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Sendungsinhalt: "Ich sag Euch, es ist Mord" - Vom Schicksal einer jüdischen Familie

Die Sendung „Juden in Offenburg“ berichtet über das Schicksal der jüdischen Familie Cohn während des Dritten Reiches. Dokumentiert wird die Geschichte der Juden in Deutschland auf drei Ebenen. Zum einen ist die Rede von den zeitgeschichtlichen, innenpolitischen Ereignissen, wie der Machtergreifung der Nationalsozialisten, dem anschließenden Beginn und der stetigen Verschärfung der systematischen Verfolgung der Juden und auch von der Maschinerie des Todes, dem System der Konzentrations- und Vernichtungslager. Andererseits wird besonders auf das Schicksal der Juden in Baden und besonders in Offenburg Bezug genommen. Schließlich erfährt der Betrachter am Beispiel der Familie Cohn aus Offenburg, wie sich im Konkreten die Ereignisse der Politik und der Zeitgeschichte niederschlugen.

  • Briefwechsel (Quelle: SWR)Briefwechsel aus Dachau

Die Sendung beginnt mit historischen Bildern aus dem Schwarzwald und wechselt schließlich zu Einstellungen aus dem heutigen Offenburg. Zu Bildern eines der ältesten, noch erhaltenen Bauwerke in Süddeutschland, dem Offenburger Judenbad aus dem 13. Jahrhundert, erhält der Zuschauer eine kurze Einführung in die Geschichte der Stadt und der jüdischen Bevölkerung der Region.

  • Deportationen I (Rechte: Stadtarchiv Offenburg)
  • Deportationen II (Rechte: Stadtarchiv Offenburg)

    Deportationen von Juden aus Offenburg

  • Deportationen IV (Rechte: Stadtarchiv Offenburg)

    Deportationen badischer Juden, von SS bewacht

Offenburg wird um 1100 zwischen Rhein und Schwarzwald und gegründet. Um 1300 entstehen erste jüdische Siedlungen am Rhein schließlich auch in Offenburg. Aus dieser Zeit stammt auch das Bad, das auf großen Wohlstand in der jüdischen Gemeinde schließen lässt. Durch Pogrome im Anschluss an den Ausbruch der Pest 1349 wird die jüdische Gemeinde Offenburgs vernichtet. Erst nach der bürgerlichen Emanzipation der Juden in Baden, 1862 durch ein Gesetz festgeschrieben, kommt es auch in Offenburg zur Neuansiedlung einer jüdischen Gemeinde. Es sind vor allem Händler, Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte, die sich in Offenburg niederlassen, zwei jüdische Fabriken werden gegründet. In den 20er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts leben etwa 300 Juden in Offenburg. Sie haben einen Anteil von etwa 1,5% an der Gesamtbevölkerung.

  • Wohnhaus Cohn (Rechte: Eva Mendelsohn)Wohnhaus der Familie Cohn in Offenburg

Auch die Jüdin Silvia Cohn, geborene Oberbrunner lebt hier. Silvia ist der fünfte und jüngste Spross einer Kaufmannsfamilie. Sie heiratet den jüdischen Kaufmann und ehemaligen deutschen Soldaten Eduard Cohn, mit dem sie drei Kinder zeugt. Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 leben sie im Hause der Schwiegereltern in Offenburg friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammen.

Nach der Machtergreifung durch die NSDAP verfolgt Hitler eine immer konsequenter werdende antisemitische Politik. Der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft steht zunächst im Zeichen des Kampfes gegen die politischen Feinde, gegen Andersdenkende und schließlich gegen die Juden.

  • Judenstern (Quelle: SWR)

Die Sendung berichtet in stets wechselnden Sequenzen über die Genese der Judenverfolgung in Deutschland und über das Schicksal der Cohns im Speziellen. Eduard Cohn wird im Zuge der ersten Verhaftungswelle nach der Reichspogromnacht in Dachau interniert. Er wird aus dem Konzentrationslager nach kurzer Zeit wieder entlassen, jedoch mit der Auflage Deutschland zu verlassen. Er versucht über England nach Palästina zu gelangen. Von England aus bemüht er sich darum, seine Familie nachkommen zu lassen.

Am Beispiel der Cohns zeigen sich deutlich die Schwierigkeiten, welche Juden bei dem Versuch hatten, Deutschland zu verlassen und in einem anderen Land Aufnahme zu finden. Als es Eduard beinahe gelungen ist, Visa für seine Familie zu erhalten, bricht der Krieg aus. Damit ist die Familie Cohn endgültig vom Vater getrennt und der Fluchtweg ins sichere Ausland abgeschnitten. Während Eduard in die englische Armee eintritt, geraten seine Frau und die drei Töchter in die unbarmherzige Maschinerie des nationalsozialistischen Terrors. Esther, die durch eine Erkrankung an spinaler Kinderlähmung in jungen Jahren behindert ist, muss nach der Schließung der öffentlichen Schulen für Juden mit ihren Schwestern zwischen Oktober 1940 und März 1941 eine Schule in München besuchen. Ihre Schwestern kehren 1941 nach Offenburg zurück und besuchen die Schule in Freiburg; Esther bleibt in München im Heim. Es scheint für sie angesichts ihrer Behinderung besser zu sein. Während Esther sich auf ihre baldige Rückkehr zur Familie freut, verhaftet die Gestapo am 22. Oktober 1941 alle noch in Südbaden verbliebenen Juden: Frauen, Kinder und Greise. Silvia Cohn, die Mutter, wird mit etwa 100 in Offenburg verbliebenen Juden in die Turnhalle der örtlichen Schillerschule gebracht. Man lässt den Verhafteten eine Stunde Zeit, um sich auf eine Reise ins Ungewisse vorzubereiten. Jeder darf nur einen Koffer und etwa 100.– RM mitnehmen.

  • Grabstein (Quelle: SWR)Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof in Offenburg
  • Offenburg I (Rechte: Stadtarchiv Offenburg)Offenburg zu Kriegsbeginn
  • Offenburg II (Rechte: Stadtarchiv Offenburg)Offenburger maschieren mit Hakenkreuzfahnen
  • Offenburg III (Rechte: Stadtarchiv Offenburg)

Miriam und Eva Cohn sind zu dieser Zeit noch in Freiburg in der Schule. An diesem Tag werden insgesamt 6500 Menschen zur Deportation zusammengetrieben. Auch Eva und Miriam werden zur Verladung zur Mutter gebracht. Mit Sonderzügen geht es ins Lager im südfranzösischen Gers. Sechs Monate hält man die Mutter und ihre zwei Töchter zusammen mit den anderen Lagerinsassen unter menschenunwürdigen Bedingungen hier fest. Danach werden Silvia, die stets versucht den Kindern ein Stück von „Normalität“ zu vermitteln, und die beiden Mädchen in ein anderes Lager nach Rivesault verlegt. Silvia Cohn gelingt es Eva und Miriam zeitweise in einem französischen Kinderheim unterzubringen. Seit 1942 ist Esther nicht mehr in München, sie wurde nach Theresienstadt „verlegt“. Am 16. September 1942 wird Silvia Cohn nach Auschwitz deportiert. Auch ihre beiden Töchter stehen auf der Liste. Es gelingt Silvia jedoch die Kinder in Rivesault zurückzulassen. Sie werden später über die Grenze in die Schweiz geschmuggelt, wo sie bis zum Ende des Krieges in einem Kinderheim in Ascona untergebracht sind. Silvia bringt man zunächst noch für drei Tage nach Trancy und schließlich weiter nach Auschwitz. Wie viele tausend andere endet sie in den Gaskammern. Zwei Jahre nach ihrer Mutter muss auch Esther Cohn in Auschwitz ihr Leben lassen. Nach dem Ende des Krieges wissen Eva und Miriam zunächst nichts über das Schicksal ihrer Mutter und der Schwester. Mit dem Vater hielten sie von der Schweiz aus schriftlich Kontakt. Sie haben nach der Befreiung nur noch den Wunsch, so schnell wie möglich Vater, Mutter und Schwester wiederzusehen.

Die Mitglieder der Familie Cohn hinterließen viele Gedichte, Briefe und Tagebucheinträge. In ihnen und in den mit der überlebenden Schwester Miriam geführten Interviews trifft man wieder und wieder auf Schilderungen über Gefühle von Ohnmacht, Angst und Schrecken. Man erfährt aber auch vieles darüber, wie schwer es besonders für Silvia war, den plötzlichen Hass zu begreifen, der ihr von den Menschen und der Regierung eines Landes entgegen schlug, dem sie sich in ihrem Inneren zutiefst verbunden fühlte. Auch für Eduard Cohn, der im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft hatte, dürfte es nicht leicht gewesen sein.

  • Reisepass (Rechte: Eva Mendelsohn)Reisepass von Eduard Cohn

Die Problematik der heimatlichen Verbundenheit auf der einen und ihre Pervertierung in der Blut-und Boden-Ideologie der Nazis auf der anderen Seite ist ein Schwerpunkt dieser Sendung. Ein anderer Schwerpunkt, der deutlicher hervortritt, ist die Grausamkeit der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Das System der Konzentrations- und Vernichtungslager, die Willkür von Verhaftungen und Verschleppung und das überwältigende Gefühl der Ohnmacht angesichts dieser Bedrohung stehen in diesem Beitrag im Vordergrund. Die Vermischung von Interviewsequenzen, Verlesungen, historischen und aktuellen Aufnahmen vermittelt tiefe Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt der Opfer des NS-Regimes.