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Hintergrund: Skulptur

Henry Moore: Large Two Forms

  • Zu sehen ist eine Bronzeskulptur mit geschwungenen Formen. "Large Two Forms" weist viele organische Rundungen auf; Rechte: WDR

Wenn die Fernsehnachrichten von der großen Politik im kleinen Bonn berichteten, rückte sie stets ins Bild: die monumentale Bronzeplastik auf dem Rasen vor dem Bundeskanzleramt. Sie war das Sinnbild der sozialliberalen Koalition. Als eigenständiges Kunstwerk wurde sie kaum wahrgenommen.

Der englische Bildhauer Henry Moore (1898-1986) hatte die Skulptur "Large Two Forms" 1966 angefertigt. Als der Vorplatz des Bonner Bundeskanzleramtes 1979 umgestaltet wurde, ließ der damalige Hausherr Helmut Schmidt die Plastik dort aufstellen. Gegen die Stimmen der Opposition setzte er englische Eleganz vor deutsche Sparkassenarchitektur. "Kunst soll beflügeln", sagte Schmidt 1979. "Für mich ist dieses Kunstwerk auf dem neuen Grün des Vorplatzes ein Zeichen für Leben, ein Symbol für menschliche Verbundenheit, auch ein Ausdruck für Menschlichkeit. Und diese Wirkung teilt sich - so meine ich - dem ganzen Platz mit."

  • Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt das Porträt des Künstlers Henry Moore. Henry Moore zählt zu den Klassikern der Moderne; Rechte: dpa

Moore, ein Klassiker der Moderne, bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. "Large Two Forms" - zwei Riesen im Tanz einander zugeneigt, eine Umarmung ohne Berührung, ein Liebespaar mit voluminösen Ein- und Ausblicken. Der Künstler folgt den Formen und dem Rhythmus der Natur. Die ineinander verschlungenen Gebilde verschließen oder öffnen sich im Wechsel der Perspektive. Kompakte aufreizende Körper, die Stärke, Kraft und Leben ausstrahlen. Beim Regierungsumzug nach Berlin schlug Helmut Schmidt seinem Nachfolger Gerhard Schröder vor, Henry Moores Plastik an die Spree mitzunehmen. Doch der neue Kanzler sah in den "Large Two Forms" ein Spiegelbild der Bonner "Konsenspolitik" und entschied anders. So blieb die Skulptur am Rhein - und wird endlich als Kunstwerk gewürdigt.

Claes Oldenburg: Giant Pool Balls

  • In einer parkartigen Landschaft liegen drei riesige Betonkugeln. Die "Giant Pool Balls" findet man am Aasee in Münster; Rechte: WDR

Sie sind ein Blickfang - die drei riesigen Billardkugeln am Rande des Aasees. Der amerikanische Künstler Claes Oldenburg, 1929 in Stockholm geboren, ließ sie 1977 zur ersten Skulpturenschau in Münster aufstellen. Jede der Kugeln hat einen Durchmesser von dreieinhalb Metern und ist elf Tonnen schwer. Eigentlich wollte Oldenburg sie massiv aus Beton gießen. Dann aber wären sie noch schwerer geworden. So wurden sie aus zwei Halbkugeln zusammengesetzt. Ihre Anordnung entspricht exakt einer Konstellation, die Oldenburg beim Spielen auf dem Billardtisch erzielte.

  • Zu sehen ist ein Porträtfoto von Claes Oldenburg. Claes Oldenburg setzt mit seiner Kunst oft auf Provokation; Rechte: dpa

So unverrückbar die drei Kugeln am Aasee liegen, so halten sie doch unsere Phantasie auf Trab. Seit ihrer Installation haben sie immer wieder für Diskussionen gesorgt. Ein paar aufgebrachte Münsteraner versuchten sogar, einen der Betonriesen in den Aasee zu rollen. Vergeblich. Damit haben sie, wenn auch gegen ihren Willen, die Absicht des Künstlers erfüllt. Denn Claes Oldenburg will provozieren, Denkanstöße geben: "Ich will Kunst, die etwas anderes tut, als im Museum auf ihrem Arsch zu sitzen."

Mit seinen "Giant Pool Balls" ist ihm das gelungen. Ausgesetzt in der freien Wildbahn der Stadt, sind sie über die Jahre misshandelt worden. Geschadet hat ihnen das nicht. Nach drei Jahrzehnten stoischer Gelassenheit gegenüber menschlicher und natürlicher Unbill sind sie mittlerweile zu dem geworden, was sich die Ausstellungsmacher erhofft hatten: zu einem Wahrzeichen der westfälischen Metropole.

David Rabinowitch: Tyndale Sculpture

  • Zu sehen ist eine begehbare moderne Skulptur, die einen ganzen Raum ausfüllt. Die "Tyndale Sculpture" hat eine fast sakrale Wirkung auf den Betrachter; Rechte: WDR

Rund sechs Meter hoch und elf mal sieben Meter im Grundriss: David Rabinowitchs "Tyndale Sculpture" ist ein begehbares Kunstwerk. Erst wenn wir das Gebäude betreten, sich hinter uns die Tür schließt, findet es zu seiner wahren Bestimmung. Natürliches Licht fällt durch die Öffnungen. Doch es führt kein Blick hinaus. Wir stehen im Zentrum, fühlen uns ermutigt, eine Ordnung zu schaffen oder einfach nur uns zu sammeln. Die "Tyndale Sculpture" wirkt ganz für sich - ein sakraler Raum.

Hinter dem schlichten Aussehen der Skulptur verbirgt sich ein komplexes System von Berechnungen. Sie ist vom Boden bis zur Decke durchkomponiert. David Rabinowitch, 1943 in Toronto geboren, hat sie von 1986 bis 1988 für die "Situation Kunst" entwickelt. Das Gebäude-Ensemble im Park von Haus Weitmar in Bochum beherbergt eine Dauerausstellung bedeutender Werke der Gegenwartskunst. Die hier vertretenen Künstler haben das Areal konzipiert, Kunst, Architektur und Natur aufeinander bezogen.

Benannt hat David Rabinowitch seine Skulptur nach dem ersten britischen Bibelübersetzer William Tyndale (um 1484-1536), der ein Reformator wie Martin Luther war. So wie er die lateinische Bibel den einfachen Menschen zugänglich machte, so erzeugen Rabinowitchs komplexe Berechnungen eine schlichte Stimmigkeit. "Die kausale Ordnung der Welt kann man als abhängig von den Eigenschaften der Dinge in ihr bezeichnen. Da die Beschaffenheit eines Kunstwerks außerhalb jeder Ordnung von Eigenschaften steht, steht es folglich auch außerhalb der Ordnung von Ursächlichkeiten", hat der Künstler bereits als Zwanzigjähriger notiert.

Ulrich Rückriem: 10 Variationen eines Blocks

  • Zu sehen sind Steinquader in einer Parklandschaft. "10 Variationen eines Blocks" von Ulrich Rückriem entstand 2002; Rechte: WDR

Zehn Steinwürfel auf einem Kiesfeld, akkurat aufgestellt, als hätte ein Riese seine Spielsteine platziert: In den "Neuen Gärten" von Wasserschloss Dyck erwartet den Besucher ein geheimnisvolles Ensemble. Ulrich Rückriem hat diese begehbare Skulptur errichtet. Das Material ist Granit, in Stücke gebrochen und dann wieder zu exakten Quadern zusammengefügt. Umwandert der Betrachter die zehn gleich großen, etwa drei Meter hohen Blöcke, so ergeben sich immer neue An- und Durchblicke. Ulrich Rückriem, 1938 in Düsseldorf geboren, arbeitet seit 40 Jahren ausschließlich mit Stein, dem ursprünglichsten aller Materialien.

  • Das Foto zeigt ein Porträt des Künstlers Ulrich Rückriem. Ulrich Rückriem arbeitet ausschließlich mit Stein; Rechte: dpa

Seine Werke lassen den rauen Arbeitsprozess erkennen, in dem sie geformt wurden. "Stein ist sehr verletzlich", sagt der Bildhauer.

Seine Skulptur "10 Variationen eines Blocks" entstand aus Anlass der Landesgartenschau 2002 in Schloss Dyck. Die Position der zehn Quader geht auf ein mathematisch-spielerisches Problem zurück: Wie lassen sich auf einem Schachbrett zehn Damen so positionieren, dass keine von einer anderen geschlagen werden kann? Ulrich Rückriem hat die Lösung in massivem Stein dokumentiert: Zehn "Figuren", die einander gleichen und doch, jeder für sich, einzigartig sind, die dicht beieinander stehen, ohne sich gefährlich zu werden.