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Hintergrund: Sie bauen eine Burg

Ein ehrgeiziges Projekt

  • Viele Menschen in mittelalterlicher Kleidung stehen auf der Baustelle. Leben und Arbeiten wie im Mittelalter; Rechte: dpa/Pascal Deloche

Schlösser, Burgen und Ruinen gibt es in Frankreich reichlich. Und dennoch: Mitten im Burgund bauen 45 Leute eine neue Burg – ausschließlich mit den Mitteln des 13. Jahrhunderts. Anfangs noch belächelt, hat sich Frankreichs originellste Baustelle inzwischen zum Besuchermagneten gemausert: Rund 250.000 Menschen kommen jedes Jahr, um Guédelon zu besichtigen, viele von ihnen Schüler.

Wie wurden im Mittelalter eigentlich Burgen gebaut? Ohne die technischen Hilfsmittel, die für uns heute selbstverständlich sind? Diese Fragen stellte sich Michel Guyot, nachdem er bereits etliche Burgen und Schlösser restauriert hatte. Bauen wir einfach eine neue Burg mit den Mitteln des 13. Jahrhunderts – eine Idee war geboren. Es fanden sich Unterstützer, eine Anfangsfinanzierung, ein Gelände mit eigenem Steinbruch und Handwerker: Leute, die bereit waren, an 700 Jahre alten Arbeitsmethoden zu tüfteln und Knochenarbeit zu leisten.

Leben wie im Museum

  • Eine Frau stellt ein Trinkgefäß aus Ton her. Mit Fingerspitzengefühl zu einem mittelalterlichen Tonkrug; Rechte: dpa/Pascal Deloche
  • Ein Schmied steht vor seinem Ofen. Mit Kraft fertigt der Schmied neues Werkzeug; Rechte: dpa/Pascal Deloche

1997 war Baubeginn. Ein Jahr später konnten die ersten Besucher die Baustelle besichtigen. Guédelon neun Jahre nach Baubeginn: Schon vom Parkplatz aus sind die Steinbrecher zu hören, die mit handgefertigten Werkzeugen riesige Felsblöcke zerlegen. Unbeeindruckt von den Besucherscharen, die sie umringen, begutachten sie die Steine, diskutieren, wie sie zu spalten sind und legen erneut los. Auch die Fuhrleute, die mit den Arbeitspferden die schweren Lasten transportieren, bewegen sich ruhig durch die Besuchermassen, lassen sich geduldig zum x-ten Mal fotografieren. Sehr viel erklären muss der Seiler, der am Rand der Baustelle seine Seile dreht. Er erzählt, arbeitet an den Seilen weiter, zeigt den Besuchern getrockneten Hanf – die Pflanze, aus der die Seile gefertigt werden.

Viel Arbeit für den Schmied

Alles, was auf der Baustelle gebraucht wird, fertigen die Handwerker vor Ort und die Zulieferbetriebe im mittelalterlichen Dorf, das neben der Burg im Wald gebaut wurde. Schmied, Töpfer, Weberin, Zimmerleute, Steinmetze, Zieglerin, Korbmacher und viele mehr sind täglich damit beschäftigt, für den Nachschub an Material und Werkzeugen zu sorgen. In der Schmiede wird beispielsweise das eigene Werkzeug angefertigt und immer wieder repariert. Selbst hergestellt werden auch sämtliche Beschläge, eben alles, was auf Guédelon aus Eisen ist. Allein für die Brücke mussten 680 Nägel geschmiedet werden und auch die Steinmetze halten den Schmied auf Trab, da sie pro Tag zwei Werkzeugsätze verschleißen.

Stilecht muss es sein

Der Korbmacher muss aus Weiden Transportkörbe flechten, die Lasten bis zu 80 Kilogramm aushalten. Jede Fliese für den Boden, jede Holzschindel für das Dach ist ein Stück aufwändiger Handarbeit. Auch die Kleidung der Handwerker auf Guédelon ist stilecht, ebenso wie die handgetöpferten Trinkgefäße aus Ton, der aus dem Wald gewonnen wird. Und natürlich gehören zum mittelalterlichen Dorf Tiere: neben den Lastenpferden auch Schweine, Rinder, Hühner und Gänse. 45 Leute sind inzwischen in Guédelon fest angestellt. Die mittelalterliche Baustelle ist damit einer der größten Arbeitgeber in der strukturschwachen Region, dem Department l’Yonne in Burgund.

Erste Erfolge

  • Die Baustelle von Guédelon mit einem Zelt im Vordergrund. Noch eine Baustelle, bald schon eine Burg; Rechte: dpa, Kungel

Möglich ist das, weil sich Guédelon inzwischen selbst finanziert: durch die Eintrittsgelder, das sehr gut besuchte Wirtshaus und den Souvenirladen. Zu den Angestellten auf Guédelon gesellt sich inzwischen jedes Jahr auch eine Schar ehrenamtlicher Helfer – Leute unterschiedlicher Berufe aus Frankreich und den Nachbarländern, die sich für das Projekt begeistern und mitarbeiten.

Schon heute ist gut zu erkennen, wie die Burg einmal aussehen wird. Die Grundmauern für die Türme stehen. Am weitesten sind bisher der Kapellenturm und der Hauptturm mit seinen zwölf Metern Durchmesser. Während außen gemauert wird, können sich innen bereits die Besucher umsehen.

  • Eine Frau vermisst eine Mauer der Burg mit der Hand und einer Schnur. "Schnur"gerades Fluchten ohne Wasserwaage; Rechte: dpa/Pascal Deloche
  • Ein Steinmetz vor der Baustelle von Guedelon. Jeder Stein wird in Handarbeit angepasst; Rechte: dpa/Pascal Deloche

Übung macht den Meister

Die Pläne für Guédelon stammen von Jacques Moulin, einem Chefarchitekt für denkmalgeschützte Bauwerke. Er orientierte sich dafür an den Burgen des Königs Philippe Auguste (1165–1223). Eine Gruppe wissenschaftlicher Berater begleitet das Projekt, rekonstruiert die historischen Arbeitsweisen und lernt selbst viel Neues über mittelalterliche Bautechniken. Denn nirgends ist im Detail dokumentiert, wie im Mittelalter die Burgen eigentlich gebaut wurden: Wie setzt sich der Mörtel zusammen? Wie werden große Lasten über 20 Meter Höhe gehoben? Wie werden Mauern auch ohne Wasserwaage gerade? Wie entsteht ein Kreuzgewölbe? Es heißt tüfteln und ausprobieren, um möglichst mittelalterliche Lösungswege zu finden.

4200 Quadratmeter groß soll Guédelon sein, wenn es fertig ist. Eine Burg, geschützt von vier runden Türmen: zwei Flankentürme, ein Kapellenturm mit Kapellenraum und dem 30 Meter hohen Hauptturm, der zu Wohn- und Repräsentationszwecken dient. Weitere Wohnräume, 18 Meter lang und 6,80 Meter breit, mit eigenem Brunnen und Zisterne gehören dazu.

Das Mittelalter wird lebendig

Zur Abwehr von "Feinden" wurde die Burg mit Schießscharten versehen, die Schüsse aus fast 180 Grad ermöglichen. So kann auf den Feind gezielt ohne selbst getroffen zu werden. Bewacht werden kann die Burg schon jetzt, und zwar von einer "Motte" aus, einem hölzernen Wachturm mit Palisadenzaun, der hinter der Burg auf einem Hügel steht. Burgenbau in Handarbeit ist eine mühsame und langwierige Sache. Doch eilig ist es auf Guédelon nicht. Das Wichtigste an der Burg ist die Zeit der Entstehung. Die Erbauer und die Besucher lernen eine Menge. Auf der Baustelle wird das Mittelalter nicht nur vorgeführt, es wird gelebt. 2023 soll die wohl ungewöhnlichste Baustelle der Welt fertig sein. Und so lange heißt es in Guédelon: "Ils bâtissent un château fort – Sie bauen eine Burg".