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Hintergrund: Warum viele Chinesen keine Geschwister haben

  • Junge am PC (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

In China leben derzeit etwa 1,3 Milliarden Menschen, das sind gut 18 Prozent der Weltbevölkerung. Das heißt, rein rechnerisch ist derzeit jeder fünfte Mensch auf der Erde Chinese. Wurde das Wachstum der chinesischen Bevölkerung durch Kriege und Hungersnöte zuvor gebremst, ist es in den ersten Jahrzehnten nach Gründung der Volksrepublik (VR) 1949 explodiert. Um Hungersnöte zu vermeiden und den wirtschaftlichen Fortschritt des Landes voranzutreiben, führte die chinesische Regierung 1980 deshalb die „Ein-Kind-Politik“ ein. Paaren ist es seitdem verboten, mehr als ein Kind zu bekommen. Wer sich nicht an diese Vorgaben hält, muss eine Geldstrafe zahlen; teilweise sollen Menschen von staatlicher Seite aus sogar zu Abtreibungen und Sterilisationen gezwungen worden sein.

  • 3-köpfige Familie, Junge am Keyboard (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Mutter u. Sohn beim Essen (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Frau mit Baby vor Haus (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Seit etwa einem Jahrzehnt lockert die Führung in Peking diese strikte Politik jedoch. So dürfen Geschiedene in einer zweiten Ehe erneut ein Kind bekommen. Seit 2013 dürfen Paare, in denen ein Partner bereits Einzelkind war, ein zweites Kind bekommen. Grund dafür ist, dass der Wirtschaft der arbeitende Nachwuchs ausgeht. Zudem hat China mittlerweile einen großen Überschuss an Männern, da sich die meisten Familien traditionell einen Stammhalter wünschen. Mädchen hingegen sind oft unerwünscht und werden häufig sogar abgetrieben. Das hat sogar dazu geführt, dass es Ärzten mittlerweile gesetzlich untersagt ist, werdenden Eltern beim Ultraschall das Geschlecht des Kindes zu verraten.

  • Wohnblocks, Kinderspielplatz (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Eltern holen Kinder vom Kindergarten ab (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Wang Jin mit ihrer Tochter (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Solch massive Eingriffe in das eigentlich private Leben von Menschen sind nur möglich, weil China seit mehr als 60 Jahren geschlossen von einer Partei geführt wird: Der Kommunistischen Partei China (KPCh). Dieses Ein-Parteien-System erlaubt der chinesischen Führung, ihre Ideen und Interessen ohne offenen Widerspruch durchsetzen zu können. Auf den ersten Blick wirkt auch die chinesische Bevölkerung sehr homogen, denn rund 92 Prozent der Menschen werden zur Ethnie der Han gezählt, die meist die offizielle Sprache Hochchinesisch, auch Mandarin genannt, sprechen. Die restlichen acht Prozent der Chinesen zählen zu den 55 national anerkannten Minderheiten in der VR, wie beispielsweise die Zhuang (größte der Minderheiten und nach den Han das zweitgrößte chinesische Volk). Es gibt aber auch kleine Ethnien wie die Hui (muslimische Chinesen) oder die Lahu (Bewohner von Bergdörfern im Südwesten Chinas). Die weltweit sicher bekannteste Minderheit in China sind die Tibeter, die seit Jahrzehnten für ihre Unabhängigkeit kämpfen.

  • Landschaft (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Kurios dabei ist, dass die von den Minderheiten bewohnten autonomen Regionen zwei Drittel des chinesischen Staatsgebiets ausmachen, das von Han-Chinesen bevölkerte jedoch nur ein Drittel. Und auch die Han bestehen eigentlich aus vielen verschiedenen Ethnien, wie etwa den Hakka, den Hoklo oder den Tanka, die teilweise unterschiedliche Sprachen sprechen. Dennoch werden die Han-Chinesen von staatlichen Institutionen gerne vereinheitlicht, um die Kontinuität und Gleichheit des chinesischen Volkes zu demonstrieren. Jahrzehntelang wurden deshalb Han in den von Minderheiten bevölkerten Autonomie-Gebieten angesiedelt, um die dortigen Ethnien mit den Han-Chinesen zu vermischen und sie so anzugleichen. Zwar wächst die Akzeptanz anderer Ethnien in China. Nach wie vor ist die Integration von Minderheiten nach Ansicht der Regierung aber vor allem dann gelungen, wenn sie die eigene Kultur aufgeben und die der Han annehmen.

  • Wasserträger (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Früher kamen fast 80 Prozent der Chinesen, die unterhalb der Armutsgrenze lebten, aus den von Minderheiten bevölkerten Regionen, waren ungebildet und häufig arbeitslos. Die Regionen der kleinen Ethnien wurden häufig von den Han durch rücksichtslose Förderung der dortigen Rohstoffe ausgebeutet, was zu Konflikten unter den Volksgruppen führte. Viele ethische Minderheiten passten sich zudem dem Lebensstil der Han-Chinesen an und gaben ihre eigenen Traditionen auf. Heute versucht die chinesische Regierung, die Minderheiten wieder zu stärken. So werden Sprache, Schrift und Brauchtum toleriert und teilweise sogar gefördert. Bei der Geburtenplanung und beim Zugang zu höherer Bildung werden den Minderheiten Sonderrechte eingeräumt. Im derzeitigen chinesischen Parlament kommen gut 13 Prozent der Mitglieder aus den offiziell anerkannten nationalen Minderheiten.

  • Bauer auf dem Land mit Rind (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Bauer in der Provinz Guizhou (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • mehrere Abgeordnete auf dem Platz vor dem Volkskongress (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Abgeordnete der uigurischen Minderheit vor dem Nationalen Volkskongress (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Fahnen vor Gebäude (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Die klare Mehrheit im chinesischen Parlament haben jedoch nach wie vor die Abgeordneten der Kommunistischen Partei, deren Mitglieder fast ausschließlich Han-Chinesen sind und auch hohe Staatsämter werden nur von Han bekleidet. Alle fünf Jahre tagt die KPCh und wählt dabei das Zentralkomitee mit dem Generalsekretär. Wichtigstes Organ der VR ist laut ihrer Verfassung der Nationale Volkskongress (NVK). Seine rund 3000 Delegierten setzen sich aus den Abgeordneten der Volkskongresse der einzelnen Provinzen, Städte und Kreise und aus Vertretern des Militärs zusammen. Der NVK tagt einmal im Jahr und beschließt mit Zwei-Drittel-Mehrheit beispielsweise Verfassungsänderungen, Gesetze und verabschiedet den Staatshaushalt (wobei erwähnt werden sollte, dass mehr als zwei Drittel der Abgeordneten Mitglieder der KPCh sind).

  • Volkskongress: Abgeordnete (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Der Nationale Volkskongress (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Volkskongress: Sitzreihen von oben (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Der NVK wählt zudem den Ständigen Ausschuss, der aus 150 Mitgliedern besteht. Der Ausschuss tagt alle ein bis zwei Monate. Er verabschiedet die Mehrzahl der Gesetze, unterzeichnet die Abkommen des Landes mit anderen Staaten und kontrolliert den Staatsrat, ist somit also faktisch das Parlament der VR. Sowohl Staatsrat als auch der Staatspräsident werden vom NVK gewählt. Der Staatspräsident ist das Staatsoberhaupt der VR. Bis 1993 hatte dieses Amt einen eher repräsentativen Charakter. Seitdem jedoch der Generalsekretär der KPCh, also der mächtigste Politiker des Landes, traditionell das Amt des Staatspräsidenten bekleidet, hat es auch mehr Gewicht. Seit 2013 ist Xi Jinping Staatspräsident. Der Staatsrat ist die oberste Regierung der VR und besteht aus Ministerien, Kommissionen und der chinesischen Zentralbank. An der Spitze des Rats steht der Ministerpräsident, der somit Regierungschef ist. Seit 2013 ist Li Keqiang Ministerpräsident. Das politische System der VR ist also autoritär. Die KPCh hält mit ihren 70 Millionen Mitgliedern an ihrer alleinigen Vormachtstellung fest und lehnt die Ideen westlicher Demokratien wie beispielsweise die Gewaltenteilung ab.