsschuldartikels 231, umfangreiche Reparationen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs zu leisten. Höhe und Dauer der Zahlungen sind im Vertrag selbst nicht festgelegt, sondern sollen von einer Reparationskommission ohne deutsche Beteiligung festgesetzt werden. Den Vorsitz der Kommission hat Frankreich inne; weitere ständige Vertreter sind Großbritannien, Italien und die USA.

Nachdem Deutschland zunächst zur Zahlung von 20 Milliarden Goldmark – das entspricht seinerzeit über 7.000 Tonnen Gold - verpflichtet wird und u. a. 90 % seiner Handelsflotte ausliefern muss, sind die Reparationen immer wieder Gegenstand von Konflikten und Konferenzen. Vor allem der seit Januar 1922 amtierende französische Ministerpräsident Raymond Poincaré besteht auf kompromissloser Erfüllung. Deutschlands Verhältnis zu Frankreich, das zur Vormacht in Europa aufsteigt, entwickelt sich in den Nachkriegsjahren zu einem „Kalten Krieg“. Zugleich wachsen in Frankreich innenpolitische Spannungen zwischen linken und rechtsnationalen Parteien, deren Positionen sich auch im Bezug auf Deutschland unterscheiden. (Letztere beharren auf strikter Erfüllung des Versailler Vertrages, erstere setzen auf Entspannung.)

Wegen der sich verschärfenden wirtschaftlichen Probleme des Deutschen Reiches verzichten die Alliierten 1922 auf deutsche Geldzahlungen und fordern stattdessen Sachleistungen (Stahl, Kohle, Holz) ein. Am 26. Dezember stellt die Reparationskommission fest, dass Deutschland mit den Lieferungen im Rückstand ist. Als sie am 9. Januar 1923 erklärt, die Weimarer Republik halte absichtlich Lieferungen zurück – u. a. seien 1922 statt der geforderten 13,8 Millionen Tonnen Kohle nur 11,7 Millionen und statt 200.000 Telegraphenmasten nur 65.000 geliefert worden - fordert die französische Rechtsregierung Poincaré in der Kommission „produktive Pfänder“.

Im Januar 1923 besetzen französische und belgische Truppen – zunächst etwa 60 000, später 100 000 Mann - das Ruhrgebiet, um die Zahlung der Reparationen durchzusetzen. Großbritannien hält die Besetzung für illegal, in Deutschland löst sie einen Aufschrei der Empörung aus. Die Regierung des parteilosen Kanzlers Wilhelm Cuno ruft die Bevölkerung zum passiven Widerstand auf und stoppt die Zahlungen an Frankreich und Belgien ganz. Industrie, Verwaltung und Verkehr werden mit Generalstreiks lahmgelegt.

Als die Besatzungstruppen mit Ausweisungen und Gefängnisstrafen antworten, verüben ehemalige Freikorpsmitglieder Sabotageakte und Anschläge. Die Lage eskaliert und fordert Dutzende Tote. Die deutsche Regierung lässt Geld drucken, um die Löhne von etwa zwei Millionen Arbeitern im Ruhrgebiet bezahlen zu können. Das verschärft die Hyperinflation. Der volkswirtschaftliche Schaden der Ruhrbesetzung ist enorm.

Das Jahr 1923 wird für die junge Republik zu einer harten Bewährungsprobe: Die KPD hat großen Zulauf; die antidemokratische Rechte, deren Vertreter höchste Staatsämter besetzen, plant die Errichtung einer „nationalen Diktatur“. Im September 1923 wird im Reich der Ausnahmezustand verhängt. Im Oktober werden in Hamburg und Sachsen kommunistische Unruhen, am 9. November in München der Hitler-Putsch blutig niedergeschlagen; links des Rheins gibt es – von Frankreich ermutigte - separatistische Bestrebungen. Der seit August amtierende Reichskanzler Gustav Stresemann sieht sich zum Abbruch des passiven Widerstands gezwungen, ehe seine Regierung – eine Koalition aus SPD, DDP und DVP - im November 1923 an einem Misstrauensvotum der SPD scheitert. Dennoch gelingt dem Rumpfkabinett mit der Einführung der „Rentenmark“ eine Währungsreform mit stabilisierender Wirkung.

Ende der Ruhrbesetzung – deutsch-französische Entspannung

  • Gustav Stresemann, Austen Chamberlain und Aristide Briand sitzen um ein Tischchen (Quelle: imago images / KHARBINE-TAPABOR) Die Außenminister Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs bei der Konferenz von Locarno 1925 (Quelle: imago images / KHARBINE-TAPABOR)

Die Ruhrkrise markiert den Höhepunkt des Konfliktes um die alliierten Reparationsforderungen zwischen dem Deutschen Reich und den Siegermächten, insbesondere Frankreich. Ihr Verlauf und ihr Ausgang haben weitreichende Bedeutung für die innenpolitische Entwicklung in Deutschland, aber auch für dessen Beziehungen zu den Siegermächten.

Angesichts der festgefahrenen Situation muss Frankreich seine Ruhrpolitik überdenken. Auf Druck und Vermittlung Großbritanniens und der USA, die Frankreich ein Entgegenkommen beim Umgang mit dessen Kriegsschulden in Aussicht stellen, stimmt es einer Überprüfung der deutschen Zahlungsunfähigkeit zu. Eine internationale Kommission unter dem amerikanischen Bankier Dawes sucht ab Januar 1924 nach Wegen, die deutsche Währung und den deutschen Haushalt zu stabilisieren, damit Reparationen gezahlt werden können. Im Mai 1924 verliert der von Poincaré geführte Bloc national - u. a. wegen der hohen Kosten der Ruhrbesatzung - die Wahlen gegen eine linke Allianz, die der deutschen Position aufgeschlossener gegenübersteht.

Der Dawes-Plan, den schließlich auch Frankreich genehmigt, bedeutet für Deutschland einen zweijährigen Zahlungsaufschub, eine Senkung der Jahresraten, sowie die Gewährung eines Darlehens und die Aussicht auf künftige amerikanische Kredite. Die vor allem in den USA gezeichnete Dawes-Anleihe stützt den deutschen Haushalt. Erstmals kann Deutschland regelmäßig Reparationen an die europäischen Siegermächte zahlen, die nun ihrerseits Kriegsschulden bei den USA begleichen können. Frankreich erhält Garantien und räumt im August 1925 das Ruhrgebiet.

In Deutschland ermöglicht das Ende der Ruhrkrise eine Währungsreform; Währung und Wirtschaft stabilisieren sich. Gustav Stresemann von der rechtsliberalen DVP bemüht sich als Außenminister in wechselnden Kabinetten - von 1923 bis zu seinem Tod 1929 - um eine Verständigung mit Frankreich und eine friedliche Revision des Versailler Vertrags. Sein französischer Amtskollege Aristide Briand erhofft sich von einer Deeskalation einen Aufschwung der deutschen Wirtschaft und Vorteile für Frankreich. Die Bemühungen, Deutschlands internationale Isolation zu überwinden und Frankreich sicherheitspolitisch zufriedenzustellen, münden 1925 in die Locarno-Verträge; darin garantiert Deutschland die Unverletzlichkeit seiner Grenze zu Frankreich und Belgien. Dafür verzichtet Stresemann formal auf Elsass-Lothringen und Eupen-Malmedy in Ost-Belgien, akzeptiert die Entmilitarisierung des Rheinlands und unterwirft sich bei Grenzstreitigkeiten den Entscheidungen des Völkerbunds.

Die Locarno-Verträge verbessern das diplomatische Klima in Westeuropa zwischen 1924 und 1930. Als Ergebnis der Entspannung der deutsch-französischen Beziehungen wird die Weimarer Republik nach langen Verhandlungen am 8. September 1926 in den Völkerbund aufgenommen und erhält einen ständigen Sitz im Völkerbunds-Rat. Stresemann und Briand erhalten 1926 den Friedensnobelpreis.

Saargebiet - Wunsch nach Rückkehr zu Deutschland („Heim ins Reich“)

  • Plakat mit Hakenkreuz und Kalenderzählung 114 Tage „Zurück zum Reich“ (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Das Ziel der Einheitspartei „Deutsche Front“ ist die Rückkehr des Saargebiets zu Deutschland (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Die Versöhnungspolitik unter Gustav Stresemann und Aristide Briand entspannt auch im Saargebiet vorübergehend die Lage. 1926 muss Victor Rault seinen Posten für den Kanadier George W. Stephens räumen. Die relative wirtschaftliche Erholung („Goldene Zwanziger“) tut ein Übriges. Aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 ändern sich die politischen Rahmenbedingungen erneut; im Oktober desselben Jahres tritt das Deutsche Reich aus dem Völkerbund aus und verlässt die Genfer Abrüstungskonferenz. Während man in Genf zwar entsetzt, aber ratlos ist, begeistern sich große Teile der saarländischen Bevölkerung für die Nazi-Parolen von der „nationalen Wiedergeburt“.

Im Juni 1933 schließen sich die Deutsch-Saarländische Volkspartei unter ihrem Vorsitzenden Hermann Röchling, die DNVP, das Zentrum und die NSDAP zur Einheitspartei Deutsche Front (DF) zusammen; ihr einziges Ziel ist die Rückkehr zu Deutschland. Die SPD ändert ihren Kurs und tritt nun für die Weiterführung des Völkerbundmandats ein, jedenfalls so lange die Nationalsozialisten an der Macht sind. Sie will das Saargebiet, in dem seit 1933 tausende NS-Verfolgte Zuflucht suchen, aus dem Machtbereich der NS-Diktatur heraushalten. Die KPD, die eine Gegnerin der Mandatsverwaltung war und seit 1932 die zweitstärkste Partei im Saargebiet ist, ändert sechs Monate vor der Abstimmung ihre Haltung und ruft zur Bildung einer Einheitsfront mit den – zuvor als Sozialfaschisten bekämpften - Sozialdemokraten von Max Braun auf.

Die Saarabstimmung

  • Plakat „Wahllokal 354 hier wählen“ (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Am 13. Januar 1935 wurde über die Zukunft des Saargebiets abgestimmt (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Max Braun, der 1. Vorsitzende der SPD, hofft auf einen Aufschub der Abstimmung über den zukünftigen Status des Saargebiets. Aber der um Wahrung seiner politischen Autorität bemühte Völkerbunds-Rat sieht keinen Spielraum für eine Verschiebung, zumal ein von Braun erhofftes Ende der Hitler-Ära nicht absehbar ist. Um eine reguläre Durchführung der für den 13. Januar 1935 terminierten Abstimmung zu garantieren, entsendet der Völkerbund auf Wunsch der Regierungskommission im Dezember 1934 4000 britische, niederländische, italienische und schwedische Soldaten an die Saar: es ist der erste „Blauhelm“-Einsatz in der Geschichte der Völkergemeinschaft. In einem Aufruf bittet der Völkerbund: „Die Propaganda, zu welcher jede Partei berechtigt ist, soll positiv sein, also vor allem die Gründe betonen, die zugunsten des eigenen Standpunktes sprechen, nicht aber darauf hinzielen, die anderen Parteien anzugreifen. Jedenfalls soll es unterlassen werden, die anderen Parteien in verächtlichem Tone zu behandeln und herabzusetzen. Ausdrücke wie ‘Landesverräter, Mordbande, Gesindel’ und dergl. können nicht geduldet werden.“ (2)

(2) Zitiert nach: https://www.sarrelibre.de/78/12-der-13-januar-der-tag-als-die-saarlander-ziemlich-dumm-waren/

Der Aufruf zu mehr Fairness verhallt ungehört. Der Abstimmungskampf (Saarkampf) wird mit allen Mitteln geführt, wobei die mediale Reichweite der Deutschen Front – dank propagandistischer Unterstützung durch Joseph Goebbels – deutlich größer ist als die der Einheitsfront aus KPD und SPD. Nach 15 Jahren „Heim ins Reich“-Politik der Rechten kommen die Parolen der linken Einheitsfront nur bei einer Minderheit an.

Bei der Abstimmung kann die Bevölkerung für die Beibehaltung der gegenwärtigen Rechtsordnung (Status quo), die Vereinigung mit Frankreich oder die Vereinigung mit Deutschland stimmen. Die überwältigende Mehrheit der etwa 540 000 Stimmberechtigten nimmt Hitler nicht als Gefahr wahr. So stimmen 90,73 Prozent für eine Vereinigung mit Deutschland, 8,86 Prozent für den Status quo und nur 0,4 Prozent für eine Vereinigung des Saargebietes mit Frankreich.

Trotz der Härte des Abstimmungskampfes wird die Rückgliederung des Saargebiets als technisch-diplomatischer Vorgang vergleichsweise sachlich abgewickelt. Frankreich erhofft sich von der Rückgabe des Saargebiets eine Entspannung gegenüber Hitler-Deutschland. Das Deutsche Reich verpflichtet sich zur Zahlung von 900 Millionen Francs an Frankreich und zur Lieferung von Saarkohle über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg; auch die Bedingungen des Währungsumtausches werden einvernehmlich geregelt. Am 1. März wird das Saargebiet in den Gau Westmark des Deutschen Reichs eingegliedert.