schwarz weiß Bild von Lagerbaracken im Konzentrationslager

Spuren der NS-Zeit

Die Befreiung der Todeslager durch die Alliierten | Hintergrund

Stand
Autor/in
Martina Frietsch
Portrait eines Betroffenen
Gefangener im Konzentrationslager Auschwitz Bild in Detailansicht öffnen
Auschwitz-Lagerbaracken
Auschwitz Lagerbaracken waren für zehntausende Häftlinge gebaut Bild in Detailansicht öffnen

Errichtung der Konzentrationslager

Die Nationalsozialisten errichteten die ersten 80 Konzentrationslager bereits 1933, direkt nach der Machtübernahme. In ihnen wurden die Häftlinge der ersten Massenverhaftungen untergebracht. Bis auf Dachau wurden alle diese so genannten „wilden“ Konzentrationslager im folgenden Jahr wieder aufgelöst. Nach dem Muster von Dachau begann 1934 der Bau neuer Konzentrationslager: Sachsenhausen (nahe Berlin), Buchenwald (bei Weimar), Flossenbürg (Bayern/Oberpfalz), Mauthausen (Österreich, bei Linz), Neuengamme (bei Hamburg), Ravensbrück (Brandenburg). Nach Kriegsbeginn 1939 wurde der Bau weiterer Konzentrationslager vorangetrieben. Zuletzt gab es 25 Hauptlager mit 1200 Neben- und Außenlagern.

1940 begann der Bau des Lagers Auschwitz. Es entstand in der Nähe der polnischen Stadt Oświęcim (Auschwitz) und war ursprünglich für etwa 10.000 Häftlinge gedacht. In den ersten beiden Jahren wurden in Auschwitz vor allem Polen inhaftiert: Angehörige von Widerstandsgruppen, politische Gefangene und andere.

1941 errichtete der Konzern IG Farben (Zusammenschluss führender deutscher Chemie-Firmen) in der Nähe von Auschwitz ein neues Werk. Bereits beim Aufbau und später bei der Produktion wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Produziert wurden vor allem synthetischer Kautschuk und Buna (aus Kohle gewonnenes Gummi). Die IG Farben war über das Tochterunternehmen DEGESCH auch an der Produktion von Zyklon B beteiligt.

Im September 1941 begann der Bau des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, ausgelegt für 50.000 Menschen. Zeitweise war es mit 100.000 Häftlingen belegt. Zeitgleich mit dem Bau von Birkenau begannen im Stammlager Auschwitz die ersten Versuche, Häftlinge mit Zyklon B zu ermorden. Zwei ehemalige Bauernhäuser wurden zu Gaskammern umgebaut.

1942 entstand mit Auschwitz-Monowitz das erste Konzentrationslager, das von einem privaten Unternehmen, der IG Farben, initiiert und finanziert wurde. Die Zwangsarbeiter in Monowitz überlebten durchschnittlich nur drei Monate. Rund 25.000 von insgesamt 35.000 starben. Nach der IG Farben siedelten sich weitere Betriebe in Auschwitz an. Zu den größten gehörten die Reichswerke Hermann Göring, die Berg- und Hüttengesellschaft Teschen, die Friedrich Krupp AG, die Siemens-Schuckert-Werke und andere. Sie alle beschäftigten Zwangsarbeiter, für die insgesamt 30 Außenlager entstanden.

Mitte 1942 wurden dann Juden aus dem gesamten Deutschen Reich und den besetzten Ländern nach Auschwitz gebracht mit dem Ziel sie im Rahmen der „Endlösung“ zu ermorden. Ab diesem Zeitpunkt wurden alle, die in Auschwitz ankamen, von SS-Ärzten selektiert. Wer arbeitsfähig war, wurde zur Zwangsarbeit eingesetzt. Viele Häftlinge, vor allem Sinti und Roma, wurden zu medizinischen Versuchen missbraucht. Der größte Teil der Menschen, die nach Auschwitz deportiert wurden, wurde in den Gaskammern ermordet. Bis Januar 1945 waren 405.000 Häftlingsnummern vergeben worden. Diejenigen, die sofort in die Gaskammer kamen, wurden nicht registriert.

Im Juli 1944, als die sowjetische Armee näher rückte, begann die erste Räumungsphase von Auschwitz. Von rund 155.000 Häftlingen wurde etwa die Hälfte in Lager gebracht, die weiter westwärts lagen. Viele der Häftlinge starben bereits während des Transports oder nach der Ankunft in den überfüllten Lagern.

Im Oktober 1944 gelang Häftlingen eines „Sonderkommandos“ in Auschwitz ein Aufstand. Sie sprengten eines der vier Krematorien in die Luft. Kurze Zeit später wurden die Massentötungen eingestellt und die Vernichtungsanlagen abgebaut.

Am 17. Januar 1945 räumte die SS das gesamte Lager Auschwitz. Rund 58.000 Häftlinge wurden zu so genannten „Todesmärschen“ in andere Lager gezwungen, da die Rote Armee näher rückte. 15.000 überlebten die Evakuierung nicht. Wer zu schwach war um weiterzugehen, wurde unterwegs erschossen. Bis zur Befreiung des Lagers wurden noch Hunderte Häftlinge ermordet.

Am 27. Januar 1945 kamen die ersten sowjetischen Soldaten nach Auschwitz. Viele der Lagerinsassen waren so krank und schwach, dass sie wenig später starben.

Mindestens 1,1 Millionen Menschen wurden in Auschwitz ermordet, die meisten von ihnen Juden. Auschwitz wurde zum Synonym für den nationalsozialistischen Völkermord.

Seit 1996 ist der Tag der Befreiung des Lagers Auschwitz in Deutschland offizieller Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.

Eine Karte Zentraleuropas, in der die Standorte der Konzentrationslager eingezeichnet sind.
Karte Konzentrationslager

Auschwitz - Ein Überlebender berichtet über die letzten Tage im Lager


„24. Januar: Freiheit. Die Bresche im Stacheldraht gab uns einen konkreten Begriff davon. Wenn man es sich richtig überlegte, so bedeutete das: keine Deutschen mehr, keine Selektionen, keine Zwangsarbeit, keine Schläge, keine Appelle und später vielleicht die Heimkehr.


Aber es kostete Anstrengung, sich davon zu überzeugen, und keiner hatte Zeit es zu genießen. Alles ringsum war Zerstörung und Tod.


Der Leichenhaufen vor unserem Fenster brach nun über dem Graben zusammen. Trotz der Kartoffeln waren alle äußerst schwach: Kein Kranker wurde im Lager gesund, statt dessen bekam viele noch Lungenentzündung und Ruhr; wer nicht imstande gewesen war, sich zu regen, oder die Energie dazu nicht aufgebracht hatte, lag stumpf auf seinem Bett, starr vor Kälte, und niemand bemerkte es, wenn er starb.“

(Primo Levi, Geschichte von zehn Tagen (in: Adler u.a.: Auschwitz))


Primo Levi
Der italienische Autor und Chemiker gehörte während des Zweiten Weltkriegs der Resistenza, dem Widerstand in Italien, an. Anfang 1944 wurde er verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Dort musste er als Chemiker in den Buna-Werken der IG Farben arbeiten. Im Januar 1945 erkrankte er an Scharlach und kam in die Krankenbaracke im Arbeitslager Auschwitz Monowitz. Als die SS am 18. Januar 1945 Auschwitz verließ, wurde Levi wie Tausende weiterer kranker oder sterbender KZ-Häftlinge zurückgelassen. Alle anderen wurden zum so genannten „Todesmarsch“ Richtung Westen gezwungen. Primo Levi kehrte nach Italien zurück, arbeitete als Autor und Chemiker. Seine Erfahrungen in Auschwitz veröffentlichte er 1947 in dem Buch „Ist das ein Mensch?“. 1987 nahm er sich das Leben.

Lager Auschwitz

Das Konzentrations- und Vernichtungslager bestand aus drei Hauptlagern sowie 39 Neben- und Außenlagern.

Auschwitz I - das ursprüngliche Konzentrationslager mit der Verwaltung. Hier waren bis zu 20 000 Menschen inhaftiert, rund 70.000 wurden bis Kriegsende umgebracht.
Auschwitz II - Birkenau. In diesem Vernichtungslager ermordeten die Nazis etwa eine Million Menschen.
Auschwitz III - Monowitz, das Arbeitslager der angesiedelten deutschen Industriebetriebe.

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Vater, Mutter, Hitler · Begeisterung und Zweifel

Anfang der 1930er Jahre geht es Deutschland schlecht, die politische Lage ist instabil. Als Adolf Hitler 1933 die Macht ergreift, setzen viele Menschen große Hoffnung in ihn.

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Vater, Mutter, Hitler · Krieg und Verderben

Der Film zeigt am Beispiel von einer Frau, eines SS-Mannes, eines Lehrers im Widerstand und einer jüdischen Mutter die unterschiedlichen Schicksale während des Zweiten Weltkriegs.

Vater, Mutter, Hitler SWR Fernsehen

Zwangsarbeit in den Steinbrüchen der Schwäbischen Alb

SWR-Autor Valentin Thurn befragte Augenzeugen: Ehemalige KZ-Häftlinge, Bewohner der umliegenden Dörfer - aber auch einen SS-Wachmann, der 54 Jahre nach dem Krieg zum ersten Mal an den Ort zurückkehrte, an dem er einen flüchtenden Häftling erschoss. Der Film erzählt von dieser traurigen Episode regionaler Geschichte - aber auch von der Geschichte des Erinnerns. Ein Erinnern, das erst seit wenigen Jahren möglich ist - in wiederkehrenden Begegnungen von Dorfbewohnern mit ehemaligen KZ-Opfern.

Die Idee zu diesem Film entstand im Zusammenhang mit einer Produktion des Schulfernsehens: "Jurassic Alb – Der schwäbische Ölschiefer" in der Reihe Geomorphologie. Dort war in einem kurzen historischen Rückblick bereits auf die „NS-Vergangenheit“ des Ölschieferabbaus eingegangen worden, die ganze geschichtliche und politische Tragweite konnte dort verständlicherweise nicht beleuchtet werden. Darum hat sich die Redaktion entschlossen, aus diesem „Kapitel“ einen eigenen Film zu produzieren und ist auf die Suche nach weiteren Zeitzeugen und historischem Material gegangen.

Mit beiden Filmen "Das Unternehmen Wüste“ und "Jurassic Alb“ liegen nun zwei aufeinander bezogene Medien vor, die sich hervorragend für einen fächerverbindenden Unterricht in Geschichte/Gemeinschaftskunde - Geographie - Religion/Ethik eignen.

Die Mordfabrik Grafeneck auf der Schwäbischen Alb

Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Hier starben zwischen Januar und Dezember 1940 etwa 11 000 Menschen durch Kohlenmonoxidgas. Grafeneck war damit der erste Ort im nationalsozialistischen Deutschland, an dem Menschen systematisch und „industriell" ermordet wurden.
Die Morde von Grafeneck gehören zu den schrecklichsten Verbrechen der Nationalsozialisten. Die Opfer, meist körperlich oder psychisch beeinträchtigt, stammten aus Krankenanstalten und Heimen im heutigen Baden-Württemberg, in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Die Morde waren Teil der von den Nationalsozialisten sogenannten „Aktion T4" oder „Euthanasie-Aktion". Sie verdeutlichen die menschenverachtende Politik und Ideologie des NS-Regimes und seiner Verantwortlichen. Diese mordeten, weil sie Nahrungsmittel sparen wollten, Platz für Militärlazarette benötigten und weil sie sich von der Ermordung der Schwachen und Kranken eine Gesundung des „Volkskörpers" versprachen. Die Opfer bezeichneten sie als „lebensunwerte Ballastexistenzen" und „seelenlose Menschenhülsen".
Im Zentrum dieser Dokumentation stehen drei Opfer und deren Hinterbliebene: Emma Dapp, deren Enkel Hans-Ulrich eine Biografie seiner Großmutter geschrieben hat; Martin Bader, dessen Sohn Helmut das Leben des Vaters recherchiert hat; und Dieter Neumaier, der als Kind ermordet wurde und dessen älterer Bruder ihn nie vergessen hat.

Spuren der NS-Zeit SWR

Auf Wiedersehen im Himmel · Die Sinti-Kinder von der St. Josefspflege

Am 9. Mai 1944 werden 35 Waisenkinder, Sinti und Roma, aus dem Kinderheim der St. Josefspflege in Mulfingen bei Schwäbisch Hall nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Leitung des kirchlich geführten Kinderheims leistet bei der Deportation keinen Widerstand. Stattdessen fordert sie wegen der entstehenden Unterbelegung neue Kinder beim bischöflichen Ordinariat in Rottenburg an.

Der Völkermord an den Sinti und Roma

Jedes Jahr, am 2. August gedenken Sinti und Roma in Auschwitz ihrer ermordeten Angehörigen. Der Film zeichnet die wichtigsten Stationen einiger Leidenswege nach, fünf Überlebende berichten über ihr Schicksal: Hildegard Franz, deren Mann und drei Kinder in Auschwitz ermordet wurden; Mano und Hugo Höllenreiner, die gerade mal zehn Jahre alt waren, als sie deportiert wurden und die in Auschwitz erfahren mussten, welche Folgen die Experimente des Lagerarztes Josef Mengele hatten; Lily van Angeren, die als Lagerschreiberin die Namen aller Toten registrieren musste. Und Josef „Muscha“ Müller, der in einer Pflegefamilie aufwuchs und nicht ahnte, dass seine leiblichen Eltern Sinti waren. Er hat überlebt, weil seine Pflegeeltern ihn monatelang in einer Gartenlaube versteckt hielten und so dem Zugriff der Behörden entzogen.
Heute gedenken Sinti und Roma aus ganz Europa am 2. August aller ihrer ermordeten Angehörigen. Jedes Jahr kommen sie nach Auschwitz-Birkenau zu einer Totenfeier, und für viele der Überlebenden ist es bis heute schwer, an den Ort ihres Leidens zurückzukehren. Im Sommer 1944 wurde das „Zigeunerlager“ aufgelöst, die noch arbeitsfähigen Sinti und Roma in andere Lager weiterverschleppt. Alle verbliebenen Sinti und Roma wurden danach, in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944, ermordet. Es waren 2897 Männer, Frauen und Kinder.

Spuren der NS-Zeit SWR

Die Erinnerung bleibt · Kinder im Zweiten Weltkrieg

Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs – auch nach 70 Jahren prägen die Erinnerungen an die Erlebnisse von damals ihr Leben und ihre Gefühle. Manches lässt sie nicht los, hat sich förmlich in ihre Seelen eingebrannt.

Die Propaganda-Maschine · Über die Mobilmachung von Gefühl und Verstand

Der Film stellt die Mittel, Techniken und Geschichte der Propaganda vor. Umfangreiches Archivmaterial zeigt, wie sehr sich über nationale, zeitliche oder auch politische Grenzen hinweg Propagandaziele und -techniken ähneln.

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Martina Frietsch