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Hintergrund: Ein Mann, den jedes Kind kennt

  • 100-Yuan-Schein (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Jeder Chinese sieht ihn täglich: Den „großen Vorsitzenden“ Mao Zedong (auch: Mao Tse Tung) (1893-1976). Denn sein Konterfei ist auf den Yuan-Scheinen, dem chinesischen Geld, abgebildet. Und im ganzen Land, vor allem aber in der Hauptstadt Peking, hängen Porträts oder stehen überlebensgroße Skulpturen dieses Mannes, der die Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert geprägt hat wie kein Anderer. Am 1. Oktober 1949 rief Mao in Peking die Volksrepublik (VR) China aus. Nach Jahren politischer Konflikte und des Kriegs innerhalb des riesigen Landes, nach Armut und Unterdrückung, begründete er damit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel Chinas. Mao kam aus einfachen, aber nicht ärmlichen Verhältnissen und konnte Lesen und Schreiben. Er lernte aber auch Hunger und andere Entbehrungen kennen.

  • Mao-Statue aus Stein, Touristin mit Kamera (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) Der „Große Vorsitzende“ ist auch heute noch allgegenwärtig (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)
  • Mao-Statue aus Stein (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

China war seit Jahrzehnten geprägt von korrupten Monarchen und ausländischen Kolonialmächten, die das Land ausbeuteten. So wie viele unterdrückte Chinesen sympathisierte auch Mao deshalb mit den Ideen des Kommunismus und kämpfte in der Kommunistischen Partei China (KPCh) seit deren Gründung 1921 für mehr Rechte der Bürger und eine bessere Verteilung der Güter. Seit dem „Langen Marsch“ von 1934/1935, der Flucht der Kommunisten vor der zu dieser Zeit regierenden Partei Guomindang (auch: Kuomintang), war Mao Führer der KPCh. Nach der Proklamation der VR konzentrierte sich die Partei unter ihrem „großen Vorsitzenden“ Mao darauf, durch Kampagnen die Massen für sich zu begeistern und so den Zusammenhalt des Landes, das zuvor aus vielen autonomen Gebieten bestanden hatte, zu stärken. 1953 war die KPCh auf mehr als fünf Millionen Mitglieder angewachsen und entwarf einen Fünfjahresplan für die Wirtschaft der noch jungen Republik nach Vorbild der sowjetischen Planwirtschaft. Die Partei konzentrierte sich dabei vor allem auf den Ausbau der Schwerindustrie wie den Bergbau oder die Eisen- und Stahlproduktion.

  • Tiananmen-Platz (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) Maos Portrait auf dem Tian'anmen-Platz (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

1956 rief Mao die „Hundert-Blumen-Bewegung“ ins Leben. Damit wurde das Volk angeregt, Kritik am Staat zu üben. Als die Bewegung viel Zuspruch erhielt und außer Kontrolle zu geraten drohte, sah Mao seine Allmacht in Gefahr und beendete die Bewegung. Die kurze Zeit der liberalen Meinungsvielfalt war vorbei, wer nicht linientreu war, wurde von nun an gnadenlos verfolgt. Die Lage Chinas hatte sich auch durch den ersten Fünf-Jahres-Plan kaum verbessert: Die Wirtschaft der VR wuchs nur langsam, nach wie vor wurden zu wenig Nahrungsmittel für die rund 600 Millionen Menschen im Land produziert. Für den zweiten Fünf-Jahres-Plan setzte Mao 1958 erneut auf die Mobilisierung der Massen. Eine „permanente Revolution“ der Bürger sollte den „Großen Sprung nach vorn“ Wirklichkeit und China so stark wie die westlichen Industrieländer werden lassen. Alle landwirtschaftlichen Betriebe des Landes mussten von nun an hohe Produktionsvorgaben des Staates erfüllen, viele Bauern wurden zudem für die Arbeit an der Infrastruktur und in der Industrie verpflichtet.

  • Wache Tiananmen-Platz, Porträt Mao im Hintergrund (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Als das Land von 1959 bis 1961 von Überschwemmungen und Dürren heimgesucht wurde, mussten die Bauern dennoch hohe Getreideabgaben erfüllen. Es kam zu einer der größten Hungersnöte der Geschichte, 30 bis 45 Millionen Chinesen starben an den Entbehrungen. Maos Position war geschwächt. Ab 1963 versuchte er, den Rückhalt im Volk durch einen beispiellosen Kult um seine Person zurückzugewinnen. Im Sommer 1966 erreichten Maos Kampagnen mit der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ ihren Höhepunkt. Ziel dieser Revolution sollte es sein, das Alte und Etablierte in China zu zerstören, um dem neuen China den Weg in die Zukunft zu bereiten. Die Abschaffung alter Autoritäten und kapitalistischer Strukturen wurden von großen Teilen der Bevölkerung begeistert aufgenommen, da viele Chinesen glaubten, viele Missstände in Staat und Gesellschaft würden nun endlich beseitigt. Millionen von Schülern und Studenten wurden mit Mao-treuen Parolen für die Kampagne mobilisiert, die jungen Menschen formierten sich in „rote Garden“ genannten Gruppen. Auf Geheiß Maos zerstörten sie im ganzen Land altertümliche Tempel und Kulturgüter. Andersdenkende wurden öffentlich gedemütigt und ihr Besitz beschlagnahmt, in schlimmeren Fällen wurden Menschen verhaftet und gefoltert, manche verschwanden für immer. Eltern wurden von ihren eigenen Kindern denunziert, es herrschte ein Klima von Angst und Gewalt. Wegen der landesweiten Unruhen mussten Schulen und Hochschulen geschlossen werden, monatelang fiel der Unterricht aus. Erst im Sommer 1968 löste Mao die Garden auf, indem er Millionen Schüler von den Städten aufs Land schickte, um „von den Bauern zu lernen“. Denn für Mao war der Antrieb des kommunistischen Systems die Arbeiter- und nicht die Intellektuellenklasse, eine Umerziehung der Studenten nötig.

Ursprünglich sollte die Kulturrevolution nur ein halbes Jahr dauern, sie wurde jedoch immer wieder verlängert und dauerte schließlich zehn Jahre. Was als Kampagne gegen die Widersacher des Kommunismus begann, wurde zu einer Säuberungsaktion Maos innerhalb der kommunistischen Partei, in der seit Gründung der VR zwei Gruppen mit völlig unterschiedlichen Positionen immer wieder aufeinanderprallten. Zum einen gab es die Maoisten, die China in sozialistischem Stil erneuern wollten, zum anderen wirtschaftsliberalere und pragmatischere Parteimitglieder, für die Wirtschaftsreformen und eine Öffnung gen Westen im Vordergrund standen. Von 1967 bis 1969 degradierte Mao deshalb unter dem Deckmantel von Begriffen wie „Selbstkritik“ und „Säuberung“ andere führende Politiker in der Partei, die anderer Meinung waren als er selbst, zu Randfiguren ohne Macht. Zu diesen Andersdenkenden in der Partei gehörte auch der damalige chinesische Ministerpräsident Zhou Enlai. Als er im Januar 1976 starb, zeigten große Teile der Bevölkerung ihre Anteilnahme an Zhous Tod mit Kundgebungen in Peking, die Demonstrationen waren die ersten Massendemonstrationen gegen die Parteiführung seit Gründung der VR.

Mao ließ die Proteste noch durch das Militär niederschlagen, doch die politische Stimmung drehte sich langsam gegen den „großen Vorsitzenden“. So bedeutete der Tod Maos auch das Ende der Kulturrevolution, denn Maos Gegner übernahmen nun die Macht, die Kulturrevolution war gescheitert. Mao Zedong starb im September 1976 im Alter von 82 Jahren. Noch immer wird er von vielen Chinesen wie ein Heiliger verehrt. Doch so laut sie Mao bejubeln, so groß ist auch die Kritik Anderer an ihm: Um seine Macht zu sichern, führte er China mit eiserner Hand. Er unterdrückte und verfolgte jeden, der zu widersprechen wagte und terrorisierte China unter dem Deckmantel der Erneuerung, obwohl er in Wahrheit nur nach Sicherung der eigenen Macht strebte. Diese Kritik offen zu äußern, ist in China jedoch bis heute kaum möglich.