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Hintergrund: "Mich reizen verrückte Geschichten"

Eine Burg mit den Mitteln des 13. Jahrhunderts zu bauen – das klingt erstmal verrückt. Was für Leute haben Sie in Guédelon angetroffen?

  • Eine Nahaufahme von Reinhard Kungel. Filmautor Reinhard Kungel im Interview; Rechte: Reinhard Kungel

Ich dachte erst auch, das wären Verrückte, habe aber dann gemerkt, dass das Ganze Hand und Fuß hat. Man kann die Leute in drei Gruppen einteilen: Erstens: die wissenschaftlich motivierten Mitarbeiter. Sie sind wichtig für die Konzeption. Zum Beispiel Florian Renucci, der technische Leiter der Baustelle: Er ist Archäologe und Kunsthistoriker. Zur zweiten Gruppe würde ich die Mittelalter-Begeisterten zählen, die Freaks. Und die dritte Gruppe, das sind die Ortsansässigen. Es sind viele Langzeitarbeitslose dabei, die eine Arbeit gefunden haben, die einfach so reingerutscht sind.

Aus welchen Berufen kommen die Handwerker? Steinbrecher oder Seiler gibt es heute ja kaum noch.

Der kurioseste Fall ist der Schmied – der ist Journalist. Thierry Darques. Er arbeitet auch noch weiter als Journalist, zum Beispiel in den Wintermonaten. Aber er hat in Guédelon seine Erfüllung gefunden. Die meisten sind erfahrene Handwerker, die sich spezialisiert haben. Was ich nachvollziehen kann: Ich bin ein Bewegungs-Freak. Und die Leute in Guédelon schätzen die körperliche Arbeit – Sport als Ausgleich müssen die nach der Arbeit nicht machen!

Vom Prinzip „nur mittelalterliche Techniken und Werkzeuge“ gibt es ja zumindest dann Ausnahmen, wenn es um die Sicherheit geht. Wird sonst noch davon abgewichen?

  • Vier Menschen in mittelalterlicher Tracht schauen in die Kamera. Freiwillige Helfer sind gern gesehen; Rechte: dpa/Pascal Deloche

Ja, beim Mittagessen – das kommt von einer Catering-Firma.

Sie begleiten das Projekt schon seit dem Jahr 2000 filmisch. Was ist für Sie als Filmautor der Reiz dabei?

Mich reizen verrückte Geschichten. Ich habe für die Expo mal etwas über Berufe der Zukunft gemacht – das waren immer die gleichen Bilder: Ein Mensch sitzt am Computer… In Guédelon reizt das Filmische, die Bewegung, die Kulisse. Das gibt tolle Bilder! Ansonsten ist Guédelon für mich ein Langzeitprojekt, das ich bis zur Fertigstellung begleite: Es müsste hinkommen mit dem Rentenalter.

Was hat Sie in Guédelon besonders beeindruckt?

  • Eine Frau und ein Mann stehen in der Baustelle und studieren Unterlagen. Planung ganz ohne Computer und moderne Technik; Rechte: dpa/Pascal Deloche

Die Dimension. Weil man keinen Vergleich hat. Hier sind Leute, die versuchen etwas Verrücktes. Und es waren immer die Verrückten, die die Welt verändert haben: Marco Polo, Jules Verne, Leif Ericsson, Humboldt. Sie brachten den Fortschritt.

Der Besucheransturm auf der ziemlich abgelegenen Baustelle ist inzwischen riesig. Wie erklären Sie sich das?

Da muss ich etwas ausholen: Es ist kein Zufall, dass genau zu dem Zeitpunkt, als in Deutschland der letzte Bär und der letzte Wolf erlegt wurden, die ersten zoologischen Gärten aufgemacht haben. Man hat gemerkt: "Es ist etwas verschwunden". Ähnlich ist es bei Guédelon. Wir haben heute Fernsehen, Internet, Videospiele – einen virtuellen Raum. Guédelon verkörpert die Wirklichkeit, die wir nicht mehr kennen. Es ist Wirklichkeit.

2023 soll Guédelon fertig sein. Was passiert dann mit der nagelneuen Ritterburg mitten in Burgund?

  • Ein halbfertiger Turm der Burg in Guédelon. In kleinen Schritten zur imposanten Burg; Rechte: dpa/Pascal Deloche

Gute Frage. Die stellt man sich vor Ort laufend. Sie machen auch schon Witze darüber. Florian Renucci hat schon zu uns gesagt: "Das Turmzimmer ist dann für Euch." Es wird wohl weitergehen. Das muss es, schließlich finanziert sich das Projekt selbst. Wahrscheinlich ist eine Kirche, aber nicht gleich eine Kathedrale. Maryline Martin (Projektleiterin) hat von einem geistlichen Zentrum gesprochen. Das kann eine Kirche sein, eine Synagoge, eine Moschee. Und außerdem: Guédelon ist eine grandiose Filmkulisse!