Navigationshilfe:

Die Anfänge des Schulfernsehens

Ihr Webbrowser kann dieses Video nicht abspielen.

Bitte nutzen Sie einen modernen Webbrowser, z.B. Mozilla Firefox.


Wie alles begann

Freundlich blickt er in die Kamera und begrüßt sein Publikum: „Guten Tag, liebe Mädchen und Jungen, guten Tag liebe Lehrer. Ich bin der Lehrer auf dem Bildschirm!“ Es ist Ludwig Graf vom Südwestfunk, der die ersten Schulfernseh-Lektionen in Mathematik erteilt. Viele fünfte Klassen im Sendegebiet schauen gebannt dem neuartigen Unterricht im Fernsehen zu.

Zeitreisen

Bildungsboom und Bildungsnotstand

Ein Bildungsboom erfasst damals die Bundesrepublik, ausgelöst durch den Heidelberger Pädagogen Georg Picht. Mit seiner Artikelserie „Die deutsche Bildungskatastrophe“ rüttelt er 1964 die deutsche Öffentlichkeit wach. Picht prangert soziale Missstände an: das große Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land, die geringe Förderung von Mädchen und von Kindern aus der Arbeiterschicht. Radikale Reformen fordert er und die Ausbildung von mehr Lehrkräften. Wie nach dem Schock der Pisa-Studie im Jahr 2000 schrillen auch damals alle Alarmglocken: Es muss etwas geschehen!

Aufbruch an den Schulen

Was folgt ist eine Bildungsoffensive im großen Stil. An den Schulen herrscht Aufbruchsstimmung, die Experimentierfreude ist groß. Neue Themen, neue Lehrpläne, neue Fächer - zum Beispiel die „Neue Mathematik“ mit der viel diskutierten “Mengenlehre. Der neue Rechenunterricht soll stärker das abstrakte Denken fördern, soll bunter und anders sein. Die Erfahrungen der Kinder fließen mit ein und so werden aus Zahlen plötzlich farbige Formen und Figuren. Auch der Sozialkundeunterricht ändert sich: Gefordert sind verstärkt politische Bildung, kritisches Denken und demokratisches Grundverständnis. Weg vom erhobenen Zeiger, Schluss mit der Tafel-und-Kreide-Erziehung. Der Unterricht bekommt ein neues Gesicht. Doch viele Lehrer sind für die neuen Inhalte noch nicht ausgebildet. Und der Lehrermangel überschattet nach wie vor die Situation an den Schulen.

Dem will man entgegenwirken, die Frage ist nur: „Wie?“ Wäre es möglich, mit Hilfe des noch jungen Mediums Fernsehen zu unterrichten? Schließlich sehen die meisten Kinder gerne fern. So starten viele deutsche Rundfunkanstalten eine Bildungsoffensive über den Bildschirm. 1964 überträgt der Bayerische Rundfunk seine ersten Schulfernseh-Sendungen, wenig später ziehen andere dritte Programme nach.

Auf Sendung

Fernseh-Lehrer Ludwig Graf unterrichtet Mathematik (Quelle: SWR)

Im Südwesten schließen sich Südwestfunk, Süddeutscher Rundfunk, Saarländischer Rundfunk und die Kultusministerien von Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland zusammen und starten 1970 einen Schulfernseh-Versuch: Drei Jahre lang läuft der Probeunterricht für gut 2000 Schüler regelmäßig im TV. Gelehrt wird „Neue Mathematik“ in der fünften Klasse und „Sozialkunde“ in den höheren Jahrgangsstufen.

Zum Schulfernseh-Programm gehören nicht nur die Sendungen, sondern auch umfangreiches Begleitmaterial. Bunte Arbeitsbögen sollen die Schüler dazu bewegen, aktiv am Fernsehunterricht teilzunehmen, statt sich berieseln zu lassen. „Und jetzt seid Ihr dran!“ fordert Mathematik-Moderator Ludwig Graf die Schüler direkt dazu auf.

Sobald eine Klingel ertönt, haben sie 30 Sekunden Zeit, die richtige Lösung einzutragen. Dieser Klingelton trägt den TV-Lektionen schon bald den Spitznamen „Bimmelsendung“ ein.

„Der Lehrer flimmert farbig!“

Ludwig Graf begrüßt sein Publikum (Quelle: SWR)

Und wie reagierten die Kinder auf den Teleunterricht? „Für die Schüler war es ein Ereignis“, erinnert sich Prof. Wolfram Ellwanger, der die ersten Schulfernseh-Stunden als Pädagoge begleitete. „Viele saßen gebannt vor dem Bildschirm. An den Unterricht aus dem Fernsehen nicht gewohnt, meldeten sich sogar einige, die die Fragen des Fernseh-Lehrers beantworten wollten.“ Dass Schüler die Sendungen interessiert verfolgen, zeigen auch die vielen Zuschriften von Schulklassen, die in der Schulfernseh-Redaktion eintrudeln.

Die Presse schenkt dem Schulfernsehen große Aufmerksamkeit: „Mit Gehirn, Charme und Methode“ titeln die Zeitungen zum Schulfernseh-Modellversuch. Artikel wie „Der Pauker geht, der Pädagoge kommt“ oder „Der Lehrer flimmert farbig“ kommentieren die ersten Testsendungen von 1970. Wie erfolgreich diese Mathematik- und Sozialkunde-Stunden tatsächlich sind, wird alle 14 Tage anhand von Testbögen überprüft. Außerdem bekommen Vergleichsklassen den Stoff von einem „echten“ Lehrer geboten. Begleitstudien bestätigen den Erfolg der Sendungen: Zwar können sie die Lehrkraft nicht ersetzen, entlasten sie aber und geben Anregungen für einen anschaulichen Unterricht.

Etwas schwierig zeigt sich in den Anfängen allerdings das Timing: Zwar sind die Testschulen mit Farbfernsehern ausgestattet, besitzen aber noch keine Videorekorder. Das bedeutet, dass Schulfernsehen nur zur Sendezeit eingesetzt werden kann: Montagmorgen läuft Mathematik, Dienstagmorgen Sozialkunde. Eine weitere Hürde: Wenn etwas nicht verstanden wird, gibt es kein Zurück – Wiederholen ist nicht möglich. Versäumen Schüler eine ganze Folge der Mathematik-Reihe, verlieren sie den Anschluss. Zum Vorteil wird der Fernseher dagegen, wenn ein Schüler krank ist: Er kann ja dann vom Bett aus den Tele-Unterricht verfolgen. Mit Einführung der Videotechnik war es später kein Problem mehr, die Sendungen aufzuzeichnen oder zu wiederholen. Wer das Mitschneiden verpasste, konnte eine Sendung von da an auch über einen „Pannendienst“ bei den Medienzentren bestellen.

Vom Versuch zum Vertrag

Dagmar Berghoff moderiert Sachunterricht für die Grundschule (Quelle: SWR)

Der Schulfernseh-Versuch kommt bei allen Seiten gut an: 1973 wird das Programm von den Ländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und den Rundfunkanstalten Südwestfunk (SWF), Süddeutscher Rundfunk (SDR) und Saarländischer Rundfunk (SR) urkundlich besiegelt. Ein Vertrag mit Langzeitwirkung, denn es bleibt nicht bei der neuen Mathematik: Im Lauf der 1970er und80er Jahre kommen Sendereihen für den Sachunterricht, Physik, Weltkunde und viele weitere Fächer hinzu.

Doch welche Themen sind in den Schulen gefragt? Welcher Stoff brennt gerade auf den Nägeln? Über die Inhalte neuer Sendungen beratschlagt eine Kommission aus Fernsehredakteuren und Praktikern aus der Schule. Bis heute findet in dieser „Gemischten Kommission“ ein ständiger Austausch von Interessen und Ideen statt.

Diese Teamarbeit sorgt dafür, dass die neuen Schulfernseh-Angebote auf die Bedürfnisse der Schulen eingehen und zur Verfügung stehen, sobald der Ruf nach neuen Inhalten laut wird. So ist das Schulfernsehen seit nun 50 Jahren am Puls der Zeit: Als Speerspitze für einen Fächer verbindenden Unterricht Anfang der 1990er Jahre. Als Fürsprecher für einen Unterricht der klug gewählten Methodenvielfalt. Und als Wegbereiter für einen multimedialen Unterricht.

Zeitschrift planet schule abonnieren
Zeitschrift planet schule abonnieren
Unser TV-Angebot
TV-Angebot
Preisgekrönte Projekte
Preisgekrönte Projekte