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Hintergrund: Die Zensur überwinden

  • Marschierende Soldaten mit roter Flagge (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Die meiste zeitgenössische chinesische Literatur befasst sich mit der von Mao Zedong initiierten Kulturrevolution von 1966 bis 1976. Denn nach wie vor wird dieses Jahrzehnt von der Kommunistischen Partei (KPCh) als wichtigste Epoche der Volksrepublik (VR) seit ihrer Gründung im Jahr 1949 betrachtet. Während der Kulturrevolution hatten Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur, keinen hohen Stellenwert. Schulen und Universitäten waren wegen der Unruhen im Land jahrelang geschlossen, Studenten wurden zum Arbeitseinsatz aufs Land geschickt. Mao wollte mit alten Traditionen brechen, die bisherigen Machthaber sollten entfernt werden. Deshalb wurden während der Kulturrevolution viele Kulturgüter wie Tempel und Museen zerstört, die an das alte China erinnerten. Nach Maos Tod wuchs der Hunger der Chinesen nach Bildung und anspruchsvolleren Themen in den 1980er-Jahren wieder, was der chinesischen Literaturszene einen Boom bescherte und beispielsweise in Deutschland das Interesse an Sinologie, also der Wissenschaft, die sich mit der chinesischen Sprache, Schrift, Philosophie und Geschichte befasst, in die Höhe schnellen ließ.

  • Buddha-Statue vor Tempel (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Tempel vor Berg (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Während der Kulturrevolution wurden viele Kulturgüter zerstört (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Leute in Buchhandlung (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Nach 1949 geborene Autoren wie Dao Gu Cheng (1956 bis 1993), Duo Duo (Jahrgang 1951) oder Yang Lian (Jahrgang 1955) wurden weit über die Grenzen Chinas hinaus berühmt, weil sie sich in ihren Büchern kritisch mit der Geschichte des Landes unter Mao auseinandersetzen und dabei teilweise einen eigenen, für China neuen Schreibstil entwickelten, der viele Metaphern und Symbole benutzte und sich nur gebildeten Lesern erschloss. Frei in dem, was sie schreiben, waren und sind chinesische Autoren aber bis heute nicht. Durch die „Kampagne wider die geistige Verschmutzung“ von 1983 und die „Kampagne gegen die bürgerliche Liberalisierung“ von 1986 und 1987 unter Maos Nachfolger Deng Xiaoping begann die Partei, schnell Front gegen die Entwicklung freien Gedankenguts zu machen. Autoren, die Chinas Geschichte kritisch beleuchteten, mussten mit Kontrollen und anderen Repressalien durch die Behörden rechnen. Manche Autoren verließen China und gingen ins Exil. Kritische Bücher konnten nur im westlichen Ausland veröffentlicht werden.

  • Yan Lianke auf dem Land (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Der Autor Yan Lianke stammt aus einem kleinen Dorf in der Provinz Henan (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Yan Lianke auf Dorfstraße (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz 1989 (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) Das Massaker auf dem Tian’anmen-Platz 1989 ist bis heute ein Tabu in der chinesischen Literatur (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)
  • StudentInnen an PCs (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) Wer in China studiert, ist auch "vernetzt" (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Manche sind bis heute in China verboten und können im normalen Buchhandel nicht gekauft werden, beispielsweise das Buch „Der Traum meines Großvaters“ von Yan Lianke, das eine Aids-Epidemie thematisiert, die in einer ganzen Region Chinas in den 1990er-Jahren durch verseuchte Blutkonserven ausbrach. Andere Autoren gaben das Schreiben auf oder wandten sich unkritischen Themen zu. Besonders beliebt sind seit den 2000er-Jahren Thriller und Krimis oder Romane, die Sex zum Thema haben. Die Zensur greift also schon, bevor manches Buch überhaupt erscheint, durch die "Schere im Kopf" der Autoren. Daran ändert sich nach wie vor nur wenig. Ein Tabuthema ist bis heute Maos „Großer Sprung nach vorn“, der die noch junge VR von einem Entwicklungs- zu einem Industrieland machen sollte. Die chinesische Bevölkerung litt wegen dieser Kampagne unter großen Strapazen und Entbehrungen, von 1959 bis 1961 wurde China zudem von Überschwemmungen und Dürren heimgesucht, 30 bis 45 Millionen Chinesen starben den Hungertod. Und auch das Tian’anmen-Massaker von 1989, dem rund 2600 Menschen zum Opfer fielen, findet in der chinesischen Literatur offiziell nicht statt. Einzige Hoffnung für Autoren, die sich dieser Zensur nicht unterwerfen wollen, ist die Aufmerksamkeit, die Bücher in China dadurch bekommen, dass sie erst gar nicht erlaubt werden. Denn durch die modernen Kommunikationsmittel wie das Internet erfahren viele Chinesen doch, dass diese Bücher existieren und können sich über das Netz auch Zugang dazu verschaffen. Allerdings beklagen manche intellektuelle Chinesen, dass die Jugend das Interesse an der Literatur verliert und sich im Internet lieber mit anderen Themen beschäftigt, beispielsweise mit dem Reisen.

  • Durchblick durch Tor (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)
  • Touristen vor Hengdian World Film Studios (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) Eine Touristenattraktion: die Filmstudios von Hengdian (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Viele Klassiker der chinesischen Literatur, die nicht zensiert sind, wurden mittlerweile verfilmt. Denn die Filmbranche in China wächst seit Mitte der 1990er-Jahre rasant, seit 2006 ist die VR nach den USA und Indien das Land, das die weltweit meisten Filme produziert. Nach Angaben der staatlichen Behörden wurden 2005 in China 260 kommerzielle Filme mit einem Ertrag von 600 Millionen Dollar hergestellt, in Hollywood waren es beispielsweise fast 700, in Deutschland etwas mehr als 100 Filme. Mit „Sophies Rache“ etwa, einer Liebeskomödie aus dem Jahr 2009, ist es der Regisseurin Eva Jin erstmals gelungen, mit einem in China produzierten Film mehr als 12 Millionen Euro einzuspielen. In Hengdian, etwa 300 Kilometer südwestlich von Shanghai, ist deshalb ein „chinesisches Hollywood“ entstanden. Ganze Stadtviertel des Hongkong oder Shanghai der 1930er-Jahre sind dort nachgebaut worden, was Regisseure aus der ganzen Welt nach Hengdian lockt, um dort ihre Filme zu drehen. Wer allerdings denkt, das würde China massenweise ausländisches Kapital bescheren, der irrt sich: Die Filmemacher dürfen dort kostenlos drehen. Denn durch die vielen internationalen Filme, die in Hengdian gedreht wurden, sind die Studios zwar berühmt geworden. Das bringt aber vor allem ihrem Besitzer, dem Unternehmer Xu Wenrong, Gewinne ein. Denn Hengdian hat sich mittlerweile zu einer einträglichen Touristenattraktion entwickelt.

  • Filmszene (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Filmszene, Hengdian (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Hengdian: Wagen mit Pferden (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

    Dreh-Vorbereitungen in Hengdian (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

  • Filmplakat „Hero“ (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung) Der Kassenschlager "Hero" hat MIllionen eingespielt (Quelle: SWR/WDR - Screenshot aus der Sendung)

Dass die Filmstudios in Hengdian so rege genutzt werden, liegt an der wachsenden Begeisterung der Chinesen für Kinofilme. Schon immer wurden in China auch ausländische Filme gezeigt, solange sie den Zensurvorgaben der Partei genügten. Interessant wurde China für ausländische Filmproduzenten ab 1994. In diesem Jahr wurden in China mit großem Publikumserfolg zehn große Hollywood-Filme gezeigt. Seit 2002 öffnete sich China endgültig der westlichen Filmindustrie, als der Film „Hero“ des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou ein internationaler Erfolg wurde und 2003 sogar für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert war. Seitdem wurden etwa 2.000 neue Kinos in China eröffnet. Wie in vielen deutschen Großstädten ist seitdem auch in China der Dienstag „Kinotag“, an dem die Besucher zu vergünstigten Preisen einen Film sehen können. Knapp 2.000 Kinos sind bei einer Bevölkerung von rund 1,3 Milliarden Menschen zwar an sich nicht viel. In so kurzer Zeit so viele Kinos zu gründen, ist jedoch beachtlich. Allerdings leidet der chinesische Film wie alle chinesischen Künste noch unter der staatlichen Zensur. So werfen Kritiker auch extrem erfolgreichen Filmen wie „Hero“ vor, keine kritischen Themen der chinesischen Geschichte zu behandeln oder die Geschichte sogar zu beschönigen.