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Inhalt der Sendung

Indian Summer, Elite-Universität Harvard, innovative Denkfabriken - das sind die heutigen Attribute für Massachusetts. Geschichtlich bringt man Neuengland mit Puritanern und Hexenverfolgung in Verbindung. Als Hexen von heute sehen sich etliche jugendliche Anhänger der Gothic-Szene.

Hoher Anspruch und teure Ausbildung an der Elite-Universität Harvard, wissenschaftliche Top-Leistungen in der Denkfabrik der USA, dem Massachusetts Institut of Technologie, und Indian Summer - das verbinden die meisten heute mit Boston und Neuengland. Einige erinnern sich jedoch auch an die Geschichten über die ersten weißen Siedler, die Pilgerväter, und ihre Mayflower. Sie denken an die kompromisslose Glaubensstrenge, die in den Hexenprozessen von Salem gipfelte und an große amerikanische Schriftsteller wie Melville mit "Moby Dick", Nathaniele Hawthorne, der "A Scarlet Letter" schrieb, oder an Arthur Miller, Autor der "Hexenjagd". Millers Theaterstück spielt im 17. Jahrhundert; er schrieb es jedoch in den 50er Jahren, in der McCarthy-Ära, um gegen die Hatz auf Andersdenkende anzukämpfen. Als Hexen von heute sehen sich viele junge Anhänger der Gothic-Kultur. Sie lieben ihre eigenwillige Musik, haben bleiche Gesichter, tragen schwarze Kleidung, manche sind tätowiert und gepierct - damit können sich die meisten amerikanischen Eltern nur schwer abfinden.

  • Stadtbild von BostonBoston, Massachusetts
  • Stadtbild von BostonBoston, Massachusetts

Details

Diese 30-minütige Sendung beginnt mit den Anfängen des amerikanischen Bundesstaates Massachusetts. Im Jahre 1620 kamen die Pilgerväter auf der Mayflower von Plymouth hierher und gründeten die erste dauerhafte Siedlung in den späteren Neuengland-Staaten. Dieser erste "Gottesstaat" in Amerika konnte nur mit der anfänglichen Hilfe einiger Indianerstämme der Algonkin-Sprachengruppe, die das Gebiet um Boston besiedelten, gelingen. Der französisch-deutsche Spielfilm "Die Hexen von Salem" (1957), aus dem einige Szenen exemplarisch eingeblendet werden, beschreibt das Leben in der 1626 von Roger Conant gegründeten Siedlung Salem. Ein das Leben beherrschendes Thema waren die Mächte von Glaube und Aberglaube. Arthur Miller hat mit seinem gleichnamigen Theaterstück die Grundlage für diesen DEFA-Film geliefert. Das Drehbuch dieser Co-Produktion stammt von Jean-Paul Sartre. In dem historischen Film wirkten so bekannte Schauspieler wie Yves Montand, Simone Signoret und Sabine Thalbach mit. Die Musik hat Hanns Eisler geschrieben. Es wird deutlich, dass die Puritaner Andersgläubige nicht in ihrer Gemeinschaft duldeten. Hier ergibt sich der erste Anknüpfungspunkt an die heutige Situation in den Städten von Neu-England. Die Band "You shriek" aus Boston steht stellvertretend für die vielfältigen Formen des Gothic Sound. Die Musik und die Themen von "You shriek" werden bestimmt von Trauer, Verzweiflung, Depression und Außenseitertum, was auf diese gesamte Subkultur zutrifft. Die Musiker werden offenbar kaum von ihrer Umgebung verstanden. Nach eigener Aussage werden sie häufig gefragt, ob sie durch "die Bedrohung durch den atomaren Holocaust" so geworden seien.

Als eine typische Vertreterin der Gothic-Szene von Boston lernen wir Columbine kennen. Sie haust mit ihrer Katze in einer 12 Quadratmeter großen Dachwohnung, lebt vom Verkauf selbstgemachter Blumenparfums, von Gothic-Schmuck, kümmert sich um Bands aus dem Großraum Boston, gibt die Gothic-Aktivitäten ins Internet, veranstaltet Konzerte, liebt die freie Natur. Ihre dunkle Kleidung, ihr Aussehen sind typisch für Goths.

In der Stadt Boston prallen die Gegensätze der Subkultur auf der einen und die elitäre Wissenschaftskultur auf der anderen Seite hart aufeinander. 1630 kamen unter der Führung von John Winthrop aus dem nahen Salem die ersten Siedler hierher. Heute ist die Stadt mit etwa 570.000 Einwohnern die größte in Massachusetts. Über die Hälfte der Bevölkerung ist im Dienstleistungssektor - Regierung, Verwaltung und vor allem Bildung - beschäftigt. Im nahen Cambridge hat das weltberühmte Massachusetts Institute of Technology seinen Sitz, hier befindet sich die amerikanische Eliteuniversität Harvard, 1636 als College gegründet, seit 1780 Universität. Sie hat in ihrer Geschichte allein 29 Nobelpreisträger hervorgebracht. Die Philosophen Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau studierten hier, aber auch die späteren Präsidenten Theodore Roosevelt, Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy. Etwa 50.000 Mark muss man jährlich für einen Studienplatz an dieser ältesten Universität der USA bezahlen.

Außer Columbine lernen wir A. Dominique Cusrack aus Cambridge kennen. Auch er ist ein typischer Vertreter der Gothic-Subkultur. Er organisiert Performances und Konzerte wie Columbine, veranstaltet Partys, geht in der dunklen Subkultur auf. Ihm ist deutlich bewusst, dass er als Außenseiter betrachtet wird und aus dem Grunde keine Chance hat, einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen. In der Sendung werden weitere Goths präsentiert, zum Beispiel Heather Morgan, die an der zweiten Eliteuniversität in den USA, in Yale, Kunst studieren möchte. Sie sagt, aufgrund ihrer Erziehung, die von Unterdrückung geprägt war, habe sie großes Interesse an den dunklen Seiten des Lebens entwickelt. Zusammen mit einem anderen jungen Mädchen, Nicole, stellen die beiden in einer Halle Gothic-Kunst aus Holz, Metall, Schnüren und anderen Materialien aus, die vorherrschenden Themen sind die Vergänglichkeit, der Tod, Engel.

Aus dem Film "Die Hexen von Salem" sehen wir Ausschnitte, in denen sich junge Mädchen im Wald treffen und Hexentänze veranstalten. Sie werden entdeckt und denunzieren, in die Enge getrieben, Außenseiter der damaligen Gesellschaft, auf die sofort eine gnadenlose Hexenjagd einsetzt. Columbine sieht sich als Außenseiterin von heute, als Hexe des 20. und 21. Jahrhunderts und bereitet sich auf eine "Hexenparty" am Wochenende vor, sie sucht Schmuck und ausgefallene Kleidung aus. Zu den beliebten Kleidungsstücken der Goths gehören schwarze Kleider aus Lack und Leder, Ketten, Korsagen usw. Columbine tanzt im Hexx-Club in Boston. Hier können die Goths unter sich sein. Columbine charakterisiert die Eigenarten der Goths so: "Wir haben die Nase voll von ... Zeitungen und Fernsehen mit dem Sprachniveau eines Viertklässlers. Wir lesen gerne, wir machen gern komplizierte Spiele, wir lieben philosophische Diskussionen, ... Die meisten von uns zahlen einen hohen Preis dafür, dass sie intelligent sind, denn das ist in dieser Kultur nicht leicht auszuhalten. Du wirst gemieden, ja gefürchtet."

Gemieden wurden wie in Arthur Miller's Theaterstück auch jene Mädchen, Frauen und Männer, denen in Salem im Jahre 1692 der Prozeß gemacht wurde. Angesichts einer ausgeprägten und von den Puritanern geschürten Angst vor dem Teufel war es nicht schwer, anderen nachzusagen, sie seien verhext. In der Folge wurden mehr als 150 Männer und Frauen in kurzer Zeit verhaftet. Viele von ihnen wurden in den gefürchteten Hexenprozessen zum Tod am Galgen verurteilt. Von Juni bis Oktober wurden 19 Frauen und Männer erhängt, weitere 17 starben im Gefängnis, das Leben vieler veränderte sich grundlegend. Erst im Oktober des Jahres 1692 wurde den Prozessen von Salem ein Ende gesetzt. Der Besucher kann all die Ereignisse aus jener Zeit im Witch Museum nachvollziehen. Eindrücke werden in der Sendung vermittelt.

Einen weiteren thematischen Schwerpunkt dieser Sendung bilden die Transzendentalisten, allen voran Ralph Waldo Emerson, Henry David Thoreau und auch Nathaniel Hawthorne, die in der Stadt Concord, Massachusetts, beheimatet waren. Ihnen allen war die geistige Enge der puritanischen Religion zuwider. Für sie zerfiel die Welt in einen materiellen und einen geistigen, übersinnlichen Bereich. Sie standen insbesondere dem Materialismus in den USA kritisch gegenüber, forderten selbstbestimmtes Handeln und leiteten damit ein neues Selbstbewußtsein in der amerikanischen Gesellschaft ein. Ralph Waldo Emerson (1803 - 1882) wurde in Boston geboren, arbeitete zunächst als Pfarrer, bis er sein Amt aus Gewissensgründen niederlegte. Im Jahre 1833 ließ er sich in Concord nieder und arbeitete als Dozent in Boston. Sein umfassendstes Glaubensbekenntnis schrieb er in seinem Essay Nature (1863) nieder. Er forderte die Menschen darin auf, sich von künstlichen Zwängen zu befreien. So war es eine zwangsläufige Folge, dass er später zum Verfechter des Abolitionismus wurde.

Von großem Einfluss vor allem auf seine späteren Zeitgenossen war Henry David Thoreau (1817 - 1862), der zeitweilig im Hause von Emerson lebte. Er studierte von 1833 bis 1837 in Harvard. Nach seinen Tätigkeiten als Lehrer und Landvermesser zog er sich 1847 in ein selbstgebautes Blockhaus am Walden Pond, einem kleinen Gewässer am Stadrand von Concord zurück. Er strebte ein einfaches, naturbezogenes Leben an. Darüber hinaus kritisierte er die damalige Gesellschaft in schonungsloser Weise. Die Ideen in seinem Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegenüber dem Staat (1866) ruft er unter anderem zu passivem Widerstand gegenüber dem Staat, zu Steuerboykott auf. Damit beeinflusste er Mahatma Gandhi, der sein Heimatland, die britische Kolonie Indien, gewaltfrei 1947 zur Unabhängigkeit führte. In den politisch turbulenten 60er Jahren, als der Vietnamkrieg und die Unterdrückung der Afro-Amerikaner für teilweise dramatische und gewalttätige Auseinandersetzungen in den USA sorgten, riefen Leute wie Martin Luther King, der Anführer der gewaltfreien Bürgerrechtsbewegung, Cesar Chavez, Gewerkschafter, der für die Rechte der illegalen mexikanischen Einwanderer in Kalifornien kämpfte, mit Erfolg zum gewaltfreien Widerstand auf. Unterstützt wurden ihre Bemühungen durch die Musik und die Aktion

Die Sendung endet mit Eindrücken von einem besonderen Lebensgefühl der Goths. Neben ihrer dunklen ausgefallenen Kleidung spielen Körperschmuck wie Tätowierungen und Piercing eine große Rolle. Sie feiern den 4. Juli, den amerikanischen Unabhängigkeitstag, abseits vom großen Trubel in einem ihrer Clubs wie dem Man-Ray-Club. Dort werden Cusrack und seine Freunde verstanden. Er sagt: "Nur so kann ich überleben in dieser verblödeten Gesellschaft."

  • eine junge FrauHeather Morgan
  • Satdtbild von BostonBoston, Massachusetts
  • ein junger MannCusrack
  • ein Mann im Tätowier-stuhlTätowierungen und Piercing spielen bei den Goths eine große Rolle
  • eine alte Fotogarfie von ThoreauHenry David Thoreau