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Hintergrund: Uwe Johnson – Leben und Werk

Uwe Johnson (SWR - Screenshot aus der Sendung)

Uwe Johnson – Kurzbiografie


1934
Geburt in Cammin in Pommern (heute: Kamién Pomorski, Polen) als Sohn einer Bauerntochter und eines Oberkontrollassistenten einer Molkerei.


1934 – 1944
Kindheit in Anklam.


1944/1945
Besuch einer nationalsozialistischen „Deutschen Heimschule“ in Koscian. Der junge Johnson wurde aufgrund seiner Begabung für die Schule ausgewählt, litt aber unter der strengen Wehrerziehung.


1945
Flucht der Familie ins mecklenburgische Recknitz bei Güstrow, Johnsons Vater kehrt von einer Fahrt nach Anklam nicht zurück, wird in einem sowjetischen Lager interniert und 1948 für tot erklärt.


1946 – 1952
Besuch des Gymnasiums in Güstrow, von 1949 bis 1954 Mitglied der FDJ.


1952 – 1954
Studium der Germanistik in Rostock. Im Rahmen einer von SED und FDJ angelegten Hetzkampagne gegen die Jugendorganisation der evangelischen Kirche soll Johnson als FDJ-Mitglied eine Rede halten und Gemeindemitglieder denunzieren. Er tut das Gegenteil, nimmt die „Junge Gemeinde“ in Schutz und wirft den Staatsorganen mehrfachen Verfassungsbruch vor. Im Rahmen des „Neuen Kurses“ der Moskauer Führung wird jedoch von einer Exmatrikulation abgesehen und Johnson das Weiterstudieren ermöglicht. In Rostock beginnt er mit seinem ersten Manuskript, dem Roman „Ingrid Babendererde“.


1954 – 1956
Fortsetzung des Studiums in Leipzig. Diplomarbeit über „Der gestohlene Mond“ von Ernst Barlach. Seinen mehrfach umgearbeiteten Roman „Ingrid Babendererde“ bietet Johnson mehreren DDR-Verlagen an. Alle lehnen den Roman ab, weil er nicht auf der Partei-Linie liegt. Nach Abschluss des Studiums Verlagsgutachten, Übersetzungen aus dem Englischen und Lektoratsarbeiten. Eine staatliche Anstellung bleibt Johnson wegen seiner politischen Ansichten verwehrt.


1956
Flucht der Mutter und der Schwester in die Bundesrepublik.


1957
Treffen mit dem Verleger Peter Suhrkamp in West-Berlin. Suhrkamp schätzt Johnson, lehnt aber seinen Romanerstling ab.


1959
Johnsons verlässt die DDR und siedelt nach West-Berlin über. Sein Debütroman „Mutmassungen über Jakob“ erscheint.


1960
Fontane-Preis der Stadt West-Berlin. Erste Teilnahme an einer Tagung der Gruppe 47.


1961
Erste USA-Reise. „Das dritte Buch über Achim“ erscheint.


1961
Stipendiat der Villa Massimo in Rom. Heirat mit Elisabeth Schmidt, Geburt der Tochter Katharina.


1964
„Karsch und andere Prosa“ erscheint. Johnson schreibt Fernsehkritiken für den Tagesspiegel.


1965
„Zwei Ansichten“ erscheint. Zweite USA-Reise.


1966–1968
Aufenthalt in New York. 1966/67 als Schulbuchlektor, danach Stipendiat der Rockefeller Foundation. Beginn der Arbeit an „Jahrestage“.


1969
Mitglied der Akademie der Künste


1970
Der erste Band von Johnsons Hauptwerk „Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“ erscheint.


1971
Der zweite Band der „Jahrestage“ erscheint. Georg-Büchner-Preis.


1973
Der dritte Band der „Jahrestage“ erscheint.


1974
Umzug nach Sheerness-on-Sea auf der Themseinsel Sheppey. „Eine Reise nach Klagenfurt“ erscheint.


1975
Johnson erleidet einen Herzinfarkt. Wilhelm-Raabe-Preis der Stadt Braunschweig.


1977
Johnson wird Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. (Austritt: 1979)


1978
Elisabeth und Uwe Johnson trennen sich.


1979
Poetik-Dozentur an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität. Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck.


1980
Die Frankfurter Vorlesungen erscheinen unter dem Titel „Begleitumstände“. Die „Jahrestage“ werden – obwohl sie noch nicht vollendet sind – in die „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“ aufgenommen.


1983
Mit dem Erscheinen des vierten Bandes der „Jahrestage“ ist Johnsons Hauptwerk vollendet. Kölner Literaturpreis.


1984
Am 23. Februar wird Johnson das letzte Mal gesehen. Am 12. März wird er tot in seinem Haus aufgefunden. Vermutlich ist er in der Nacht vom 23. zum 24. Februar gestorben.

„Mutmassungen über Jakob“

In Johnsons Debütroman „Mutmassungen über Jakob“ werden die Schwierigkeiten eines Lebens im geteilten Deutschland geschildert.

Zu Beginn des Romans erfährt der Leser, dass Jakob tot ist. Von dieser Tatsache ausgehend wird die Geschichte entfaltet, die realisiert wird in erzählten Passagen, Dialogen und Monologen von Personen, die Jakob gekannt haben und versuchen, seinen Tod zu verstehen.

Jakob Abs ist Strecken-Dispatcher bei der ostdeutschen Reichsbahn. Er versieht seinen Dienst gewissenhaft und versucht, sich aus dem politischen Geschehen rauszuhalten. Das gelingt ihm jedoch nicht mehr, als der Stasi-Hauptmann Rohlfs ihn für Spionagezwecke gewinnen möchte.

Als Flüchtling ist Jakob nach dem Krieg mit seiner Mutter im mecklenburgischen Jerichow angekommen, wo der verwitwete Kunsttischler Heinrich Cresspahl und seine Tochter Gesine die beiden aufgenommen haben. Gesine ist nach ihrem Anglistik-Studium aus der DDR in die Bundesrepublik geflohen und hat eine Anstellung als Dolmetscherin bei der N.A.T.O gefunden. Über Jakob, seine Mutter und Heinrich Cresspahl versucht Rohlfs an Gesine zu kommen. Frau Abs hält dem Druck nicht stand und flieht nach dem ersten Gespräch mit Rohlfs in den Westen.

In Cresspahls Haus in Jerichow schreibt Gesines Freund, der Anglistikdozent Jonas Blach an einem politisch brisanten Manuskript. Gesine wagt einen illegalen Besuch in der DDR und fährt mit Jakob nach Jerichow. Dort treffen sie in Cresspahls Haus auf Jonas und Hauptmann Rohlfs. Gesine entdeckt ihre Liebe zu Jakob und trennt sich von Jonas. Rohlfs sichert Gesine die Rückkehr in den Westen zu, will sie aber weiterhin für eine Spionagetätigkeit werben.

Jakob reist kurz darauf in die Bundesrepublik, um seine Mutter und Gesine zu besuchen. Gesine bittet ihn, zu bleiben, aber Jonas kann sich mit einem Leben im Westen nicht anfreunden. Er reist zurück in die DDR und stirbt am selben Tag beim Versuch, die Gleise bei seiner Arbeitsstelle zu überqueren. Ob es sich um Mord, Suizid oder einen Unfall handelt, kann bis zum Ende des Romans nicht mit Sicherheit geklärt werden und so bleibt es bei „Mutmassungen über Jakob“.

Mit dem Erscheinen seines Erstlings wird Uwe Johnson schlagartig berühmt in der Bundesrepublik. Die komplexe Struktur und die hohe literarische Qualität der Mutmassungen erlauben es, von einer Ankunft der Moderne in der westdeutschen Nachkriegsliteratur zu sprechen. Zudem stand der Roman, der die Verhältnisse in der DDR und die Arbeit der Stasi schonungslos schilderte, im krassen Gegensatz zur idealisierenden sozialistischen Literatur der 1950er-Jahre.

„Zwei Ansichten“

„Zwei Ansichten“ ist Uwe Johnsons dritter Roman und behandelt die Geschichte einer Liebe in der Zeit des Mauerbaus.

Der westdeutsche Fotograf B. und die ostdeutsche Krankenschwester D. haben sich vor dem Bau der Mauer kennengelernt. Sie haben eine kurze Liebesbeziehung, die mit dem Mauerbau im August 1961 abrupt beendet ist. Doch mit der Entfernung und der Unmöglichkeit eines Wiedersehens, verbunden mit Gefühlen von Einsamkeit und Unglück, entsteht bei beiden ein erneutes Interesse an dem anderen. B., der in West-Berlin Bekanntschaft mit Fluchthelfern macht, drängt D. zu einer Republikflucht. Die Fluchthelfer schaffen es, D. über Kopenhagen und Hamburg nach West-Berlin zu bringen. Als die beiden zusammenkommen, haben sie sich nichts mehr zu erzählen: die Liebe der zwei erweist sich als eine eingebildete.

Der Roman war bei seinem Erscheinen hochaktuell und wurde – trotz der eher verhaltenen Reaktion der Literaturkritik – ein Verkaufserfolg. Er ist weitaus weniger modern und verschlüsselt als Johnsons erste beide Werke. Auch sind die Charaktere, denen Johnson keine vollständigen Namen, sondern nur einen Buchstaben gab, eher blass gehalten. Die Leistung des Werkes besteht in der atmosphärischen Schilderung der beklemmenden Situation im geteilten Berlin.

„Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl“

Die fast 2000 Seiten umfassenden Jahrestage sind Uwe Johnsons Hauptwerk und einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsromane. Über 15 Jahre und an drei Orten hat Johnson an dem Werk gearbeitet: vom Januar 1968 bis zum April 1983 in New York, West-Berlin und Sheerness-on-Sea.

Der Roman ist angelegt in 367 Tageskapiteln vom 20. August 1967 bis 20. August 1968. An jedem Tag wird das Leben von Gesine Cresspahl und ihrer Tochter Marie in New York geschildert. Die zentralen Figuren sind die, die schon in Johnsons Romandebüt „Mutmassungen über Jakob“ angelegt sind. Die in jenem Roman umgekommene Titelfigur Jakob ist der Vater von Marie, die 1957 in Düsseldorf geboren wurde und ihren Vater nicht kennengelernt hat. 1961 sind Gesine und Marie nach New York ausgewandert, weil Gesine in der DDR nach ihrer Republikflucht nicht mehr leben kann und in der Bundesrepublik nicht leben will.

In New York arbeitet Gesine bei einer Bank als Fremdsprachenkorrespondentin und erzählt ihr jeden Tag die Geschichte der Familie. Die Geschichte spannt einen Bogen von der Geburt Heinrich Cresspahls im Jahr 1888 bis zu dem Zeitpunkt, an dem Maries „Erinnerung Bescheid weiß“, also bis zu ihrem vierten Geburtstag. Erzählt wird unter anderem aus der Zeit der Weimarer Republik, vom Leben der Familie in der Zeit des Nationalsozialismus, vom Kriegsende und dem beginnenden Sozialismus in Mecklenburg.

Das Weltgeschehen in den Jahren 1967/68 wird dokumentarisch genau wiedergegeben von Gesine, für die die New York Times ein enorm wichtiges und unverzichtbares Informationsmedium ist. Die wichtigen Themen sind die Rassenunruhen in Amerika, die Spannungen in der bipolaren Welt, der Krieg in Vietnam und die Reformversuche in der Tschechoslowakei. Letztere sind die Hoffnung des Romans. Gesine glaubt, auch nachdem sie der DDR den Rücken zugekehrt hat, an die Möglichkeit eines menschenfreundlichen Sozialismus. Marie hingegen ist aufgewachsen in New York und Anhängerin des westlichen politischen Systems. Für Gesine stellt das Erzählen eine komplizierte Angelegenheit dar: Sie will Marie aufrichtig von den vielen Verfehlungen und Verbrechen in der DDR berichten, sie aber nicht zu einer Anti-Kommunistin erziehen.

Für ihre Bank soll Gesine ein Kreditgeschäft mit der Tschechoslowakei vorbereiten. Mit Marie reist sie nach Kopenhagen, um von dort aus nach Prag weiterzureisen. Der Roman endet am 20. August 1968, einen Tag vor der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Truppen des Warschauer Pakts.

Johnsons Romantetralogie entzieht sich jeder vereinfachenden Einordnung. Sie ist zugleich Familienroman, Gesellschaftsroman, Großstadtroman (New York), Montageroman (Einbau u. a. der New York Times), literarische Geschichtsschreibung und ein gewaltiges Zeitpanorama. Die Vielfalt der behandelten Themen, der große Komplex um Schuld und Verantwortung nach dem Nationalsozialismus, die dargelegten Theorien von Erinnerung und Gedächtnis, die Vielfalt an verwendeten literarischen Formen, die schier unübersehbare Anzahl von Anspielungen auf verschiedene andere Werke der Weltliteratur haben einen Literaturwissenschaftler das Wort vom „unauslesbaren Werk“ prägen lassen. Einem Werk also, dessen Lektüre für den „einfachen Leser“ verständlich und gewinnbringend ist, aber auch nach mehrmaligem Lesen immer noch unentdeckte Welten bietet. Für das bessere Verständnis des Romans gibt es ein 300-seitiges Register, einen 1100 Seiten starken Kommentar und eine Fülle von literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur.