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Bericht aus der Praxis: Von der Skulptur zur Performance

  • Anton Alflen bei der Arbeit an Steinen. (Quelle: Marko Sommer) Bildhauer Anton Alflen bei der Arbeit

Mit einer 8. Klasse initiierte Marko Sommer, Kunst- und Deutschlehrer an der Realschule Polch, im Wahlpflichtfach Bildende Kunst/Werken ein Kunstprojekt, für das die Sendung „Das ist Kunst?“ als Einstieg diente. Die Schüler begleiteten den Bildhauer Anton Alflen und seine Skulptur bis zur Vernissage des „Kunst am Bau“-Werkes. Es entstanden eigene Skulpturen, ein Interview mit dem Künstler, ein Film sowie eine Performance als Deutung von Alflens Skulptur.

Eine Skulptur für unseren Schulhof?

„Kunst am Bau“ – Skulptur für eine Schule – was lag da näher, als mit Schülern zusammen Einblick in die Entstehungsphase zu nehmen und den Künstler kennenzulernen. Bevor die Wahlpflichtfach-Gruppe sich jedoch zu Anton Alflen, Bildhauer aus Münstermaifeld Mörz in der Vordereifel, ins Atelier begab, galt es grundlegendes Wissen im Bereich Plastik/Skulptur zu erfahren.

Film als Einstieg

Die Sendung des Multimedialen Schulfernsehens – „Das ist Kunst?!“ über Rudolf Wachter diente nicht nur als Einstieg, sondern auch als Vorbild. Denn ähnlich wie Wachter dort, sollte Anton Alflen von Schülern interviewt und dies anschließend in einer Reportage zusammengeschnitten werden. Das Arbeitsblatt 3 lag den Schülern filmbegleitend vor. Die spontan notierten Äußerungen wirkten durchdacht – es ist daher in jedem Fall lohnenswert, diese Aufgabe schriftlich durchzuführen. Die Beurteilung der Schülerstatements aus dem Film (Aufgabe B auf Arbeitsblatt 2) führte dazu, dass die Schüler stärker bemüht waren, ihre eigenen Einschätzungen zu vertiefen und zu begründen. Unter Aufgabe C wurde vor allem auf den von der Kunsthistorikerin Stefanje Weinmayr im Film beschriebenen Besonderheiten Wachters bei der skulpturalen Herangehensweisen eingegangen. Wachters Absicht ist es, im individuellen Holzstück die Form seiner Skulptur buchstäblich zu „finden“. Andere Künstler haben eine feste Idee und arbeiten sie aus einem dafür geeigneten Werkstoff heraus. Wie wird Anton Alflen vorgehen?

„Das ist Kunst?!“ eignete sich in dreierlei Hinsicht als Einstieg in das Unterrichtsprojekt:
• Die jugendlichen Interviewer verringern die Distanz zum Thema.
• Neben der Vorstellung eines Künstlers kommen grundlegende Fragen wie die künstlerischen Herangehensweisen und Absichten, aber auch das Leben und „Überleben“ als Künstler zur Sprache.
• Die Art und Weise, wie Rudolf Wachter als Mensch und Künstler dargestellt wird, fordert geradezu auf
a. einen Atelierbesuch ähnlich festzuhalten
b. Vergleiche zu anderen Künstlern heranzuziehen.

Interviewer brauchen Fachwissen

  • Große abstrakte Holzskulptur. (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Holzskulptur Rudolf Wachters

Dass dies so ist, versteht sich fast von selbst. So wurden zum Beispiel grundlegende Begriffe wie Skulptur und Plastik geklärt. Als Beispiel für Skulpturen kann man wiederum die Schulfernsehsendung und Wachter heranziehen, der Material mit der Kettensäge „abträgt“. Beispiele für plastische Arbeiten können die Nanas von Niki de Saint Phalle sein oder wie in unserem Fall das Tonmodell für „unsere Schulskulptur“. An diese Begriffsklärung kann sich eine kleine Werkzeugkunde anschließen, bei der die Werkzeuge den beiden Arbeitsweisen zugeordnet werden müssen (siehe Arbeitsblatt 1).

Zur Vertiefung des Wissens über Skulpturen und künstlerische Herangehensweisen wurde der Film ein zweites Mal angeschaut und das Arbeitsblatt 4 bearbeitet. Da dies alles zur Vorbereitung auf das Interview und den Film diente, wurden diese Arbeitsphasen viel weniger stark als „Theorie“ empfunden. Die Schüler fragten, ob sie in ihrem Film auch Fotos von Arbeiten „durchs Bild laufen lassen können“ – wie im Film über Wachter – oder auch, ob es solche Zwischenüberschriften“ wie dort geben könne.

  • Holzfigur auf kleinem Podest. (Quelle: Marko Sommer) Schülerarbeit: Skulptur aus Holz
  • Figur einer nackten Frau, die die Arme über den Kopf hält. (Quelle: Marko Sommer) Schülerarbeit: Figur aus Schaumstoff
  • Drei Steinfiguren stehen auf einem kleinen Podest. (Quelle: Marko Sommer) Skulptur Anton Alflens für die Realschule Polch

Als Reporterteam ins Atelier

Diese Fragestellungen boten einen unmittelbaren Übergang zur konkreten Vorbereitung des Interviews. Analog zum Wachter-Film wurde das vorzubereitende Interview in verschiedene thematische Bereiche aufgeteilt:
• Person und Werdegang als Künstler
• Ideen, Herangehensweise, Technik
• Material, Motive, Titel
• Kunstwerk für die Schule

Kleine Teams bereiteten die entsprechenden Fragen vor und führten diesen Teil des Interviews dann auch durch. Ungeplant entwickelte sich im Anschluss an die Bereiche noch eine offene Fragerunde. Nach einer kurzen Einführung in den Umgang mit der Kamera, unter anderem auch die „Foto-Funktion“, damit die Schüler – wie gewünscht – auch Fotos von Werken in den Film einbauen konnten, ging es ausgestattet mit Kamera, Stativ und Mikrofon (ein externes Mikrofon mit einigen Metern Kabel ist dringend zu empfehlen) ins Atelier.

Von Profis gelernt

Die zahlreichen Arbeiten – vor allem die Großskulpturen im Garten – in ihrer vollen Größe unmittelbar zu erfahren, erwies sich als gewinnbringend. Den Schülern wurden die Dimensionen bewusst; es wurde deutlich, welcher planerischen Fähigkeiten und welcher handwerklichen Fertigkeiten es bedarf, um eine solche Skulptur zu schaffen. Äußerungen wie „Das kann doch jeder“ oder „Wieso ist das so viel wert“ blieben aus. Gerade letzteres ist auch für die Akzeptanz eines „Kunst am Bau“-Werkes nicht unerheblich.

Für die eigene praktische Arbeit wurde die Notwendigkeit eines Modells deutlich, wenn man – wie Alflen – von einer Idee ausgeht, die auf ein Werkstück übertragen werden soll. Am Beispiel einer Marmorskulptur Berninis wurden Sinn und Zweck eines 1:1-Modells veranschaulicht. Um den Schülern über die Anfangsproblematik des dreidimensionalen Arbeitens und die spezielle Problematik des Abtragens hinwegzuhelfen, empfiehlt es sich, ebenfalls Modelle erstellen zu lassen. Wir verwendeten Steckschaum, um das Herausarbeiten der eigentlichen Skulptur aus einem Quader Lindenholz (zirka 100 x 160 x 65 Millimeter) vorzubereiten und zu üben.

Performance als Deutung der Skulptur

Nach Fertigstellung der Skulpturen wurde der Bereich darstellendes Spiel, aufbauend Performance eingeführt. So wurden beispielsweise Performancearten besprochen, wie Performance als „lebende Bilder“ oder als „bilderzeugende Handlung“ (vgl. Kunst +Unterricht 273). Zur anstehenden Einweihung der Skulpturengruppe von Anton Alflen wurde Ersteres wörtlich genommen. Die Schüler überlegten in Gruppen zu dritt, welche Personenkonstellation die drei Stelen repräsentieren (Schüler, Eltern, Lehrer, Politiker). Aus dem Interview kannten die Schüler Andeutungen des Künstlers, dass diese Personengruppen gemeint sind. Im zweiten Schritt sollten sie sich die Extremitäten hinzudenken und eine passende Haltung einnehmen.

Zuletzt sollten die Personen mit Gesten aufeinander reagieren und es sollte ihnen ein passendes Statement in den Mund gelegt werden. Stegreifverfahren halfen, sowohl die passende Haltung als auch passenden Ausruf zu finden:
• Standbildverfahren: Die Teilnehmer bewegen sich in ihrer Rolle (als Schüler, Lehrer,…). Auf ein Signal hin wird die Bewegung eingefroren.
• Drei Personen unterhalten sich spontan über ein vorher festgelegtes Thema (zum Beispiel: Hausaufgaben). Eine weitere kommt hinzu, mischt sich ein, stellt Fragen,…
Die so gefundenen Haltungen und Themen wurden in der Folge pointiert beziehungsweise ausgebaut, indem zum Beispiel passende Kleidung (eventuell Requisiten) gesucht wurden. Die vierte Person wurde zum Betrachter der Personengruppe. Sie äußert ihre Fragen laut und erweckt damit die Figuren zum Leben. Gleichzeitig fungierte sie in dieser Rolle als verbindendes Element zwischen den verschiedenen Gruppen, die nacheinander auftraten.

  • Drei Schülerinnen stehen, farbig angeleuchtet, vor drei weißen Leinwänden. (Quelle: Marko Sommer) Skulpturen-Performance der Schüler

Die Einweihung mitgestalten

Selten gelingt es, solch passende Anlässe zu finden, Arbeiten der Schüler zu präsentieren. Zur Einweihung der Skulpturengruppe Alflens wurden Film, Performance und die Schülerskulpturen präsentiert. Der Film zum Atelierbesuch stellte den Künstler auch für die Besucher der „Vernissage“ sehr lebendig vor. Mit Hilfe der „Skulpturenperformance“ konnte auch dem Publikum eine Hilfestellung bei der Deutung der Figurengruppe gegeben werden, folgten die „lebenden Bilder“ doch der Vorgabe des Künstlers, dass zwar eine Grundkonstellation der Personen gegeben sei, darüber hinaus aber die Bedeutung jedem selbst überlassen bleibe. So lieferten die Schüler Ansätze, dass es sich beispielsweise um Schüler und Lehrer bei einem Vorsprechen im Rektorenzimmer handelt; oder um Politiker, die über Bildungspolitik debattieren; oder um Schüler, die in Streit geraten sind und die eine Lehrerin zu schlichten versucht… Nicht zuletzt erhielten die Schüler die Möglichkeit, ihre eigenen Skulpturen einem größeren Publikum zu präsentieren.