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Hintergrund: Alfred Russel Wallace – Der Insektensammler in Darwins Schatten

Er hat eine der wichtigsten Theorien der Wissenschaft aufgestellt. Eine, die unser Bild von der Welt umgekrempelt hat: die Evolutionstheorie. Sie räumt mit dem christlichen Glauben von der Schöpfung und unveränderlichen Arten auf. Und doch hat ein anderer den Ruhm dafür eingeheimst: Charles Darwin. Sein Name steht in den Biologiebüchern, nicht Wallaces. Doch statt Verbitterung empfindet der nur eines für seinen Kollegen: Bewunderung. Ein Grund, diesen Mann und seine Arbeit näher kennenzulernen.

Schiffbruch mit Schmetterling

  • Gemälde von Alfred Russel Wallace, der an einem Tisch sitzt. Vier Jahre Forschungsarbeit - gesunken; Rechte: akg, Erich Lessing

Den Beginn seiner Karriere als Naturforscher hatte sich Alfred Russel Wallace anders vorgestellt. Dabei hatte seine erste Forschungsreise im Jahr 1848 nach Brasilien, an den Amazonas, so gut angefangen: Er beobachtete und sammelte Vögel, Schmetterlinge, Käfer, in Farben und Formen einzigartig auf der Welt, manche Arten noch völlig unbekannt. Dann kamen die Fieberanfälle, die blutsaugenden Fledermäuse und auf der Rückfahrt nach England: das Feuer. Wallaces Schiff "Helen" hat Harze und Öle geladen und brennt plötzlich wie Zunder. Die Mannschaft muss von den Rettungsbooten aus zusehen wie das Schiff niederbrennt.

In einem Brief an einen Freund erinnert sich Wallace: "Wir lagen den ganzen Nachmittag in der Nähe des Schiffes und beobachteten das Ausbreiten der Flammen. Bald bedeckten sie den hinteren Teil des Schiffs, dann rollten sie die Takelage und Segel hinauf, in einer prächtigen Feuersbrunst. … Meine Sammlung war im Frachtraum und unwiederbringlich verloren. All der Lohn für vier Jahre Entbehrung und Gefahren: verloren." Tausende gesammelte Insekten, Hunderte Vögel, Notizen und Zeichnungen von Wallace gehen mit der "Helen" im Jahre 1852 unter.

Zehn Tage treibt er mit den anderen Schiffbrüchigen im Rettungsboot auf hoher See umher, bis ein Schiff sie entdeckt, das in einem Sturm beinahe ebenfalls sinkt. "Seit ich Pará verlassen habe, habe ich fünfzigmal geschworen, falls ich England jemals wiedersehe, mich nie wieder auf den Ozean zu trauen", schreibt er. "Aber gute Vorsätze verblassen schnell." Gut so.

Evolution als Bettlektüre

  • Der brasilianische Regenwald von einem Fluss aus fotografiert. Wallace hofft auf Entdeckungen im Regenwald; Rechte: dpa

Dass Wallace bei dem Schiffsunglück beinahe seine gesamte Artensammlung verlor, war für ihn nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht ärgerlich. Er war auch finanziell auf sie angewiesen. Seltene Exemplare wollte er in London an Museen und Privatleute verkaufen, um seine Reise zu finanzieren. Wallace kam aus einer armen Familie. Mit 14 verließ er die Schule und begann zu arbeiten: mal als Bauarbeiter, mal als Landvermesser. Sein biologisches Wissen brachte er sich selbst bei.

Zu seiner Lektüre gehörten ein billiges Taschenbuch der Botanik, mit dem er während seiner Vermessungs-Wanderungen Pflanzen identifizierte, und aktuelle Forschungsarbeiten. Darunter waren auch Arbeiten, die bereits das Konzept der Evolution beschrieben. Die wissenschaftliche Gemeinschaft zerreißt solche Werke in der Luft, doch Wallace ist von der Vision beeindruckt. Dass die Theorie noch auf wackeligen Beinen steht, ist ihm klar. Gerade deshalb ist es für ihn ein Ansporn, selbst Belege dafür zu finden. Und wie ginge das besser als bei einer Reise in den brasilianischen Regenwald?

Die Geburt der Biogeografie

Nach seinem Schiffbruch kommt Wallace aus Brasilien zwar mit leeren Händen zurück, aber er hat Blut geleckt. Sofort fängt er an, seine nächste Forschungsreise zu planen. 1854 führt sie ihn zur Inselwelt Indonesiens. Acht Jahre lang reist er im Zickzack zwischen Sumatra, Java, Bali, Ternate und vielen anderen Inseln umher. Mal auf dem Postdampfer, mal auf dem Handelsschiff oder im Einbaum-Kanu.

  • Ein Kuskus, auf einem Ast sitzend. Eines der wenigen Säugetiere Sulawesis: der Kuskus; Rechte: WDR

Auf Borneo fällt ihm etwas auf: Obwohl die Insel kaum 200 Kilometer von der Nachbarinsel Sulawesi entfernt liegt, beherbergen die beiden ganz unterschiedliche Tierwelten. Borneo, auf der westlichen Seite, ist reich an Säugetierarten wie Affen, Wildkatzen, Otter und Eichhörnchen. Im Osten finden sich in Sulawesi kaum Säugetiere, eines der wenigen ist das Kletterbeuteltier Kuskus. Wallace stellt fest: Die tiefe Meeresstraße, die zwischen den Inseln verläuft, teilt Indonesien in zwei Hälften, die sich in Flora und Fauna unterscheiden. Nur östlich der Linie finden sich weitere Beuteltier-Verwandte des Kuskus, bis nach Australien. Später wird diese Grenze Wallace-Linie heißen.

Wallaces Erklärung für solche Verteilungen: Die Inseln im Osten und Westen müssen einmal mit verschiedenen Kontinenten verbunden gewesen sein. Er lag richtig: Mittlerweile ist gut belegt, dass die westlichen Inseln während der letzten Eiszeit mit dem asiatischen Festland verbunden waren, die östlichen mit Australien.

Später, in den 1870er Jahren, entwickelt Wallace das System der sogenannten biogeografischen Reiche weiter. In diesen Zonen unterscheiden sich Flora und Fauna deutlich, obwohl oft Klima und Lebensbedingungen ähnlich sind. Damit gründet er die Biogeografie, die Lehre von der Verbreitung der Tierarten auf der Erde. Wie im Fall von Indonesien kann die Verbreitung der Tiere Aufschluss darüber geben, wie die Landmassen vor Millionen von Jahren zusammenhingen.

Evolutionstheorie, erster und zweiter Versuch

Noch in Indonesien verfasst er eine Arbeit, in der er 1855 zum ersten Mal die Evolution beschreibt. Allerdings: ohne diesen Begriff zu benutzen. Seine Theorie stützt er unter anderem auf seine Erkenntnisse aus der Biogeographie. In seinem Artikel beschreibt er, dass sich Arten mit der Zeit verändern. Er erwähnt außerdem schon verschiedene Formen von Abstammungslinien, mal gerade Linien, mal sich weit verzweigende Äste. Doch wie das genau solche Verzweigungen zustande kommen sollen, weiß er noch nicht. Die Arbeit wird in einer anerkannten Fachzeitschrift veröffentlicht, aber kaum beachtet. Manche Forscher murren, er solle lieber von der Theorie fernbleiben und weiter Insekten sammeln. Er hört nicht auf sie. Und der nächste Versuch sitzt.

  • Das Deckblatt der Gesamtausgabe über Thomas Malthus. Thomas Malthus' Arbeit gab Wallace den Denkanstoß; Rechte: interfoto, Mary Evans

In seiner Autobiografie erinnert sich Wallace noch gut an die Nacht in Indonesien, in der ihm alles klar wurde. Im Februar 1858 liegt Wallace mit Fieber im Bett. Zwischen Schüttelfrost und Hitzeanfällen dreht und wendet er die Fakten. Dass sich die Arten verändern, ist ihm klar. Aber wie? Schließlich kommt ihm eine Arbeit des Philosophen Thomas Malthus in den Sinn, die er vor zwölf Jahren gelesen hat. Sie besagt, dass sich Tiere schneller fortpflanzen als deren Nahrung zunehmen kann. Das bedeutet, für einen Großteil der Nachkommen ist nicht genug Nahrung da, sie können und dürfen nicht überleben.

Wallace überlegt. "Warum sterben manche und andere leben? Die Antwort war klar, dass im Großen und Ganzen die überleben, die am besten angepasst sind. Krankheiten strotzen die gesündesten, Feinden entkommen die stärksten, schnellsten, cleversten…" Das bedeutet wiederum, dass die Stärksten, Schnellsten mehr Nachkommen produzieren, die in jeder Generation ein wenig besser mit ihrer Umwelt zurechtkommen, als ihre Elterntiere. Wallace hatte den Mechanismus für die Artenbildung gefunden. "Ich wartete ungeduldig auf das Ende meines Anfalls, damit ich sofort Notizen für eine Arbeit zu diesem Thema machen könnte. Am selben Abend tat ich dies umfassend, an den folgenden zwei Abenden formulierte ich die Theorie sorgfältig aus, um sie Darwin mit der nächsten Post zu schicken."

Der folgenreiche Brief an Darwin

  • Porträtgemälde von Charles Darwin. Darwin ist von Wallaces Entdeckungen beeindruckt; Rechte: dpa

Im März 1858 beginnt der folgenreiche Brief seine Reise nach Westen, an Bord eines dänischen Postdampfers. Wallace schickt seine Skizze an Charles Darwin, weil er ihn als Kollegen schätzt und Darwin gute Kontakte zur Londoner Wissenschaftsgemeinde hat. Er schreibt, er hoffe, seine Idee sei Darwin genauso neu wie ihm selbst. Falls er seine Arbeit für wichtig genug halte, möge er sie doch an den einflussreichen Geologen Lyell weiterleiten. Dem Brief liegt das Manuskript bei, das später als Ternate Essay bekannt werden soll: "Über die Neigung der Varietäten, sich unbegrenzt vom ursprünglichen Typus zu entfernen."

Was Wallace nicht ahnt: Darwin ist seine Theorie keineswegs neu. Seit 20 Jahren bastelt der an einer sehr ähnlichen Abhandlung. Nachdem er von der Forschungsreise mit der HMS Beagle zurückgekehrt war, hatte er mit Freunden darüber diskutiert, Manuskripte aufgesetzt und doch nie etwas davon veröffentlicht. Er ist schockiert und gleichzeitig beeindruckt: "Ich habe noch nie eine so verblüffende Übereinstimmung erlebt; hätte Wallace meinen 1842 niedergeschriebenen Entwurf gehabt, er hätte keine bessere Kurzfassung anfertigen können!", schreibt er an Lyell.

Wallaces Bitte zu ignorieren kommt für Darwin ehrenhalber nicht in Frage. Zusammen mit Lyell findet er schließlich ein Arrangement, in dem beiden die Ehre der Entdeckung zugestanden wird. So kommt es, dass am 1. Juli 1858, nur zwei Wochen nachdem Lyell das Manuskript erhalten hat, vor dem altehrwürdigen Club von Naturforschern Linnean Society, drei Schriften verlesen werden. Zwei von Darwin, eine von Wallace. Sie argumentieren, dass keine übernatürliche Macht nötig sei, um die Vielfalt biologischer Lebensformen zu erklären. Natürliche Mechanismen bewirken, dass sich Pflanzen- und Tierarten verändern, aussterben oder entstehen. Wallace weiß nicht einmal von der Präsentation.

Warum bekommt Darwin den ganzen Ruhm?

  • Titelseite von Darwins Werk „The origin of species“. Darwin schafft mit seinem Werk den Durchbruch; Rechte: WDR

Als er von seinem Glück erfährt, zeigt er sich geschmeichelt. Doch der Durchbruch für die Theorie kommt erst mehr als ein Jahr später - 1859 mit Darwins Buch "On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life" (Über die Entstehung der Arten im Thier- und Pflanzen-Reich durch natürliche Züchtung, oder Erhaltung der vervollkommneten Rassen im Kampfe um’s Daseyn – so der Titel der deutschen Erstausgabe). Das mag ein Grund sein, warum der Name Darwin heute mit dem Begriff Evolution verbunden ist, nicht Wallace. Darwin war der anerkannte Forscher, sein Name verlieh der Theorie mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Man könnte denken, dass Wallace es bitter bereut hat, sein Manuskript gerade an Darwin geschickt zu haben, den einzigen, der ihm seine Entdeckung streitig machen konnte. Doch ganz im Gegenteil. An einen Kollegen schreibt Wallace: "Ich sehe es als glückliche Wendung, dass ich vor kurzem einen Briefwechsel mit Darwin über die Variationen begonnen habe, … da es ihm den Anspruch auf die Entdeckung gesichert hat."

Wallace präsentiert sich stets gleichmütig als Nummer Zwei hinter Darwin. In späteren Arbeiten bezeichnet er die Theorie von der natürlichen Selektion sogar als "Darwinism". Von Darwins Werk über die Entstehung der Arten ist er hellauf begeistert. In einem Brief schreibt er: "Es wird solange leben wie Newtons Principia. … Mr. Darwin hat der Welt eine neue Wissenschaft geschenkt, … meine Bewunderung könnte nicht größer sein!!!"

Wo sich Darwin und Wallace uneinig waren

  • Porträtaufnahme von Alfred Russel Wallace. Wallace stand immer in Darwins Schatten; Rechte: mauritius

Die Unterschiede der Theorien von Wallace und Darwin liegen vor allem darin, dass beide andere Faktoren herausstellten. Für Wallace war die Umwelt und deren Veränderung der entscheidende Faktor für natürliche Selektion, Darwin fand die Konkurrenz zwischen einzelnen Tieren wichtiger. Auch hat nur Darwin die sexuelle Selektion in seine Theorie miteinbezogen. Mit diesem Mechanismus lässt sich beispielsweise erklären, wie sich ein so unpraktisches Merkmal wie das Rad eines Pfaus entwickeln konnte – weil so prachtvoll aussehende Männchen bei Weibchen bessere Chancen haben und demnach mehr Nachkommen erzeugen.

Ein recht bedeutender Unterschied der beiden Theorien kam erst zu Tage, als Wallace nach England zurückgekehrt war. Damals wandte er sich dem Spiritualismus zu, ging zu Séancen und versuchte, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse mit dem Glauben zu verbinden. Zeit seines Lebens hatte er das Gesetz der natürlichen Selektion vehement gegen Kritiker verteidigt. Doch schließlich kam Wallace zu dem Schluss, es könne manche Vorgänge der Natur nicht erklären: Zum einen, wie höhere Tiere ein Bewusstsein erlangt haben und wie der Mensch höhere Fähigkeiten wie Moral entwickeln konnte. Dafür musste eine höhere Existenz verantwortlich sein.

Nach wie vor war Wallace gegen das Konzept, dass Gott jedes Wesen perfekt für das Überleben geschaffen hat. Vielmehr war für ihn die Evolution selbst ein göttlicher Prozess, mit dem Ziel, höhere, "göttliche Wesen" wie den Menschen hervorzubringen. Die Entwicklung von Moral und intellektueller Fortschritt könne "das Überleben der Stärksten" nicht erklären. Schließlich hätten "unbestreitbar, mittelmäßig bis wenig moralische und intelligente Wesen im Leben den meisten Erfolg und pflanzten sich am schnellsten fort". Wallace sah diese Eigenschaften als Beweis für eine höhere Existenz, von der sie stammte. Darwin war über Wallaces Ansichten bestürzt, doch Lyell stimmte ihm weitgehend zu.

Doch trotz solcher "Ausnahmen" stand Wallace sein Leben lang voll und ganz hinter der Evolutionstheorie. Zwischen Darwin und ihm entwickelte sich eine respektvolle Freundschaft. Soweit bekannt ist, hat Wallace es nie bereut, damals den folgenreichen Brief an seinen Kollegen geschrieben zu haben.