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Hintergrund: Porträt

Wilhelm Leibl - Mädchen am Fenster

  • Auf dem Gemälde ist ein junges Mädchen in bäuerlicher Kleidung zu sehen. Aus dem Jahr 1899 stammt das Bild "Mädchen am Fenster"; Rechte: WDR

Ein Mädchen im Dirndl, in einer Stube. Verlegen nestelt es an einem Knopf herum und schaut uns doch direkt an. Wilhelm Leibl, 1844 in Köln geboren, schuf das Porträt. Er studierte in München Malerei, lernte Gustave Courbet kennen und folgte ihm 1869 für ein Jahr nach Paris. Dort entdeckte eine neue Art zu malen: den Realismus. "Das Wahre" so Wilhelm Leibl, "ist das Schöne". Zurück in München versammelte er eine Reihe gleich gesinnter Maler um sich, den "Leibl-Kreis".

Mit 30 Jahren zog er sich aus der Großstadt zurück und lebte fortan in der tiefsten bayerischen Provinz. Dort porträtierte er die Menschen in seiner Umgebung, ungeschminkt und ohne jegliche Pose. "Ich kann nicht begreifen", wunderte sich Wilhelm Leibl, "dass noch niemand diese Leute genau gemalt hat".

  • Zu sehen ist ein gemaltes Porträt von Wilhelm Leibl. Wilhelm Leibl hatte sich nach Bayern zurückgezogen; Rechte: dpa

Auch wenn er selbst von der Kraft der realistischen Darstellung überzeugt war, fand seine Kunst in Deutschland zeit seines Lebens keine volle Anerkennung.

Als er das "Mädchen am Fenster", die 17-jährige Babette Jordan aus Litzldorf, malte, war er bereits schwer krank. Er litt an Herzbeschwerden. Auf dem Krankenbett beschäftigte ihn vor allem eines: dass die schönen Hände seines Modells unter der harten Arbeit leiden könnten, bevor es ihm gelänge, sie auf der Leinwand festzuhalten. Er wolle, so schrieb er in seinem letzten Brief, etwas "schaffen, was ein Teil von meinem Innersten ist und von dem ich weiß, dass es noch lange nach meinem Tode fortleben wird". Wilhelm Leibl starb am 4. Dezember 1900 in Würzburg.

August Macke: Mädchen mit Fischglas

  • Auf einem farbenfrohen Gemälde ist ein Mädchen zu sehen, das ein Glas in der Hand hält. "Mädchen mit Fischglas" entstand im Sommer 1914; Rechte: akg

Ein Kinderzimmer in einem Museum. Unter den vielen Kinderporträts entdecken wir ein Mädchen mit Fischglas. Farben leuchten uns entgegen. Je näher wir kommen, desto deutlicher erkennen wir im Blau eine Schürze, im Rot die Ärmel eines Kleides: die Gestalt eines Mädchens inmitten eines flirrenden Bilderkosmos. Das Fischglas ist der Schlüssel zum Bild. In ihm spiegeln sich die Farben in helleren und dunkleren Tönen wider. Die dargestellte Welt - ein Vexierspiel aus Farbfacetten und Lichtreflexen.

Der rheinische Expressionist August Macke hat das Mädchen mit Fischglas im Sommer 1914 gemalt. Der Freund und Bewunderer der französischen Avantgarde experimentierte mit den abstrakten Formen der Kubisten und blieb doch der gegenständlichen Bildwelt verhaftet. Sein Mädchen sitzt auf einer Balkonbrüstung in einer Licht durchfluteten Gartenlandschaft. Wir entdecken Baumstämme und Blätter, Hauswände und Dächer. Geometrische Flächen neben lockeren Pinselstrichen. Die Farben setzt der Maler so kontrastreich, dass sie flimmern und tanzen wie Noten in der Musik. Das Mädchen begegnet uns in verhaltener Stille. Ein fast anonymes Gesicht, und auch die Hände bleiben skizzenhaft unentschieden, als sei das Bild noch unvollendet. Anfang August 1914 zog Macke in den Krieg. Am 26. September starb er mit 27 Jahren auf dem Schlachtfeld in Frankreich. Das Mädchen mit Fischglas blieb in seinem Atelier in Bonn zurück.

  • Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt den Künstler August Macke. August Macke starb, kurz nachdem er das "Mädchen mit Fischglas" gemalt hatte; Rechte: dpa

August Macke, am 3. Januar 1887 in Meschede geboren, wuchs in Köln auf und zog als Dreizehnjähriger mit seiner Familie nach Bonn. Von 1904 bis 1906 besuchte er die Akademie und Kunstgewerbeschule in Düsseldorf. 1907 ließ er sich in Berlin bei Lovis Corinth weiter ausbilden. 1909 zog er mit seiner Frau an den Tegernsee. In München lernte er unter anderem Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky und Franz Marc kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Ab 1911 wohnte er mit seiner Familie wieder in Bonn, wo die meisten seiner wichtigsten Werke entstanden. Er arbeitete in der Redaktion des Almanachs "Der Blaue Reiter" mit und beteiligte sich an der ersten Ausstellung der Gruppe. 1912 machte er in Paris die Bekanntschaft von Robert Delaunay, der ihm die abstrakte Malerei nahebrachte.

Gemeinsam mit 15 anderen rheinischen Künstlern - darunter Max Ernst, Hanns Thuar, Paul Adolf Seehaus - veranstaltete er 1913 in Bonn die legendäre "Ausstellung rheinischer Expressionisten" und bereitete gemeinsam mit Franz Marc den "Ersten Deutschen Herbstsalon" vor. Im Frühjahr 1914 reiste er mit Paul Klee und Louis Moilliet nach Tunesien, von wo er mit unzähligen Fotografien, Skizzen und Aquarellen von leuchtender Farbigkeit zurückkehrte. Wenige Tage nach Kriegsausbruch rückte er Anfang August 1914 mit einem Infanterieregiment gegen Frankreich aus. Am 26. September wurde er in einer Schlacht erschossen.

Gerhard Richter: Ema

  • Das Aktgemälde zeigt eine junge Frau, die eine Treppe hinuntergeht. "Ema" ist ein Porträt von Gerhard Richters Frau; Rechte: WDR

Eine nackte Frau schreitet eine Treppe hinab. Je näher wir ihr kommen, desto verschwommener erscheint sie uns. Fast so, als würden wir sie an einem regnerischen Tag durch eine beschlagene Fensterscheibe anschauen. "Ema" heißt das Bild, das Gerhard Richter 1966 schuf und das heute im Kölner Museum Ludwig zu bewundern ist. Modell stand ihm seine erste Ehefrau Marianne Eufinger, genannt Ema, die zu diesem Zeitpunkt schwanger war. Die noch feuchte Farbe verwischte der Künstler mit einem breiten, weichen Pinsel. "Ema" gehört zu jenen Unschärfebildern, mit denen der Malerstar weltbekannt wurde.

Es ist ein irritierendes Bild, das mit unserer Wahrnehmung und unseren Sehgewohnheiten spielt. "Ich verwische meine Bilder", hat Gerhard Richter gesagt, "um alles gleich zu machen - alles gleich wichtig und gleich unwichtig". Es sind die wilden Sechziger, in denen "Ema" entsteht. Pop-Art ist angesagt, Aktionskunst und Beuys. Dagegen setzte der damals 34-Jährige einen klassischen Akt in Öl. Er malte ihn aus Trotz gegen eine Ikone der Kunstgeschichte: gegen den "Akt die Treppe herabsteigend", mit dem Marcel Duchamp 1912 die Malerei für beendet erklärt hatte. Ein halbes Jahrhundert später gab Gerhard Richter seine Antwort - mit Pinsel, Farbe und der gegenständlichen Darstellung einer Frau aus Fleisch und Blut, die wehmütig schöne Momentaufnahme einer Beziehung.

  • Die Porträtfotografie zeigt den Künstler Gerhard Richter. Gerhard Richter lässt sich stilistisch nur schwer einordnen; Rechte: dpa

Der Wahlkölner Gerhard Richter, 1932 in Dresden geboren und kurz vor dem Mauerbau 1961 in den Westen geflohen, gilt als einer der wichtigsten Maler der Gegenwart. Ein Chamäleon der Kunst hat man ihn genannt, weil er in den vergangenen 40 Jahren in immer neuen Anläufen die Möglichkeiten des Genres ausgelotet hat. "Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen", meinte er selbst einmal. Er kommentierte Popart und Fotorealismus, variierte alte und neue Formen der Abstraktion, experimentierte mit Monochromie, Konzeptkunst und Farbfeldmalerei und trat zuletzt vor allem mit abstrakten Farblandschaften an die Öffentlichkeit.

Franz Gertsch: Silvia II

  • Das fotorealistische Gemälde zeigt Gesicht und Schulterpartie einer jungen Frau. "Silvia II" wurde im Jahr 2000 vollendet; Rechte: WDR

Es ist ein Bild mit magischer Präsenz: "Silvia II", das Porträt einer jungen Frau. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine überdimensionale Fotografie. Erst bei genauerer Betrachtung entpuppt es sich als Gemälde. In der Nahsicht wird das Bild immer abstrakter, bis es sich in einem Meer von feinsten Strichen auflöst. "Meine Bilder kommen langsam rüber, man sieht immer mehr, je länger man schaut", sagt der 1930 im Kanton Bern geborene Franz Gertsch.

"Silvia II" hat der Künstler 2000 vollendet. Es ist das mittlere Bild einer dreiteiligen Porträtreihe. Als Vorlage diente Gertsch das Dia eines Mädchens aus der Nachbarschaft. Seit den Siebzigern arbeitet der Schweizer Maler mit dieser Technik: Er projiziert seine fotografischen Vorlagen auf die Leinwand und tupft dann die Farbe Strich für Strich auf das Gewebe. So entstehen hyperrealistische Bilder, zeitlose Porträts als Gegenentwurf zur beschleunigten Welt.

  • Der Künstler Franz Gertsch posiert vor einem seiner Bilder, dem Porträt einer jungen Frau. Etwa ein Jahr nimmt sich Franz Gertsch für seine Arbeiten Zeit; Rechte: dpa

Etwa ein Jahr nimmt sich Gertsch Zeit für seine Gemälde. Er ist davon überzeugt, dass er durch die Mal-Lust, die er täglich in die Leinwand hineinarbeitet, das Bild energetisch auflädt. "Es geht mir darum, dass sich meine Bilder beim Betrachter im Kopf einbrennen." Neben großformatigen Gemälden widmet sich Gertsch vor allem dem Holzschnitt. Ob mit Pinsel oder Hohleisen: Ihm kommt es darauf an, aus Tausenden von kleinen Punkten, aus feinsten Linien und Flächen Licht und Schatten zu erzeugen und den traditionellen Techniken eine neue Dimension zu erschließen. Wie bei "Silvia II", einer Ikone der Gegenwart, bedeutend und schwerelos.