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Hintergrund: Deutschland in den zwanziger Jahren

Deutschland vor dem Nichts

  • Mann, dem das rechte Bein fehlt, sitzt am Straßenrand. Kriegsinvalide am Straßenrand; Rechte: AKG
  • Ein Gruppe von Männern verwickelt in eine Straßenschlacht. Polizei löst gewaltsam eine Demonstration auf; Rechte: AKG

Nach vier Jahren Stellungskrieg und Millionen Toten geht im November 1918 der Erste Weltkrieg zu Ende. Deutschland kapituliert – und wird im äußerst umstrittenen Versailler Friedensvertrag zum alleinigen Kriegsverursacher erklärt und zu enormen Entschädigungsleistungen an die alliierten Gegner verpflichtet. Zwar hat der Erste Weltkrieg nicht auf deutschem Boden stattgefunden, doch das Land liegt wirtschaftlich am Boden. Die Menschen sind durch den Krieg ausgezehrt, Arbeit gibt es kaum, die Zustände sind chaotisch. Allein die Wirtschaftsblockade der Alliierten zwischen 1914 und 1918 hat in Deutschland 700.000 Hungertote zur Folge. Dazu kommen Millionen gefallener und verwundeter Soldaten. Sie prägen maßgeblich das Bild auf der Straße. Besonders in Berlin begegnet man vielen ehemaligen Soldaten, die teilweise grausam verstümmelt und entstellt sind.

Eine revolutionäre Unruhe liegt in der Luft, radikale rechte und linke Gruppen marschieren auf, wer Pech hat, gerät in eine Straßenschlacht – es herrscht Bürgerkriegsstimmung. Nur schwer lassen sich die vielen paramilitärischen Truppen, die ihre Waffen nicht abgelegt haben, wieder in die Gesellschaft integrieren. Nach den ersten freien Wahlen 1919 tritt die Reichsregierung im Nationaltheater in Weimar zusammen. Weimar war deshalb ausgesucht worden, weil man in Regierungskreisen befürchtete, dass die Sicherheit der gewählten Parlamentarier in Berlin wegen der ständigen Unruhen nicht garantiert werden konnte.

Aufbruch in die Demokratie

  • Postkarte mit den Porträts der führenden Köpfe der Weimarer Republik. Die Gründerväter der Weimarer Republik; Rechte: AKG

Die zwanziger Jahre beginnen für Deutschland wenig verheißungsvoll. Gleichzeitig ist es ein Jahrzehnt der ersten deutschen demokratischen Gehversuche. Der Kaiser dankt ab, es gibt einen Systemwechsel. Philipp Scheidemann (SPD) ruft die Republik aus – der Aufbruch in die Demokratie beginnt.

Im August 1919 tritt die neue Reichsverfassung in Kraft, verabschiedet von der Nationalversammlung. Schon unter Bismarck gab es starke demokratische Bestrebungen im Parlament, jetzt wird die erste parlamentarische Demokratie im Deutschen Reich nachhaltig verankert. Träger der politischen Macht sind die Parteien. Wie tief die Gesellschaft gespalten ist, wird deutlich an der Vielzahl der sehr unterschiedlichen Parteien: Es gibt gemäßigte Parteien der Mitte und Kaisertreue, die die Vorkriegsverhältnisse wieder herstellen wollen, radikale Rechte, die eine Diktatur anstreben, und radikale Linke, die in Deutschland eine Räterepublik ausrufen wollen.

Doch das Parlament wird in den zwanziger Jahren gering geschätzt. Große Teile der Eliten akzeptieren die Republik nicht – etwa die Reichswehr.

Ruhrkampf und Inflation

  • Geldbündel liegen auf einer Waage. Hyperinflation 1923: kiloweise Geldscheine; Rechte: dpa

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war das Deutsche Reich hoch verschuldet. Der Erste Weltkrieg verschlang enorme Summen. Geld, das das Deutsche Reich nicht besaß. Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte, musste es nicht nur mit dem Staatsbankrott kämpfen: Die Sieger verlangten darüber hinaus hohe Reparationszahlungen. Wie sollte die deutsche Regierung der Weimarer Republik diesen Forderungen nachkommen? Die Reichsbank begann, die Menge des umlaufenden Geldes drastisch zu erhöhen, Deutschland geriet in den Strudel einer galoppierenden Inflation.

Als 1923 die Franzosen wegen verspätet ausbezahlter Reparationen das Ruhrgebiet besetzten, verschärfte sich die Lage: Die Regierung rief zum Streik auf, zahlte aber die Löhne an die Arbeiter weiter. Der Ruhrkampf brach der deutschen Wirtschaft endgültig das Rückgrat – die Hyperinflation war nicht mehr aufzuhalten. Die Papierfabriken arbeiteten Tag und Nacht und warfen immer wertloseres Papiergeld auf den Markt. Briefmarken und Geldnoten wiesen bald Beträge in Millionen und sogar Milliarden Mark aus.

Die Geldentwertung ging zu Lasten der kleinen Leute: Über Nacht waren alle Ersparnisse weggeschmolzen, die Menschen verloren Geld, Guthaben, Kapital. Das Ende der Inflation kam im November 1923: Eine neue Währung wurde geschaffen, die Rentenmark und durch die Hilfe der Amerikaner stabilisiert. Angesichts der katastrophalen Folgen der Inflation überdachten die Alliierten ihre Politik gegenüber dem Deutschen Reich. Der Amerikaner Charles Dawes entwickelte eine Art Marshallplan der zwanziger Jahre, langsam stabilisierte sich die Wirtschaft wieder. Deutschland wurde wieder zahlungsfähig.

Die goldenen Zwanziger

  • Reihe von sechs Tänzerinnen der zwanziger Jahre mit prächtigem Kopf-Federschmuck. Tanzgirls des Damenballett Ehed Karina; Rechte: AKG

Die Goldenen Zwanziger, das ist eine kurze Phase des Aufatmens, die jedoch nur wenigen Menschen in Deutschland vorbehalten war. Es ist die Realpolitik des liberal-konservativen Politikers Gustav Stresemann, die die Siegermächte zum Entspannungskurs gegenüber Deutschland bewegt. Stresemann leitet nach den Schrecken der Hyperinflation die Währungsreform ein.

Die Menschen schöpfen Hoffnung. Sie wollen nur noch eins: Normalität. Langsam gibt es wieder Arbeit. Kunst, Literatur und Presse gehen neue Wege, suchen neue Ausdrucksmöglichkeiten. Malerei und Architektur kehren der Überladenheit der Kaiserzeit den Rücken, die so genannte "Neue Sachlichkeit" ist jetzt Trend. Der Charleston kommt in Mode, und die Frauen erregen Aufsehen mit der neuen Kurzhaarfrisur, dem Bubikopf. Besonders in Berlin blüht das Nachtleben auf: Wer es sich leisten kann, besucht die glamourösen Tanzpaläste, Revuen und Jazz-Lokale. Industrie und Wissenschaft gelingen sensationelle Fortschritte. Von 36 verliehenen Nobelpreisen geht rund jeder dritte nach Deutschland – einer der Preisträger ist Albert Einstein.

Weltwirtschaftskrise

  • Männer – viele mit Fahrrad – lesen Zeitung. Arbeitslose lesen Stellenanzeigen; Rechte: AKG
  • Marschierende Nazis mit Hakenkreuzflagge. Aufmarsch der SA bei München; Rechte: AKG

Am 25. Oktober 1929 kommt es zu einem dramatischen Kurssturz an der New Yorker Börse. Der sogenannte "Schwarze Freitag" markiert den Beginn einer weltweiten Wirtschaftskrise. Die Auswirkungen auf Deutschland sind verheerend. Denn das Deutsche Reich benötigt ständig frisches Kapital aus dem Ausland, um seine Wirtschaft anzukurbeln. Selbst in Geldnot, zieht Amerika sein Kapital aus Deutschland ab, fordert Schulden und Kredite ein, um die eigene Wirtschaft zu stützen. Konkurse, Massenentlassungen und eine Welle von Lohnkürzungen sind die Folge. Die schwindende Kaufkraft sorgt für immer höhere Absatzschwierigkeiten, die Abwärtsspirale der "großen Depression" treibt die deutsche Volkswirtschaft in den Ruin. Durch die Krise steigt die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von 2,8 Millionen im Jahr 1929 auf über 6 Millionen im Jahr 1932 an. Ohne Aussicht auf Arbeit sind die Menschen verzweifelt, hoffnungslos.

Die anfängliche Ablehnung der Weimarer Republik und ihrer Parteien schlägt in offene Feindschaft um. Der Ruf nach einem starken Mann wird laut, der Deutschland aus der Perspektivlosigkeit führen soll. Das ist der gesellschaftliche Nährboden, auf den Hitler und die NSDAP gewartet haben. Längst haben die Nationalsozialisten mit der NSDAP ein Sammelbecken für das Heer der Unzufriedenen und die Verlierer der Republik geschaffen. Erfolgreich mobilisiert Hitler die Massen. In fanatischen Hetzreden verspricht er den Menschen Brot und Arbeit – und einen Ausweg aus der Krise. Anfällig für die Propaganda der Nationalsozialisten, kehren sich die Menschen endgültig von der Weimarer Demokratie ab.

1933: Hitlers Griff nach der Macht

  • Adolf Hitler verbeugt sich vor Reichspräsident Hindenburg. Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg; Rechte: AKG
  • Große Versammlung nationalsozialistischer Verbände vor dem Brandenburger Tor in der Nacht, mit Fackeln erleuchtet. Fackelzug von SA, SS und Stahlhelm 1933; Rechte: AKG

An der Schwelle zu den dreißiger Jahren beherrschen wirtschaftliche Not und politischer Radikalismus den Alltag der Menschen in Deutschland. Die radikalen Parteien verzeichnen einen immer höheren Zulauf. Aus sehr unterschiedlichen Motiven, aber mit immer gewalttätigeren Auseinandersetzungen, bekämpfen radikale Rechte und Linke die Weimarer Republik. Saalschlachten und Straßenkämpfe sind an der Tagesordnung. Paramilitärische Trupps wie die gefürchtete Sturm-Abteilung der NSDAP / SA oder der "Rote Frontkämpfer-Bund" der Kommunisten terrorisieren und ermorden politisch Andersdenkende.

Mit drastischen, unpopulären Sparmaßnahmen und Notverordnungen versucht Reichkanzler Heinrich Brüning den bankrotten Staatshaushalt zu sanieren. Die Arbeitslosigkeit steigt immer weiter, immer mehr Menschen gehen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen der Regierung zu protestieren. Einflussreiche Unternehmer und Militärs befürchten die Revolution von links. Sie bestürmen den greisen Reichspräsidenten Hindenburg, Hitler zum Reichkanzler zu ernennen. Bei den Wahlen 1932 sind die Nationalsozialisten stärkste Partei geworden. Am 30. Januar 1933 gibt Hindenburg dem Druck nach und macht Hitler zum Reichskanzler. Knapp zwei Monate später, am 23. März 1933, gelingt es Hitler durch das Ermächtigungsgesetz, Parlament und Verfassung auszuschalten und die Macht endgültig an sich zu reißen. Nach vierzehn Jahren demokratischer Anstrengungen ist die Weimarer Republik endgültig zerstört. In Deutschland beginnt die Zeit des Nationalsozialismus.