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Zwei Varianten des nordrhein-westfälischen Wappens; Rechte: dpa
Der Bindestrich im Namen weist darauf hin: Nordrhein-Westfalen (NRW) ist 1946 von der britischen Militärregierung aus den ehemaligen preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen zusammengefügt worden. "Operation Marriage" nannten die Briten ihr Vorgehen – "Operation Heirat". Es waren unterschiedliche Landesteile mit einer eigenen Geschichte und einer eigenen Mentalität, die von den britischen Besatzern zwangsverheiratet wurden: Seit dem 23. August 1946 leben die dem Klischee nach schweigsamen Westfalen und lebenslustigen Rheinländer offiziell in einem Land mit gemeinsamen Grenzen.
Etwas verspätet, im Januar 1947, stießen die Lipper im Nordosten des Landes zu ihnen. Das ehemalige Fürstentum sollte entweder Niedersachsen oder NRW angeschlossen werden. Landespräsident Heinrich Drake verhandelte gut: Die Entscheidung für Nordrhein-Westfalen wurde mit den "Lippischen Punktationen" besiegelt. Darin war unter anderem festgehalten, dass das lippische Landesvermögen den Lippern erhalten bleiben sollte. Bis heute wird es vom Lippischen Landesverband verwaltet. Im Wappen von Nordrhein-Westfalen sind die Landesteile miteinander vereint - vertreten durch das westfälische Ross, den Rhein und die lippische Rose.
Berufen, nicht gewählt: Rudolf Amelunxen; Rechte: dpa
Mit dem Wiederaufbau beschäftigt: Karl Arnold (CDU); Rechte: dpa
Erster Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wurde der parteilose Rudolf Amelunxen. Er wurde von den Briten berufen und mit genauen Anweisungen zur Bildung der Landesregierung ausgestattet. Auch die 200 Landtagsabgeordneten, die sich am 2. Oktober 1946 zur konstituierenden Sitzung in Düsseldorf trafen, wurden nicht gewählt, sondern von der Militärregierung ernannt. Dennoch hatten die Westfalen und Rheinländer nun etwas gemeinsam: ihre Regierung. Sie ist das verbindende Element im mit rund 18 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Bundesland, das von seiner Fläche her etwa so groß ist wie die Niederlande.
Bei der Landtagswahl 1947 machten die Nordrhein-Westfalen Karl Arnold (CDU) zum Nachfolger von Amelunxen. Arnold kümmerte sich als erster gewählter Ministerpräsident um den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg, beispielsweise um Wohnungen für seine Landsleute. Denn ungezählte Menschen hatten ihr Zuhause verloren, viele Städte lagen in Trümmern. Immerhin ging es der Kohleindustrie Anfang der 1950er Jahre gut: Hier gab es Arbeit für die Menschen.
Die Ruhr Universität Bochum; Rechte: WDR, Klaus Küpper
Der 500.000. Kadett verließ 1965 das Band; Rechte: WDR
Nur zwei Jahre - von 1956 bis 1958 - war der Sozialdemokrat Fritz Steinhoff Ministerpräsident. Abgelöst wurde er durch Franz Meyers (CDU). Ihm machte schon zu Beginn seiner Amtszeit die Montankrise schwer zu schaffen: Billige amerikanische Kohle bedrohte die Arbeitsplätze der Kumpel in NRW. Meyers führte daraufhin Kohlezoll und Heizölsteuer ein und läutete mit dem Bau von Universitäten einen ersten Strukturwandel ein. Heute hat NRW nach Angaben des Landeswissenschaftsministeriums die dichteste Forschungs- und Hochschullandschaft Europas. Systematisch ausgebaut wurde der Uni-Standort NRW in den 60er und 70er Jahren. Der Startschuss fiel 1961 mit dem Bau der Ruhr-Universität in Bochum.
Im Ruhrgebiet gelang Ministerpräsident Meyers noch ein anderer Coup: Er erreichte 1962 die Gründung des Opel-Werks in Bochum. Die Firmenhallen wurden auf dem Gelände einer ehemaligen Kohlengrube gebaut. Ehemalige Kumpel heuerten bei Opel an und ließen am 10. Oktober 1962 den ersten Kadett der Baureihe A vom Band laufen. Insgesamt 13.500 neue Arbeitsplätze entstanden durch Opel in Bochum.
Aber es waren nicht nur die Kumpel im Ruhrgebiet, für die sich Meyers einsetzte. Er versuchte auch, die Rheinländer und Westfalen miteinander auszusöhnen. So dachte er zum Beispiel an die Einführung eines NRW-Fernsehens. Doch damit scheiterte er. Immerhin wurde auf seinen Vorschlag hin ein Landesverdienstorden geschaffen. Doch auch für diesen war die Zeit offenbar noch nicht reif. Erst 1986, zum 40. Landesjubiläum, holte Ministerpräsident Johannes Rau, der Heinz Kühn (SPD, 1966 bis 1978) im Amt folgte, den Orden wieder hervor. Rau wurde zum Landesvater. Er prägte den Slogan "Wir in Nordrhein-Westfalen", den Strategen sogar als Aufkleber drucken ließen.
Stahlwerk Rheinhausen – der Inbegriff der Stahlkrise; Rechte: dpa
Protestierende Stahlarbeiter besetzten 1987 eine Rheinbrücke; Rechte: dpa
Wie seine Vorgänger hatte auch Rau mit dem Strukturwandel zu kämpfen. Die Stahlbranche traf es ähnlich hart wie zuvor die Kohleindustrie. Immer mehr Länder waren in der Lage, Stahl zu produzieren. Die wachsende Konkurrenz drängte seit Mitte der 70er Jahre die deutschen Produktionsstätten aus dem Markt. Zum Symbol für diese Entwicklung in NRW wurde der 168 Tage lange Arbeitskampf von Rheinhausen. In diesem Duisburger Stadtteil betrieb die Krupp Stahl AG ein Werk, gegen dessen Schließung die 5300 Duisburger Kruppianer mit aller Macht demonstrierten. So besetzten sie im Dezember 1987 sogar eine Rheinbrücke. Im Februar 1988 bildeten 80.000 Demonstranten eine Menschenkette vom Tor 1 in Rheinhausen bis zum Hoeschwerk Westfalenhütte in Dortmund. Verhindern konnten sie die endgültige Schließung zwar nicht, aber zumindest bis 1993 hinauszögern.
Spätestens unter Johannes Rau war NRW sozialdemokratisch geworden: Von 1980 an regierte er 15 Jahre lang allein mit seiner Partei. Erst 1995 mussten die Genossen eine Koalition mit den Grünen eingehen. Diese rot-grüne Koalition war drei Jahre später Vorbild für die Bundesregierung von SPD und Grünen. Schon einmal waren die Grünen in NRW Vorreiter gewesen: Der Landesverband gründete sich im Dezember 1979, der Bundesverband folgte erst ein paar Wochen später.
Minister- und später auch Bundespräsident: Johannes Rau; Rechte: dpa
Ministerpräsident von 2002 bis 2005: Peer Steinbrück; Rechte: dpa
Ministerpräsident von 2005 bis 2010: Jürgen Rüttgers (CDU); Rechte: dpa
Drei Ministerpräsidenten standen einer rot-grünen Regierung vor: Auf Rau folgte 1998 Wolfgang Clement (SPD). Der ehemalige Journalist engagierte sich unter anderem für den Medienstandort NRW. 2002 wechselte er als "Superminister" ins Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit nach Berlin. Seinen Posten in Düsseldorf übernahm der Hanseat Peer Steinbrück (SPD). Doch nach nur drei Jahren musste er das Amt 2005 für den Christdemokraten Jürgen Rüttgers räumen. 39 Jahre lang hatte die SPD in NRW regiert, nun stellten CDU und FDP die Landesregierung. Unter dem neuen Landesvater feierte NRW seinen 60. Geburtstag. Rüttgers setzte auch das Thema Landesbewusstsein wieder auf die Tagesordnung. Er führte den Nordrhein-Westfalen-Tag ein, der jedes Jahr in einer anderen Stadt im Land gefeiert werden soll.
© Text: Katharina Heimeier
