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1945 gab es kaum noch Juden in Deutschland; Rechte: National Archive
Viele Synagogen wurden wiederaufgebaut; Rechte: AKG
Wohnten 1933, vor Hitlers Machtergreifung, im Gebiet des Deutschen Reiches weit über 500.000 Juden, waren es nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch wenige Tausend. Viele hatten das Land verlassen, die weitaus meisten waren dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer gefallen. Doch bereits im Jahr 1945 wurden in Deutschland über 50 Gemeinden (wieder-)gegründet. Oft dauerte es von der Befreiung durch die alliierten Truppen bis zur Gründung einer jüdischen Gemeinde nur wenige Tage.
Heute leben in Deutschland etwa 110.000 Bürger mit jüdischem Glauben. Die größten jüdischen Gemeinden (Stand 2008) sind Berlin (zirka 12.000 Mitglieder), München (9.000), Frankfurt am Main (8.000) und Düsseldorf (7.000). Daneben gibt es eine Vielzahl kleinerer und kleinster Gemeinden im ganzen Land. Allerdings sind nicht alle Juden Mitglied in einer jüdischen Gemeinde.
Die meisten jüdischen Gemeinden sind orthodox. Daneben gibt es rund 20 sogenannte Reformgemeinden (auch liberale oder progressive Gemeinden genannt), etwa in Hamburg, Köln, München Hannover und Mainz.
Dachorganisation der jüdischen Gemeinden ist der Zentralrat der Juden in Deutschland mit Sitz in Berlin. Der Zentralrat wurde am 19. Juli 1950 gegründet. Er ist die Nachfolgeorganisation des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". In der Umbenennung – nicht deutsche Juden, sondern Juden in Deutschland – wird der tiefe Bruch deutlich, den die Nazidiktatur und der Holocaust zwischen Juden und Deutschen hinterlassen hat.
Die jüdische Gemeinschaft Deutschlands ist die am schnellsten wachsende weltweit. Seit der deutschen Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der Sowjetunion nutzten Zehntausende Juden aus Osteuropa die Möglichkeit, nach Deutschland zu ziehen. Für die jüdischen Gemeinden war dies insofern ein Segen, als dass ihre Mitgliederzahlen bis Ende der 80er Jahre kontinuierlich abgenommen hatten und eine langfristige Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland unwahrscheinlich gewesen war. Doch die Integration der Zuwanderer stellte und stellt die jüdischen Gemeinden auch vor große Herausforderungen. Zum einen galt es, Sprachbarrieren zu überwinden, denn viele der Zugewanderten sprachen kein Deutsch. Zum anderen war es für sowjetische Juden meist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, ihren Glauben zu praktizieren, so dass viele Zuwanderer mit der jüdischen Religion nicht sehr vertraut sind. Die jüdischen Gemeinden begegnen solchen Problemen mit vielfältigen Angeboten, etwa mit Sprachkursen, mit Beratungsstunden und sozialer Unterstützung.
Wie die beiden christlichen Großkirchen sind auch der Zentralrat der Juden und seine Mitgliedsgemeinden Körperschaften öffentlichen Rechts. Im Jahr 2008 gehörtem dem Zentralrat 23 Landesverbände mit insgesamt 104 jüdischen Gemeinden an. Vorsitzende des Zentralrats ist seit 2006 Charlotte Knobloch; sie ist gleichzeitig Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München. Der Zentralrat vertritt die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auch politisch: Im Jahr 2003 schlossen Bundesregierung und Zentralrat einen Vertrag, der die kontinuierliche und verlässliche Zusammenarbeit beider Institutionen in sozialen, kulturellen und integrationspolitischen Belangen festschreibt. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland mit Sitz in Frankfurt ist der jüdische Beitrag zur freien Wohlfahrtspflege in Deutschland.
Als Jude oder Jüdin in Deutschland zu leben, ist noch immer nicht selbstverständlich. Es gibt, trotz aller Annäherung, Berührungsängste bei Juden wie Nichtjuden, das Potenzial für Missverständnisse ist hoch. Jüdische und nichtjüdische Deutsche seien sich fremd geblieben, lautete das Resümee des ehemaligen Zentralratsvorsitzende Ignaz Bubis am Ende seiner Amtszeit 1999. Zwar gibt es in Deutschland inzwischen über 100 jüdische Gemeinden, Synagogen in nahezu allen größeren Städten, jüdische Schulen, Theater und Kulturzentren. Das jüdische Leben scheint gut 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs zurückgekehrt zu sein. Weil es jedoch regelmäßig zu antisemitischen Übergriffen, Bedrohungen und Beschimpfungen kommt, sind alle jüdischen Einrichtungen auf ständigen polizeilichen Schutz angewiesen.
© Text: Mark Christian Pollmeier / Sabrina Markau
